Nein, bei uns ist es nicht so, dass die Kinder ständig begeistert durch den Wald streifen. Leider nicht. Während ich schon fast aufgegeben habe – und eben allein streife – entdeckte ich die Idee von Karin, die auf ihrem Instagram Account @schritte.ins.gruene über ihr Leben mit vier Kindern, Nachhaltigkeit und Naturliebe schreibt. Seither habe ich neue Streif-Hoffnung. Erzähl doch mal, Karin…

Ich habe vier Stadtkinder. Und fast alle gehören eher zur Sorte Stubenhocker als zum Team „Draussenzuhause“. Natürlich tingelten wir über Jahre fast täglich zum Spielplatz um die Ecke – denn spätestens wenn sie auf dem Sofa den Salto üben oder sich ineinander verbeißen – wird es Zeit, die Kinder zu lüften.

Früher ging ich ab und zu mit ihnen im Wald spazieren, aber – ganz ehrlich – alleine mit vier Kindern zwischen damals Babyalter und 7 Jahren war das meist eine ziemlich mühselige Angelegenheit. Als vor drei Jahren das vierte Kind so langsam aus dem Gröbsten raus war (wie ich damals dachte) und ich mit allen vieren wieder mobiler wurde, wuchs in mir der Wunsch, regelmäßig gemeinsame Zeit im Wald zu verbringen, anstatt die kindliche Energie immer nur auf dem Spielplatz zu deponieren.

Ich streifte als Kind die meisten Samstagnachmittage lang mit meiner Pfadfindergruppe durch die heimischen Wälder, die ich bald wie meine Hosentasche kannte. Wir waren draußen bei Wind und Wetter, Sonnenschein und Schneefall. Es hat mich so sehr geprägt.

Der Wald schien aus zwei Gründen ideal: Erstens, weil er fast vor unserer Haustüre liegt. Wir wohnen idealerweise in der waldreichsten Stadt der Schweiz. Wieso also in die Ferne schweifen – was an Schultagen für uns ohne Auto sowieso schwierig ist – wenn das Gute so nahe liegt? Zweitens, weil ich Sehnsucht verspürte nach all den Erlebnissen, die im Wald und zwar nur da möglich sind. All die Erlebnisse, die ich in meiner Kindheit gesammelt hatte. Gerne wollte ich meinen Stadtkindern diese Erfahrungen ebenfalls ermöglichen.

Ich ahnte, wenn ich meinen Jungs einfach sagen würde: „Hurra, heute Nachmittag verbringen wir Wald!“ Würden sie sagen: „Nein danke!“ Die ganze Mannschaft für gemeinsame Aktivitäten im Freien zu motivieren, ist manchmal ein echt harter Brocken.

Dann war da die Idee: Wie wäre es, wenn wir regelmäßig gemeinsam Zeit mit anderen Familien im Wald verbringen würden? Vielleicht wäre das genug Motivation? Außerdem könnte ich so gleichzeitig mein Bedürfnis nach Gemeinschaft und Austausch mit Erwachsenen befriedigen. Dieser Gedanke fühlte sich gleich stimmig an. Die Idee von unseren regelmäßigen Waldtreffen – ich wollte sie „Naturkinder-Treffen“ nennen – war geboren. Ein Treffen pro Monat schien mir passend. Das konnte ich meinen Naturmuffeln zumuten.

Ohne lange zu überlegen schrieb ich kurzerhand ein Email, welches ich an befreundete und bekannte Familien aus unserem Stadtteil versendete. Ich erzählte von meiner Idee, sich monatlich bei den Weihern an der Feuerstelle zu treffen – immer am ersten Mittwoch im Monat. Und lud alle herzlich ein im April 2017 zum ersten Mal dabei zu sein. Ein unverbindliches Treffen sollte es werden. Ohne Druck, ohne Verpflichtung. Ohne Anmeldung. Freunde mitbringen war erlaubt und absolut erwünscht. Ich verpflichtete einzig mich selber, jeweils vor Ort zu sein, um eine Konstante zu bieten.

