Wie feministisch lebe ich eigentlich? Und ihr? Plus eine kleine große Idee!!!

Feb
26/20

Hallo, ich bin zurück! Und ich freue mich echt so richtig. Eigentlich wollte ich hier mit einem ganz anderen Artikel loslegen, den gibt es dann wohl morgen (verschieben passt perfekt zu seinem Thema). Heute daher eine Sache, die mich aktuell sehr beschäftigt. Bevor ich nämlich diese Woche auf Instagram meine kleine Feminismus-Umfrage startete, dachte ich, ich lebe nicht besonders feministisch. Manchmal empfinde ich diese aufbrausende Feminismus-Welle nämlich sogar als – mmh – ein wenig anstrengend…
Nach ordentlich nachdenken und ganz viel Rückmeldung von euch weiß ich: Ich habe mir scheinbar bloß meine Gleichberechtigungsblase geschaffen. Und Aufbrausen ist an vielen Fronten unbedingt nötig…

Fakt ist: Ich arbeite gleich in zwei Bereichen, in denen ich mich als Frau nicht benachteiligt fühle. Als Lehrerin im Schulsystem und als selbstständige Journalistin und Autorin lebe ich genau das Leben, das ich möchte. Und ich verbringe trotz viel Arbeit viel Zeit mit meinen Kindern. Wenn mich jemand fragt, ob wir eine emanzipierte Ehe führen, würde ich erst laut rufen: „Ja klar!“ Und dann nachdenklich: „Ach ne, wohl doch nicht!“ raunen. Und dann wieder entschlossen rufen: „Doch!“ Denn: ich verbringe während der Woche mehr Zeit mit den Kindern als mein Mann. Ich wasche mehr Wäsche als er. Ich koche fast jeden Abend. Ich sitze immer auf dem Beifahrersitz, sobald wir ein Auto besteigen. Ich habe noch nicht einen Pieps für unsere Steuer gemacht. So wie wir leben finde ich es zu 90 Prozent gut. Er auch. Und wenn ich oder er etwas nicht gut finden, oder uns etwas zu viel wird, dann frage ich, ob wir es ändern können. Und dann ändern wir es. Ist das feministisch?

Jetzt, wo ich recherchiert und nachgelesen und eure vielen, vielen Antworten durchgegangen bin, sehe ich einiges anders. Manches auch nicht. Ich glaube, wie so oft ist Feminismus nicht schwarz oder weiß. Sondern es gibt viel grau. Ganz ehrlich, ich mag mich immer noch nicht über enge Toiletten aufregen, oder dass Männer dort weniger lange warten müssen. Ich bin froh, dass ich nicht zum Bund musste und unfassbar dankbar, dass ich unsere Kinder austragen durfte. Und hätte ich auch nur einen Tag der Elternzeit abgeben wollen? Ganz ehrlich, nein, hätte ich nicht.

Ich komme morgens leichter aus dem Bett als er, also mache ich die Kinder morgens öfter fertig als er. Bin ich deswegen weniger emanzipiert? Drehe ich die Situation und frage mich, wie es wäre, wenn ich mit einer Freundin in einer WG leben würde, dann würde ich es dort genau so machen. Ich würde abwägen, was jedem von uns mehr liegt, beziehungsweise weniger schwer fällt, und die Aufgaben danach verteilen. Ich koche viel lieber und – sorry – auch besser, sollen wir jetzt aus feministischem Anspruch 3,5 Mal in der Woche sein halbgares Rührei essen? Bloß, damit ich mich emanzipiert fühle? Wo fängt Feminismus eigentlich an?

