Kürzlich hatten wir wieder so einen Beinahe-Augenblick. Beinahe hätte alles anders sein können. Von einem Moment auf den nächsten, völlig unerwartet. Beinahe hätte das Schicksal eine andere Richtung eingeschlagen. Hätte uns schwer treffen können mit Verlust, Verzweiflung, mit irreperablen Schäden, körperlich und seelisch. Es wurde nur ein Armbruch. Weil meine Tochter beim Toben vom Hochbett fiel – 1,75 Meter in die Tiefe…

Klar: Zwei Tage Krankenhaus mit OP und Drähten in Knochen sind auch kein Spaß. Aber es hätte eben so viel schlimmer kommen können. Als ich später in ihrem Zimmer stand, sprangen mir immer mehr Details ins Auge: Der stabile Holzstuhl, der direkt neben ihrem Bett stand. Die fiese Kante des Ausziehbettes, nur Zentimeter neben der Stelle, an der sie gefallen war.

Und mir wurde so flau, dass ich mich kurz setzen musste. Durchatmen. Mich selbst beruhigen: „Es ist ja alles gut gegangen, es war nur der Arm, nicht der Kopf, nicht die Wirbelsäule…“ Aber es war haarscharf. Und leider nicht das erste Mal, dass uns das Schicksal eine neue Chance eingeräumt hat.

Ich bin eigentlich kein besonders ängstlicher Mensch.

Oder viel mehr: Ich war kein ausgemachter Schisser, bevor ich Kinder hatte. Und meine Angst war auch kein Automatismus als Antwort auf ihre Geburt, sondern wurde durch konkrete Ereignisse erst genährt. Wurde mit jedem Vorfall ein wenig größer. Bis sie zu einer unsichtbaren Begleiterin in meinem (Familien-)Leben geworden ist. Nicht immer präsent, doch immer bereit, mich in all diesen Schrecksekunden wie ein wildes Tier von hinten anzufallen.

Das erste Mal bin ich ihr begegnet, als mein erster Sohn vom Wickeltisch fiel – und statt empört zu brüllen, ganz grau im Gesicht wurde. Heute weiß ich, dass seine Reaktion auf Schmerz oder Schreck mit Bewusstlosigkeit einhergehen kann. Damals wusste ich das nicht. Damals war ich überzeugt, dass mein Kind stirbt, direkt vor meinen Augen. Auch als mein Sohn längst empört brüllte, als mir die herbeigerufene Freiwillige Feuerwehr mehrfach versicherte, dass ihm wirklich NICHTS passiert war, zitterte ich so sehr, dass sich die Männer mehr um mich als um mein Kind kümmern mussten.

Meine Kinder sind sehr talentierte Bruchpiloten.

Alle drei. Obwohl – oder gerade weil sie sehr agil sind. Immer in Bewegung. Immer in Action. Immer auf Abenteuerkurs. Sorglos – und meist absolut angstfrei. Auf ihr Unfallkonto gehen – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – Verletzungen mit Schnitzmessern und Rasierklingen, diverse Platzwunden und Prellungen von Begegnungen mit Ecken, Kanten und Zäunen und eine Gehirnerschütterung beim unkontrollierten Treppeabwärtsschlittern. Als Krönung ein Baumsturz aus vier Metern Höhe mit anschließendem Helikopter-Eilflug und Schockraum-Aufenthalt in der Kinderklinik. An Weihnachten, wohlgemerkt. Meine Angst am Anschlag, Fest versaut – Kind komplett unversehrt. Mein Trio ist definitiv vom Schlag „learning by burning“.

Nicht zu vergessen die unzähligen Beinahe-Augenblicke wie unvermitteltes auf-die-Straße-rennen, gerade noch abgefangene Stürze von allem, was möglichst hoch ist und ein kopfüber Abgang unseres jüngsten Nichtschwimmers in den tiefen Pool. In all diesen Schreckmomenten packt sie mich, diese Angst, schlägt ihre Zähne in mich – um mich dann wieder auszuspucken: Physisch zwar unversehrt, aber psychisch um ein paar Urvertrauen-Fünkchen ärmer.

