Sie ist für mich die Mary Poppins im Netz: Fliegt von Youtube zu Chatroom, von Whatsapp zu App und ist überhaupt immer da, wo man sie braucht. Sie hat lächelnd jede Menge gute Ideen für einen stressfreien Umgang mit Kindern und Internet – und bleibt dabei auch noch selbst bewundernswert ruhig. Wenn etwas brenzlig wird, probiert sie es für uns aus – und erzählt uns anschließend davon. Voilá: Meine Kollegin Leonie Lutz schreibt nicht nur den schönen Blog „Minimenschlein“ – seit einer Weile bietet sie auch Medienkompetenzkurze an. Und sie gibt uns auf ihrem Instagram-Kanal kostenlos jede Menge Tipps, wie wir unsere Kids online schützen können, wenn sie längst zum nächsten Problem fliegt…

Wasfürmich: Leonie, wie bist du darauf gekommen, „Kinder digital begleiten“ zu gründen?
Leonie: Das lag irgendwie nahe. Ich bin seit 2003 fast ausschließlich fürs Netz tätig, hab als Redakteurin für verschiedene Online-Redaktionen gearbeitet und im Bereich Producing Digital-Angebote konzipiert und realisiert. Wenn man sich von Berufs wegen also ständig mit Apps und digitalen Inhalten beschäftigt, wird man zum Ansprechpartner für andere – in meinem Fall waren das die befreundeten Eltern durch die Freunde meiner großen Tochter. Vor allem als es losging mit Smartphone und konkret TikTok, Snapchat, Instagram traten Freunde mit Fragen an mich ran. Gleichermaßen war es einigen aber auch zu zeitintensiv, sich selbst mit allem zu beschäftigen. So entstand meine Idee, Grundwissen für Eltern zu bündeln. So kompakt wie möglich, aber so informativ wie nötig. Nach etwas über neun Monaten hatte ich zwei Onlinekurse fertig – für Eltern von Kindergarten- und Vorschulkinder und für Eltern von Grundschulkindern & Teens.
Wasfürmich: Das klingt wahnsinnig aufwendig. Wie stellt man so einen Onlinekurs auf die Beine?
Leonie: Diese Frage habe ich mir auch kurz gestellt und bin dann aber zum Glück einfach mit meinem Programmierer zusammen ins kalte Wasser gesprungen. Die Sache ist ja die: Du kannst durch die Schulen gehen und Elternabende abhalten, was ich auch mache, aber dann erreichst du nur einen Bruchteil an Eltern. Die müssen sich extra Zeit nehmen für den Abend und einen Babysitter organisieren. Ein Onlinekurs hat den Vorteil: Du bist einmal dabei und kannst jederzeit wieder einsteigen. Auch Monate später. Niemand drängt dich zu einem Termin, du bestimmst das Tempo selbst. Dann, wenn du Zeit und Muße hast. Oder dann, wenn du gerade ein Problem hast, das du notfallmäßig lösen möchtest. Ich habe die Inhalte als Podcasts oder Videos aufbereitet, sodass man sie auch nebenbei mal hören kann. Alle Kapitel geben dann konkrete Tipps in PDFs, die Eltern sich dann punktuell herunterladen können. Ich wollte es so einfach wie möglich halten. Viel Wissen, solide Inhalte, aber vor allem Learnings für die Eltern, wo sie nicht nur sagen: Das wusste ich ja noch gar nicht! Sondern auch sagen können: Ich fühle mich sicherer durch das neue Wissen. Und wenn Eltern im Thema sind, dann bedeutet das natürlich auch mehr Schutz für die Kinder, weil die Dinge besprochen werden.
Wasfürmich: Ich erinnere mich, dass du am Anfang, getarnt als Kind, ganz viel ausprobiert hast im Netz, stimmt’s?
Leonie: Richtig, meine Recherche als Kind im Netz bildet eine Säule. Die kam auch direkt von Anfang an ins Boot. Ich habe also überall Accounts so angelegt, wie Kinder es NICHT tun sollten, nämlich indem durch meinen Nutzernamen jede Menge Informationen ablesbar waren: Geschlecht, Name, Wohnort. Das wäre also so, wie wenn ich mich nennen würde: Leonie12auskoeln dann habe ich einem potenziellen Täter schon eine Menge Infos geliefert: Leonie ist weiblich, 12 Jahre alt und kommt aus Köln. Und so in etwa habe ich meine Parallel-Recherche gestartet.
