Ich bin vor allem wütend auf mich selbst, wenn ich wütend bin. Also hinterher, wenn mein Herz nicht mehr ganz so laut ist, nicht mehr ganz so schnell rast. Klar bin ich auch meistens wütend auf noch jemanden. Aber immer noch wütender, dass ich mal wieder nicht hinbekommen habe, meine Wut runterzuschlucken. Wut ist out, sie ist kein schönes Gefühl, keiner spricht so wirklich drüber. Während es auf Instagram über 770K Einträge zu Achtsamkeit gibt, gibt es bloß knapp 500K zu Wut. Wut ist out – manchmal habe ich das Gefühl, alle schaffen es sie wegzuatmen oder wegzumeditieren außer ich…

Falls ihr auch manchmal wütend werdet, vielleicht gerade jetzt, wo wir alle so viel zuhause sind und mal wieder merken, dass Familie eben bloß ein paar Prozent Bullerbü ist, dafür aber ganz oft ganz schön viel Psychothriller, da könnte es nicht nur mir helfen, offen mit meiner Wut umzugehen. Also ich gebe es zu: Ich bin ab und zu wütend. Auf meine Kinder, meinen Mann, das Leben, die Kollegen, alles. Ich brülle auch mal und tobe. Hinterher entschuldige ich mich dafür und spreche mit meinen Kindern darüber, wie ich (und sie?) mit Wut besser umgehen können. Ganz ehrlich, ich habe immer bloß dann ein richtig schlechtes Gefühl, wenn ich gerade mal wieder zu viele Instagram-Accounts durchgeguckt habe, auf denen scheinbar nie jemand wütend wird.

Meine ganze Familie ist übrigens ab und zu mal wütend. Hier wurden bereits Gläser geschmissen, Stühle umgerissen, gehauen, getrampelt, geschrien, gekniffen, sich auf dem Boden geschmissen – wer genau wozu neigt, bleibt unter uns. Mir ist wichtig: gemeinsam immer wieder darüber sprechen, dass wütend sein okay ist, aber das wir lernen müssen, damit gut umzugehen. Ich auch, immer wieder. Mit meinen Kindern mache ich es doch genauso. Ich spiegele ihr Verhalten, spreche für sie aus: „Ich sehe, du bist richtig wütend. Das ist okay. Du weißt ja, ich bin es auch manchmal.“ Und dann versuche ich ihnen Möglichkeiten zum Wutrauslassen aufzuzeigen. In ein Kissen boxen. Oder ins eigene Zimmer gehen und einmal laut schreien zum Beispiel. Ich selbst schaffe es leider nicht immer in mein Zimmer, verdammte Kiste.

Der Psychologe Dr. Boris Bornemann erklärt in der aktuellen FLOW gerade kurz und knapp und sehr gut, was Wut eigentlich ist. So gut, sich das einfach noch mal bewusst zu machen. Er schreibt: „Wut entsteht, wenn wir in einem wichtigen Bedürfnis frustriert werden. Wir wollen zum Beispiel respektiert werden, aber jemand beleidigt uns. Oder wir wollen es friedlich haben, aber ein Rasenmäher macht ein Höllenlärm. Evolutionär hat sich die Wut entwickelt, um in solchen Situationen Energie zu bekommen und gegen die Personen oder Hindernisse anzugehen (…).“ Neben körperlichen Effekten der Wut, wie schneller Herzschlag und Anspannung, liege der Fokus auch plötzlich sehr stark auf einem Menschen oder Umstand der dieses Gefühl auslöse. Es komme zu einem Tunnelblick.

Ganz genau so wars hier: Gestern, im Lagerkollerchaos, mitten zwischen Kissenburgen, zerkrümeltem Kuchen, umgekippter Kakaopackung, Dauerhörspielbeschallung, Legosteinpfützen und nicht weggeräumten Käse- und Milchpackungen betrachte ich unser Wohnzimmer wie durch ein kleines Passpartout aus meinen Daumen und Zeigefingern. Ich sehe bloß noch den Ausschnitt, der mich wahnsinnig macht. Nicht Sohn eins, der fasziniert Hörspiel hört, nicht Sohn zwei, der eine Kissenhöhle baut, nicht das schöne neue Bild unter den Krümeln von Sohn drei. Schon gar nicht, wie gut wir es haben, dass wir uns haben und gesund sind.

Einen Tipp von Psychologe Boris Bornemann würde ich mir am liebsten per Post-it auf die Stirn kleben: Erstmal tief durchatmen. Klar habe ich das schon oft probiert, manchmal klappt es, manchmal nicht. Aber die Wut zulassen, in meinen wütenden Körper reinzuspüren tut auf jeden Fall gut – und lenkt ab. Mir hilft verrückterweise noch: Erst ein Passpartout aus Daumen und Zeigefingern formen, es dann ganz bewusst herunternehmen und die Finger hinter meinem Rücken aneinander zu drücken. Also mich darauf konzentrieren, ganz bewusst das große Ganze zu sehen, und nicht bloß den Ausschnitt, der mich gerade stört. Gestern wäre das große Ganze zum Beispiel gewesen: Wir sechs, ganz eng zusammen, alles total gemütlich und dazu das Chaos, das wohl zwangsläufig dabei entsteht, wenn man als Eltern versucht, auch noch mal sein Ding zu machen.

Laut Boris Bornemann ist die hohe Kunst im Umgang mit Wut, die Energie daraus zu nutzen, ohne zerstörerisch zu werden. Dafür müssen wir überlegen, welches Bedürfnis gerade die Wut ausgelöst hat. In meinem Fall: mein Bedürfnis nach Ruhe, Ordnung und Struktur. Sprich: ich kann tief durchatmen, mein Passpartout herunterreißen, den ganzen Raum sehen und mir klar machen, dass das hier eine Ausnahmesituation ist. Dann kann ich die Pausetaste beim Hörspiel drücken und den anderen ganz ruhig mitteilen, dass ich mich so nicht wohl fühle und alle auffordern, kurz gemeinsam Ordnung zu schaffen. Hinterher vielleicht ein gemeinsames Spiel in Aussicht stellen.

Was mir auch noch hilft, gerade jetzt: meine Zeit einteilen, das klar kommunizieren und mich selbst dran halten. Also meinen Kindern ganz klar sagen: Jetzt arbeite ich für eine Stunde (oder mache Wäsche oder was auch immer), dann lese ich dir ein Buch vor, dann koche ich, dann spiele ich mit dir. Und dann beim Kochen oder Spielen wirklich nicht mehr mal eben kurz eine Handynachricht beantworten. Sonst werden meine Jungs nämlich zu Recht wütend…

Hier noch ein wunderbarer Artikel über Wut, vor allem auch darüber, dass sie selbstverständlich geschlechtsneutral ist! Und ich mag Teresa Bückers Satz: „Wir können Wut als Teil von uns akzeptieren, denn sie ist nicht das Böse, sondern erzählt uns davon, was wir brauchen und was uns ganz macht.“

Haltet durch! Alles Liebe,

Claudi