Manchmal denke ich: Lasst mich doch da mal ran! Ich könnte das doch alles besser!! Ist doch alles nicht so schwer. Ein paar Minuten später scheitere ich mit Karacho als Regierungsbeauftragte in unserer Familien-Demokratie – und mein Höhenflug ist beendet. Fakt ist aber: Ich bin frustriert von der Politik. Denn ganz ehrlich, ich fühle mich bei keinem Kandidaten und keiner Kandidatin, bei keiner Partei, wirklich hundertprozentig vertreten…

Eine*r verlangt viel – fällt dabei aber öfter über die eigenen Ansprüche. Eine*r will richtig Gas geben in die richtige Richtung – aber wie genau das Gas geben finanziert werden soll, ist mir immer noch nicht klar geworden. Eins steht fest: Wir wollen alle, dass sich was ändert. Für mich ist das vor allem dringend nötig in Sachen Schule, in Sachen Gesundheitssystem und in Sachen Klima! Wirklich Sorgen mache ich mir angesichts großer Ideen, um die kleinen Betriebe und mittelgroßen Startups. Für Umverteilungen muss schließlich  immer jemandem etwas weggenommen werden.

Weiter zu den Kandidaten: Eine*r grinst debil, wirkt wie aus einer anderen Zeit und „onkelt“ sich seit Jahren so durch, wie Margarete Stokowski schreibt, eine*r hat scheinbar richtig Dreck am Stecken, aber keiner will es wahrhaben. Fast alle wollen Sachen, die ich gut finde. Viele andere Sachen, die sie wollen, finde ich nicht gut. Ganz ehrlich, dieses Mal bin ich echt verzweifelt, weil ich mir immer noch nicht sicher bin, wen ich denn nun wählen soll…

Ich bin immer noch dabei, mich durch die Wahlprogramme zu lesen.

Wären sie ein Schulaufsatz, würde ich als Lehrerin „Unklar!“ unter viele Absätze schreiben. Oder: „Komm doch bitte zum Punkt!“ Dann habe ich plötzlich ein furchtbar schlechtes Gewissen. Weil ich es nämlich immer ganz schlimm finde, über etwas rumzumeckern, aber nicht zu versuchen, es besser zu machen. Jedem Elternteil, das in der Schule an meinen Unterrichtsmethoden herummeckert, ohne konstruktiv zu sein, möchte ich am liebsten meinen Schreibtischstuhl vom Pult rüberschieben. „Bitte, dann mach es doch besser!“

Ich engagiere mich nicht politisch. Darf ich dann überhaupt rummotzen? Meine Erfahrung mit Lokalpolitik ist lange her. Ich war 20 und arbeitete als freie Journalistin für die Hannoversche Allgemeine Zeitung. Immer wenn der zuständige Redakteur nicht konnte oder keine Lust hatte, schickte er mich zu den Terminen: 80-igste Geburtstage, Kaninchenzuchtausstellungen – und Termine des Gemeinderats. Die am meisten.

Dort saß ich dann, hörte einen Abend lang zu und versuchte, das Wichtigste aufzuschreiben, um es hinterher für die Leser aufzuarbeiten. Es war schwer. Es wurde stundenlang diskutiert, keiner kam zum Punkt. Und wenn man kurz davor war, eine Lösung zu finden, wurde der Punkt vertagt. Ich schrieb mit, strich durch, setzte Fragezeichen. Ich seufzte, ich stöhnte. Es gibt einfach so viele Menschen und so viele verschiedene Meinungen. Es ist verdammt nochmal nicht einfach. Ich kann außerdem nur erahnen, was heutzutage in den sozialen Medien los ist, wenn man als Politiker tatsächlich mal klar heraus seine Meinung sagt.

Ich möchte auf keinen Fall tauschen. Aber mein Bestes geben.

Ich werde also am 26. September wählen gehen. Denn wir müssen wohl hinnehmen, dass nur die wenigsten Menschen in allen Punkten einer Partei zustimmen. Was wir aber wählen können, ist eine politische Richtung. Und die sollten wir dringend wählen, denn sonst schenken wir unsere Stimme denjenigen, die sie ganz sicher nicht bekommen sollten.

Drei Tipps zur Wahl:
1. Hier kann man sich die Parteiproramme aller großen deutschen Parteien durchlesen.

2. Briefwahl kann jeder bei seiner Gemeinde ohne Angabe von Gründen beantragen. Ich finde die Idee gut, denn wer weiß schon, ob man am Wahlsonntag vielleicht krank oder in Quarantäne ist. Die Briefwahl kann man entweder persönlich oder schriftlich beantragen (zum Beispiel per Brief, E-Mail oder bei vielen Gemeinden über deren Internetseite). Auf den meisten Wahlbenachrichtigungen gibt’s inzwischen auch einen persönlichen QR-Codes zur Beantragung per Handy.

3. Hier geht’s zum Wahl-O-maten, er wird am 2. September freigeschaltet. Ich finde ihn nützlich, allerdings sollte man bedenken, dass er nur wenige Punkte abfragt. Da kann eine Antwort die Wahl plötzlich ziemlich radikal machen. Am Schluss also doch unbedingt auch auf sein Herz und den Verstand hören. Neu in diesem Jahr: Die Wahltraut, die die Parteien in Sachen Gleichberechtigung prüft und danach eine Wahl empfiehlt.

Und ihr? Was würdet ihr als erstes machen, wenn ihr Bundeskanzler(in) wärt?

Foto: Louisa Schlepper

Claudi