Mein jüngstes Kind war damals 2 Jahre alt und trotzdem entschied ich mich für den Ort bei den Weihern mit dem Steg. Ich wollte auch jedesmal Feuer machen und einen Zvieri (Vesper) darauf zuzubereiten. Wieso? Weil ich wusste, dass die Gemeinschaft möglich macht, was mir alleine mit den vier Kindern in dieser Zeit unmöglich war. Dass ein Teil der Erwachsenen beim Steg Aufsicht halten kann, während die anderen zum Feuer schauen und das Essen zubereiten. Was für ein Glück!

Nach unserem ersten Treffen im April 2017 schrieb ich folgende Worte:

«Fische beobachten ohne dabei vom Steg zu fallen, Lehm aus dem Bach holen, daraus Skulpturen formen und sie anschließend auf dem Feuer trocknen, Fruchtstücke in die geschmolzene Schokolade tauchen ohne sie dabei zu verlieren, Moos suchen und im Wald ein weiches Nest daraus bauen… Was braucht es mehr?
13 Kinder mit ihren 4 Mamas sind nach diesem Nachmittag müde, jedoch glücklich nach Hause gekommen. Auf viele weitere solcher Nachmittage!»

Das war der Anfang. Ich plante, die Treffen fortzuführen, bis im Herbst das kühle, feuchte Wetter kommen würde und wollte dann eine Winterpause einlegen. Doch es kam anders. Wer hätte gedacht, dass wir uns tatsächlich durch alle Jahreszeiten hindurch JEDEN Monat an den Weihern treffen würden?

Das Feuer ist natürlich ein Muss. So konnten wir Mamas uns an den kalten Nachmittagen beim Plaudern die Hände wärmen, während die Kinder sich auf dem Steg oder zwischen den Tannen vergnügten. Meine ursprüngliche Idee, für jedes Naturkinder-Treffen eine Beschäftigung oder ein Spiel vorzubereiten, hat sich schon beim ersten Mal als völlig unnötig erwiesen. Die altersdurchmischte Kindergruppe entpuppte sich als Selbstläufer. Der unstrukturierte Waldplatz war genug, um der Kinderhorde das zu bieten, was sie brauchten: Raum für das freie Spiel.

Es lohnt sich unglaublich, die Kinder machen zu lassen und nicht ständig „Achtung!“ oder „Lasst das!“ zu rufen. Denn nur so können sie über sich selbst hinauswachsen und fürs Leben lernen. Was schreibt Herbert Renz-Polster: „Sollen wir wirklich den Kindern die wilde Blume der Kindheit aus der Hand nehmen, weil sie vielleicht Dornen haben könnte?“

Ja, das Wasser unter dem Steg ist zu tief, als dass die Kinder stehen könnten. Nein, nicht alle Kinder können schwimmen. Natürlich sind die wachsamen Augen der Erwachsenen zwingend nötig, wenn die Kleinen ebenfalls beim Fische füttern auf dem Steg dabei sind oder beim Feuermachen helfen. Anstatt jedoch ständig vor den Gefahren zu warnen oder sie ganz davon fernzuhalten, stellen wir uns schützend hinter und beobachten, wie sie an den Naturerfahrungen wachsen.


Dabei ist uns aufgefallen, welch beruhigende und inspirierende Wirkung der Wald auf die Kinder hat. Kaum Zanken. Kaum Langeweile. Wir staunen immer wieder aufs Neue. Auch die Gemüter derjenigen, welche sich zuhause quer stellen und lieber auf der Couch lümmeln möchten, beruhigen sich im Wald schnell und nach kurzer Zeit verschwindet auch das letzte Kind der Fraktion Stubenhocker zwischen den Bäumen. Und genau diese Kinder wollen abends natürlich nicht nach Hause, wenn es Zeit ist aufzubrechen…

Nicht immer gelingt es allen Kindern sofort, sich im Wald dem freien Spiel hingeben zu können, sich zu entspannen und zu genießen. Und manchmal vermag der Wald bei einem Kind sein Werk gar nicht vollbringen. Was immer hilft: Leckeres Essen. Wir haben schnell gemerkt, dass wir dieses in großen Mengen einpacken müssen. Die Kinder können manchmal für sehr lange Zeit im Wald verschwinden und sich fern von den Blicken der Erwachsenen vergnügen. Doch wenn sie plötzlich hungrig auftauchen, dann müssen wir gewappnet sein.


