Manchmal fürchte ich mich vor „Hätte-ich-doch“-Gedanken. Besonders abends, wenn ich endlich im Bett liege, es zum ersten Mal seit dem Morgen wirklich ruhig ist. Besonders dann dreht es sich in meinem Kopf: „Hätt-ich-doch-mehr-Zeit-mit-den-Kindern-verbracht!“, blinkt es. „Hätt-ich-doch.“ Ich liege dann da und überlege, was ich eigentlich an diesem Tag bewusst mit meinen Kindern gemacht habe. Wie viel sogenannte Quality-Time ich mit ihnen verbracht habe. Ich überlege – aber wirklich viel fällt mir oft nicht ein…

Ich erschrecke. Wenn es eine Sache gibt, die mir wirklich Bauchschmerzen macht, dann sind es verpasste Chancen. Ich fürchte mich so sehr davor, später mal zu denken: „Ach hätte ich doch…“ Aber dann ist es zu spät. Es gibt da diesen Spruch: „Man bereut immer nur das, was man nicht getan hat.“ Der hat einen festen Platz in meinem Kopf. Jobmäßig bekomme ich das Chancen nutzen meistens ganz gut hin. Ich habe dank des Spruchs sogar mal meine Verbeamtung geschmissen, weil ich nämlich immer schreiben wollte. Statt weiter in meiner Traumstelle als Lehrerin in einer kleinen, idyllischen Dorfschule zu arbeiten, habe ich alles aufs Spiel gesetzt und ein Volontariat bei einem großen Hamburger Verlag gemacht.

Später habe ich diesen Blog begonnen. Habe neben zwei Kleinkindern jede freie Minute ausprobiert, geschrieben, Tutorials gelesen. Mein Blog war am Anfang inhaltlich und optisch nicht perfekt. Meinem Blog sieht man meinen Lernprozess an. Ich habe die Zeit, die ich darin investiert habe, nie bereut. Auch nicht die Fehler, die ich dabei gemacht habe. Ich trauere auch nicht den verpassten Kaffeedates oder nicht geschauten Serien hinterher. Wenn mich damals, mit dunklen Augenringen und totmüde, eine Freundin, mit dunklen Augenringen und totmüde, gefragt hat, warum um himmelswillen ich das eigentlich mache, habe ich immer gesagt: „Weil es mein Traum ist.“ Ich hatte eine Vision – und heute habe ich mein eigenes Blogazin. Heute fragt mich keiner mehr. Heute frage ich mich andere Sachen. Eine Sache ganz sicher immer wieder: Verbringe ich genug bewusste Zeit mit meinen Kindern? Nutze ich auch hier meine Chance?

An einem dieser Grübelabende im Bett fasse ich einen Entschluss: Eine Woche will ich aufschreiben, was ich wirklich ganz genau mit ihnen mache. Es einmal schwarz auf weiß sehen und nicht bloß als vermixte Masse aus Lachen und Weinen, Homeschooling, Arbeit, Haushalt, Garten, Monopoly, Motzen, Streit, Schlafen, Aufstehen. Und alles wieder von vorn. Ich habe Freundinnen, die empfinden die viele Familienzeit während des Lockdowns gerade als Geschenk. Sie sagen: „Ich werde es vermissen, wenn es vorbei ist.“ In Österreich ist es jetzt schneller vorbei, als es sich einige Mamas gedacht (und vielleicht sogar gewünscht) haben. Mir fallen solche Gedanken schwer. Ich will für mich auch überprüfen, ob ich einfach zu hohe Erwartungen an mich habe. Ob ich zu schönspruchssvoll bin. Meine Idee: Die „Hätte-ich-doch“-Keule in der Luft packen und einmal gucken, ob sich mich treffen könnte. Hier ein paar Ausschnitte meiner Notizen…

Montag: Ich bin dran mit Homeschooling. Ich frage mich, ob Homeschooling-Begleitung zur Qualitiy-Time gehört. Ich gehe motiviert dran und versuche sie zu motivieren. Es startet mit einem Streit um einen verschwundenen Füller. Dann diskutieren wir ewig über die Reihenfolge der Aufgaben. Ein Kind verzweifelt, weil es das Gefühl hat eine Aufgabe nicht zu können, dabei habe ich das Gefühl, es kann sie. Ich biete an mit dem Kindergartenkind zu malen, aber es will grad nicht malen. Der kleine Künstler verschwindet ausgerechnet jetzt auf der anderen Seite des Wohnzimmers in seiner Zauberdrachenwelt. Ich bewundere sie – und überlege kurz, ob es nicht Quality-Time wäre, mich dazuzusetzen und mit einem Drachen über die Drachenberge aus Stoff zu hüpfen. Ich mag aber nicht. Und das spielende Kind fragt auch nicht. Vielleicht ist der kurze Moment, in dem zwei friedlich arbeiten, ich dem Drachenweltkind zusehe und das andere auf dem Arm an mich drücke, ja auch Quality-Time. Vielleicht ist Quality-Time auch einfach eine Aneinanderreihung von Quality-Momenten.