Bei uns ist es so: Wir verdienen beide eigenes Geld, er (meist) ein bisschen mehr und mit meist geregelten Arbeitszeiten (sprich montags bis freitags im Zeitraum zwischen neun und 19 Uhr.) Ich viel weniger regelmäßig und auch mal am Wochenende, wenn er joggt oder er die Kinder joggt. Ich möchte es genau so haben, wie es ist. Klar, wenn ich gerade an einem spannenden Projekt arbeite, verfluche ich manchmal die Abholzeit, würde gern noch stundenlang weitertexten, weil ich im Flow bin, weil es so viel Spaß macht. Manchmal frage ich ihn dann – und er kann es einrichten. Manchmal hat er einen Termin – und kann es nicht einrichten. Ist er deswegen ein Chauvi? Nein, er ist ein Mensch mit einem Termin. Und sobald ich die Kinder abgeholt habe, freue ich mich, den Arbeitsflow unterbrochen zu haben. Weil sie mich mal wieder dran erinnern, dass es noch mehr gibt als Arbeit. Wenn ich eine Idee für ein neues Projekt habe, überlegen wir gemeinsam, wie wir das umsetzen. Und wenn ich mehr Stunden zu festen Zeiten arbeiten wollen würde, bin ich mir sicher, würden wie zusammen überlegen, wie es ginge. Aber: Ich will es gar nicht anders. Bin ich deswegen keine Feministin?

Wenn ich zurückdenke, habe ich mich natürlich schon mal von Männern gebremst, belästigt, gedemütigt gefühlt. Genauso aber auch von Frauen. Ich habe das irgendwie einfach nie auf ein Geschlecht geschoben. Vielleicht haben auch meine vier Söhne etwas in mir verändert. Gerade wenn ich sie sehe, denke ich, ich möchte viel lieber gemeinsam versuchen etwas zu verändern, anstatt feministische Parolen zu schwingen oder strenge Videos zu teilen und mir darüber Gedanken zu machen, ob Männer von uns Frauen wirklich erwarten, dass wir ständig perfekt geschminkt sind (meiner nicht!).


In meiner Blase kenne ich viele Frauen, die weniger verdienen als ihre Männer. Aber viele möchten eben auch weniger arbeiten, als ihre Männer. Ich kenne viele, die wie ich nicht einen Tag der Elternzeit abgeben wollten. Und ich kenne einige, die sie sich mit ihrem Mann gleichmäßig aufgeteilt haben. Ich habe das Gefühl in meiner Blase ist heute fast alles möglich. Ich habe mich noch nie komisch gefühlt, weil mich jemand abends auf einem Event gefragt hat, wo die Kinder sind. Ich nehme das als normale Smalltalkfrage. Ich rege mich selten darüber auf, dass ich wieder mal einmal mehr die Geschirrspülmaschine ausgepacke. Ich denke: Mal macht einer mehr, mal der andere. Mal geht er zum Elternabend, mal ich. Ich kenne übrigens einige Freundinnen, die unbedingt wollen, dass ihre Männer das Geschirr öfter ausräumen – sich dann aber darüber beklagen, dass es nicht richtig einsortiert wird. Ich kenne auch einige, die während der Babyzeit akribisch gematschten Brokkoli im Kühlschrank stapeln und per Whats-App exakte Brokkoli-Fütter-Erinnerungen verschicken – statt ihre Zeit zu genießen. Sind diese Frauen damit Feministinnen?

Ich denke, wenn wir Gleichberechtigung wollen, dann müssen wir akzeptieren, dass Männer und Frauen, nein, dass Menschen Dinge unterschiedlich tun. Da gibt es statt einem liebevoll verpackten Geschenk mit Lutscher und Karte obendrauf zum Kindergeburtstag vielleicht bloß ein Tüte mit einem unverpackten Geschenk drin. (Achtung, vielleicht auch schon wieder Klischee, meine Jungs packen nämlich total gern Geschenke ein!) Oder ist das nicht feministisch?

Apropos: Ich habe vier Söhne. Wenn ich Statements lese wie: „The future is female!“, dann bekomme ich Bauchschmerzen und denke: Und wo bleiben meine Söhne? Dürfen sie die Zukunft nicht prägen? Mitentscheiden? Ihre Träume leben? Auf dem feministischen Instagram-Account „Missionfemale“ wird gefragt: „Wie können sich Frauen gegenseitig stärken?“ Und ich denke, ja, klar ist das wichtig. Aber ist es nicht noch wichtiger zu fragen: „Wie können wir uns gegenseitig stärken?“ Hey: The future is human! Oder nicht? Natürlich profitieren auch Jungs und Männer vom Aufbrechen veralteter Rollenklischees.

