Schauspielhaus, Kammerspiele und Thalia Theater haben noch geschlossen? Halb so wild: Unser Familien-Theater macht keine Corona-Ferien. Das Wohnzimmer verwandelt sich regelmäßig in eine Bühne für ganz großes Drama. Vorhang auf, erster Akt, Auftritt Kind eins (viereinhalb): „Du bist so eine Sch***-Mama, ich bleib jetzt für immer in meinem Zimmer…!“

Kind eins geht ab, Türenknall, dann anhaltend dumpfes Gepolter – der Inhalt der Kinderküche, der gegen die Tür gepfeffert wird. Großer Solo-Auftritt für Kind Nummer zwei (acht), laut zeternd: „Ich mach das hier nicht länger mit, neeneenee, Du bestimmst nicht über mich. Ich zieh aus!!“ Kind zwei rauscht ab, doppelter Türenknall, dann animalisches Gebrüll, während unschuldige Kissen verdroschen werden. Ahh, Pause! Ach nee: Auftritt Kind Nummer drei (zwei): „LadeLadeLade!“ Kind wirft sich unter lautem Wutgeheul auf den Fußboden und verbleibt genau so für die folgende halbe Stunde. Die Auslöser in der Reihenfolge ihres Auftretens: Der Fernseher wurde nach einer Folge Checker Tobi ausgeschaltet, unvollständige Hausaufgaben sollten noch vorm anstehenden Schultag erledigt werden und nein, mein Schatz, nach dem Zähneputzen gibt’s keine Schokolade mehr. Uff!

Das Problem an der Sache ist nicht das Drama an sich, sondern mein Umgang damit. Ich würde gern „pädagogischer Umgang“ schreiben, aber das wäre glatt gelogen. Die Wahrheit ist: Oftmals habe ich einfach keine vernünftige Idee, wie ich dem ganz alltäglichen Irrsinn beikommen soll. Ich bin einfach keine dieser „natural born moms“ (die ich sehr bewundere!), die Kinder auf Augenhöhe begegnen, die geduldig und mit ruhiger Stimme jede Konfrontation in Kooperation umzuwandeln versuchen. Nein, ich möchte schlicht, dass alle Kinder zumindest halbwegs mitmachen, ganz gleich, wie alt, und bitte nicht erst in einer halben Stunde, sondern dann, wenn ich es als ihre Mutter für nötig halte. Ich bin ungeduldig, fordernd und impulsiv, halte wenn-dann-TV-Stop-Erpressung für ein angemessenes Mittel und bin oftmals nicht weniger hitzköpfig als meine Kinder.

Nur: Mit diesem Erziehungsstil fühle ich mich nicht nur zunehmend unwohl – ich fahr auch meist ungebremst an die Wand. Als ich kürzlich wieder einmal ratlos und frustriert nach den Anzieh-Dramen meiner Tochter zurückblieb – wir hatten eine Viertelstunde wechselnd rumgewütet, danach waren wir beide erschöpft und sie immer noch in Unterhose – gab mir eine alte Freundin diese Lektüreempfehlung: „Das Buch, von dem du dir wünschst, deine Eltern hätten es gelesen: (und deine Kinder werden froh sein, wenn du es gelesen hast)“. Die Autorin Philippa Perry, eine britische Psychotherapeutin, fasst den Inhalt des New York Times-Bestsellers selbst so zusammen: „Dies ist kein Erziehungsbuch im engeren Sinn. Es geht darum, wie wir selbst erzogen wurden und welchen Einfluss das auf unsere Elternschaft hat, darum, welche Fehler wir machen werden – vor allem solche, die wir nie machen wollten – und was wir dagegen tun können.“

Ohne auch nur einen Satz daraus gelesen zu haben, kam ich sofort ins Grübeln. Denn mir wurde klar, dass ich offenbar auf eine sehr verquere Weise gegen meine Eltern rebelliert
hatte: Ich hatte ihren konsequent liberalen Erziehungsstil für meine eigenen Kinder in einen eher holperig-konservativen verwandelt – warum auch immer. Denn anders als die meisten meiner Freunde habe ich nie den Stoßseufzer von mir gegeben: „Was meine Eltern alles falsch gemacht haben!“

Im Gegenteil: Ich fand (und finde) meine Eltern großartig. Als Menschen UND als Eltern. Sie haben mich und meine Schwester zu selbstbewussten, eigenständigen und empathischen Frauen erzogen, haben uns viele Freiheiten gelassen unddennoch starken Halt gegeben. Sie haben ein offenes Haus praktiziert, immer duften  haufenweise Freunde kommen, die gern mit uns an den großen Familientisch kamen. Eine Freundin sagte mir damals: „Ich kenne keine Eltern, die so cool sind wie Deine!“ Ich war stets stolz darauf, selbst als Teen kam es mir nicht in den Sinn, meine Eltern peinlich zu finden oder mich von ihnen abzuwenden.

