Da stand ich, mitten in meinem ganz eigenen Corona-Chaos: Neugeborenes Baby in der Trage, weinendes Kleinkind auf dem Küchenboden und Mann im Homeoffice-Schlafzimmer. In ganz wichtigen Meetings, bei denen bloß keiner stören darf. Ich versuche schnell das Mittagessen fertig zu machen, nebenbei den Sauerteig zu füttern, Mist, der Thermomix ist noch in der Spülmaschine. Hatte ich die Ladung Wäsche jetzt eigentlich angestellt? Das Hochbeet muss ich auch noch gießen! PENG! Da platzte der Luftballon, auf dem das Kleinkind  mit Wut stampfte – und mit ihm platzte auch die Feminismus-Blase in meinem Kopf…

Ich halte kurz inne und betrachtete voller Schrecken, was von der jungen, studierten Frau mit großen Träumen übrig geblieben war. Ich spürte hautnah: Vor dem Rückfall in traditionelle Rollenmuster ist keiner geschützt. Und verdammt, manchmal geht es so schnell. Wir Frauen sind gut im „Sachen am Laufen halten“ und wenn das durch eine weltweite Pandemie bedeutet, sich bis zur vollkommenen Ermüdung zu verausgaben, um Familie, Haushalt und Arbeit gerecht zu werden, dann tun wir das. Natürlich im besten Fall ohne sich zu beschweren, denn so haben wir das ja schließlich gelernt. Aber ich beschwerte mich. Und so folgten einige müde, abendliche Diskussionen mit meinem Mann.

Wir arbeiten noch an unseren Kommunikationsskills, aber im Idealfall läuft das so: Ich: „Ich fühle mich überfordert und ausgebrannt von Kids und Hausarbeit. Ich habe das Gefühl, dass du im Vergleich zu mir immer nur eine Sache machst (also zum Beispiel arbeiten oder ein Kind betreuen oder die Spülmaschine ausräumen), während ich die anderen Aufgaben alle noch gleichzeitig erledige!“. Er: „Ich fühle mich nicht wertgeschätzt und habe das Gefühl, ich mache alles falsch. Ich kann mich manchmal eben nur auf eine Sache konzentrieren!“ Ich: „Ich würde mir wünschen, dass du mir deutlicher sagst, wenn du dich gerade ungeteilt auf etwas konzentrieren musst. Dann kann ich dir in der Zeit den Rücken frei halten. Und hinterher wäre es schön, wenn wir gucken könnten, wann Multitasking für uns beide funktioniert.“

Klar, so schön läuft das nicht immer. Viel zu oft endet es mit: „ Nie kannst du mal…!“ Und: „…sagt die richtige!“ Dann noch der scheinbar nie endende Streit übers Staubsaugen. Wer, wann und vor allem wie (ordentlich). Es wurde aber besser: Wir fanden unseren Rhythmus und siehe da, es ging auch ohne totale Überforderung (zumindest meistens). Ich mache morgens die Kinder und mich gleichzeitig fertig. Dafür nimmt mein Mann danach das Baby in die Trage während er arbeitet (Video aus beim Meeting und dann geht das meistens). Während ich das Kleinkind bespaße, kümmere ich mich um Haushalt und Essen. Nach dem Mittagessen darf das Kind ans IPad und während ich das Baby in Ruhe stille und auf mir schlafen lasse, räumt mein Mann die Küche auf. Nachmittags wieder Baby in die Trage zu ihm und Kleinkind zu mir. Die Zeit bis zum Abendessen verbringen wir gemeinsam. Und nach dem Abendessen bringe ich erst das Baby ins Bett und dann das andere Kind. Mein Mann kümmert sich um die Küche – und hat meistens früher Feierabend als ich.

Corona hat uns verdeutlicht, was wir beide eigentlich so den Tag über reißen. Einfach, weil wir es mal direkt vor Augen hatten. Ich fing wieder an daran zu glauben, dass gleichberechtigte Partner- und Elternschaft möglich ist. Und ziemlich cool. Aber ganz ehrlich: Die Arbeit meines Mannes läuft ehrlich gesagt gerade eher so nebenher und wäre ich nicht gerade sowieso in Elternzeit-Pause vom Master-Studium, sähe das schon wieder deutlich schwieriger aus.