Weil es drinnen grad so gut läuft, gehe ich mit dem Kleinsten raus und wir füttern gemeinsam die Kaninchen. Er jauchzt, lächelt, erzählt. „Ninchen?“, fragt er und hält eine Löwenzahnblüte hoch. Die Kaninchen fühlen sich weich und warm an – der Moment auch. Hinterher diskutieren wir drinnen wieder: übers Aufräumen, Mittag essen machen, Einmaleins üben, Wäsche zusammenlegen. Ich bin so genervt, dass mir auffällt, dass ich den Vormittag wohl unter „lief nicht“ verbucht hätte, wenn ich die kleinen Momente davor nicht ganz bewusst aufgeschrieben hätte.

Nachmittags will ich eigentlich ein Spiel vorschlagen – nutze dann aber den Moment, dass ein Kind gedankenversunken liest und die anderen drei in der Sandkiste buddeln. Ich habe kurz ein schlechtes Gewissen, weil ich in dem Moment Zeit hätte, nein, mir Zeit nehmen könnte für Quality-Time. Aber wer bitte stört ein schwer beschäftigtes Kind. Ich setzte mich also kurz aufs Sofa und schaue in ein Magazin. Atme durch und – werde bloß unterbrochen von zwei Wickelpausen, zweimal Schuhe auf- und zuknoten und zweimal nasse Klamotten wechseln. Nach dem Abendbrot will das Kindergartenkind dann malen. Ich will eigentlich tausend andere Dinge machen, setze mich aber zu ihm. Wir malen gemeinsam grüne Stacheln an einen Drachenkörper, rosa Locken an den Drachenkopf und ich schreibe ihm „Drachenbuch“ vor. Abends lese ich zwei Kindern je zwei Bilderbücher vor. Das Ritual ist so selbstverständlich geworden, dass ich es nicht auf das Quality-Time-Konto verbucht hätte. Jetzt freue ich mich und bin insgeheim ein wenig stolz drauf.

Dienstag: Ich rühre gleich vormittags Salzteig an, noch bevor ich zum Arbeiten in mein Büro verschwinde. (Ehrlich gesagt vielleicht auch ein bisschen, weil ich an diesen Text denke und weil Salzteig machen scheinbar wie Bananenbrot backen zum Lockdown dazugehört. Wir stechen Tiere aus, jeweils einer der beiden Kleinen und ich. Wirklich schön. Ich begleite das Homeschooling, das überraschend harmonisch abläuft. Bin doch drauf und dran, auch das als Quality-Time zu verbuchen. Überlege, ob der Quality-Time-Zähler automatisch stoppt, wenn es Streit oder Diskussionen gibt. Schüttele energisch den Kopf über diesen Gedanken. Weil ich doch weiß, dass es nicht dauerhaft harmonisch sein kann, wenn Menschen, die sich sehr vertraut sind, etwas miteinander machen. Im Gegenteil: Quality-Time und Kreisch-Time liegen dicht beieinander. Als alle sich selbst beschäftigen, schnappe ich mir auf dem Gartensofa mein Laptop und beginne für ein neues Projekt zu recherchieren. Sitze keine fünf Minuten da, da kommt einer zum kuscheln.

Abends gehe ich mit dem Großen laufen. Ich habe lange nicht so gute Gespräche mit ihm geführt, wie auf diesen Runden. Hinterher lesen wir im Bett vor. Ich frage mich mal wieder, wo die Zeit geblieben ist. So viele Stunden – und dann bloß Schularbeiten, Ausstechen, Kuscheln, Laufen und Vorlesen mit ihnen? Was bitte habe sonst gemacht? Mir fallen spontan ein: aufgeräumt, Wäsche gemacht, Mittag gemacht, Abendbrot gemacht, im Garten gezupft, neue Job-Ideen aufgeschrieben.

Mittwoch: Ich ahne schon morgens, dass es heute schwierig wird. Ich habe morgens einige Jobtelefonate, schreibe einen langen Artikel. André übernimmt das Homeschooling. Mittags habe ich noch eine Zoom-Konferenz mit der Schule. Letztendlich arbeite ich bis 15 Uhr. Dann mache ich Wäsche und kaufe ein. (Ich gehe sonst gern mit einem Kind einkaufen – aber das geht ja gerade nicht). Ich muss drei Dörfer weiter fahren, um Hühnerfutter zu besorgen. Der Tag ist rasend schnell vorbei.

Ich mache Abendbrot, zupfe ein bisschen im Garten. Sie spielen Boules und fragen mich, ob ich mitspielen möchte. Mein Kopf dröhnt, ich vertröste sie auf später. Später ist es zu spät, beziehungsweise haben wir es alle vergessen. Ich habe eine schlechtes Quality-Time-Gewissen und lasse den Kleinen beim Gießen helfen. Ich fröstel vom Spritzwasser. Ich bin heute nicht besonders geduldig. Aber die Vorlesegeschichten lese ich mit Lust. Und setze mich danach noch nacheinander bei den zwei Großen ans Bett.

