Diese Woche hab ich den Ranzen meines Kindes in den Müll geworfen. Es ist ein Löwe drauf, ich erinnere mich, wie er ihn sich ausgesucht und das erste Mal stolz im Wohnzimmer getragen hat. Ich erinnere mich an all die Brotdosen, die ich hineingepackt habe und die Momente, in denen er damit morgens losmarschiert ist. Der kleine Löwe schwankte oder hüpfte, je nachdem, wie spät dran wir waren. Kurze Zeit später holte ich den Ranzen wieder aus der Tonne…
Er ist kaputt. Der Schließer schließt nicht mehr, es ist längst ein anderer Ranzen im Einsatz, ein vom Bruder geerbter Ranzen für “große” Kinder. Für meinen Sohn ist das Ding durch. Der Ranzen steht hier schon eine Weile im Weg und nervt mich. Aber Wegschmeißen? Ich konnte es plötzlich nicht mehr…
Was von der Kindheit übrig bleibt…?
Ich bin keine gute Wegschmeißerin, vielleicht weil ich eine Geschichtenliebhaberin bin. Bei jedem Gegenstand fällt mir etwas dazu ein: Wie ich ihn bekommen habe, wie ich mich gefühlt habe, was ich mir davon erhofft habe. Schöne Momente, traurige, unzählige Momente. Aber je älter ich werde, desto mehr spüre ich, wie ich Platz brauche, wie ich Krempel loswerden möchte, weil ich mich ohne freier und leichter fühle.
Jedes Mal, wenn ich meinen Vater besuche, will er mir etwas mitgeben. Er ist ein noch größerer Nichtwegschmeißer als ich. Quasi meine gesamte Kindheit steht im Keller: Puppen, Spiele, Bücher, Mathehefte aus der 4. Klasse. Flummis sogar. Jedes Mal sage ich “Nein!”. Ich will das nicht mitnehmen. Ich schreie fast. Ein paar Sachen, die mir wirklich am Herzen lagen, habe ich längst eingepackt. Der Rest fühlt sich schwer an. Mir kommen die Tränen bei dem Gedanken, was man alles so anschafft.
Jede Menge Müll.
Wenn ich mich darein steigere, kommen mir tatsächlich die Tränen. All die Legosets, von Herzen gewünscht, die wir am Weihnachtsabend zusammen aufgebaut haben. Jetzt liegen sie in einer staubigen Kiste – und wenn wir Glück haben fehlt kein Stein. Ich habe versucht sie verkaufen, aber das ist gar nicht so einfach. Tatsache ist: niemand will unsere Erinnerungen, aka Müll. Es klingt so hart.
All die Kuscheltiere, (die mich verzweifelt angucken), das Kinderakkordeon, der Zauberkasten, alles so sehr gewünscht und meist nur kurz beachtet. Was für eine Verschwendung. Und was für ein unerwarteter Aufwand, das Zeug wieder loszuwerden. Was für ein Herzschmerz.
Gefühlt endet ein Teil ihrer Kindheit, sobald ich etwas weggebe. Vielleicht fällt es mir auch deshalb so schwer. Ist natürlich Quatsch, aber so fühlt es sich an. Eins weiß ich ganz sicher: Wenn ich nochmal loslegen würde mit dem Kinderkriegen, ich würde weniger Zeug anschaffen. Dabei schenke ich so gern.
Spätestens seit ich mich bei jedem Besuch in meinem Elternhaus mit Händen und Füße gegen volle Kartons wehren muss, fällt es mir leichter, mich zu trennen.
Meine Kinder haben jeder eine Erinnerungskiste mit ein paar wenigen Dingen. Wir heben außerdem eine Playmo-Burg auf, das haben sie sich gewünscht. Der Kaufmannsladen steht bereits auf dem Dachboden, ein paar Autos, Lieblingsbücher und natürlich die liebsten Kuscheltiere. Weil es schön ist, später mit ein oder zwei ausgesuchten Erinnerungen überrascht zu werden – aber nicht mit einem Tsunami.
Ich starte heute nochmal einen neuen Versuch. Ich werde den Ranzen zur Mülltonne tragen, aber vorher setzte ich ihm meinem Kind ein letztes Mal auf und mache ein Foto. Es wird die Augen verdrehen, aber mir fällt es dann leichter. Ich werfe nur ein Stück Nylon mit Plastik weg, nicht mehre Erinnerungen.
Kannst du dich gut von Kindheitsdingen trennen?






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