Und überhaupt: Mit dem Rückgang der Infektionen und den einhergehenden Lockerungen änderte sich alles erneut. Mein Mann musste immer öfter wieder ins Büro, die vorher so planlose Zeit wurde wieder mit Terminen gefüllt und so langsam sehnte ich mich auch wieder nach meiner intellektuellen Arbeit. Gleichberechtigt zu leben wurde wieder zunehmend schwieriger. Wir merkten, wie stark unser Familienmodell und die Rollen, die wir darin einnehmen. von den äußeren Umständen abhängen.

Wir sind auf dem richtigen Weg, aber der Weg ist noch lang. Auch wenn wir noch mal sensibler geworden sind für die Muster und Situationen, die uns eine gleichberechtigte Partner- und Elternschaft erschweren, so haben wir eben auch gelernt, dass sich einiges ändern muss, damit wir auf unserem Weg bleiben können. Wir reden vermehrt über unsere Zukunft und wie wir sie so gestalten können, dass sie uns beide (und unsere Kinder) erfüllt: Sollen wir wirklich beide Vollzeit arbeiten? Wie wäre eine 30-Stunden-Woche für beide? Oder passt ein Mix aus angestellt und selbstständig nicht besser zu uns? Welche Umgebung unterstützt uns am besten bei unserer Lebensgestaltung? Ist die Stadt wirklich der richtige Platz für uns? Wo ist unser persönliches „Dorf“ und wie sieht es aus?

Wir entschieden, dass mein Mann im Herbst seine Elternzeit anfängt und sich von den sieben Monaten auch drei Monate Vollzeit der Carearbeit widmen wird, damit ich mich auf mein Studium konzentrieren kann. Was trotzdem absolut zu kurz kommt? Me-Time und Paarzeit! Wir wollen das dringend ändern und haben jetzt zwei Abende fest für Paarzeit eingeplant – einer davon soll – zumindest teilweise – für ein bisschen Beziehungsarbeit genutzt werden. Also miteinander darüber reden, wie und ob es grad läuft. Und darüber, was wir uns wünschen. Wir üben uns in Kommunikationsskills und versuchen uns bewusst Zeit zu nehmen, den anderen wertzuschätzen. Gleichberechtigt zu leben ist definitiv Arbeit. Arbeit, die es unserer Meinung nach auf jeden Fall Wert ist. Ein Saugroboter ist uns das übrigens auch wert.  

Dann ist da ja aber auch noch das System um uns herum, dass in Sachen Gleichberechtigung mitziehen muss. Denn: Seit heute weiß ich, dass aus der geplanten Elternzeit meines Mannes wohl nichts wird. Der Professor, unter dem mein Mann als wissenschaftlicher Mitarbeiter arbeitet, macht ihm ziemlich Druck. Legt ihm nah, die Teilzeit-Elternzeit nicht zu machen. Er hatte schon beim Einreichen gefragt, „warum wir unseren Familienurlaub nicht in die Semesterferien verschieben könnten“. Mein Mann erklärte ihm, dass ich studiere und wir uns deswegen ganz bewusst für eine väterliche Elternzeit während des Semesters entschieden haben. Er will jetzt mit seiner Unterschrift (die für die Beantragung des Elterngeld nötig ist) noch abwarten. Und mein Mann wolle sich nochmal Gedanken machen, was er wirklich will….

Es reicht also nicht aus, sich einig über feministische Werte zu sein und die Kommunikation darüber zu trainieren. Es ist noch immer nicht leicht aus den gesellschaftlichen Strukturen auszubrechen, die die Frau scheinbar immer noch in eine bestimmte Rolle zwängen wollen. Wir bleiben dran und hoffen doch noch eine zufrieden stellende Lösung zu finden.  Aber weh tun diese Rückschläge trotzdem, vor allem mir.

Habt ihr das Gefühl, dass das System, in dem ihr lebt Gleichberechtigung unterstützt?

Herzlichst,

Anna