Ich weiß inzwischen, wie anstrengend das Trotzalter sein kann. Ich hab viel darüber gehört, wie anstrengend die Pubertät werden wird (und habe schon großen Respekt davor). Was ich nicht auf dem Schirm hatte: die sogenannte Wackelzahnpubertät, zwischen fünf und sieben Jahren. Wir steckten bis vor kurzem mitten drin (viele Freunde meiner Kinder und viele Kinder unserer Freunde ebenfalls). Und: das war ganz schön anstrengend…
Kind ist frech, hört nicht, Erziehung,
Wackelzahnpubertiere sagen gern Nein. Grundsätzlich, zu allem. Zu der Müslischale, die in die Geschirrspülmaschine muss zum Beispiel. Mit Wackelzahnpubertieren kann man stundenlang über Schalen und Spülmaschinen diskutieren.

Wackelzahnpubertiere wünschen sich jeden Tag genau das eine Spielzeug. Mit endlosem Drübergerede, Gebettel und Geldgezähle. Bis ein anderer Freund etwas noch Besseres hat. Dann ist das eben noch Überlebenswichtige vergessen. Aber das andere zu besitzen ist plötzlich wichtiger als alles andere.

Wackelzahnpubertiere sind von einer Minute auf die andere ganz groß und dann ganz klein. Zwischen: „Ich zieh aus – du hast mich ja sowieso nicht mehr lieb!“ und: „Ich will für immer bei euch wohnen!“ vergehen bloß Sekunden.

Wackelzahnpubertiere können trotzen. Aber hallo. Leider nicht mehr bloß mit simplen auf dem Boden schmeißen und brüllen. Sondern mit endlosen, knüppelharten und erschreckend wortgewandten Diskussionen, mit Wuttränen, mit Aggressionen, mit Türenknallen und messerscharfen Wortwechseln. Fünf- bis Siebenjährige sind schlau, die kennen längst deine wunden Punkte und können mit Worten und Taten direkt hineintreffen, wenn sie wütend sind. Wie mit einem Pfeil – wumms – mitten ins Rot der Zielscheibe. Mitten rein ins Mamaherz. Das tut weh. Das hat mich (manchmal) hilflos gemacht. Das hat mich abends im Bett manches Mal an mir zweifeln lassen. Und Erziehungs- ach was, Verhaltenshilfe bei Freunden, in Büchern oder bei Google suchen lassen.

Vielen Freunden mit Kindern im gleichen Alter ging es genauso. Wir sprachen beim Kaffee darüber, wie seltsam sich unsere Kinder benahmen. Es tat gut, von den anderen beinahe die gleichen Geschichten zu hören. Teilweise konnten wir an diesen Nachmittagen hautnah miterleben, wie das sonst ruhige, freundliche Kind plötzlich frech wurde. Provozierte. Uns Mütter wütend dastehen ließ. Unter schrill hintergeschrienem Protest. Oder hilflos. Mit feuchten Augen.

Noch mehr beruhigt und geholfen hat mir schließlich dieser Post. Dort habe ich endlich einen Begriff für das gefunden, was ich seit einer Weile beobachtet habe: Wackelzahnpubertät. Aber hallo. Wie passend. Und dazu so viele gute Erklärungen um mehr Verständnis für ein so aufregendes, anstrengendes aber auch wunderschönes Alter zu entwickeln.

Was mir geholfen hat:
– Aida de Rodriguez Tipp, mich mit meiner Wut auseinanderzusetzen. Denn es stimmt: wenn ich auch noch wütend werde, kann ich meinem Kind keine Hilfe bieten, aus seiner herauszufinden. Ganz wichtig: Das Kind nicht als kleinen Tyrannen sehen, der mich ärgern und mir das Leben schwer machen will. Sondern als Kind das in Not ist, nicht weiter weiß, Kontakt sucht, wie auch immer, nicht weiß, wie es sich anders ausdrücken kann).

– Aidas Erinnerung daran, wie stark sich der Körper im Alter von 5 bis 7 verändert. Dass Kinder in Schüben wachsen, die Proportionen sich daher beinahe täglich verändern und sich ständig der Schwerpunkt verlagert. Kein Wunder also, dass die Kinder in diesem Alter kaum stillsitzen können und einen so starken Bewegungsdrang haben: Sie müssen ihren Körper ständig neu koordinieren lernen. Und auch kein Wunder, dass sie scheinbar ständig irgendwo gegenlaufen, etwas umschmeißen, beim Essen auf dem Tisch hängen und irgendwie grob und ungeschickt wirken. Das ist so wie in der Schwangerschaft mit dem plötzlich großen Bauch – der rumpst ja auch  ständig irgendwo gegen. Und ist bekleckert.

– Der Hinweis, im besten Fall immer wieder mich selbst zu hinterfragen: verwechsele ich Regeln vielleicht manchmal mit blindem Gehorsam? Erwarte ich zuviel? Sage ich deutlich genug, was ich will? Erkenne ich das kindliche Bedürfnis nach Autonomie an? Verständnis zeigen tut so gut: die Gefühle des Kindes fahren Achterbahn. Es weiß tatsächlich nicht was es will und braucht.

– Immer wieder ein guter Tipp: Zuhören. Nachfragen. Ohne Bewertung. Eine Ebene zum gern erzählen schaffen. Und nicht selbst so viel reden. (Himmel, was hab ich für dusselige Monologe gehalten!! Und nachdem ich fertig war, an der Reaktion meines Sohnes gemerkt, dass sie nichts bewirkt haben. Gar nicht angekommen sind bei ihm. Gar nicht ankommen konnten.)

– Und: Mein Kind so annehmen wie es ist. Nur das ändern wollen, was zu ändern ist. Und das sind in erster Linie: die Situationen die Konflikte provozieren. Und mich. Meine Einstellung.

– Aus meiner eigenen Erfahrung: blinder Gehorsam ist Quatsch, aber es macht Sinn, ein paar wenige, klare Regeln zu formulieren und die Einhaltung dieser auch immer wieder zu überprüfen. Wir hatten eine Weile ein Belohnungssystem eingeführt. Ich weiß, darüber lässt sich diskutieren, nämlich ob es Sinn macht, die Einhaltung von Regeln, die eigentlich selbstverständlich sein sollten, zu belohnen. Bei uns hat es eine Weile Sinn gemacht. Fand ich. (Obwohl ich vorher keine Ahnung hatte, über was Wackelzahnpubertierende bei einem scheinbar eindeutigen und einfachen Belohnungssystem alles diskutieren wollen).

Bei uns scheint diese Phase fürs erste übrigens gerade wieder ein wenig durch zu sein. Es ist viel ruhiger, konfliktärmer geworden in den vergangenen Tagen und Wochen. Der Alltag flutscht wieder. Also heißt es Kraft tanken. Für die nächsten Konflikte und Krisen. Mal sehen, was als nächstes kommt: Schultütenpubertät vielleicht. Oder Elemantargruppenwechseljahre.

Und ihr? Habt ihr auch Erfahrungen mit der Wackelzahnpubertät?

Alles Liebe,

Claudi