Heute früh im Bett, beinahe auf der Weihnachtszielgeraden, als ich im Morgendunkeln die Decke über mir anstarrte, habe ich meinen eigenen kleinen Jahresrückblick im Kopf geguckt. Ich sah dort Menschen und Dinge kommen und gehen, Figuren lachen und weinen, umfallen und wieder aufstehen – so ähnlich wie Beth Harmon in der Netflix-Serie „Das Damengambit“ die Schachfiguren sieht. Dieses Jahr bin ich fast zu müde, um die Augen offen zu halten. Aber ich zwinge mich und schaue nochmal genau hin. Komm 2020, jetzt zeig mir doch mal, wo in diesem verrückten Jahr die Liebe war…

In unserem Haus und Garten: André und ich hatten von unserem Haus geträumt, lange bevor es da war. Er hatte es auf simplen Kopierpapier aufgezeichnet, ich in Gedanken eingerichtet. Der Bau hat fast zwei Jahre gedauert: André hat vieles selbst gemacht, während ich mit den beiden Kindern allein war. Hunderte Male ging ich zur Baustelle, um zu schauen, was André geschafft hatte. „Guck mal!“, meinte er stolz und zeigte auf frisch verlegte Kabel. „Schön!“, brummte ich. Ich konnte keinerlei Kabelunterschied zum Tag vorher erkennen.

Irgendwann waren mir alle Kabel egal. Ich pfiff auf die extra Steckdosen überall, auf die er bestand. Und die perfekt ausgetüftelten Lichtschalter. Er malte sich unseren Alltag aus – ich wollte ihn leben. Ich mochte nicht mehr auf neugierige Fragen von Freunden antworten, die wissen wollten, wann wir endlich einziehen würden. Ich wusste es nicht. Außer, dass es noch ewig dauern würde. Wir verbrachten unsere baustellenfreien Tage in kleinen Ziegelwerken und beim Fensterbauer, suchten stundenlang Holzbalkenbreiten aus und Dielenbödendicken. Wir feierten erste, zweite, dritte Geburtstage in der Zwischenwohnung und zwischen Gipssäcken. Mir kam es vor, als lebte ich mein Leben jahrelang auf einer schwarzweißen Skizze, statt endlich in bunt und richtig.

Ein schwarzer Abdruck auf unser Eichenküchenplatte. Immerhin in Herzform.

Gerade dieses Jahr gehe ich durch unser Haus und sehe überall Liebe: In den dicken Balken, den knarzenden Dielen, den rostroten Ziegeln, die wir nur bekommen haben, weil sie ein kleines bisschen zu kurz im Brennofen waren für den Kunden, der sie eigentlich wollte. Ich schaue aus dem Fenster und sehe Grün und viel Platz und fühle gerade dieses Jahr eine große Portion Freiheit. Unser Haus ist bereits ziemlich durchgerockt, keine Wand ist mehr weiß und auf der Küchenarbeitsplatte aus Eiche prangt ein schwarzer Gerbsäureabdruck. Ein Abdruck von einer nassen Ausstechform aus Eisen. „Was solls“, denke ich meist. „Dafür leben wir drin.“

Unser Haus hat uns dieses Jahr ganz fest in den Arm genommen, das werde ich ihm nie vergessen. Und noch was: Wenn ich jetzt zurückdenke, sehe ich nicht  die vielen Arbeitsstunden, die scheinbar verschwendete Zeit, sondern bloß unser Haus. Eine gute Erinnerung daran, dass auch eine anstrengende Zeit vorbei geht. Und sie einem im Nachhinein gar nicht mehr so furchtbar anstrengend vorkommt.