Allerdings: Geben wir nicht alle mal mehr und mal weniger in Beziehungen? Egal ob in einer Liebesbeziehung mit einem Mann oder eine Frau, in Freundschaften oder als Familie mit Kindern. Wahrscheinlich geben wir sogar gern mehr, sobald wir lieben. Manchmal wird mir in Frauenrunden und Social Media ein bisschen zu viel gemotzt.

Gibt es den sesselpupsenden Chauvi, der sich das Bier bringen lässt, wirklich noch? Dem sollte garantiert niemand ein Bier bringen. In meinem Familien-, Freundes- und Bekanntenkreis gibt’s den zum Glück nicht. Aber es gibt Familienmitglieder und Freunde, sogar männliche, denen ich gern ein Bier mitbringe, wenn sie schon gemütlich auf dem Sofa sitzen und ich noch stehe. Genau wie sie es andersrum auch machen. Und ich fühle mich kein bisschen schlecht dabei… Bin ich dann noch Feministin?

Noch was, nur kurz, weil das auch immer wieder aufploppt: Vergewaltigung, Mord an Frauen und sexuelle Belästigung ist für mich ein Verbrechen. Das furchtbar zu finden und aufs Schärfste abzulehnen hat für mich nichts mit Feminismus zu tun. Sondern mit Mensch sein.

Fakt ist – und das ist verdammt traurig: Vielen Frauen geht es nicht wie mir in meiner Blase. In einer kleinen Umfrage auf meinem Instagram Account sagen zwar 61 Prozent meiner Leserinnen, sie würden sich in ihrem Alltag nicht aufgrund ihres Geschlechts benachteiligt fühlen. 39 Prozent tun es aber – und das ist natürlich viel zu viel. Mir ist klar geworden, dass nicht nur ich in einer Gleichberechtigungsblase lebe, sondern dass es scheinbar eine Akademiker-Gleichberechtigung gibt – zumindest in Bezug auf Familie. Fakt ist auch: Es gibt viele Frauen, die aufgrund ihres Geschlechts schlechter bezahlt werden. Es gibt viel zu viele Branchen, in denen Frauen tatsächlich aufgrund ihres Geschlechts weniger ernst genommen werden.

Ein paar Beispiele von Leserinnen, warum sie sich in ihrem Alltag in ihrer Rolle als Frau benachteiligt fühlen:
– In jedem Bewerbungsgespräch werde ich nach der Betreuungssituation gefragt. Mein Mann nie.
– Dass ich mich immer um die Geburtstagsgeschenke kümmern muss.
– Ich habe nachts auf der Straße wirklich Angst. Männer nie, oder?
– Meine Carearbeit wird nicht gelobt.
– Man(n) nimmt mich in Besprechungen weniger ernst.
– Die Handwerker auf unserer Baustelle reden nicht mit mir.
– Weniger Gehalt!
– Es kriegt doch ein Mann meinen Traumjob – weil ich gerade geheiratet habe?
– Es nervt, wie viele ältere Männer in höheren Positionen sich aufführen.
– Männerklamotten sind viel günstiger als Sachen für Frauen.
– Ich fühle mich als Frau von weiblichen Chefinnen schlechter behandelt als meine männlichen Kollegen.
– Ich verdiene 25 Prozent weniger als meine männlichen Kollegen.
– Ich trage einfach mehr mentale Last als mein Mann.
– Meine Kollegen nennen mich tatsächlich  „Liebchen“ und „Kleines“.
– Ich werde im Job viel langsamer befördert als meine Kollegen.
– Ich habe Angst vor der Rente.