Doch als Reaktion auf all die üblen Optionen des Alltags jetzt händeringend unter jedem Klettergerüst stehen?

Jeden Drahtseilakt ihres Lebens hysterisch mit „Pass, auf, du stürzt gleich ab, mein Schatz“-Rufen zu begleiten? Ist auch nicht meine Gangart. Ich möchte sie nicht bremsen in ihrer Unbefangenheit, ihrer Neugier auf diese wilde, wunderbare Welt. Ich möchte sie zu mutigen, selbstsicheren Menschen erziehen – und das geht eben nicht, wenn ich ihnen meine Unsicherheit einimpfe. Wenn ich sie vor potenziellen Gefahren und Stolperfallen zu bewahren versuche.

Trotz aller Sorgen, die mir ihre waghalsigen Salti auf dem Trampolin machen, die Schweinebaumel meiner Tochter in schwindelerregenden Höhen: Ich muss meine Kinder trotzdem machen lassen. Mir hat sich ein Tipp eingebrannt, den mir mal ein Sportpädagoge gab: Wenn sich meine Kinder eine Sache selbst zutrauen, kann ich bis zu einem gewissen Grad darauf vertrauen, dass sie motorisch dazu in der Lage sind. Scheint eine Art infantiler Instinkt zu sein.

Klappt nicht immer, wie wir schon mehrfach erfahren haben, aber ja doch erstaunlich oft. Und an diesen Erfahrungen wachsen sie – und nicht in einem Schutzkokon, den wir Eltern manchmal am liebsten um unsere Kinder stricken würden.

Wenn mein Unbehagen zu groß wird, dann gebe ich  Hilfestellung.

Bremse sie nach Möglichkeit nicht in ihrem Eifer, ihre körperlichen Grenzen auzureizen, sondern zeige ihnen, was dafür wichtig ist: Sich bei Rolle und Salto ganz rund zu machen, um den Hals zu schützen. Beim Klettern auch mit den Daumen zu greifen. Stelle mich dazu, wenn mir die Reckstange im Verhältnis zur Körpergröße meines Kindes zu hoch vorkommt. Und aktualisiere laufend unser Unfallvermeidungs-Regelwerk: Treppe nur barfuß berennen (eine andere Gangart kennen meine Kinder nicht), nicht von selbst genauten Sprungtürmen Schrauben aufs Trampolin üben – und auf dem Hochbett ausschließlich allein und im Energiesparmodus spielen.

Es wird dennoch immer wieder diese Beinahe-Momente geben – aber hoffentlich nie schlimmere. Die Angst um meine Kinder wird mich immer belauern, immer wieder anfallen, das gehört zum Eltern-Paket offenbar dazu. Was aber auch dazugehört: Eine gehörige Portion Optimismus. Dass es schon gut geht. Oder zumindest glimpflich – so wie bislang ja auch. Was jetzt das Sportgerät ist, das wilde Spiel mit den Freunden, ist später der nächtliche Besuch am Badesee, die Clubtour, der Post-Abschluss-Europa-Trip.

Ich kann meine Kinder nicht immer beschützen. Sondern ihnen nur das Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten vermitteln. Sie trotz aller Neugier und Abenteuerlust zu halbwegs umsichtigen Menschen erziehen. Dafür muss ich meine Angst manchmal knebeln. Und sie erst rauslassen, wenn wir beide wieder allein sind.

Habt ihr auch so Unfall-Streber zuhause?

PS: Auch das obige Foto hat zufällig einen Beinahe-Moment eingefangen – die Landung erfolgte auf den Hintern, nicht auf den Hinterkopf…

Alles Liebe – passt auf euch auf!

Katia