Meine Freundinnen erzählen ihren Töchtern, dass sie alles tun können: Sie können Ballett tanzen oder Fußball spielen, Tutus tragen oder Latzhosen, im Matsch spielen oder Perlen fädeln. Sie dürfen davon träumen Lehrerin, Astronautin oder Physikerin zu werden. Ich finde das großartig. Ich finde allerdings, bei den meisten Söhnen gibt es da noch Nachholbedarf. Ich frage mich, wie bitte sehr erziehen wir moderne Jungs? Jungs, die diese modernen Mädels gern als Partner wollen…
vier Jungs, gender, Gleichberechtigung
In der New York Times entdeckte ich vor einer Weile einen spannenden Artikel dazu. „How to raise a feminist son“, so der recht reißerische Artikel, den ich ein wenig übertrieben finde. Ich finde nämlich nicht, dass wir Jungs alles Wilde absprechen und sie allesamt zu Mädchen machen sollten (zu Mädchen, die wir ja in vielen Aspekten gar nicht traditionell als Mädchen erziehen.) Vieles finde ich aber wunderbar in dem Text. Vor allem den Hinweis: „Wenn wir uns eine gleichberechtigte Gesellschaft wünschen, in der jeder sich frei nach eigenen Wünschen entfalten kann, dann müssen wir auch unseren Jungs mehr Optionen geben. Wie die amerikanische Frauenrechtlerin Gloria Steinem sagt: „Ich bin froh dass wir anfangen unsere Töchter ein wenig mehr wie Söhne zu erziehen. Aber es wird nicht funktionieren, wenn wir nicht anfangen unsere Söhne ein bisschen wie unsere Töchter zu erziehen.“

Ein Beispiel aus dem Artikel: Laut Studien weinten kleine Jungen und Mädchen gleich viel. Bis sie ungefähr fünf Jahre alt sind. Dann bekämen die Jungs gesagt, dass Angst zwar okay sei, aber das sie ihre Gefühle besser nicht zeigen sollten. Tony Porter, Gründer einer amerikanischen Bildungsorganisation für Jungs, drückt es drastisch aus: Mädchen dürften Menschen sein. Jungs Roboter. Ein erster Tipp daher, um Jungs modern zu erziehen: Ihnen sagen, dass es okay ist, Gefühle zu zeigen. Die ganze Bandbreite: Trauer, Wut, Begeisterung, Freude, Angst.

In dem Artikel gibt es noch mehr Tipps, Jungs beste Vorraussetzungen zu geben, zu starken, toleranten, liebevollen, fürsorglichen und dennoch coolen jungen Männern zu werden. Meine Favoriten:

Gute Vorbilder auswählen
Ich habe einen meiner Söhne mal die Fußballgruppe wechseln lassen, weil der alte Trainer, wenn einer der Jungs mal weinte, immer rief: „Bist du ein Mädchen, oder was?“ Ein richtiger, wichtiger Schritt wie ich finde. „Mädchen“ sollte nie und nimmer ein Schimpfwort sein. Außerdem zeigen Studien, dass Jungs sich noch mehr am Verhalten von Rollenvorbildern orientieren als Mädchen. Wir erziehen sie also hauptsächlich durch unser Verhalten.

Selbstbewusstsein stärken
Ich finde es so schade, aber die Industrie produziert wieder geschlechterspezifischer als noch vor 30 Jahren: es gibt Sandspielzeug als Set in rosa mit Schloss und eins in Blau mit Bagger. Wie langweilig. Ich hab schon mal zwei Sets gekauft und sie einfach neu durchmischt: so hatte jeder ein paar Teile in Blau und ein paar in Rosa. Wenn man genauer hinschaut, findet man die ganze Bandbreite: gelbe, rote, grüne Eimer, Schaufeln, Gießkannen. Wir haben neben einer orangenen und einer blauen eine pinke Zahnbürste mit Conny im Bad stehen. Von einem meiner Jungs selbst ausgesucht. Ermuntern wir sie dazu. Lassen wir ihnen die (nicht vorsortierte) Wahl.