Wasfürmich: Uff, das klingt gruselig. Machst du das immer noch?
Leonie: Ja, ich bin immer noch als Kind im Netz unterwegs, aber nicht mehr täglich. Da kommt irgendwann auch der Punkt, da muss man auf sich selbst aufpassen, sich schützen, und auch mal zurückziehen … Aber ich lerne dadurch die Gefahren kennen. Dieser praktische Einblick ist für meine Arbeit super wichtig.
Wasfürmich: Was war die gruseligste Erfahrung?
Leonie: Es gab eine Menge gruseliger Erfahrungen. Besonders tragisch waren die Cybergrooming-Fälle, also die sexuelle Anbahnung in Chats mit der Absicht einer sexuellen Handlung. Das habe ich fast überall erlebt. Mal zurückhaltender, oft aber auch massiv. Ich spreche hier von pornografischen Inhalten, die Cybergrooomer an mich geschickt haben, in der Annahme, ich sei ein Kind.
Wasfürmich: Hat sich dein Verhalten zu digitalen Medien durch deine Arbeit geändert?
Leonie: Ganz wichtig: Ich finde digitale Medien großartig. Aber sie bergen eben auch Gefahren. Es ist ja auch nicht so, dass soziale Netzwerke oder andere Apps per se schlecht sind, es sind eher die Menschen, die sie für schlechte Handlungen benutzen. Und von diesen Dingen berichte ich in meinen Kursen, damit Eltern wissen: Mein Kind will sich App XY runterladen, ich kann dir mir jetzt nach den vorgeschlagenen Punkten aus dem Kurs angucken und dann mit meinem Kind die Sicherheitseinstellungen wie Privatsphäre etc. einrichten. So werden auch Kinder davon profitieren, weil man ohne Angst und mit Wissen an das Thema rangeht. Das geht aber nur, wenn Eltern mehr beibringen können als „so verschickt man eine E-Mail“.
Wasfürmich: Hat sich dein Umgang mit deinen Kindern in Bezug auf digitale Medien seither geändert?
Leonie: Eigentlich eher nicht, weil ich immer schon ein Auge darauf hatte. Nicht kontrollierend, eher interessiert, weil mir Chancen wie Gefahren seit Jahren bekannt sind.
Meine große Tochter wird in diesem Jahr 17, sie muss nicht mehr klassisch begleitet werden, sie erzählt mir aber von Erlebnissen, neuen Trends, Apps oder was ihre Freunde im Netz erleben. Dieser Austausch ist Gold wert, davon können Familien enorm profitieren. Oft wird alles Digitale ja nur als böses Schreckgespenst gesehen, und Eltern fahren sofort hoch:  „Verdammt noch mal, was surfst du da solange?“ Da rate ich: Macht lieber mit! Entdeckt die Apps gemeinsam mit euren Kids, redet beim Abendessen auch mal über die Online-Erlebnisse der Kids, positiv wie negativ. Trennt die Welten nicht so akribisch. Habt Regeln, aber seid auch bereit, sie zu ändern, zu lockern. Im Prinzip ist es nämlich recht simpel: Kenne ich als Mutter oder Vater gewisse Mechanismen, Gefahren, Stolpersteine, kann ich mein Kind dann darauf vorbereiten, wenn der Zeitpunkt gekommen ist. Mein Kind wird sich mir dann anvertrauen, weil es mich als Ansprechpartner auf Augenhöhe versteht.
Wasfürmich: Hast du seit dem Projektstart mehr Mediensorge oder weniger?
Leonie: Weniger. Weil ich ja nun weiß, ob, wie, wann und wo ich begleiten sollte. Weil ich weiß, welche Apps gut und auch pädagogisch wertvoll sein können. Und weil ich mehr Wissen habe, als meine Kinder. Sorgen machen mir auch nicht die digitalen Medien als solche. Sorgen macht mir eher die missbräuchliche Verwendung. Von Kriminellen oder aber anderen Menschen, die mobben, haten, Fake News verbreiten oder für Kinder verstörende Kettenbriefe in Umlauf bringen.