Das Zubereiten einer Zwischenmahlzeit auf dem Feuer ist zu einem wichtigen Bestandteil unserer Treffen geworden. Wir haben neben den Klassikern wie Stockbrot und Marshmallows auch schon Pizza, Pancakes und Marroni (Esskastanien) gemacht. Dazu braucht es ein ausrangiertes Backblech. In einem Pfadikessel lassen sich z.B. Popcorn, Schokoladefondue oder auch eine Suppe zubereiten. Es hat sich sehr bewährt, in den kalten Monaten einen zusätzlichen Topf mitnehmen, um ein wärmendes Getränk zu machen. Absolutes Highlight bei den Kindern: Waffeln. Dazu sind ein feuertaugliches Waffeleisen und gute Glut nötig. Es funktioniert nicht immer alles auf Anhieb. Unser erster Kuchen auf dem Feuer war außen komplett verbrannt, innen jedoch trotzdem perfekt … Glück gehabt!

„Natur ist für Kinder so essentiell, wie gute Ernährung. Sie ist ihr angestammter Entwicklungsraum.“ Herbert Renz-Polster

Doch nicht nur die Kinder profitieren von diesen Nachmittagen. Auch wir Mütter sind glücklich darüber. Gemeinsam Lachen, gemeinsam Sorgen teilen, gemeinsam die Natur aufsaugen, gemeinsam die Kinder begleiten. GEMEINSAM. Das ist für Eltern so wertvoll und wichtig. Und wenn das Hamsterrad wiedermal zu schnell dreht und die Nerven aller blank liegen, dann werden wir Mütter mitten in der vollen Alltagswoche durch diese Stunden im Wald von Neuem geerdet. Gerade an verrückten Tagen hält uns nämlich genau das bei Sinnen: Raus in die Natur. Freunde treffen. Feuer machen und darauf leckeres Essen zubereiten. Die Kinder wild und frei sein lassen. Für ein paar Stunden vergessen, was noch alles erledigt werden sollte. Den Moment genießen. Die Sonnenstrahlen das Gesicht, das Feuer die Hände und die Gespräche das Herz wärmen lassen. Spüren, wie gut die Kombination von Gemeinschaft und Natur tun.

Auch wenn es für mich manchmal eine ziemliche Geduldsprobe ist, bis die Kinder endlich alle Widerstände und Unlust überwunden und wir mit entsprechender Kleidung ausgerüstet mit dem Fahrrad im nahe gelegenen Wald angekommen sind – es lohnt sich jedesmal. Allein
der Jahreszeiten wegen. Die zeigen sich im Wald so unglaublich reich und können nicht nur beobachtet, sondern mit allen Sinnen erfahren werden. Den gleichen Platz in der Natur monatlich zu besuchen und zu merken, dass er durch das ganze Jahr hindurch Spielmöglichkeiten bereithält, lässt uns die Jahreszeiten viel intensiver wahrnehmen. 

Mir persönlich fällt es jeweils schwer, den Sommer loszulassen. Doch Herbsttage im Wald entschädigen mehr als genug und lassen meine Wehmut verblassen. Und wenn die Kinder im Winter ihre Schuhabdrücke im Schnee auf dem Steg hinterlassen und versuchen, mit Steinen Löcher in die Eisdecke zu schlagen, fühlt es sich an, wie wenn sie erst gestern an genau diesem Ort gebadet und gefischt hätten.

Die Kinder überraschen uns immer wieder mit ihren Ideen. Ich erinnere mich an den bitterkalten Nachmittag im März vor zwei Jahren als sie Eis aus dem Weiher fischten, die Brocken als Ausstellung arrangierten und ihre bizarren Formen begutachteten. Anschließend wurde das Eis zerhackt, zersägt, zerbrochen und auf dem Rost über dem Feuer geschmolzen. Den ganzen Nachmittag lang.

