Wenn wir morgens die Holztreppe heruntersteigen, beinahe im Dunkeln und meist mehrere motzig, seh ich die großen weißen Sterne in unserem Terrassenfenster nicht. Ich sehe stattdessen das Lego rund um den Couchtisch, das sie am Vorabend mal wieder nicht wie besprochen eingeräumt haben. Ich hab auch kein Auge für den Adventskranz auf dem Esstisch, vor dem wie so oft noch die Gläser stehen vom letzten Abendbrot. Nicht abgeräumt. Und unter dem Krümel liegen. Nicht weggefegt. Einfach zu müde gewesen…
Weihnachtsgefühl
Ich warte täglich auf das knisternde Weihnachtsgefühl. Während mein Sohn beim Trödeln Weihnachtslieder singt und dem anderen einfällt, dass er noch ganz schnell sechs Ein-Eurostücke im Umschlag für das Weihnachtsmärchen braucht. Wieder ein anderer braucht eine Windel. Und noch einer findet seine Schuhe nicht. Schuhe, die er noch putzen will bis zum 6. Dezember und auch dringend muss, wie ich sehe, als ich sie endlich finde. „Wie viele Tage noch bis Nikolaus?“, fragt er. „Fünf!“ sage ich. „So lange noch!“, stöhnt er. „So kurz nur?“, denke ich. Und mir fällt ein, dass ich dieses Jahr noch so gar nichts für Nikolaus besorgt habe.

Den Vormittag über räume ich die Küche auf und mache Wäsche und das einzig weihnachtliche, ist ein zerprummeltes Schokoladenweihnachtsmannsilberpapier in einer der Jeanstaschen meiner Jungs. Dann fahre ich einkaufen und als ich an der Supermarktkasse warte, mit brüllendem Baby im Maxicosy, denke ich an all die Sachen die ich noch besorgen und organisieren muss und nicht vergessen darf und während ich vergeblich versuche das Baby zu trösten, überlege ich, wie ich mich bloß in der nächsten Woche dreiteilen soll, damit ich gleichzeitig auf zwei Weihnachtsfeiern im Kindergarten und auf einer vom Sportverein sein kann. Babysitter haben keine Zeit im Dezember. Die haben da Weihnachtsfeier. Immerhin liegen im Einkaufswagen gemahlenen Mandeln. Am Nachmittag wollen wir backen, die Jungs und ich. Duftende, goldbraungebackene Weihnachtsgefühlgarantie. Ganz bestimmt.

Beim Abholen fragen sie, wer am Nachmittag kommt und als ich sie ans Backen erinnere, fragen sie, wer zum Backen dazu kommt und als ich sage, dass heute mal kein Besuch kommt, nur mal wir fünf, sagen sie nichts. Aber ihre Augen maulen.

Zuhause will der eine erst Hausaufgaben machen, was ja schön ist und der andere ist sauer, weil sein Lieblingsmüsli alle ist und noch einer brüllt. Ich habe eigentlich gar keine Lust mehr, zum Backen nicht und überhaupt. Dann will ich Weihnachtsmusik anstellen, aber drei gegen einen stimmen für „Fünf Freunde“ und statt backen wollen zwei jetzt doch erst Lego bauen und als ich mit zwei von vieren doch endlich den Teig rühre, bekommt die dunkelblaue Wand neue Teigflecken und einer schmeißt Eierschale in die Rührschüssel. Beim Ausrollen wirft einer das Mehl auf den Boden, ein anderer Teig durch den Raum. Meine Stirn glänzt mindestens genauso wie die buttrige Oberseite der paar Plätzchen, die ich aus dem Augenwinkel sehe, während ich wische, hole, wegräume.

Um den Adventskranz herum stehen halb ausgetrunkene Apfelschorlen, mindestens sieben und unter dem Eukalyptusstrauß liegen Berge von Lego. Ich muss sie mit dem Fuß zur Seite schieben, als ich einem Kind aus einem Weihnachtsbuch vorlesen will. Die fünf Freunde haben genug geabenteuert. Einer brüllt, weil der Legoberg eine Bergwacht war und jetzt kaputt ist und einem anderen passt die Weihnachtsgeschichte nicht, er stampft und brüllt und haut gegen das Buch und noch ein anderer lässt die Milch fallen. Während ich tief ein und ausatme und mich weit weg wünsche, meinetwegen an den Nordpol, und während ich übers Wegwischen dikutiere und Wegwischtipps gebe und mitwegwische, denke ich, dass ich mich selten weniger weihnachtlich gefühlt habe. Dabei ist es doch eigentlich das Schönste, so ein Weihnachten mit Kindern. Oder?

Ich habe mir übrigens die Finger verbrannt am heißen Blech und zwei von vier Kindern sind wie die Irren mit dem Springseil durch die Küche gerannt und einer hat beinahe alle Zuckerperlen ausgekippt und sie vom Boden aufgegessen und ein anderer hat geheult, weil keine Zuckerperlen mehr da waren, nur noch die angeleckten auf dem Boden und ich möchte auch heulen, aber ich rufe den Mann an. Der soll den Lieferservice anzurufen. Jetzt das wunderbar winterliche Cranberrycurry von unserem Wochenplan kochen – das schaffe ich nicht.

Abends will ich schlafen, bleibe aber doch kurz sitzen. Im Kamin prasselt ein Feuer. Von der Fensterbank lächeln mir zwei Pappschneemänner zu, die Jungs haben sie gebastelt. Sie lächeln beinahe so wie sie. Unter dem Eukalypusstrauß liegt noch immer Lego und ich stöhne, aber dann schaue ich genau und sehe ein rotes Legodach und darunter eine schiefen Raum mit einem Mann, einer Frau und einem Baby in der Mitte und dazu noch ein Playmobilkalb und ein Esel aus einem Überraschungsei.

Mein Blick geht rüber zum Adventskalender, seltsam ruhig steht er da, beinahe zu ruhig, keine flinken Finger die fassen, keine neugierigen Nasen, die hineingesteckt werden, keine Stimmen, die fragen: „Wie lange müssen wir noch warten?“ Dann sehe ich sehe den Teller mit den Plätzchen und wundere mich, dass es doch viele sind, trotz der Mengen an Teig auf dem Boden, an der Wand und in ihren Bäuchen und dass sie verdammt noch mal sehr fleißig ausgestochen haben. Beinahe nur Schweine übrigens – mit rosa Zuckerguss liebevoll verziert. Schweinchen, wie das kleine Schwein aus meinem neuen Buch.

Ich gucke zum Adventskranz und freue mich, dass wir Sonntag die erste Kerze anzünden und singen werden, wenn auch zu laut und krumm und schief. Und denke, dass es sicher wieder Streit geben wird, wer die Kerze auspusten darf. Und wir sie daher einfach drei Mal anzünden und auspusten. Ein paar Becher mit Apfelschorle stehen noch immer herum – einer sogar mitten im Adventkranz. Die Kinder haben die knallbunten aus der Juniortüte wieder hervorgekramt und Batman mit Masking Tape eine krumme Weihnachtsmannmütze aufgeklebt. Und dann schau ich mein Baby an, wie es in meinem Arm schläft. Mit einem goldenen Lichtfleck vom Kaminfeuer auf der winzig kleinen Stupsnase. Da ist es, das Weihnachtsgefühl.

Habt ihr euch dieses Jahr schon so richtig (vor)weihnachtlich gefühlt?

Alles Liebe,

Claudi