Wasfürmich: Was ist deine größte Sorge im Hinblick auf digitale Medien?
Leonie: Eine persönlich begründete Sorge ist der digitale Fußabdruck, den ich meinen Kindern einfach so verpasst habe. Ich habe vor fünf Jahren meinen Blog MiniMenschlein gegründet und seitdem viele Texte veröffentlicht. Etwa die Hälfte derer habe ich im Nachgang entfernt. Ich wollte ursprünglich mit meinen Texten für Austausch sorgen oder Gleichgesinnte ermutigen. Das gelang, keine Frage. Aber mittlerweile stellen sich mir andere Fragen: Was denken meine Kinder, wenn sie das in zehn Jahren lesen? Findet die Kleine gut, was ich über ihr Schlafverhalten geschrieben habe? Ich habe etliche Studien zum Thema gelesen und die sind ganz unterschiedlich, im Kern aber sind mir die Aussagen von Kindern im Gedächtnis geblieben, die sich teilweise dafür geschämt haben, was ihre Mütter geschrieben hatten. Insofern achte ich jetzt noch mehr darauf, was ich teile und worüber ich schreibe.
Wasfürmich: Wie sollte ich in Sachen Mediennutzung reagieren? Ich gebe zu, ich fahre ja manchmal auch gleich hoch, wenn ich einen meiner Söhne mit dem Laptop sehe. Durchatmen, ruhig bleiben und Interesse zeigen wäre wahrscheinlich besser …
Leonie: Ja unbedingt. Also keinesfalls panisch werden, dazu gibts ja nicht per se einen Grund. Laptops kann man wunderbar mit vorinstallierten Kindersicherungen versehen und dann auch ganz konkret mit dem Kind besprechen, welche Seiten, welche Angebote benutzt werden dürfen. Cool ist natürlich immer, wenn Eltern sich auskennen und Alternativen aufzeigen können. Statt Google eher Kindersuchmaschinen, statt Onlinegames zum Beispiel lieber die Spiele-Seiten von Blinde Kuh. Und auch YouTube empfehle ich nicht, es gibt genügend sichere Alternativen mit geprüften Inhalten, die eine Redaktion zusammenstellt.
Wasfürmich: Das klingt gut. Trotzdem schüttelt es mich bei der Vorstellung, mir ein paar dieser Sachen stundenlang selbst anzugucken. Setzt du dich echt dazu, wenn deine Tochter surft und schaust dir das mal länger an?
Leonie: Bei meiner großen Tochter kaum noch, es sei denn, sie zeigt mir konkret etwas oder will sich irgendeine neue App runterladen. Bei der Kleinen aber schon. Aber wenn sie sich zum Beispiel in der Maus-App aufhält, dann nicht. Da weiß ich, dass sie sicher ist. Die Kleinste hat ja auch noch keine Schreib- und Lesekompetenz, was sie natürlich schützt. Sie hat eine kleine Auswahl an Apps, aus denen sie wählen darf. Wenn wir – aus welchen Gründen auch immer – mal etwas bei YouTube nachschauen, zum Beispiel, weil wir uns angucken möchten, wie Imker arbeiten, dann bin ich dabei. YouTube ist echt so eine Sache, da sollten Kids nicht unbegleitet ran, weil dort zu viel Mist unterwegs ist.
Generell brauchen jüngere Kinder mehr Begleitung im Sinne von Nähe, weil sie mitunter viele Fragen haben. Und fehlt mir die Zeit, mich danebenzusetzen, kann ich immerhin daraufhin achten, was mein Kind konsumiert: Auf welcher Plattform bewegt es sich? Wie sind die Mechanismen des Onlinespiels? Ist es wirklich kindgerecht oder sieht es nur auf den ersten Blick so aus? Diesen Themen widme ich mich auch in meinen Kursen und gebe insbesondere auch in Bezug auf Kinderapps und gute Inhalte Hinweise, woran Eltern diese erkennen können. Es ist nicht alles schlecht, es gibt gute Angebote, gute Websites, pädagogisch wertvolle Apps. Wir wissen nicht, welche Berufe unsere Kids einmal erlernen werden und welche Berufe es dann überhaupt gibt. Vieles birgt große Chancen, auch für später.