Nun sind wir bereits ins vierte Waldjahr gestartet und spüren deutlich,dass es Veränderungen geben wird. Da sind die Kinder, die am Tor zur Pubertät stehen. Deren Bedürfnisse sich wandeln. Die manchmal keine Lust haben mit den Kleinen im Wald herumzutollen. Natürlich können sie selber auf sich aufpassen und zuhause bleiben oder sich mit Freunden treffen während wir im Wald sind. Doch in unserer Familie steckt das die jüngeren Geschwister unweigerlich an, welche dann ebenfalls lieber passen möchten.

Ich bin gespannt, wie sich unsere Naturkinder-Treffen entwickeln werden. Dass die Zeit im Wald allen gut tut, ist definitiv nicht abhängig vom Alter. Jedoch muss der Rahmen in irgendeiner Form angepasst werden, sofern die älteren Kinder weiterhin mit von der Partie sein sollen. Ideen habe ich bereits. Und sollten die Waldtreffen tatsächlich in Zukunft für uns ein Ende finden, liebäugle ich mit dem Gedanken, mich auf die Suche nach Naturmamas zu machen, die sich einmal im Monat mit mir im Wald am Feuer treffen, um ohne Kinder den Kopf zu lüften. Sich im Schein der Flammen austauschen, wärmt nicht nur den Körper, sondern auch die Seele. Mir wird schon was einfallen.

Und alle, die beim Lesen dieses Texts ebenfalls Sehnsucht verspürt haben, ermutige ich: Ruft ebenfalls Waldtreffen ins Leben. Es braucht nicht viel: Ein paar Mütter oder auch Väter mit ihrer Kinderschar, einen schönen unstrukturierten Platz in der Natur, Zündhölzer und Verpflegung. Temperatur ist zweitrangig… Es wird toll, ich verspreche es euch! 

Meine 10 Tipps für gelingende Waldtreffen

  • Essen teilen macht Spaß und gibt eine reichhaltige Tafel. Deshalb bringen wir immer alle Zwischenverpflegungen für die Gemeinschaft mit und machen ein grosses Buffet. 
  • Zur Sicherheit ein paar Holzscheite von zuhause mitbringen. Es gibt nichts Mühsameres als in einem Wald nach Feuerholz zu suchen, der nur ein paar wenige Stöcke hergibt. Außerdem braucht es für Essen vom Feuer genügend Hitze/Glut. 
  • In der kalten Jahreszeit wärmendes Getränk mitnehmen oder auf dem Feuer zubereiten.
  • Utensilien wie Taschenmesser, Kescher, Schnur für die Kinder einpacken. 
  • Notfallapotheke mit Pflastern dabeihaben. Und bei Nähe zum Wasser auch Ersatzkleidung!
  • Die kleinen Kinder im Auge behalten, besonders in der Nähe von Wasser und Feuer!
  • Die Großen machen lassen, solange sie achtsam mit Tieren, Natur und einander umgehen. 
  • Nur wenige, jedoch klare Regeln (Feuer, Pflanzen, etc.) absprechen. 
  • Einen Gruppenchat erstellen, um die Termine für die Waldtreffen bekannt zu geben. Iim Voraus allfällige Absprachen bezüglich des Feuermahls treffen oder im Anschluss Bilder teilen
  • Einen Treffpunkt wählen, der in nützlicher Zeit erreichbar ist. Auf dem Hinweg fällt das noch nicht so ins Gewicht, doch wenn der Heimweg mit müden, allenfalls nassen und/oder frierenden, sowie vielleicht bereits wieder hungrigen Kindern angetreten werden muss, ist man noch so froh, wenn man schnell zuhause ist und die Schmutzfinken in die Badewanne stecken kann. 
  • Wer keine Möglichkeit hat, sich in einem Wald zu treffen, findet vielleicht auch einen anderen Ort, der den Kindern freies Spielen in der Natur ermöglicht? Ein Park mit Kletterbäumen. Ein Abenteuerspielplatz. Ein großer Garten. Ein Bach. Euch fällt bestimmt was ein.


Noch zwei Buchempfehlungen zum Thema: 

Wie Kinder heute wachsen (Herbert Renz-Polster, Gerald Hüther)

Das letzte Kind im Wald (Richard Louv)

Liebe Karin, ich danke dir, für diese wunderbare Inspiration. Ich konnte das Laub rascheln hören und das Feuer prasseln.

Euch ein wunderbares Wochenende und alles Liebe,

Karin