Meine Hand mit dem randvollen Nudel-Teller schwebt noch über dem Platz meines Jüngsten, da krakeelt schon seine Schwester los: „Das ist sooo ungerecht – immer kriegt der Kleinste zuerst!!“ Das ist glatt gelogen. Es gibt bei uns keine festgelegte Reihenfolge, welches der drei Kinder zuerst seinen Teller bekommt. Auch kein wiederkehrendes Rotationsprinzip. Weil: In meinem Leben gibt es oft Dringlicheres zu bedenken. Im Leben meiner Kinder aber nicht. Das dreht sich gefühlt die Hälfte der Zeit um Gerechtigkeit. Genauer: Wer von ihnen sich gerade ungerecht behandelt fühlt – aus welchem nichtigen Grund auch immer.

Natürlich ist mir familiäre Gerechtigkeit nicht generell unwichtig. Im Gegenteil: Dass geschwisterliche Gleichbehandlung ein sensibles Thema ist, war mir von Anfang an klar. Aber welchen Sprengstoff es im täglichen Miteinander bedeutet, darüber verzweifele ich immer wieder aufs Neue. Ich dachte mal, es würde reichen, jedem an der Eisdiele ein Hörnchen zu kaufen oder für Geburtstagsgeschenke annähernd den gleichen Betrag aufzuwenden. Weit gefehlt.

Es ist, als würden jedes Kind akribisch Protokoll darüber führen, wer was zu welchem Zeitpunkt bekommt.

Kekse, Zuwendung, Hörspiel-Auszeit. Dafür brauchen sie weder Zettel noch Papier. Nur den rivalisierenden Geschwister-Blick, der überdeutlich alles sieht, was die anderen haben – und sie selber gerade nicht. Und zwar ganz gleich, ob sie den Gegenstand des Streits überhaupt mögen.

Sprich: Wenn die Jungs zur Teezeit Cookies futtern, zieht Mademoiselle einen Flunsch. Weil sie „nur Schokolade mag, das weißt du doch, Mama!!“ Bevor das Gezeter richtig losgeht, werfe ich also noch Schoki in den Ring. Auf die sich – o Wunder – auch die Brüder mit Begeisterung stürzen. Und dann geht das Gezeter richtig los. Weil: Die Jungs hatten ja auch schon Kekse. Lautes Heulen, Türenknall, dicke Luft. Das sind Momente, in denen ich diesen Mama-Job am liebsten kündigen würde.

Als Eltern wird einem relativ schnell klar, dass totale Gerechtigkeit ein Irrglaube ist.

Selbst wenn man irgendwann mit hehren Vorsätzen gestartet ist. Beim ersten Kind hat man erstmal andere Sorgen als das milimetergenaue Eingießen von Apfelschorle in möglichst identische Becher. Das kommt erst ab Kind zwei. Und wird spätestens ab Kind drei ziemlich unübersichtlich. Denn wo genau setzt man Gerechtigkeit an?

Beim Saft mag es gerade noch funktionieren. Aber dann geht’s schon los – wie will man unterschiedliche Alter, Bedürfnisse und Persönlichkeiten immer gleich behandeln? Es ist schlichtweg nicht möglich. Natürlich darf der Große länger aufbleiben als die anderen, er hat ja mindestens drei Jahre Vorsprung auf seine Geschwister. Er bekommt auch mehr Medienzeit als die jüngeren beiden. Und wenn meine Mittlere neue Shirts braucht, kaufe ich den anderen nicht automatisch welche mit, nur damit sich keiner benachteiligt fühlt.

Gerechtigkeit gibt es aus kindlicher Sicht sowieso nie.

Vor allem deswegen nicht, weil es zumeist um subjektives Empfinden geht, nicht um objektiv belegbare Fakten. Es wird sich immer irgendwer irgendwann mal zurückgesetzt fühlen. Und dann wieder jemand anders. So sehr die Kinder darüber auch maulen mögen: Ich finde, das müssen sie aushalten lernen. Und wir Eltern das Geschrei darüber.