Die allermeisten Benachteiligungen haben in meiner Umfrage mit dem Thema Job, Gehalt und Rentenangst zu tun. Aus diesem Bereich habe ich Geschichten von euch gehört, da schlackern mir die Ohren. Am Zweitmeisten: Mental Load. Auch in diesem Bereich fühlen sich viele Frauen irre belastet. (Ich mich auch oft – allerdings schiebe ich es vermutlich  nicht auf die Männer. Sondern auf das Leben an sich.) Ich fühle mich also plötzlich ganz schön unwohl in meiner gleichberechtigten Blase. Weil es nicht allen so gut geht. Ich möchte unbedingt mehr wissen! Und ich möchte gern etwas tun. Ich habe eine ganze Weile überlegt, was. Ich fühle mich leider weit entfernt von den betreffenden Branchen. Aber hier kommt ihr ins Spiel!

Ich würde gern eure Geschichte hören und unter dem Arbeitstitel „Feminismus und ich“ viele verschiedene Erfahrungen sammeln. Das können kleine Erlebnisse in Sachen Gleichberechtigung oder fehlender Gleichberechtigung sein, die ihr erlebt habt. Aber auch eure feministischen Gedanken oder die Geschichte, warum ihr Feministin wurdet. Habt ihr Lust? Ich würde mich sooo freuen, an diesem Thema mit euch weiter arbeiten zu können. Vielleicht können wir – wer weiß – durch Aufklärung sogar etwas verändern. Mailt mir gern einen kurzen Überblick über eure Sichtweise oder Geschichte oder euer Erlebnis an: post@wasfuermich.de. Ach ja, das geht natürlich alles auch anonym! Wir schauen jeweils gemeinsam, was wir draus machen.

PS. SO schön, wieder hier zu sein!
PPS. Ich glaube, ich bin einfach vor allem Menschistin.
PPPS. Die abgebildeten Zitate sind Kommentare zu einer meiner Stories zum Thema auf Instagram.

Alles Liebe,

26 Kommentar zu “Wie feministisch lebe ich eigentlich? Und ihr? Plus eine kleine große Idee!!!

  1. Dorthe on 26. Februar 2020 at 15:13 geschrieben

    Liebe Claudi,
    willkommen zurück! Hab dich schon vermisst 🙂
    Toller Text!
    Viele Grüße
    Dorthe

    • Claudia on 27. Februar 2020 at 10:27 geschrieben

      Liebe Dorthe, das ist wirklich schön, das zu hören!
      Ich freu mich auch so richtig hier wieder loszulegen!
      Alles Liebe,
      Claudi

  2. Frauke on 26. Februar 2020 at 15:24 geschrieben

    Grossartig geschrieben 💛 stimme dir in allem zu und zähle mich auch zu den menschistinnen 💛 danke für den tollen Text!

  3. Julia on 26. Februar 2020 at 15:28 geschrieben

    Ich feiere deinen Artikel!!! Gut, dass du zurück bist!
    Liebe Grüße Julia

  4. Ingrid on 26. Februar 2020 at 15:45 geschrieben

    Hallo, toller Text!! Regt mich wieder mal zum Nachdenken an, Dankeschön! Liebe Grüße Ingrid

  5. Daniela on 26. Februar 2020 at 20:44 geschrieben

    Toller Text!
    Ich habe oft das Gefühl zwischen den Fronten zu stecken, die eigentlich keine mehr sein sollten…

    • Claudia on 27. Februar 2020 at 10:24 geschrieben

      Absolut! So geht es mir auch manchmal. Daher bin ich so sehr für ein Mit- statt ein Gegeneinander!
      Liebe Grüße,
      Claudi

  6. Liebe Claudi, stimme dir praktisch in allem zu und finde wir sollten unsere Kinder und auch die großen Menschen so erziehen, das Gleichberechtigung alle betrifft. Meine Jüngste macht es mr manchmal vor, weil sie bewusst in ihren Anreden, in offiziellen Briefen oder Reden das männliche Geschlecht zu erst nennt, da sie ja als Frau spricht. Dabei mache ich es konsequent anders (noch aus Jugendzeiten und Protest ;-), Aber gerade das findet sie eben ungerecht. Manchmal fragte ich mich deshalb schon bei meinen beiden Mädchen, ob ich etwas „verkehrt“ gemacht habe und sie nicht emanzipiert genug erzogen haben. Aber inzwischen glaube ich, dass sie wissen, was mir wichtig war, sie aber eben Zuhause Gleichberechtigung erfahren haben und sie diese jetzt auch nach außen leben. Sie treten gegen jede Ungerechtigkeit ein und dies finde ich gut.
    Ich wünsche mir mehr Gleichberechtigung draußen, mehr Mitmenschlichkeit und bei allem Feminismus auch immer den Blick auf die Anderen um mich herum – will heißen, bei aller Ungerechtigkeit und wahrscheinlich berechtigten Forderungen was meine eigene Person betrifft darf ich nicht die anderen aus den Augen verlieren und sollte überlegen, wie es sinnvoll umsetzbar ist.
    So, schön, dass du wieder zu lesen bist. Liebe Grüße von Deich zu Deich
    Claudia