In meinem Mann: Wir haben beinahe ein ganzes Jahr gemeinsam auf einem Hof verbracht, arbeiten die meiste Zeit keine fünfzig Meter voneinander entfernt. Er ist der geselligste Mensch, den ich kenne. Ich habe dieses Jahr noch einmal mehr eine ganz neue Seite an ihm entdeckt: Die „Was-muss-das-muss“-Seite. Während ich nämlich abends oft im Bett saß, mit Tränen in den Augen, ängstlich, verzweifelt, plante er ein Spielhaus, neue Gartenprojekte und Buchideen für unseren kleinen Shop. Er, der am allerliebsten jeden Abend mit einem anderen Besuch verbrachte, nahm die Situation einfach so hin – während ich, die vorher ab und zu nach einem Abend auf der Couch gebettelt hatte, vor Einsamkeit fast durchdrehte. Er spielte mit den Jungs Fußball und Spiele, ging mit mir im Wald spazieren, obwohl er es meistens hasst. Er lebte seine Geselligkeit einfach mit uns aus – und war vom ewigen Zusammenhocken nie genervt. Was mich immer wieder inspirierte. Während Corona vieles auseinander hält, hat es uns nochmal näher zusammen gebracht.

Psst, irgendwann hat er sogar das Homeschooling übernommen. Ziemlich verrückt, weil ich doch die Lehrerin bin. Aber er konnte einfach schneller zwischen wichtig und unwichtig entscheiden.

In unseren Freunden: Als es nach dem ersten Lockdown wieder ging, trafen wir zwei befreundete Familien am Elbstrand. Wir packten Decken ein und Kuchen und eine Flasche Sekt – ich war allerdings schon vorher betrunken. Ich werde nie dieses aufgeregte Kribbeln vergessen, dieses Dauerlachen, die kleinen Witze überall. Eine vertraute Hand auf meiner Schulter. Und dieses beruhigende Gefühl, dass einfach jeder deinem Kind den Schnutt abwischt, je nachdem, wer gerade in der Nähe steht. Ich freue mich jetzt schon wieder wie verrückt drauf.

In einem Weihnachtsmarkt im Garten: Kurz vor dem zweiten Lockdown waren wir bei Freunden eingeladen. Sie hatten über den Tag einmal angerufen und zwei Whats-App geschickt. „Zieht euch warm an!“, schrieben sie. Ich dachte daran, dass sie sicher einen Spaziergang mit uns machen wollten, fröstelte und seufzte, weil ich von der Woche so kaputt war. Aber als wir auf ihren Hof fuhren, funkelte in einer Feuerschale ein Feuer. Zwischen den Bäumen blitzten Lichterkettenlichter und die Luft duftete süß, ein bisschen nach Karamell. „Wir dachten, wir machen uns einen Weihnachtsmarkt, wenn es schon keinen gibt!“, meinten sie und drückten uns einen dampfenden Glühwein in die Hand. Es gab zwischen flackernden Teelichtern Spieße vom Grill und knusprige Pommes, Rahmfladen, so heiß, dass ich mir fast die Lippe verbrannte, aber wunderbar knusprig am Rand und cremig in der Mitte. Auf einem Klapptisch in der Ecke dampfte ein Waffeleisen und zwischendurch knabberten wir gebrannte Mandeln. Es war kein bisschen kalt und bis heute wird mir warm bei dem Gedanken, wie viel Mühe sie sich für uns gemacht haben.

In meiner Spülmaschine: Was für ein Glücksmoment, wenn man die aufmacht und sie leer ist. Ausgepackt von jemand anderem und bereit, das ganze dreckige Zeug eines Tages aufzunehmen.

Ich habe gelernt, dass ich als Chefin manchmal Stress von anderen in Kauf nehmen muss, damit ich weniger habe.

In meiner Mitarbeiterin: Ich bin noch nicht lange Chefin und ich wollte das eigentlich auch nie werden. Ich glaube, ich bin bislang auch noch nicht besonders gut darin. Aber je mehr dieses Medium hier wächst, desto mehr bin ich auf Hilfe angewiesen. Ich habe einige Fehler gemacht, in meinem ersten Jahr als Chefin. Die wichtigste Sache aber habe ich nicht gemacht: nämlich klare Ansagen. Ich habe ein Buch geplant, so chaotisch kreativ, als würde ich es ganz allein machen. Ich habe es dabei komplett verpasst, einer wichtigen Mitarbeiterin zuverlässig verlässliche Informationen zu geben. Mein Ziel fürs nächste Jahr: strukturierter arbeiten für meine Mitarbeiter. Und vielleicht ja auch für mich.