Donnerstag: Morgens finde ich mich vorbildlich. Ich arbeite, aber als ein Kind hereinkommt, atme ich tief ein, höre kurz zu und helfe fix, statt sofort hochzufahren. So bin ich gedanklich zwar kurz raus, finde aber schnell zur Arbeit zurück, statt wie sonst in solchen Momente auch gleich noch Mails zu checken. Ich kann danach ganz gut weiterarbeiten und keiner hat schlechte Laune oder ein schlechtes Gewissen. Neben dem Homeschooling male ich mit einem Kind die Salzteigfiguren an. Ein schöner Moment. Während ich koche, kommt ein Kind mit einem Buch an. Ich denke kurz: „Ach nö, nicht jetzt.“ Drehe dann die Kartoffeln runter und lese kurz vor. Noch ein Funkelmoment.

Nachmittags probieren zwei Kinder und ich Küchentuchbatik aus. Wir haben Spaß – und ich habe dennoch ein wenig gearbeitet. Macht mich glücklich. Zur Joggingrunde kommt heute noch ein Kind mehr auf dem Gokart mit. Es ist nicht ganz so entspannt, aber dennoch lustig. An diesem Abend gieße ich heimlich und fix allein, während die Kinder eine Serie schauen. Wie so oft gibt’s Streit übers gemeinsame Aufräumen der zugespielten Wohnung. Aber ich lese hinterher sogar zwei Geschichten.

Freitag: Am Freitag flattert hier Leichtigkeit durch die Luft. Ich freue mich über eine arbeitsmäßig sehr erfolgreiche Woche – aber genauso sehr darüber, dass es die nächsten zwei Tage mehr Raum für Quality-Zeit gibt. Zumindest theoretisch. Die Kinder erledigen ihr Homeschooling ohne Mosern – auch sie freuen sich auf zwei freie Tage. Wir kochen mittags gemeinsam – zwei schnippeln Gemüse, einer deckt den Tisch. Die Sonne scheint, danach sind wir im Garten. Ich zupfe Unkraut, während sie mit den Hühnern spielen. Oder schaukeln. Oder mir ein paar Exemplare ihrer Regenwurmfarm präsentieren. Wir machen nichts zusammen und doch irgendwie alles zusammen. Abends gucken wir gemeinsam einen Film. Ich verkneife mir dabei auf dem Handy zu scrollen, um wirklich alles mitzubekommen und hinterher mit ihnen über den Film reden zu können.

Samstag: Wir sind den ganzen Tag im Garten. Ich höre ihr kichern und jauchzen. Manchmal auch ihren Streit. Ich bin da und doch nicht da. Sie sind ganz in ihrer Welt. Zwischendurch frage ich mich, ob ich eine Runde Boules vorschlagen soll. Streiche dann aber weiter und lasse sie spielen. Erinnere mich daran, wie schön das als Kind war.

Sonntag: Wieder Garten, wieder freies Spiel (für sie) und wildes Streichen (für mich). Später gehen wir an die Elbe und sie buddeln. Ich glaube, sie sind sehr froh, dass ich nicht auf die Idee komme mitzubuddeln. Verrückt, dass gerade am Wochenende, wenn viel Zeit für das Gemeinsame ist, das Nebeneinander noch besser funktioniert. Aber abends spielen wir alle zusammen ein Spiel. Und das ist richtig schön. (Wenn auch nicht streitfrei).

Drei Dinge habe ich gelernt! Erstens: Es ist eine gute Idee, mal bewusst hinzuschauen und vielleicht sogar aufzuschreiben, wie viel schöne Momente ein Tag tatsächlich hat – sonst vermischen sich nämlich oft die vanillegelben Momente mit den dunkelbraunen Nervmomenten zu einem bräunlichen Brei. Zweitens: Wer es schafft, Alltagsdinge in Ruhe mit Kindern zu erledigen, ist klar im Vorteil und kann in kurzer Zeit ein Vermögen auf dem Quality-Time-Konto ansparen. Ich übe das, es geht mal besser und mal schlechter (in Gedanken geht es immer besser). Drittens: Es ist hilfreich, spontan zu sein und Momente, in den Kinder Aufmerksamkeit einfordern kurz zu nutzen, auch wenn es gerade eigentlich nicht passt. Sonst ist der Moment oft vorbei – und man ärgert sich vielleicht.

Und: Es tut gut, den eigenen Ansprüchen eine lange Leine anzulegen. Ganz ehrlich, eine eineinhalbstündige Quality-Time ohne Streit und Diskussionen gibt’s bloß im Zeitraffer auf Instagram ohne Ton oder im Bullerbü-Film mit Drehbuch. Das echte Leben ist wild – kurze Quality-Momente, ach was, -Minuten gibts aber trotzdem immer wieder. Und zusammengezählt ergeben die ja vielleicht auch eineinhalb Stunden. Ha.

PS: Ich habe mir für den Rest des Lockdowns ein Post-it auf den Schreibtisch geklebt. „Genieß es!“, steht da drauf.

PPS. Ja, es wird vielleicht Dinge geben, die ich vermissen werde. Aber auch reichlich, die nicht. Kein „Hätte-ich-bloß“ dabei, sondern bloß ein „Gott-sei-Dank!“

Alles Liebe,

Claudi