Nur: Scheinbar habe ich ihre Erziehungsmethoden nicht so selbstverständlich übernommen wie unsere innerfamiliäre Begeisterung für Bücher oder gutes Essen. Bis ich selbst Kinder hatte, habe ich nie darüber nachgedacht, dass Elternschaft und Erziehung einem nicht wie ein vererbtes Talent einfach zufällt, sondern aufreibende Arbeit bedeutet: an mir, meinem Nachwuchs, meinen Prinzipien, Vorstellungen und Wünschen. Und ich frage mich immer häufiger: was haben meine Eltern so eklatant anders, sprich: besser gemacht als ich? Das naheliegende war, einfach mal nachzufragen.

Mein Papa, pensionierter Lehrer aus der 68er-Generation, und regelmäßig eingebundener Enkel-Opa, lächelte leise, als ich ihn darauf ansprach. „Du arbeitest Dich an vielen Dingen ab“, so seine Beobachtung. „Du willst immer alles unter Kontrolle haben, bist dadurch ständig unter Druck – lass die Dinge mehr geschehen.“ Ich wollte direkt zum „Jaaa, aber…“ ansetzen, doch er war noch nicht fertig. „Ich mein das jetzt nicht böse, aber es ist klug, auch einfach mal den Mund zu halten. Du musst nicht alles kommentieren, was die Kinder machen oder sagen. Und wähle höchstens eine Handvoll Gefechts-Themen, alles andere ist meist unwichtig.“

Danach war ich lange Zeit sehr still, aber in mir ratterte es: Ich – eine Helikopter-Mum mit zwanghaftem Controletti-Hang?? Verdammt! Es ist nicht schön, so einer Wahrheit ins Gesicht zu schauen. Da nahm mein Papa mich tröstend in den Arm und sagte: „Keine Frage, Regeln im Familienleben sind wichtig, aber kein Dogma. Keine Regel ohne Ausnahmen, das gilt für die Kinder ebenso wie die Erwachsenen. Gib ihnen und auch dir auch einen dehnbaren Rahmen vor – und hab Deine tollen Kinder ansonsten einfach lieb. Das reicht völlig aus.“

Ob es wirklich so simpel für mich ist? Ich versuche jetzt jedenfalls, mich in mehr Lässigkeit zu üben. Was vor allem heißt, dass ich dauernd und immerzu Wörter und Sätze verschlucke, die mir auf der Zunge liegen. Oder im Zweifel kurz den Raum verlasse, um banalen Konflikten auszuweichen. Klar, meine Tochter wütet vielleicht oben auf ihrem Zimmer. Doch wenn ich nicht weiter darauf eingehe, vergisst sie meistens, dass sie mich gerade noch zur Adoption freigeben wollte und kommt irgendwann ganz friedlich wieder runter.

Und warum nicht noch eine Checker Tobi laufen lassen? Der Typ ist smart, die Kinder lernen was und mein Mann und ich haben garantierte 20 Minuten, um uns ohne Unterbrechung zu unterhalten. Und wenn ich ehrlich bin, schmeckt Schokolade als Dessert einfach am besten. Deswegen machen wir einen Familien-Genuss daraus und verputzen einträchtig zu fünft eine ganze Tafel. Als Ausnahme, versteht sich. Denn das ist doch das, woran wir uns im Nachhinein gern erinnern: an die Abweichung von der Norm, an das Besondere, das Unerwartete. Innerhalb von strikten Regeln ist dafür leider wenig Platz vorgesehen. Spielräume, Freiräume – das ist das, was meine eigene Kindheit zu einer ziemlich guten gemacht hat. Das sollen meine Kinder doch auch einmal über ihre sagen.

Wenn ich merke, dass ich aller Vorsätze zum Trotz doch wieder die spaßbefreite Regel-Mum geben will, versuche ich zu überlegen, wie meine Eltern reagiert hätten. Mit Druck? MitSturheit? Sicher nicht: Eher mit Zuhören, Verständnis – oder einer großen Portion Zärtlichkeit. Einer Kuss-und-Kitzel-Umarmung kann nämlich keines meiner drei Rumpelwicht-Kinder widerstehen. Ganz abgesehen davon, dass ich mich selbst viel mehr leiden mag, wenn ich nicht ständig die Prinzipienreiterin bin.

