Ich hatte es ewig vor mir hingeschoben. Nach Weihnachten wollte ich es tun. Okay, Mitte Januar. Ach komm die Woche drauf. Ganz bestimmt übermorgen. Vor mir hergeschoben wie die Steuerklärung. Bloß, dass die bloß nervt, ein bisschen Kopfweh macht. Aber nicht so ein dumpfes Drücken im Bauch…
Abstillen, Wie stille ich ab?
Es war mir bei jedem Kind schwer gefallen. Aber dieses Mal war es am Schlimmsten. Ich habe 14 Monate gestillt – und vom Herz her hätte ich es gern noch eine Weile länger gemacht. Der Kopf, der Liebestöter, wollte es anders. „Du fängst bald wieder an zu arbeiten…“, hat er immer wieder geraunt. „Willst du das unruhige Gesauge dann wirklich die ganze Nacht? Stell dir das vor, der rumpelt rum, du legst ihn von links nach rechts und von rechts nach links und um sechs musst du raus, fit sein. So richtig fit. Nicht bloß in-den-Kindergarten-bring-fit. Und: „Er ist doch schon so groß. Willst du warten bis er sagt: Her mit der Minibar, Mama!“

Das Letzte war nicht mein Kopf. Das waren die anderen Leute. Gern flüchtige Bekannte. Was die sagen, wär mir ziemlich egal gewesen. Aber mit dem Kopf muss ich noch ´ne Weile klar kommen, den wollte ich nicht ganz umgehen.

Ich habe das Stillen geliebt. Am Anfang war es jedes Mal schwierig und ein Kampf, aber nach einer Weile hat es wunderbar funktioniert und war so herrlich praktisch. Ich habe die Zwangspausen genossen, gerade jetzt, bei meinem Dritten. Das Kind hat Durst? Spitze. Also hop hop Zwangs-Kuscheln. Übrigens auch eine gute Ausrede, wenn mal irgendwo ein Gespräch langweilig war (hups).

Stillen war so schön. Die Nähe. Der sanfte Druck. Die Wärme von butterweichem Haarflaum auf der Haut. Die kleine Hand auf meiner Blusenknopfleiste. Oder gleich im Ausschnitt. Dieses schnalzende Glucksen. Die langen Beine, die zum Schluss weit über meinen Schoß hinausragten. Und nicht zuletzt: die absolut sichere, einschläfernde Wirkung morgens um sieben am Wochenende. Herrlich war das.

Ich glaube, wenn er nicht plötzlich angefangen hätte zu beißen, hätte ich den Abrsprung nicht geschafft. Ausgerechnet zwischen Weihnachten und Neujahr war er erkältet und bekam Zähne. Ich wollte eigentlich die Feiertage nutzen, um mich in Ruhe brustzuverabschieden. Aber dann tat es so weh, dass ich am liebsten von einer auf die andere Mahlzeit abgestillen wollte. Und dann doch wieder nicht. Es vor Schmerz aber nicht aushielt.

Ich habe sogar noch gegoogelt, wie das mit dem Beißen und dem Stillen ist. Man könne es wieder abgewöhnen, stand da. Mit viel Ruhe. Aber hey, doch nicht, wenn man in zwei Wochen sowieso abstillen wollte. Ich las, dass es vielleicht an den vielen neuen Zähnen lag, dass er plötzlich biss, vielleicht auch an den Halzschmerzen. Mein Kopf jauchzte, klar. „Das ist doch die ideale Abstillchance!“ Ich schluckte. Aber ich saß jedes Mal beim Stillen da, wartete angespannt auf das Zubeißen – und versuchte es dennoch zu genießen. „Vielleicht ist dieses Mal das letzte Mal“, dachte ich jedes Mal und versuchte mir genau einzuprägen, wie ich da saß – im Bett oder auf dem Sofa, mit Tee oder nicht, ob die Kinder tobten oder es ganz ruhig war. Zehn oder zwölf Stillmale habe ich so kopfgepeichert.

Der Kleine und ich verbrachten drei unruhige Nächte zu zweit im Gästezimmer, in denen er jammerte und weinte und schrie und an mir zerrte und ich ihn streichelte und tröstete und schluckte und Abschied nahm von dieser besonderen Zeit. Einige sagten, ich solle das meinen Mann machen lassen, das mache es sicher einfacher. Aber irgendwie war das Stillding mein Ding. Ich hatte es angefangen, also musste ich es auch beenden. Nach drei Tagen war das Schlimmste durch. Das Beißen auch. Ich habe dann noch zwei Wochen nur abends gestillt und darauf geachtet, dass er nicht mehr an der Brust einschläft. Das war am Anfang hart, ging aber Abend für Abend besser. Wenn er sich dann unruhig in seinem Bettchen gewälzt hat, bin ich bei ihm geblieben, hab ihn gestreichelt und getröstet. Und ja, ich konnte diese letzten Male doch noch so richtig genießen. Den ganzen Tag habe ich mich auf diese wenigen Stillminuten gefreut. Irgendwann war da plötzlich der Gedanke, ich glaub, jetzt kriege ich es hin. Ich hab mich hingesetzt und ein letztes Mal gestillt. Ganz bewusst, wie die letzte Zigarette, die man raucht, bevor man für immer damit aufhört. Dann hab ich ihn in sein Bettchen gelegt, mein Spiegelbild im dunklen Fenster darüber angeguckt und mich gefragt, ob ich traurig war. Aber es war okay.

Ich stille jetzt seit rund vier Wochen nicht mehr. Es ist schade. Aber: es ist auch befreiend. Wir waren schon einmal tanzen, der Mann und ich und einmal ohne Kinder bei Freunden. Und: ich weiß jetzt, dass mein Kleiner doch nicht mäkelig ist beim Essen, wie ich immer dachte. Er war einfach Milchaholiker. Hat sich schön durch den Tag gehungert, um nachts so richtig Gas geben zu können an der Minibar. Dieser Schlawiner. Noch was, hier wird jetzt viel mehr geschmust, gesungen und gekitzelt. Und das ist auch wunderschön.

Verratet ihr mir wie das Abstillen bei euch war? Oder habt ihr es noch vor euch? Habt ihr Tipps? Ich würde mich freuen, eure Meinung zu hören.

Liebste Grüße,

Claudi