– Ihnen beibringen, sich um sich selbst zu kümmern
Wenn wir uns für unsere Töchter und Söhne gleichberechtigte Beziehungen wünschen, müssen wir auch unsere Söhne in die Hausarbeit mit einbeziehen. Bringen wir ihnen bei, wie man Fenster putzt, kocht, näht. Der Artikel in der Times zitiert eine Studie, nach der amerikanische Mädchen zwischen zehn und siebzehn Jahren pro Woche zwei Stunden länger im Haushalt helfen als die Jungs. Noch mehr erschrocken hat mich, dass Jungs dafür aber um 15 Prozent häufiger für diese Mithilfe bezahlt werden.

– Ihnen beibringen, sich um andere zu kümmern
Ermutigen wir sie, einem kranken Freund mal eine Suppe zu kochen. Lassen wir sie sich um kleinere Geschwister oder ein Tier kümmern. Zeigen wir ihnen, wie man für jemanden sorgt.

Die Arbeit zu Hause teilen
Wenn nur Papa arbeiten geht, wenn Mama immer kocht und Papa immer das Rad repariert, sind die Rollen stumm gelernt. Da kann man nebenbei noch so viel über Gleichberechtigung erzählen. Tauschen wir mal die Rollen, nicht nur uns, auch unseren Kindern zuliebe.

Freundschaften zu Mädchen fördern
Meine Söhne haben bislang immer auch Mädchen zu ihren Geburtstagen eingeladen. Mein Mann sein ganzes Leben lang. Zum Glück. Ich finde es immer wieder spannend, wie anders meine Söhne manchmal mit Mädchen spielen als mit ihren Freunden. Was für neue Welten ihnen geöffnet werden. Und wie gleich beim nächsten Mal. Außerdem: Wer als Junge immer mit Mädchen befreundet war, wird ab der Pubertät seltener dazu neigen, Frauen als bloße sexuelle Objekte zu sehen.

Intoleranz nicht tolerieren
„Nein bedeutet Nein“, das müssen unsere Söhne lernen, beim Toben mit Freunden – auch beim Toben mit Papa. Und die Ausrede: „Es sind eben Jungs“ ist keine Entschuldigung für schlechtes Benehmen.

Viel lesen, über Jungs und Mädchen
Wer sagt, dass ein Buch für Mädchen ist, nur weil es eine weibliche Hauptprotagonistin hat? Ich glaube, solange es eine gute Geschichte ist, spielt das überhaupt keine Rolle. Meine Jungs lieben Geschichten von Pippi, Conni und neuerdings von Ida aus der „Schule der magischen Tiere“. Ob das jetzt Mädchenbücher sind – die Frage kam hier noch nie auf. Und wenn in einem Buch Stereotype vorkommen – sprechen wir doch einfach mal drüber. In dem wir viel mit unseren Jungs lesen und mit ihnen sprechen, fangen wir nämlich auch ihre angeblichen Defizite in Deutsch auf.

Jungssein zelebrieren
Zu guter letzt ermutigt der Artikel dazu, dass Jungs Jungs sein dürfen, sprich ihr Jungssein auch zelebrieren sollen. Und das finde ich richtig gut. Also lassen wir sie wild spielen, wenn immer es geht, lassen wir sie um die Wette rennen, auf Bäume klettern. Ermutigen wir sie, stark zu sein – stark genug ihre Gefühle zu zeigen. Lassen wir sie mutig sein – mutig genug um gegen Intoleranz anzukämpfen. Und ermutigen wir sie selbstbewusst zu sein – selbstbewusst, um die Interessen auszuleben, auf die sie Lust haben.

Was wollt ihr euren Söhnen (und Töchtern) noch mit auf den Weg geben?
Alles Liebe,

Claudi