Ich habe aber auch gelernt, dass Mitarbeiter haben bedeutet, tatsächlich Arbeit, Verantwortung – und damit Stress – abzugeben. Es fühlt sich seltsam an, dabei den Stress von anderen in Kauf nehmen zu müssen, um sich selbst weniger Stress zu machen. Genau dafür aber stellt man ja Mitarbeiter ein.  Ich bin sehr dankbar, dass wir das hier noch in Frieden hinbekommen haben.

Im Salattausch: Dass ich unsere Nachbarin echt nett finde, habe ich schon früher bemerkt. Wie nett sie wirklich ist, wie nah ich mich ihr fühle und wie vertraut, habe ich erst in diesem Corona-Jahr gemerkt. Im ersten Lockdown, als wir uns nicht sehen durften, haben wir uns einen Salattausch ausgedacht. Statt uns zu treffen, haben wir uns fürs Grillen am Abend gegenseitig einen Salat gemacht und kontaktlos vor die Tür gestellt. Das hat sich beinahe so angefühlt, als würden wir miteinander essen. Man lernt jemanden über seine Salate tatsächlich ziemlich gut kennen. Sobald es wieder ging, standen beide Salatschüsseln nebeneinander auf einem Tisch. Mein kleiner Sohn läuft inzwischen ganz allein durch die Hecke und besucht ihren Sohn Und wir machen längst mehr zusammen als bloß Salat. Sie macht auch noch das gesamte Layout für WASFÜRMICH. Eine super Grafikerin ist sie nämlich auch. Was für ein Glück.

Wer weiß, vielleicht ist mein kleinster Sohn durch dieses Jahr besonders gesellig geworden.

In meinem kleinster Sohn, der plötzlich eine eigene Persönlichkeit ist. Vielleicht ist es letztlich für ihn ein kleines Glück, so viel Zeit mit uns allen gemeinsam verbracht zu haben. Er ist immer am glücklichsten, wenn wir all sechs zusammen sind.

Am Atlantik: Ich war eine ganze Weile nicht sicher, ob es eine gute Idee ist, im Sommer nach Frankreich zu fahren. Fakt ist: Es war erlaubt, wir haben es getan und einmal Freiheit eingeatmet. Zehre ich das ganze Jahr von. Mir ist bewusst geworden, wie sehr ich das Reisen liebe und wie viel Gemeinschaftsgefühl es uns als Familie gibt. Dafür braucht es gar keine Weltreise, nur ein paar gemeinsam erlebte Abenteuer an einem neuen Ort.

Ab und zu denke ich an die verrückt liebenswerten Franzosen. Wir haben immer wieder beobachtet, wie sie kurz ihre Maske zur Seite schieben, um sich ihr Küsschen, Küsschen, Küsschen zu geben. Ich weiß, es ist leichtsinnig. Gefährlich. Bittersüß. Aber da ist sie, die Liebe.

In meinem größten Sohn, der erst so traurig war, dass er sich keine weiterführenden Schulen anschauen konnte. Und der dann selbst im Internet recherchiert, Bekannte angerufen und sich Karteikarten für jede Schule geschrieben hat. Er hat sich entschieden. Vielleicht bewusster, als er es sonst getan hätte.

In meinen beiden Mittleren und ihrem Spiel in fantastischen Welten. Manchmal mache ich mir einen Tee und schaue ihnen dabei zu. Corona und die Abstandsregeln haben sie ganz eng zusammengebracht.