Wasfürmich: Was sind deine drei No-Gos in Sachen Kinder und Medien?
Leonie: No-Gos sind für mich 1. permanente Kontrolle, also wenn Eltern auch die Nachrichten ihrer Kinder lesen, ohne vorher gefragt zu haben. 2. Panische Verbot, weil sie meist unbegründet sind und Kinder das nicht verstehen, wenn Eltern ihnen nicht nachvollziehbare Argumente liefern können. Und natürlich 3. die digitalen Interessen eines Kindes nicht ernst zu nehmen, sie zu belächeln oder zu verbieten, weil es „ein Spiel“ ist und man vielleicht Angst vor Sucht hat. Angst ist kein guter Begleiter. Was sich auszahlt, ist Interesse. Und Wissen. Dann begegnen Eltern ihren Kindern auch im Digitalen auf Augenhöhe und Kinder müssen nicht das Gefühl haben: Meine Eltern haben doch eh keine Ahnung!
Wasfürmich: Welche digitalen Medien nutzen deine Töchter, die ja mit 6 und 16 vom Alter sehr unterschiedlich sind?
Leonie: Meine kleine Tochter nutzt das Familien-Tablet mehrmals in der Woche, die Große ihr eigenes Smartphone und einen Laptop.
Wasfürmich: Wie lange dürfen deine Töchter digital unterwegs sein?
Leonie: Meine große Tochter reglementiere ich allenfalls noch nachts, wenn ich denke: Jetzt ist aber mal Schlafenszeit. Dann muss das Gerät in den Flur. Tagsüber reguliert sie sich da mittlerweile selbst. Viele Chats, gerade bei WhatsApp, hat sie stumm geschaltet. Gerade die Klassenchats, in denen bis zu 500 Nachrichten in 24 Stunden auflaufen, können ja zum echten Stressfaktor werden. Die Medienzeiten bei meiner kleinen Tochter halte ich individuell. Wenn die Inhalte gut sind, darf sie auch nach der Sendung mit der Maus in der Maus App etwas nachgucken oder spielen.
Wasfürmich: Dürfen sie es jetzt – während Corona – länger? 
Leonie: Absolut. Die Kleinste hat verschiedene Medienzeiten momentan. Täglich um 11.30 Uhr schaut sie die Maus, zwischendurch hört sie Hörspiele, alle zwei bis drei Tage spielt was in einer Kinder-App. Gerade in den jetzigen Zeiten müssen wir alle die Nerven behalten. Dazu gehört für mich auch, digitale Regeln in Bezug auf die Nutzungszeiten zu lockern. Wie gesagt: Wichtiger ist, was die Kids spielen oder gucken.
Wasfürmich: Was sind deine drei liebsten Internetseiten für Kids?
Leonie: Generell empfehle ich gerne die öffentlich-rechtlichen Angebote. kikaninchen.de für die Kleineren, kika.de für junge Grundschüler und Magazine wie „Zzzebra“, Geolino oder kindersache.de für ältere Grundschulkinder.
Wasfürmich: Und deine drei liebsten Apps?
Leonie: Für die Kleinen „Kleiner Fuchs Tierarzt“, für Vorschulkinder „Squirrel&Bär“, für Grundschulkinder „Professor Astrokatz“.
Wasfürmich: Hast du sonst noch einen guten Mary-Poppins-Internet-Tipp? Ein Löffelchen voll Zucker, quasi…? 
Leonie: Oh ja, was wir öfter gemeinsam machen und ab Vorschulalter prima ankommt, sind kurze Stop Motion Videos, die wir mit der kostenlosen App „Stop Motion Studio“ erstellen. Und Thinkrolls als Spiel macht uns allen großen Spaß!
Danke Mary, ach was Leonie. Du bist ne Wucht!
Mehr Infos zu Leonies Medienkompetenzkursen findet ihr hier.
Alles Liebe,
Claudi