Ich will das Buch von Philippa Perry trotzdem gern noch lesen. Nicht nur, weil es wirklich sehr aufschlussreich sein soll. Sondern auch, um zu verstehen, warum ich oft spontan so
anders handeln würde, als meine Eltern es früher getan haben. Und natürlich, damit mich das Drehbuch des nächsten großen Familien-Theater nicht wieder an den Rand meiner
erzieherischen Kapazitäten bringt.

Wie ist das bei euch: Habt ihr bewusst alles anders gemacht als eure Eltern – oder doch den ein oder anderen Erziehungskniff übernommen?

Alles Liebe,

Anna
2020-06-23T09:59:44+02:00

13 Kommentare

  1. Caro 23. Juni 2020 um 11:08 Uhr - Antworten

    Vielen Dank für diesen Artikel!
    In deinen Beschreibungen für die Theaterstücke kann ich mich eins zu eins wiederfinden, selbst das Alter (fast) und die Handlungen stimmen! Ich kann zwar nicht auf die Erlebnisse der eigenen Kindheit in diesem Ausmaß zurückgreifen, aber den Tipp werde ich hoffentlich verinnerlichen!

  2. Anna 23. Juni 2020 um 11:22 Uhr - Antworten

    Hallo liebe Caro, ja, vermutlich hat jeder so ein innerfamiliäres Drehbuch für Alltags-Dramen 😉
    Aber es freut mich, dass Du auch etwas Hilfreiches aus Papas Tipps ziehen konntest!

    Herzlich, Anna

  3. Dorle 23. Juni 2020 um 11:44 Uhr - Antworten

    Was für ein schöner Artikel! Meine Mutter ist auch so viel entspannter, geduldiger und kompromissbereiter als ich.. wenn wir mit meinen beiden lauten Jungs unterwegs sind, werden wir oft angesprochen und bekommen “erziehungstipps”, mich macht das rasend, es geht ja niemand Fremden an, wie ich meine Kinder aufwachsen lasse (ohne Schuhe, tanzend im Supermarkt oder eben mit 2 Stück Kuchen beim Becker..). Und doch merke ich, dass ich oft einlenke und mein Kind dann ermahne oder auch wenn- dann einsetze, laut werde etc.
    Meine Mutter bleibt immer entspannt, kommentiert nicht jede Kleinigkeit und wird selten laut. Ich hätte es einfacher, würde ich es ihr gleich tun 🙈 Dein Artikel macht mir Hoffnung, dass ich diese Kurve ganz bald kriege! Merci!

  4. Anna 23. Juni 2020 um 14:25 Uhr - Antworten

    Hej Dorle, ach, das freut mich! Ich finde es super, wenn sich die eigenen Eltern nicht ungefragt einmischen – und uns dennoch immer zur Seite stehen. Vor allem bei diesen kleinen, großen Persönlichkeiten mit Dickschädel und 1000 wilden Ideen (die unseren oft zuwiderlaufen). 😊
    Herzlich, Anna

  5. Milen 23. Juni 2020 um 15:42 Uhr - Antworten

    Sehr interessant. Ich selber habe das Gefühl, dass meine Mama eher zu den lockeren gehörte… z.B. Auch mal ein Abendbrot auf dem Teppich machen usw.
    Und nun die strenge Oma rauskehrt, die jede Kleinigkeit kommentiert (nicht „richtig“ am Tisch sitzen). Sehr schade und es stört das Verhältnis leider sehr.
    Ich werde immer neidisch und traurig, wenn ich von lockeren Großeltern lese, die die Enkelkinder rundum genießen und Deren Erziehung nicht kommentieren. Also viele Grüße an den tollen Opa.
    Das Buch klingt spannend.

  6. Anna 23. Juni 2020 um 16:19 Uhr - Antworten

    Liebe Milen,
    die Grüße richte ich gerne aus! Er freut sich richtig doll, dass ich ihn hier als Vorbild erwähne😊.
    Du könntest Deiner Mama den Artikel ja mal zum Lesen geben. Vielleicht braucht sie einfach einen kleinen Stupser.