In meinem Job: Ich liebe Ausschlafen – aber im Lockdown bin ich freiwillig im Dunkeln aufgestanden, um eine Weile ganz in Ruhe arbeiten zu können. Es kam mir vor wie der größte Luxus zwei, drei Stunden in meinem Arbeitszimmer verschwinden zu dürfen und an schöne Dinge und Geschichten zu denken, statt an Homeschooling und Haushalt. WASFÜRMICH hatte in diesem Jahr das erste Mal über 100.000 Leser in einem Monat. Das ist genau so viel, wie das Magazin, bei dem ich früher gearbeitet habe. Ist das nicht völlig verrückt? Ich habe immer gewusst, dass mir diese Sache hier wirklich wichtig ist. Aber wie glücklich sie mich macht, wie viel Energie sie mir gibt, habe ich so richtig erst in diesem Jahr gemerkt.

Mit unserer Community lockrocken wir Corona gemeinsam.

In meinen Werbepartnern: Ich bin ihnen wirklich super dankbar, denn sie finanzieren hier letztlich meine Arbeit und alle meine Geschichten. Ich bin froh, dass sie eine kreative Zusammenarbeit schätzen und mir viel Freiheit bei der Umsetzung lassen. Dass sie trotz sinkender Werbeetats in diesem Jahr und explodierenden Nutzerzahlen auf anderen Profilen durch Riesen-Gewinnspiele, an gute Geschichten und eine treue Community glauben. Ich habe meine Werbung in diesem Jahr noch einmal bewusst stark heruntergefahren und setze auf wenige, treue Partner, die meine Arbeit zu schätzen wissen. Das fühlt sich wirklich gut an. Wenn ich mir etwas wünschen darf: Kommentiert weiter so aktiv, denn das ist mein schönstes Honorar. Liked und teilt meine Geschichten, die ihr mögt, auch mal die Werbung, denn damit sorgt ihr letztlich dafür, dass ich weniger Werbung schalten muss. Weil nämlich die, die da ist, besser bezahlt wird. Verrückt, oder?

In euren Kommentaren. Mal wieder gemerkt, dass ich eure Geschichten mindestens so sehr mag, wie ihr meine. M. schreibt zum Beispiel: „Mein Papa und mein Bruder leben in Villach und gehen schon seit mein Bruder klein ist, Heiligabend morgens in den Wald. Sie schmücken da eine kleine Tanne mit Kerzen, trinken Tee, essen Kekse und feiern Waldweihnacht mit den Tieren. Mein Papa ist inzwischen 79, mein Bruder 22 – sie machen es immer noch.“

Und P. schreibt hierzu: „Mein Papa baut zu Weihnachten alle Mausefallen ab und füttert die Mäusefamilien mit Speck, Käse und Körnern. Nach Weihnachten baut er sie wieder auf.“ Da ist sie, die Liebe.

Im Feuer im Kamin: Wir mopsen das Holz endlich nicht mehr in Opas Schuppen, sondern haben uns einen Anhänger voll kommen lassen. Fühlt sich sehr erwachsen an. Und mollig warm.

In meiner Entschlossenheit. Irgendwie hat mich dieses Jahr entscheidungsfreudiger gemacht. Als unsere drei ziemlich scheuen Kaninchen medizinisch behandelt werden mussten, einen ganzen Monat lang, zweimal am Tag, habe ich erst gedacht, dass schaffe ich nie. Dann habe ich gedacht: „Was muss das muss.“ und einfach entschlossen liebevoll zugepackt. Es geht ihnen tollerweise wieder gut. Und sie sind mir nicht mehr böse.

WO HAST DU IN DIESEM JAHR DIE LIEBE GREFUNDEN?

Mit dieser Geschichte hopst WASFÜRMICH in die Weihnachtspause. Ich danke euch allen von Herzen fürs Lesen, Mitfiebern, Kommentieren und Dasein. Hier geht es nochmal in der ersten Januarwoche rund, dann verabschieden wir uns in die Winterpause bis Februar. Ich freue mich auf euch!

PS. Foto 1: Louisa Schlepper – Ihr sagt Ja Hochzeitsfotografie.

Frohe Weihnachten, macht es euch gemütlich!

Claudi