Man kann seinen Kindern zumuten, mitunter in ihren Erwartungen enttäuscht zu werden. Und zu lernen, dass mal einer mehr bekommt – und das nächste Mal eben der andere. Wenn das große Ganze stimmt, darf ich ihrer Frustrationstoleranz im Kleinen auf die Sprünge helfen. Und ganz ehrlich: Meist fehlt mir einfach die Konzentration, die Disziplin und auch die Lust, Gerechtigkeits-Akribie zum obersten Familienprinzip zu erklären.

Was mir in Sachen familiärer Fairness aber wirklich wichtig ist:

Nicht die identische Anzahl der Seiten, die ich jedem Kind vorlese. Aber dass die kleinen Auszeiten mit nur einem Kind gerecht verteilt sind. Das rechne ich nicht nach Minuten ab. Sondern nach bewusst gestalteten Inseln – je nach Vorlieben: Ein paar Bilderbücher mit dem Kleinen anschauen. Mit dem Großen Karten spielen und eine Yoga-Stunde mit meiner Tochter. Das bringe ich nicht alles an einem Tag unter. Aber vielleicht an einem Wochenende.

Denn: Unsere Liebe und Zuneigung sollen nicht zum Gegenstand geschwisterlicher Grabenkämpfe werden. Klar fällt bei uns auch mal der kindliche Killersatz: „XY darf immer mehr, weil du ihn viel lieber hast als mich!“ Aber bislang hatte ich immer eher das Gefühl, dass das aus einem Hang zur Dramatik raus entsteht – nicht aus dem tief empfundenen Gefühl des dauerhaft benachteiligten Kindes. Wenn das große Fairness-Konto gut mit gemeinsamer Eltern-Kind-Solo-Zeit gefüllt ist, kann ich selbst solche Entrüstungsstürme relativ entspannt an mir vorbeiziehen lassen.

Allerdings ist es gut, das Gebrüll nach Gerechtigkeit immer wieder auf seinen Wahrheitskern zu überprüfen.

Denn manche Dinge schleifen sich einfach unbemerkt ein – und werden danach nicht mehr in Frage gestellt. Bis die Geschwister den Mund aufmachen. So fährt unser Ältester, seitdem er drei ist, mehrmals im Jahr allein zu seinen Großeltern. Auch jetzt gerade wieder. Seine Schwester, knapp sechs, beklagte sich zurecht ziemlich lautstark darüber, dass sie NOCH NIE ganz allein bei Oma und Opa wohnen durfte.

Vielleicht ist das die größte Stolperfalle in diesem Kontext: Dass die Ersten immer als erste irgendwelche Rechte, Privilegien, Rituale erobert haben – die dann einfach bestehen bleiben, auch wenn Geschwister nachrücken. Hier achtsam zu sein, ist bestimmt wichtig – sonst ensteht ganz unbeabsichtigt doch noch ein Ungleichgewicht.

Übrigens haben wir ein kleinen Gerechtigkeits-Brauch, an dem ich sehr hänge. Obwohl andere genau an der Stelle nicht unbedingt auf Fairness pochen würden: Die Geschwister feiern an den Geburtstagen der jeweils anderen einen Kleingeburtstag – mit einem eigenen Mini-Geschenk fürs besondere Gefühl.

Das kenne ich noch aus meiner eigenen Kindheit. Und ich weiß noch ziemlich gut, dass ich mich immer ein bisschen mehr über die Präsente meiner Schwester freuen konnte, wenn ich dabei ein eigenes auspacken durfte. Klar, dass Geburtstagskind könnte sich natürlich darüber beschweren, dass die anderen auch Geschenke bekommen – ganz ohne Grund. Hat hier tatsächlich noch nie jemand gemacht. Manchmal herrscht dann doch unerwartete Einigkeit.

Und wie regelt ihr das mit der Geschwister-Gerechtigkeit?

PS: Hier könnt ihr nachlesen, was Claudi mal zur Gönn-Gerechtigkeit ihrer Söhne aufgeschrieben hat.

Alles Liebe,

Katia