    Herzlich, Anna

  7. Jennifer Sander 24. Juni 2020 um 07:29 Uhr - Antworten

    Ein super Artikel, in dem ich mich absolut wiederfinden kann! Ich hatte ein Traumkindheit und stehe mit meinen Eltern noch immer in engem Kontakt. Meine Mutter hat viel Quatsch mit uns gemacht und wir haben viel gelacht. Es gab auch Nutellabrote und Fernsehen auf der Couch. Ich wollte Kinder, um es genauso weiter zu geben und dieses Gefühl wieder zu erleben. Das machte Familie für mich aus. Aber wie schwer es ist, gelassen in der „Erziehung“ (schon das Wort passt nicht) und im Alltag zu sein, merkte ich erst, als ich es nicht wahr. Ich bin nicht gelassen! Ich bin immer hinterher! Räume auf, checke die Hausaufgaben, quetsche meine Kinder über ihren Tag aus und versuche krampfhaft dieses Familiengefühl von damals zu erzwingen. Ich nerve mich oft selbst! Ich schaffe es nicht! Nicht so! Vielen Dank für den Artikel. So bin ich in meiner Analyse wieder ein Stück weiter. Wir müssen sie lassen, liebe Eltern! Wir müssen unseren Kindern die eigenen Erfahrungen, Fehler und die Abenteuer wiedergeben!
    LG JS

  8. Anna 24. Juni 2020 um 08:25 Uhr - Antworten

    Hej liebe Jennifer,
    vielen Dank für Deine Offenheit! Ich kenn das so gut, dieses warum—fühlt-sich-das-alles-so-anders-an-als-gedacht? Warum bin ich als Mutter so und nicht entspannter? Ich glaube, wichtig ist einfach, dass wir uns dessen bewusst sind, um immer wieder etwas besser, lässiger, lustiger zu handeln.

    Herzlich, Anna

  9. Corinna 24. Juni 2020 um 09:54 Uhr - Antworten

    Voll guter Artikel. Entspannt 😀Danke

  10. Doreen 24. Juni 2020 um 12:49 Uhr - Antworten

    Ich bin zufällig auf diesen Artikel gestoßen und mir kommt das alles merkwürdig bekannt vor. Ich bin auch keine von diesen Super Mums und habe Regeln, die mich tatsächlich manchmal selbst nerven. Ich bin selbst mit Regeln aufgewachsen und alles in allem, habe ich nicht immer ein gutes Gefühl, wenn ich daran zurückdenke. Meine Mutter hat mich damals wahnsinnig gemacht und macht es teilweise noch. Ich wollte nie so werden, aber trotzdem habe ich das Gefühl so zu sein bzw. zu werden. Das ist eigentlich das Schlimmste. Ich werde mir diesen Tip selbst zu Herzen nehmen, auch wenn er von deinem Papa kommt. Jeder hätte gern so einen Vater. Ich hatte ihn leider nie, einen Vater der einen in den Arm nimmt und unterstützt. Meine Mutter hat das leider nie getan. Ich kann dich zu deinen Eltern nur beglückwünschen. Das ist toll, wenn man so genommen und unterstützt wird. Danke für diesen Artikel.

  11. Anna 24. Juni 2020 um 14:06 Uhr - Antworten

    Liebe Doreen,
    ich danke Dir sehr für Deine ehrliche Rückmeldung! Ich finde, es tut gut, dass wir uns auf diesem Weg wenigstens ein bisschen gegenseitig unterstützen können: mit Ideen, mit Ansporn, mit Durchhaltewillen. Denn: Es lohnt sich, für diese kleinen Wesen der allerbeste Mensch zu werden.
    Ganz herzlich,
    Anna

  12. Arlette 24. Juni 2020 um 23:02 Uhr - Antworten

    Das Buch liegt hier auch.
    Und ich mag es, nur fehlt mir aktuell die Muße, mehr als drei Seiten am Stück darin zu lesen. Du kennst das sicher…
    Mein Erziehungsstil ist dem meiner Mutter in manchen Facetten sehr ähnlich (zum Beispiel ist eines meiner Gefechtsfelder, wie bei ihr auch schon, Ordnung. Ich brauche ein Mindestma´davon, und lebe mit vier minderjährigen und einem erwachsenen Chaoten zusammen. Finde den Fehler…), in anderen sehr anders. Das schönste ist für mich, dass ich mit ihr darüber reden kann, und daraus immer sehr wertvolle Gespräche wachsen, von denen sie, ich und meine Kinder profitieren. Das scheint bei dir und deinen Eltern auch so zu sein, das finde ich sehr wertvoll.

  13. Anna 25. Juni 2020 um 07:14 Uhr - Antworten

    Liebe Arlette,
    das stimmt, ich bin sehr dankbar dafür, dass ich (immer noch) meinen Vater um Rat fragen kann – nur jetzt eben als erwachsene Frau mit erwachsenen Themen. Ich habe auch den Eindruck, dass wir als Familie immer davon profitieren, das ist toll. 😊
    Herzlich, Anna

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