Ostuni sieht von weitem aus wie ein Teller voll mit Zuckerwürfeln. Aufeindergestapelt funkeln sie blitzblank in der Sonne. Wunderschön. Fährt man in den Zuckerhaufen hinein, ist es noch viel kuscheliger: Winzige Türen, winzige Fenster, winzige Gassen. Zu kuschelig für unseren silbernen Siebensitzer. Irgendwann, nachdem wir ewig herumgeirrgurkt waren, das Navi immer bloß meinte: „Bitte wenden“, obwohl das wirklich nirgendwo ging, meinte André: „Dann ruf sie halt an.“

Sie war Carla, Vermieterin unserer Airbnb-Wohnung. Und irre nett. Carla kam tatsächlich sofort angefahren, im Smart, beziehungsweise ließ sich anfahren von ihrem Mann, Carla hatte sich nämlich gerade ihren Arm gebrochen. Blitzblanker Gips zwischen zuckerweißen Häusern. „Andiamo!“ rief sie und winkte uns mit ihrem Gips durchs Smartfenster hinter ihr her. André kurbelte – wir anderen hielten die Luft an.

Nachdem wir uns eine ganze Weile vergeblich durch enge gassen und krasse Enge gequetscht hatten, hielt Carlas Mann mit quietschenen Reifen im Parkverbot vor einen winzigen Supermarkt, Carla stieg aus, lachte, winkte mit ihrem Gips, ging in den Supermarkt, kam mit dem Supermarktbesitzer wieder heraus (im blitzweißen Kittel), lachte, ruderte mit Arm und Gips, lachte lauter und rief: „Grazie!“ Dann winkte sie uns in die Parkverbotslücke. „My friend says is okay to park here. Ausnahmsweise.“


Es war verdammt eng. Vorne eine Makkaronibreite Platz. Hinten auch. Aber wir hatten einen Parkplatz. Wir zogen unsere Koffer durch die engen Straßen, hinein in die noch engeren Wohngassen, in die nicht mal ein Smart, kaum ein Kinderwagen passt und betraten über ein paar enge Stufen Carlas Apartment. Besser gesagt unsers für eine Woche. Carla hat es mit viel Liebe eingerichtet. Ich machte mir kurz Sorgen wegen des Kleinkinds und der vielen Stufen – da war er schon hinter seinen Brüdern nach oben geklettert.




Oben auf dem Dach kreischten die Kinder vor Begeisterung. Ich war sprachlos, so schön war das. Ja, der Draußenherd (und auch der drinnen) waren nicht die Schnellsten, aber wer hat es in Italien zum Glück schon eilig. Sogar wir schafften es, nach ein paar Tagen die Eile abzulegen. An einem Ort mit so kleinen Gassen, dass man bloß hintereinander durch die Häusern durch passt, passt Eile sowieso nicht. Nach einer Weile hatten wir zum Glück raus, wo es immer einen Parkplatz gab – bloß einen kleinen Spaziergang von unserem Häuschen entfernt.

Es verirren sich nicht mehr viele Touristen bis nach Apulien, man hört kaum Deutsch. Die Menschen sind offen, sehr freundlich und interessiert. Kaum blieben wir in den kleinen Gassen mal stehen, kam jemand und fragte, ob wir Hilfe bräuchten. Und die ältere Dame mit dem kleinen Hund bei uns in der Straße schien jeden Morgen und Abend am Fenster zu warten, um genau dann herauszutreten, wenn wir vorbei kamen. Sie streichelte dem Kleinsten sanft übers Haar, der Kleinste ihrem Hund das Fell. Sie sagten nicht viel – und verstanden sich trotzdem.



Dann ist da noch das Licht. Es ist sehr besonders in diesem Teil von Italien, fast funkelnd, was an den vielen weißen Häusern liegen könnte. Irgendwie orientalisch. Der Himmel blauer. Der Abendhimmel spielt Lasershow. Es war irre heiß zwischen den kleinen Gassen, aber wir sind tagsüber sowieso immer raus aus der Stadt und durch Olivenbaumplantagen und an Riesenkakteen zum Strand gefahren. Manchmal bin ich vorher morgens mit den Kindern in den kleinen Park bei uns in der Nähe spaziert, dem Parco Rimembranze, um einmal kühle Luft zu schnappen, bevor sich die Hitze wieder über die Häuser legt. Dazu ein bisschen schaukeln und klettern. Und dann mit Brötchen zurück.