    • Claudia on 27. Februar 2020 at 10:24 geschrieben

      Liebe Claudia, erstmal: ich freue mich auch so, wieder da zu sein. Und danke dir für die lieben Worte.
      Ich finde deine Tochter großartig. Dass ist tatsächlicb auch mein Eindruck von der neuen Generation, zumindest von vielen.
      Für die sind viele Dinge zum Glück schon selbstverständlich.
      Wie sehr wir noch dazwischen hängen, habe ich letztens gemerkt, als ich meinem Sohn erklären wollte, was ein Gentlemen ist.
      Er hat überhaupt nicht verstanden, warum er den Mädels die Tür aufhalten solle, den Jungs aber nicht.
      Ich hinterher auch nicht mehr!
      Verrückt!
      Ganz liebe Grüße,
      Claudi

  7. Mareike on 27. Februar 2020 at 09:32 geschrieben

    Liebe Claudi,
    ich ein guter Artikel!
    Ich finde mich in dem Wort Feministin nicht wieder. Ich empfinde es irgendwie als negativ besetzt.
    Ich bin allerdings absolut für Gleichberechtigung. Dies ist etwas, das man als Akademiker meiner Meinung nach sehr viel einfacher leben kann, da in der Regel die Bezahlung (egal ob noch Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen gemacht werden oder nicht) besser ist, als bei Ausbildungsberufen.
    Wir gönnen uns beispielsweise seit einem Jahr den Luxus, dass ich Vollzeit arbeiten gehe, da meine Wochenarbeitszeit deutlich geringer ist, als die meines Mannes im Vertrieb war und ich zudem noch flexibel anfangen kann.
    Mein Mann wollte sowieso die Stelle wechseln und arbeitet nun als Integrationshelfer für „ein Taschengeld“. Die hat für uns den unschlagbaren Vorteil, dass die Ferienbetreuung gesichert ist, schulfreie Tage kein Betreuungsproblem mehr darstellen und die Kinder und mein Mann viel Zeit miteinander verbringen können.
    Fragen anderer Mütter, die ihre Kinder bei uns abholen wie: „Oh du kochst heute?“, beantwortet er mit: „Ich koche in der Woche immer.“.
    Es ist uns aber bewusst, was für ein Luxus dies ist, einfach zu sagen wir „tauschen“ den Vollverdiener aus, wir kommen mit ein bisschen mehr als einem Einkommen aus und es geht uns trotzdem gut.
    Es war für uns nie eine Frage, dass er als Mann für das Familieneinkommen verantwortlich ist und ich für Elternzeit, Teilzeitjob und die Kinder.
    Ich war bei beiden Kindern in Elternzeit, weil es zu dem Zeitpunkt für uns so besser passte. Es war aber eine Entscheidung, die wir treffen konnten.

    Wir haben im Haushalt Dinge, die er lieber macht und es gibt welche, die ich lieber mache. Kommt einem ein anderer Termin dazwischen, müssen wir auch mal unsere Komfortzone verlassen und den Part des anderen übernehmen. Da es sich in der Regel um Ausnahmen handelt, passt es.

