Ich war lange Zeit ein wahnsinnig selbstkritischer Mensch. Selbst wenn ich alles gegeben habe, habe ich immer gedacht, ich hätte mehr geben können: im Job, in der Liebe, als Mama, in den Beeten im Garten. Es gab nie einen Grund dafür. Der einzige, der unzufrieden mit mir war, war ich. Zum Glück ist es viel besser geworden, ich glaube, das hat die Zeit gemacht. Und meine Kinder. An denen merke ich sofort, dass ich gut bin, auch wenn ich nicht perfekt bin. Aber klar erwische ich mich auch heute immer mal wieder bei Gedanken wie diesen: „Ich bin nicht gut genug, nicht schlank genug, nicht was weiß ich genug.“ Was mir dagegen hilft sind zwei Wölfe in meinem Kopf….

Da war diese Geschichte, die ich vor kurzem im Koala Mind-Podcast gehört habe, während ich abends joggte. Ein alter Mann erzählt sie am Lagerfeuer seinem Enkel: „In meinem Kopf“, erzählt er, „da wohnen zwei Wölfe. Die kämpfen immer mal wieder miteinander. Der eine Wolf, der ist rachsüchtig und wütend. Und voller Angst. Der andere Wolf ist liebevoll und friedlich.“ Sein Enkel hört gespannt zu. „Und?“, fragt er dann, „welcher Wolf gewinnt denn den Kampf?“

„Immer der, den ich füttere!“, sagt der alte Mann. „Wenn ich gegen den bösen Wolf kämpfe, dann füttere ich seine Wut immer mehr. Und ich verliere immer mehr Kraft. Ich höre also auf damit. Ich sehe ihn einfach bloß, akzeptiere, dass er da ist. Sehe ihn nicht mehr als Feind. Dadurch muss auch der Wolf nicht mehr kämpfen. Er kann sich hinlegen und einfach da sein. Ich nähre stattdessen den friedlichen Wolf, versuche den stärker zu machen. So, dass mich dieser Wolf durch mein Leben tragen kann. Als mein Guide durch den wilden Wald Leben.“

Ich liebe Geschichten – und diese besonders. Das Bild von den beiden Wölfen hilft mir, zu verstehen, wie gut es tut, Gefühle zu sehen und zu akzeptieren. Wie gut es tut, zu wissen, dass ich weiß, was ich fühle. Denn wenn ich weiß, was ich fühle, kann ich mich entscheiden, wie ich mit diesem Gefühl umgehen möchte. Das Gefühl bin nicht mehr ich – es liegt einfach da und ich kann es betrachten, wie die beiden Wölfe.

Ich kann mich entscheiden, welchen Wolf ich füttere. Entweder glaube ich mir selbst und dem Gefühl, nicht gut genug zu sein (und füttere damit den wütenden Wolf). In dem ich sogar meine Selbstkritik kritisch betrachte und ihr damit immer mehr Raum gebe. Sie also füttere. Immer ängstlicher werde. Oder aber ich füttere den mitfühlenden Wolf, in dem ich mit mir selbst mitfühlend bin, wenn meine Selbstkritik zum Vorschein kommt.

Die amerikanische Psychologin Tara Brach vergleicht das Gefühl, nicht gut genug zu sein, mit einem kleinen kläffenden Hund, der einem immer um die Füße herum hüpft und hysterisch kläfft. Immer wieder hochspringt, zuschnappt, immer mehr Aufmerksamkeit will. Wenn man anfängt, gegen den Hund zu kämpfen, seine Arme hochreißt, selbst springt, dann wird er immer aggressiver. Wenn du aber ruhig bleibst und aufhörst zu kämpfen, dann kann auch der kleine Kläffer ruhig werden. Sich hinlegen wie der Wolf im Kopf.

Es wird immer mal Zeiten geben, in dem wir glauben, wir wären nicht gut genug. Sobald wir aber das Gefühl der Selbstkritik für uns selbst als kleinen Kläffer sehen können, es akzeptieren, dass es da ist und sich ab und zu mal regt und aufhören, dagegen zu kämpfen, wird es besser. Dann können wir der Mensch sein, der wir alle sein möchten: Entspannt und zufrieden.

In meinen Kindern sehe ich manchmal auch kleine Wölfe. Die fauchen schon mal, aber meistens kuscheln sie sich an mich. Und oft gerade dann, wenn ich grad mal wieder dachte, ich sei einen Moment lang keine gute Mutter gewesen.

Und du? Wie selbstkritisch bist du? Und was ist deine Technik, es nicht zu sein?

Alles Liebe,

Claudi