Das Glück ist empfindlich wie eine Seifenblase. Ich fühle es kurz und warm, wenn ich mit meinen Kindern unsere tägliche Frühlingsrunde laufe und mein Gesicht kurz mit geschlossenen Augen in Richtung Sonne strecke. Dann streiten sich zwei – und die schimmernde Glücksblase platzt. Ich fühle es auch, wenn ich in meinem frisch aufgeräumten Arbeitszimmer sitze und eine kleine Weile schreiben darf, ganz in Ruhe. Am liebsten mit Milchkaffee auf dem der Schaum knistert. In dem Moment habe ich oft schon wieder ein schlechtes Glücksgewissen, weil ich doch eigentlich lieber schnell etwas mit meinen Kindern machen sollte, damit die auch glücklich sind. Gerade in diesen Zeiten. Oder etwa nicht…
Und natürlich frage ich mich, ob ich überhaupt nach dem Glück gucken darf, wenn es gerade so vielen Menschen auf der Welt so schlecht geht. Ausgerechnet ein Schuldirektor gibt mir dabei gerade Glücksnachhilfe. Nicht nur mir, sondern auch meinem großen Sohn, der gerade sowieso am allerglücklichsten ist, wenn er stundenlang lesen darf (bin manchmal etwas neidisch auf seine Leseglücksruhe!). Ich habe übrigens überhaupt nichts gegen Schuldirektoren, ich kenne sogar bloß richtig nette. Dennoch verbinden viele Kinder sie womöglich vor allem mit langen Reden, wichtigen Besprechungen hinter verschlossenen Türen und Strafpredigten, wenn man mal so richtig Blödsinn gemacht hat.


Schuldirektor Björn Lengwenus ist ein absolut cooler Typ, nicht bloß irre nett, sondern ein Anpack-Typ. Einer, der einem hilft, bevor man weiß, dass man Hilfe braucht und einer mit verrückt guten Ideen im Kopf, wie man gemeinsam eine gute Zeit verbringt. Björn ist der Bruder einer Freundin und ich habe das gute Gefühl, dass Björn meist ziemlich glücklich ist. Weil er ständig neue Ideen hat, wie man andere Menschen, vor allem Kinder, glücklich macht. Dieses Gefühl hatte ich jedes Mal, wenn ich ihn getroffen habe. Außerdem macht Björn auch noch erste Sahne Carbonara-Nudeln – aber das ist eine andere Geschichte.

Björn ist Schuldirektor an einer Schule in einer Gegend, die in Hamburg nicht gerade als glücklicher Stadtteil gilt. Eine Studie der Organisation SOS Kinderdorf ergab sogar mal, „dass in Dulsberg die unglücksten Kinder in ganz Hamburg leben.“ Und was macht Björn? Der sagt: „Wir wussten noch gar nicht, dass wir unglücklich sind.“ (Quelle: Mopo) Will das aber dennoch nicht auf sich sitzen lassen und startet mit seinen Schülern eine Protestaktion. Kurzerhand überlegt er sich ein eigenes System zur Überprüfung des Glücks, beziehungsweise Unglücks. „Um herauszufinden, wer bei uns die Unglücklichsten der Unglücklichen sind.“ Einige Beispielpunkte: Wer hat den längsten Weg zum Pausenkiosk? Wer ist HSV-Fan? Wer hat besonders langsames W-Lan?“ Und hinterher? Hat Björn ein paar dänische Schüler eingeladen – die sollen ja angeblich die Glücklichsten sein – und alle haben zusammen in der Pausenhalle getanzt. „Die Dänen ticken genau wie wir!“, meinte hinterher ein Schüler. Ziemlich glücklich übrigens.


Björn scheint Kindern quasi durch die Haut bis in Hirn und Herz gucken zu können. Diese Fähigkeit habe er übrigens keineswegs im Pädagogik-Studium gelernt, sagt Björn, sondern auf den über hundert Kinder- und Jugendreisen, die er in seinem Leben bereits begleitet hat. Sein Glücksgeheimnis: Er hat unzählige Ideen – und setzt sie einfach um. An seiner Schule ließ er unter anderem auch das erste Baumhausklassenzimmer in Deutschland bauen und führte das Fach „Lebensart – die Kunst des Lebens“ ein.


Um sich bei seinen älteren Schülern für ihr Engagement in der Film-AG der Schule zu bedanken, überredete er einfach mal kurzerhand 25 Kollegen und drehte mit ihnen den Gangsterfilm „Don von Dulsberg„. Mit dem Film wollten die Lehrer den Schülern ihren Respekt vor deren Arbeit zeigen. Warum es unbedingt ein Gangsterfilm sein musste? „Weil die meisten Filme der Schüler auch Gangsterfilme sind“, erklärte Björns Kollege. (Quelle: Mopo). Kritik nimmt er gelassen: „Wir haben darüber durchaus diskutiert. Aber bei Shakespeare werden ja auch Menschen getötet.“ Um seine Schüler jetzt während der Corona-Krise bei Laune zu halten, bringt er jeden Abend seine eigene Sendung „Dulsberg Late Night“ heraus. Ein von ihm fix eröffneter, virtueller Schulhof quasi. Seine Sendung hat es bis in die Tagesthemen geschafft. Und waaaah! Solche Knaller-Ideen machen auch mich glücklich.

In seinem Buch „Glück“ versucht Björn Kindern und Jugendlichen dabei zu helfen, das Glück oder vielmehr ihr Glück zu finden. Er beginnt es so: „Alle sagen, dass ein echter Freund glücklicher macht als 1000 Follower. Aber warum machen dich Likes trotzdem irgendwie glücklich und dein Freund dich manchmal unglücklich?“ Und dann schreibt er noch: „Dieses Buch sucht das Glück und findet Ideen und Beispiele, ihm auf die Spur zu kommen.“ Im Buch schreibt er kindgerecht darüber, ob eigentlich jeder ein recht auf Glück hat und geht der schwierigen Frage nach, ob Geld und gutes Aussehen glücklich machen. Björn hat mit tollen Menschen über ihr Glück gesprochen. Und natürlich gibt er auch ganz viele praktische Tipps, wie man sich selbst glücklich machen kann.


Mich an meinem Schreibtisch haben Björn und sein Buch ein bisschen beruhigt. Weil es mir bei all dem Mist und bei all den schrecklichen Nachrichten dennoch Mut macht, die kleinen Glücksblasen vorsichtig einfangen zu dürfen. Weil es niemandem hilft, wenn wir unglücklich sind. Weil wir unser Glück und die damit verbundene gute Energie vielleicht sogar in gute Taten stecken können. Um es mit Björns Worten zu sagen: „Es ist erlaubt einfach glücklich zu sein. Glück ist keine von diesen verbotenen Sachen, die du illegal am Hauptbahnhof erstehen kannst. Es ist kostenlos und du darfst es dir einfach nehmen, egal wo du bist.“

Danke dir Björn, für diese Glücksstunde!

Euch allen ein schönes Wochenende. Trotz allem! Machen wir es uns so schön wie möglich!

Liebe Grüße,

Claudi