    Ich wünsche einfach mehr Menschen, dass sie solche Entscheidungen frei treffen können und dies setzt meiner Meinung nach voraus, dass Kinderbetreuung für Eltern günstiger wird, dass es mehr Flexibilität in der Nachmittagsbetreuung an Schulen gibt, dass grundsätzlich Arbeitszeiten, flexibler gehandhabt werden können. Auch, oder gerade in Serviceberufen, die auf Geschäftszeiten Rücksicht nehmen müssen.

    Ich arbeite jetzt seit einem Jahr Vollzeit und immer noch gibt es männliche Vorgesetzte, bei denen ich den Stempel „Teilzeitkraft (in Kombination mit Frau und Mutter)“ nicht losgeworden bin. Die überrascht sind, dass ich in nachmittäglichen Besprechungen anwesend bin und auch noch fachlich „glänzen“ kann. Sie sprechen mir dann ein Lob aus, dass ich das „gut“ gemacht habe. In solchen Momenten möchte ich ihnen gerne einmal sagen, dass ich diesen Job (ich bin Ingenieurin) seit 14 Jahren mache, seit 8 Jahren in diesem Fachbereich und ich ihre Qualifikation ja auch nicht in Frage stelle, nur weil sie ein Mann sind.
    Doch dies schlucke ich dann meist herunter, weil es mir nicht zielführend erscheint diese Diskussion zu führen.

    So, dass war jetzt mal mein Gedankensalat dazu, ich hoffe es war nicht zu chaotisch, aber es fehlt gerade an Zeit es gründlich zu strukturieren.

    Liebe Grüße,
    Mareike

    • Claudia on 27. Februar 2020 at 10:21 geschrieben

      Liebe Mareike, kein bisschen Gedankensalat, sondern perfekt fein geschnippelt und zerlegt ; )! Ich danke dir, dass du deine Gedanken mit uns teilst.
      Ganz genau so empfinde ich es auch: Gleichberechtigung, das ist wählen können.
      Es läuft also alles drauf hinaus, dass wir in Sachen Bildung so richtig investieren, damit das so viele wie möglich können.
      Schön, dass ihr für euch so ein gutes Model gefunden habt.
      Liebe Grüße,
      Claudi

  8. Lea on 27. Februar 2020 at 11:47 geschrieben

    Nach der Geburt unseres ersten Kindes habe ich extrem darauf geachtet, alles absolut gleichberechtigt aufzuteilen, weil ich Angst hatte, in diese Mutti-Schiene zu rutschen. Nach vier Monaten war ich wieder im Job; das erste Jahr haben wir beide Teilzeit gearbeitet. Entsetze Kommentare an mich à la: „Und wer kümmert sich jetzt ums Baby???“ kamen ausschließlich von älteren Kollegen. Jüngere fragten (wenn überhaupt) gezielt nach meinem Mann. Dann war irgendwann das erste Jahr rum, das Kind in der Krippe und wir vor der Frage: was nun? Für meinen Mann war klar geworden, dass er nicht dauerhaft Teilzeit arbeiten möchte, um Haus und Kinder zu versorgen. Er erwartete das aber auch nicht von mir. Nanny und Putzfrau wären finanziell für uns gut drin gewesen, wenn ich auch wieder auf Vollzeit erhöht hätte.
    Tja, und da saß ich mit feministischen Bauchschmerzen zu Hause und wurde von einer gigantischen Welle an Fragen erdrückt. Ist mein Mann ein Chauvi, weil er Vollzeit arbeiten will? (Nein, das ist sein gutes Recht. Meins ja auch. #menschistin) Bin ich automatisch ein Dummchen am Herd, wenn es mir Spaß macht, stundenlang Lego zu spielen und im Wald nach dem schönsten Stock der Welt zu suchen? Und ist mein Mann ein liebloser Vater, weil ihm genau das nicht genauso viel Spaß macht wie mir? Schwierige Monate waren das. Lange Rede kurzer Sinn: im Frühjahr kommt unser drittes Kind und nr 4 ist auch geplant. Für mich ist es die nächsten Jahre ausgeschlossen, wieder Vollzeit zu arbeiten; genauso ausgeschlossen wie länger als 12 Monate nach den Geburten zuhause zu bleiben. Weil mir Stöcke suchen und Sticker kleben und Blumen pflücken und Räuberhöhlen bauen einfach tierisch Spaß macht. Und JA, ab und zu macht es. mich auch glücklich das Haus zu putzen und die Bilder an der Wand neu zu arrangieren. Ganz ohne Job könnte ich allerdings niemals ausgeglichen sein, aber er hat halt nur noch eine Nebenrolle. Für mich bedeutet Feminismus, eine ehrliche Wahlmöglichkeit zu haben, wie man sein Leben gestaltet. Das bedeutet aber auch, sich für Hefezopf und Nähmaschine begeistern zu dürfen.
    Und ja, ich weiß, dass ich privilegiert bin. Auch ich lebe in einer akademischen Blase, wie du es nennst. Mir geht es finanziell gut, mein Job ist sicher, meine Partnerschaft auf Augenhöhe, ich wurde noch nicht aufgrund meines geschlechts benachteiligt. Wenn mich etwas an meinem Leben störte, könnte ich es ändern.
    Allerdings fällt es mir aus diesem Grund auch schwer, auf den allgemeinen Empörungszug aufzuspringen. Bin aber gespannt, ob die aktuelle Debatte doch noch etwas an meiner Einstellung rüttelt…

