Was ich mir ausmale: Wir fünf, fröhlich lachend und plappernd im Auto auf dem Weg zum Badesee. Was wirklich ist: Auf der Rückbank herrscht Anarchie – zwei brüllen, eine schmollt. Und vorne schweigen wir uns grimmig an, weil der Zoff mit den Kinder so ansteckend wie Windpocken ist. Die Leichtigkeit in Gedanken erleidet Totalschaden im Zusammenprall mit der Realität. Wieder mal…

Unser Familienleben ist ein dauernder Abgleich zwischen Soll und Ist, eine permanete Übung in Frustrationstoleranz, dass Dinge sich komplett anders entwickeln als erhofft. Anders als geplant. Denn ganz gleich, ob wir spontan den Grill anschmeißen oder einen Kindertag ausrufen, weil es doch so schön ist als Familie gemeinsam schöne Dinge zu machen – mindestens einer schießt immer quer. Springt mit Anlauf in das hübsche Bild, das man gerade noch vor Augen hatte. Und lässt es in 1000 Scherben splittern.

Vielleicht habe ich zu hohe Erwartungen an zu viele und zu kleine Kinder.

Vielleicht sollte ich es nach neun Jahren Mutterdasein inzwischen besser wissen. Und doch tappe ich immer wieder in die gleiche Gedankenfalle, die mir etwas vorgaukelt, was sich definitiv anders entwickelt. Warum ich dennoch daran festhalte? Vielleicht, weil ich darauf hoffe, dass es dieses eine Mal anders wird. Dass wir zu dieser Familie werden, die ich mir gerade detailreich ausmale: Alle froh, kooperativ, dankbar für die schöne Zeit, die wir uns bereiten wollen.

Nur: Kinder, vor allem kleine, sind nicht dankbar. Kinder sind Kinder – und ihren Emotionen unterworfen. Und zwar hundertmal mehr als den Erwartungen ihrer Eltern. Das ist gesund, richtig und absolut gut so. Wenn sie gerade Geschwister-Beef mit der kleinen Schwester haben, können sie nicht nebenher noch ein fröhliches Lied auf den Lippen tragen. Das ist eine Frage der Prioritäten.

Natürlich weiß ich das eigentlich. Und stoße mir doch immer wieder meine Hoffnungen daran wund. Bin enttäuscht, manchmal wütend. Weil: Ich hatte mir doch Mühe gegeben, Gedanken gemacht. Wollte für alle etwas Schönes. Oder wollte ich es eigentlich vor allem für mich?

Ich merke immer wieder: Gerade Aktionen sind mit Annahmen überfrachtet, die mit der Realität nicht Schritt halten können.

Auch wenn uns die sozialen Medien jeden Tag das Gegenteil weismachen wollen. Bei uns rennen die Kinder nicht friedlich Hand in Hand dem Sonnenuntergang entgegen. Oder wenn sie es tun, haben sie sich vorher gegenseitig die Schaufel über den Schädel gehauen und sich mit „Das kriegst du jetzt voll zurück“-Schlachtrufen gejagt. Das eine harmonische Bild trägt ungefähr so viel Wahrheitsgehalt in sich wie Cola Vitamine hat.

Genauso ist es mit den Bildern in meinem Kopf. Ich sehe eine bestimmte Szene vor mir – und wenn sie nicht so eintritt, bin ich frustriert. Wenn ich nicht aufpasse, ist das das vorherrschende Gefühl, das am Ende bleibt. Was ich dabei immer noch viel zu oft übersehe: Häufig wird es anders schön.

Vielleicht prügeln sich die Kids noch auf dem Parkplatz – und sind eine Viertelstunde später in Harmonie und mit Eis vom Strandkiosk friedlich vereint. Oder ein Kind steht beleidigt vom Grillen auf – dafür führe ich mit dem anderen ein wirklich inniges Gespräch. Ein Kind haut ab – und entdeckt dabei den Mega-Spielplatz, auf dem alle später einen super Nachmittag haben. Das kann ich aber nur richtig genießen, wenn ich nicht in dem Gefühl stecken geblieben bin, dass ich mir alles doch ganz anders vorgestellt habe.

Aber das Drehbuch unseres Familienlebens schreibe in den seltensten Fällen ich.

Was vielleicht nicht schlecht ist, denn würde ich den schmeichelnden Filter-Bildern in meinem Kopf ein Skript einhauchen, würde am Ende eine kitschige Hollywood-Schmonzette herauskommen. Da wir aber alle fünf Co-Autoren unserer Familien-Serie sind, erinnert die fertige Szenerie eher an schnörkelloses Autorenkino.

An diese Filme, die Stolpersteine und Abgründe hell ausleuchten statt sie gnädig zu überblenden. In denen die Helden zugleich auch Anti-Helden sind. In denen es meistens anders kommt als erwartet. Und wenn ich ehrlich bin, schaue ich mir solche Streifen viel lieber an als cleane RomComs.

Eine wichtige Erkenntnis ist auch diese: Wir alle zusammen harmonieren nicht zwingend.

Tatsächlich eher ziemlich selten. Bilder von uns als kompletter, glücklicher Familie kann ich mir eigentlich per se sparen. Denn: Bei fünf Menschen prallen so viele unterschiedliche Bedürfnisse, Meinungen, Wünsche aufeinander, dass ein gemeinsamer Nenner oft mehr K(r)ampf als Spaß ist. Dass es einfacher ist, uns aufzuteilen – und mit mehr Raum und Ruhe schöne Augenblicke zu erleben, die im Kollektiv so meist nicht möglich sind.

Also eher mit den beiden Kleinen zum Badesee düsen – und Papa kickt mit dem Großen Fußball. Oder ich nehm den Neunjährigen auf meiner Joggingrunde mit – und die beiden anderen kriegen eine exklusive Vorlesestunde. Das mag als Event nicht ganz so herausragend sein wie der tolle Ausflug. Aber manchmal sind es genau diese unaufgeregten Aktionen, die die schönsten Bilder schaffen. Man darf nur nicht den Fehler begehen, sie genau so wiederholen zu wollen.

Ich muss immer wieder bereit sein, unser Leben so zu nehmen wie es eben kommt. Anzunehmen, was ist. Spontan umzudisponieren, wenn alles wieder anders ist. Und mir zwischen all den Ideen, Vorstellungen und Erwartungen Raum zu lassen, dass Soll und Ist zusammenfinden – in den wildesten Ausprägungen. Das nennt man wohl Familienleben.

Und wie stehts’s um eure Frustrationstoleranz in Sachen Soll und Ist?

Alles Liebe,

Katia