(Enthält unbezahlte Werbung) Ich lebe ihn ein kleines bisschen, den Traum vom Bücher schreiben. Viele würden ihn gern leben und durch eure Mails weiß ich, dass viele ganze Manuskripte in Kommodenschubladen herumliegen haben (oder halbfertig im Kopf). Kinderbuchautorin, ach was -legende, Kirsten Boie macht genau das: sie ist eine der bekanntesten Autorinnen in Deutschland. Ich habe sie zum Interview getroffen und mit ihr darüber gesprochen, wie es sich anfühlt, diesen Traum zu leben. Und darüber, was ein gutes Kinderbuch eigentlich ausmacht. Und übers – autsch – älter werden…

Wasfürmich: Frau Boie, ist es ein Traum Kinderbücher zu schreiben?
Kirsten Boie: Oh ja, es macht viel Spaß. Ganz besonders viel Spaß macht es mir, weil der Oetinger Verlag mich machen lässt. Ich muss nie vorher verraten, an was ich gerade schreibe, obwohl die Programme ja so weit im Voraus herauskommen. Ich muss mich nicht mit meiner Lektorin zusammen setzen und meine Idee erklären oder bin an Zeitvorgaben gebunden. Ich darf erst alles fertig machen und gebe es dann an den Verlag. Das ist ein Traum!

Wasfürmich: Ich habe gelesen, Sie setzen sich jeden Tag gleich morgens an den Schreibtisch und schreiben drei Stunden am aktuellen Buch. Danach machen Sie andere Dinge, wie Emails beantworten oder sich für Ihre vielen sozialen Projekte engagieren…
Kirsten Boie: Im Idealfall mache ich das so. Nach drei Stunden bin ich völlig fertig – schreiben ist ja irre anstrengend. Ich komme aber auch längst nicht jeden Tag dazu. Ich habe oft Termine, mache Lesungen an Schulen, oder bin zum Beispiel wie vor kurzem auf der Buchmesse.

Wasfürmich: In Schreibkursen wird einem immer geraten, sich zuerst einen genauen Plan für sein Buch zu machen und Steckbriefe für die einzelnen Figuren zu schreiben. Machen Sie das?
Kirsten Boie: Ich muss von Anfang an wissen, wie ein Buch endet, bevor ich los schreibe. Wenn da kein logischer Spannungsbogen ist, funktioniert es für mich nicht. Dazu mache ich mir ein paar Notizen – total unordentlich übrigens – mit wilden Spiegelstrichen. Bei komplexeren Figuren wie in Sommerby schreibe ich mir auch Stichworte zu den einzelnen Figuren auf, bei meinem neuen Buch „Vom Fuchs, der ein Reh sein wollte“ (Amazon-Partnerlink), meiner allerersten Tiergeschichte übrigens, war das nicht notwendig.

Wasfürmich: Wie lange schreiben Sie ungefähr an einem Buch?
Kirsten Boie: Mein neues Buch hat ungefähr drei bis vier Monate gedauert. Sommerby länger, vielleicht ein Jahr.

Wasfürmich: Was macht ein gutes Kinderbuch aus?
Kirsten Boie: Dass die Kinder es mögen. Meist mögen die wirklich guten Kinderbücher dann auch die Erwachsenen.

Wasfürmich: Stellen Sie sich eigentlich immer noch dieselben Kinder vor, über und für die sie schreiben, wie zu Beginn?
Kirsten Boie: Ich habe selten Menschen vor Augen. Ich denke mehr in Räumen und Landschaften. Mimik, Gestik, Themen, Kleidung und Namen schaue ich mir in den Schulen ab, ich verbringe ja viel Zeit in Schulen, bei Lesungen oder Förderprojekten. Die Kinder sind heute schon anders als damals.