    • Iris on 27. Februar 2020 at 12:47 geschrieben

      Danke für diese Zeilen, die haben mir gut gefallen und gut getan 🙂

    • Claudia on 27. Februar 2020 at 18:51 geschrieben

      Genauso ist es hier auch, dieses entscheiden können und frei untereinander aufteilen, ist für mich die eigentlich Gleiberechtigung! Und das jeder-macht-was-ihm-mehr-liegt, die faire Aufteilung

      • Claudia on 28. Februar 2020 at 10:30 geschrieben

        Oh ja, das denke ich – bis jetzt – auch.
        Und ich frage mich ob das viele Motzen einiger da nicht eher kontraproduktiv ist – meine subjektive Meinung.
        Danke dir für deine Gedanken!
        Alles Liebe,
        Claudi

  9. Babsi on 27. Februar 2020 at 12:57 geschrieben

    Liebe Claudi,
    was für ein toller, toller Artikel! 💖💖
    Liebe Grüße
    Babsi

  10. Susa on 27. Februar 2020 at 16:41 geschrieben

    Ich mag deinen Text. Meine ganz eigene Definition von Feminismus bedeutet, dass Frau so leben kann, wie sie es gerne möchte. Ohne von anderen Frauen, Männern, der Medien, selbsternannten Besserwissern oder Arbeitgebern in irgendwelche Ecken gedrängt zu werden. Frei nach dem Motto: Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt. Vollzeit, halbtags, mit vielen Kindern, ganz ohne Kinder, im Ausland, mit Studium, ohne Ausbildung, ja – vielleicht gibt es auch Frauen, die lieber mit Nacktbildern Geld verdienen, als am Band in der Fabrik zu stehen – so what. Es ist ihr Weg.
    Und dass das für Frauen möglich ist, daran sollten alle arbeiten – jeden Tag.
    Liebe Grüße

  11. Vrene L. on 27. Februar 2020 at 22:44 geschrieben

    Liebe Claudi und Alle,

    schön war es, in den Kommentaren der beiden posts zum Thema doch überwiegend zufriedene Perspektiven zu lesen. Das sagt auch was aus über die Community hier im Blog.

    Im Alltag beobachte ich dagegen leider nicht selten von Care-Arbeit und Mental Load erschöpfte Frauen, auch Akademikerinnen. Meine Akkus waren im letzten Jahr auch mal fast ganz runter. Wir haben nach einigem Hin und Her den morgendlichen Ablauf umgestellt. mein Mann steht seitdem als erstes mit den drei Kindern auf und ist mehr in die Schulorga-Dinge involviert. (Mann, hat das gedauert, bis er sich tatsächlich verantwortlich gefühlt und aufgehört hat ständig was zu vergessen).