Übrigens: Als wir endlich aufhörten den perfekten Strand finden zu wollen, fanden wir ihn. Es ist nun mal nicht leicht in Italien, zur Hauptsaison im August. Dabei waren wir extra bis runter nach Apulien gereist, weil wir gehofft hatten, dort leere Strände zu finden. Auch dort ist es nicht leicht, selbst die Geheimtipps sind überlaufen.

Der Strand, der schließlich unser Lieblingsstrand wurde, ist kein Geheimtipp, zumindest unter Italienern nicht. Aber er stand trotzdem in keinem Reiseführer. Dabei ist er breit, mit viel Platz und gerade richtig wild. Es gibt keine Imbissbude oder irgendwas, aber es gibt einen großen Parkplatz, auf dem man bequem parken kann. Und wer aufs Klo muss, geht zur Not schnell auf dem Campingplatz nebenan. Alles ganz entspannt.

Apropos entspannt: Normalerweise bummeln wir im Urlaub abends gern noch ein wenig durch die warme Luft. In Ostuni nicht. Hier sahen wir zu, dass wir zum Sonnenuntergang wieder zuhause und oben auf der Dachterrasse waren. Mal brachten wir uns Pizza vom Imbiss um die Ecke mit, mal gab es Brot, Käse und Oliven und manchmal kochten wir Nudeln auf dem kleinen Herd unterm Bastdach. Wir stießen auf den Sofas sitzend mit Orangina an – und die Lichtershow am Himmel um uns herum, das Farbspiel aus taubenblau, blassrosa, knallorange und tiefblau zusammen mit der Kulisse aus Dachterrassen, Antennen und Schornsteinen war einfach sensationell. Manchmal plauderten wir dabei noch ein wenig mit den Nachbarn auf den Nebenterrassen – und prosteten uns zu. So von Zuckerwürfel zu Zuckerwürfel.

ANFAHRT:
Wir waren – wie immer auf unserer großen Sommerreise – mit dem Auto unterwegs. Wir reisen immer in Etappen, vor Ostuni waren wir eine Woche in der Toskana, dennoch war die Reise ganz darunter wirklich weit – selbst für unsere Verhältnisse. Von der südlichen Toskana bei Pienza sicher noch einmal etwa neun Stunden. Ja, das war anstrengend. Dennoch sind wir froh, es gewagt zu haben. Die Gegend ist einfach etwas Besonderes.

Auf dem Rückweg hatten wir einen kleinen Schockmoment, als die Fahrt bis zu unserer nächsten Etappe plötzlich 16 (!) Stunden dauern sollte. Zum Glück hatten wir bloß aus Versehen die Option „keine Mautstrecken“ im Navi gewählt. Haben wir nach etwa drei Stunden Fahrt gemerkt – und fanden die restlichen acht Stunden plötzlich gar nicht mehr so schlimm.



SCHLAFEN:
Wir hatten Carlas Apartment hier über Airbnb gebucht. Es ist klein, hat unzählige Treppen, aber noch mehr Charme. Unten gibt es eine offene Küche, ein kleines Bad, ein Lappsofa und ein kleines Schlafzimmer. Oben, unter offenem Deckengewölbe noch ein Schlafzimmer und ein kleines Klo. Und ganz oben auf dem Dach dann die oberschönste Dachterrasse mit OpenAir-Wohn- und Esszimmer und einer kleinen Outdoorküche. Beide Herde sind kleine Schnarchnasen, große Menus würde ich dort also lieber nicht planen. Ansonsten ist es ein absolutes Wohnerlebnis und Carla als Gastgeberin wirklich bezaubernd.

Die Wohnung liegt in der Nähe der Kirche Parrochhia Maria Santissima, in der Straße davor, der breiteren Via Vittorio Continelli, haben wir immer einen Parkplatz gefunden, auch wenn es sonst nirgendwo einen gab. Nicht weit weg ist der Parco Rimembranze (etwa zehn Bummelminuten zu Fuß), die kleine grüne Lunge Ostunis, mit einem Spielplatz und herrlich hohen Bäumen. Die Kinder treffen hier andere Kinder und abends kann man auf einer der Bänke entspannt picknicken.