Wasfürmich: Ihr neues Buch „Vom Fuchs der ein Reh sein wollte“, wird von der Presse hochgelobt, die Welt schreibt, es sei ein „ungewöhnliches und wie immer kluges Kinderbuch zum Thema Xenophobie„, also Fremdenfeindlichkeit. Haben Sie diesen großen pädagogischen Ansatz, der ja zur Zeit aktueller ist als je zuvor, bewusst ins Buch mit reingeschrieben?
Kirsten Boie: Kein bisschen. Ich wollte ein Tiergeschichte schreiben, zum ersten Mal eine aus der Perspektive von Tieren. Ich fand es spannend, mir zu überlegen wie die Tiere miteinander reden könnten, was sie über menschliche Erfindungen, wie Straßen, Autos und Gewehre, denken und womit sie Dinge vergleichen könnten, wo sie doch nicht viel außerhalb ihres Waldes kennen. Erst beim Schreiben habe ich gemerkt, dass da ein Funken dieses Themas drinsteckt. Ich wollte ihn aber auch auf keinen Fall zu laut werden lassen, denn die Geschichte soll ja den Kindern vor allem Spaß machen. Ab einem gewissen Punkt machen sich meine Geschichte sowieso selbstständig. Dass ist bei mir, wie bei Michelangelo, der mal gesagt haben soll: „Meine Statur steckt immer schon im Stein, ich muss sie bloß noch befreien…“

Wasfürmich: Stolpern Sie beim Schreiben manchmal über Ihre eigene Logik? Das passiert mir manchmal bei meiner Schweinefigur Schwups. Dann denke ich, dass ist doch alles Mist, weil Tiere ja zum Beispiel gar nicht sprechen können. Und wenn, dann würden Schweine und Mäuse, Dachs und Füchse wohl eine ganz andere Sprache sprechen…?
Kirsten Boie: Klar habe ich immer wieder gedacht, Himmel, so funktioniert das nicht. Aber letzendlich haben wir als Autoren ja die Freiheit, in unseren Büchern unsere eigenen Realität zu schaffen. Ein eigenes Universum. Das ist ja gerade das Schöne daran. Ein Traum…

Wasfürmich: Apropos, wo bekommen Sie eigentlich all die Ideen her? Träumen Sie die?
Kirsten Boie: Das ist unterschiedlich. In unserem Ferienhaus an der Schlei habe ich einen Sommer mal täglich zwei kleine Rehe im Garten beobachtet. Sie waren gar nicht scheu. Ich sorgte mich ein bisschen, weil ich nie eine Mutter sehen konnte und sie wirklich noch sehr klein waren. Die haben definitiv mein Herz erwärmt – selbst als sie im Jahr drauf groß waren und immer noch kamen und wir seither keine einzige Blume mehr im Garten haben. Auch Füchse habe ich dort schon oft gesehen, auch einmal einen alten grauen.

Die Inspiration für meine King Kong Meerschweinchen Geschichten lieferten die Meerschweinchen meiner Kinder, wir hatten viele Jahre lang welche. Und die Idee für Seeräubermoses – ich weiß auch nicht warum – hatte ich an einer roten Ampel im Feierabendverkehr mitten in Hamburg. In jedem Fall ist Leben, also viel Erleben, die Voraussetzung fürs Schreiben.


Wasfürmich: Haben Sie noch viele Ideen?
Kirsten Boie: Ganz viele. Zu viele. Ich habe immer schon drei neue Ideen, während ich gerade ein Buch schreibe. Manchmal habe ich Angst davor, dass ich all die schönen Bücher, die ich noch schreiben möchte, gar nicht mehr schaffe.

Wasfürmich: Ist es kein Traum älter zu werden?
Kirsten Boie: Ich bin kein großer Fan vom älter werden. Älter werden ist doof. Ganz einfach weil die Zeit knapp wird. Aber älter werden ist immer noch besser als sterben. Wenn meine Angst ganz groß wird, denke ich an Paul Maar. Der ist jetzt 82 – und schreibt immer noch. Dann entspanne ich mich wieder.

Wasfürmich: Lesen sie selbst viel?
Kirsten Boie: Ich versuche es, ja. Lesen ist meine liebste Art zu entspannen. Allerdings merke sogar ich, dass ich weniger lese (so wie etwa sechs Millionen weiteren Menschen seit 2013, behaupten Studien). Ich weiß es nicht genau, aber ich mache Netflix dafür verantwortlich. Wissen Sie, ein Kinofilm kann einem niemals das geben, was einem ein guter Roman gibt. Aber eine gute Serie, die kann das. Die kann komplexe Figuren zeigen, komplizierte Handlungsstränge unterhaltsam erzählen. Ich nehme mich da gar nicht aus. Netflix ist ein bisschen gefährlich.