    Die Wirkung ist jedenfalls bombastisch. Diese halbe Stunde länger schlafen am Morgen ist ein Kraftspender und, ich gebe es zu, ein Privileg, das ich nicht mehr freiwillig abgeben möchte. Es war auch nicht so leicht das zu bekommen, denn verständlicherweise wollte mein Mann es anfangs nicht aufgeben.

    Für diese Art von „Verhandlungen“ in Liebesbeziehungen halte ich feministische Kritiken immer noch für ganz ganz wichtig.

    Mir kommt es häufig so vor, dass die erschöpft wirkenden Frauen in meinem Umfeld gar nicht erst auf die Idee kommen, ihren Männer mehr Anteile der Care-Arbeit und Familien-Orga abzugeben. Das finde ich echt schade und lese das auch als Zeichen eines fehlenden Ungerechtigkeitsempfindens, welches feministische Kritik erzeugen kann.

    Leider haben wir gerade den Fall erlebt, dass eine Teilzeit-arbeitende Mama, die quasi 100% Haushalt und Kinder gemanagt hat, von ihrem sehr gut verdienenden Freund verlassen wurde. Er hatte immer den Rücken frei und unter der Woche auswärts gearbeitet, dabei eine Immobilie nach der anderen gekauft, ohne sie zu beteiligen. Dass sie eigentlich ein Anrecht auf einen Teil des aufgebauten Vermögens hätte, sehen weder er noch sie. Das finde ich echt so schade.

    Eine Freundin dagegen verlangt von ihrem Freund Ausgleichszahlungen in der Elternzeit, um ihren Verdienstausfall zu kompensieren. Das hat mich zunächst ganz schön verdutzt. Verglichen mit dem Fall oben finde ich es aber auch ganz schön stark (Thema Rente).

    Liebe Grüße, Vreni L.

    • Claudia on 28. Februar 2020 at 10:25 geschrieben

      Vielen Dank, dass du hier so viele verschiedene, so spannende Aspekte ansprichst.
      Genau das, was du mit deinem Mann gemacht hast, nämlich miteinander sprechen, ist für mich Feminismus.
      Wie schön, dass es jetzt besser läuft und ja – eine halbe Stunde kann ganz sicher die ganze Welt sein.
      Das Beispiel mit deiner Freundin macht mich traurig, genau da müssen wir ansetzen etwas zu verändern.
      Ob das als Pflicht der Politik passieren muss, oder durch Aufklärung, dass immer mehr Menschen sich selbst absichern…?
      Vielleicht am besten beides?
      Danke dir und liebe Grüße!

  12. Christina on 28. Februar 2020 at 21:49 geschrieben

    Schade, dass das Wort „Feministin“ hier offenbar mit vielen negativen Emotionen verbunden ist.
    Ich frage mich, woran das liegt, denn ich bin den Damen, die sich in der Vergangenheit und aktuell für meine Gleichberechtigung und Gleichbehandlung einsetzen unendlich dankbar.
    Ohne sie wären viele Dinge, die uns heute selbstverständlich erscheinen (Wahlrecht, Berufswahl etc.) vielleicht überhaupt nicht selbstverständlich. Und auch heute noch wäre mir ohne die Hinweise von „Feministinnen“ die Absurdität hinter vielen Dingen oft gar nicht bewusst. Hier zwei Beispiele (vielleicht nicht die besten, aber sie fallen mir gerade ein): 1. Die erhöhte Mehrwertsteuer auf Hygieneartikel für Damen war mir überhaupt nicht bewusst, ist aber schon ziemlich unverschämt. 2. Warum müssen Frauen für viele Dinge mehr bezahlen, als Männer? Z.B. Rasierer (in rosa) oder Haarschnitte?
    Ich denke es ist so unheimlich wichtig, dass engagierte Menschen sich dafür einsetzen, dass ALLE Menschen gleichbehandelt werden.
    Deshalb verbinde ich mit dem Wort Feministin erstmal engagierte, intelligente, aufgeweckte und mutige Frauen, die sich nicht einfach in ein vorgefügtes System einfügen sondern kritisch Hinterfragen, Absurditäten aufzeigen und Alternativen entwickeln. Toll!
    Viele Grüße!

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