STRÄNDE:
Lulla Bay
Unser Favorit. Sehr nah dran an Ostuni, an der E55. Man parkt auf einem großen Parkplatz und läuft dann einen kleinen Holzpfad hindurch bis zum Meer. Es gibt reichlich Sand zum Buddeln, ein paar Wellen zum Reiten und zum Glück richtig viel Platz. Nebenan ist ein Campingplatz, für alle die mal aufs Klo müssen. Die Rückfahrt nach Ostuni am Abend ist malerisch: Mattgrüne Olivenbäume und Riesenkakteen vor blassrosa Himmel. Und dann der weiße Zuckerteller Ostuni im Abendsonnenlicht. Hach.

Spiaggia di Torre Chianca bei Porto Cesareo, hübsche Bucht mit Blick auf einen kleinen Turm, leider im August sehr voll. Erst gegen Abend wurde es angenehm, wir sind noch ewig geblieben, die Kinder haben im türkisfarbenen Wasser geplanscht oder sich einmal durch den Strand gegraben. Abends eröffnet an der Uferpromenade ein kleiner Straßenmarkt, an dem Verkäufer sehr, sehr seltsame Importe aus China auf der Straße präsentieren. Das ist nicht schön, aber lustig anzuschauen.

Spaggia Torre Pozzella. In der Hauptsaison leider ziemlich voll, aber es gibt eine sehr chillige Strandbad mit Hängematten unterm schattigen Bastdach. Wenn man die Schotterpiste noch ein wenig weiter fährt bis Spaggia 5 wird es noch ein wenig schöner.

ESSEN:
Das kleine Restaurant La Locanda Del Macellaio (Via Padre Serafino Tamborrino 45) macht eine gute Pizza, kleine Vorspeisen und Aufläufe zum Mitnehmen und war gleich um die Ecke.

Ansonsten haben wir uns im Simply Market am Piazza Firenze eingedeckt (auch mit Brötchen fürs Frühstück). Davor gibt es einen Stand mit Millionen von Melonen zum Taschengeldpreis. Herrlich!

ANGUCKEN:
Alberobello: Als wir dort waren, fühlte sich die Luft an wie kochend heiße Minestrone. Sie hatte mindestens 37 Grad und die Lust, groß herumzuspazieren war klein. Dennoch würde ich unbedingt dort hinfahren: Die blitzweißen, runden Häuser sind einfach märchenhaft und wunderschön. Auf dem zentralen Marktplatz gibt es außerdem einen von Künstlern gestalteten Baum mit muschelförmigen Objekten, der geradezu magisch aussieht vor dem knallblauen Himmel. Ich bin dahinter noch ein paar Stufen hinaufgeklettert, von wo man einen wunderschönen Blick über die Trullis hat. Meine Männern war es zu warm – die warteten bereits bei Il Gelato per Passione wo das Eis sehr lecker war  (und es war seltsamerweise nicht so voll, wie in den anderen beiden Eisdielen.)

Monopoli: Ein malerischer Ort mit kleinen Gassen direkt am Meer, herrlich zum Bummeln. Wir waren gegen Abend da, wenn es ein wenig kühler wird und der Himmel rosa. Ein Highlight für meine Jungs war der Skaterpark an der Lungomare Portavecchia. Hier schauten wir echten Skatekünstlern zu und futterten dabei Essen vom grünen Pizzawagen namens „La Mamma“ direkt daneben. Ein super Eis gab es in einem zauberhaften kleinen Laden hinter türkisen Toren bei Il Gelato per Passionate. Baden waren wir am späten Nachmittag noch am Lido Colonia in der Nähe von Monopoli, eine kleine schöne Bucht vor einem Beachclub mit Vintageflair. Wir kamen gerade aus Alberobello, also haben die Jungs am Strand Trullis aus Steinen gestapelt und gebadet. Und wir haben ein schönes, sehr echtes Erinnerungsfotos auf dem knallroten Boot der Rettungsschwimmer gemacht.

Und ihr diesen Sommer?

PS. Ich muss aufgrund der Verlinkungen über diesen Beitrag Werbung schreiben, wir haben aber alles komplett selbst bezahlt.

Liebe Grüße,

Claudi