Wasfürmich: Viele haben den Traum ebenfalls Kinderbücher zu schreiben, haben aber Angst, bei 1500 ungefragt eingesandten Manuskripten bei den Verlagen pro Jahr ohnehin keine Chance zu haben. Ich wollte mein Schwups-Bilderbuch nach einiger Verlagerfahrung allein wuppen, habe es gar nicht erst eingesendet. Was raten Sie Schreibenden?
Kirsten Boie: Es ist schwer, bei einem Verlag unter zu kommen. Die nehmen aus den 1500 Einsendungen bloß mal höchstens eins – wenn überhaupt. Aber heute gibt es ja diverse Möglichkeiten, es mit Selfpubishing zu versuchen. Ich kenne viele, bei denen das gar nicht läuft. Und einige, bei denen es sogar gut klappt. Gerade Jugendbücher haben auf diesem Weg eine echte Chance. Mein Rat wäre, sich eine Agentur zu suchen, und zwar eine, die am späteren Buchverkauf mitverdient. Die gibt sich dann wirklich Mühe. Und Einsendungen von Agenturen haben viel bessere Chancen bei Verlagen.

Wasfürmich: Sie sind ja auch Lehrerin, genau wie ich. Haben Sie jemals überlegt, wieder in den Schuldienst zurück zu gehen?
Kirsten Boie: Ich bin überhaupt bloß ausgestiegen, weil ich nicht mehr arbeiten durfte, nachdem mein Mann und ich unser erstes Kind adoptiert hatten. Das war damals so, da dachte man, arbeiten und Kinder, beides geht nicht. Als ich dann zuhause saß und nicht wusste, was ich mit mir anfangen sollte, habe ich mein ersten Buch geschrieben. Als meine beiden Kinder schließlich größer waren, wollte ich gern in die Schule zurück, allerdings war es damals nicht möglich, bloß so wenige Stunden zu machen wie heute. Sowieso hatte ich meine Kinder bloß bis zwölf in der Schule, mehr Betreuung war damals nicht möglich. Es ging als nur eins – und da habe ich mich fürs Schreiben entschieden.

Wasfürmich: Wenn Sie entscheiden dürften, wie sehe ihr Traum-Schulsystem in Deutschland aus?
Kirsten Boie: Ui, gute Frage, allerdings muss ich aufpassen, was ich sage. Ich möchte niemanden auf den Schlips treten, und zwar im wahrsten Sinne, Schulpolitik wird ja leider zum Großteil von älteren Männern gemacht. Ich würde ganz früh ansetzen, mit einer Kindergartenpflicht, denn viele Kinder haben nur dort die Möglichkeit zu lernen und ihre Sprachfähigkeit zu trainieren. Hintenraus sollten Kinder viel länger zusammen lernen, statt aufgeteilt zu werden. Leider richtet sich unser Schulsystem immer noch zu sehr an den leistungsstarken Schülern aus, nur deren Eltern betreiben schließlich Lobbyarbeit.

Ich tue viel dafür, dass Kinder und Jugendliche mit Büchern in Kontakt kommen, lese in Brennpunktschulen, habe das Hamburger Projekt „Buchstart“ mitentwickelt, bei dem alle Kinder um den ersten Geburtstag vom Kinderarzt eine Tasche mit Büchern bekommen. Außer einem riesigen Wortschatz, fehlt Kindern, die nicht lesen, nämlich vor allem Empathie. Also die Fähigkeit, Gefühle wahrzunehmen und über Gefühle zu sprechen. Genau das lernt man ja durch Bücher. Und eine Gesellschaft ohne Empathie – was für ein Alptraum…
Foto: (1) Oetinger, Indra Ohlemutz

Ein schönes Rest-Wochenende und alles Liebe,

Claudi