Ich habe immer mal wieder die Fassung verloren, meine gute Laune und Energie, meine Konzentration sowieso. Was mir im vergangenen Jahr aber nicht abhanden gekommen ist: Die Hoffnung darauf, dass es wieder anders wird. Dass es eine Zeit nach dem C-Wort geben wird. Nur: Werde ich die Gleiche sein wie vor der Pandemie? Kann ich nahtlos an das Leben anknüpfen, das ich so vermisse? Wird „nach Corona“ wieder so unbeschwert sein wie „vor Corona“? Ich würde so gern „Jaa!!!“ schreien. Doch ich fürchte, die Antwort darauf lautet eher kleinlaut „Nein“…

Das Neue Normal fühlt sich gerade immer noch alles andere an als das: normal. Alles andere als erstrebenswert allemal: Sozial vereinzelt, unsere Kinder im verwirrenden Wechsel zwischen Hybridunterricht, Homeschooling und erweiterter Notbetreuung hin- und hergeschoben. Und wir Eltern als Flexibilitäts-Zombies mir Erschöpfungssyndrom und Schädel-Nebel jenseits von Gut und Böse.

Selbst wenn in unsere Lebensbereiche irgendwann wieder vermeintlich altbekannte Normalität einkehrt: Wer sind wir dann?

In welcher Verfassung? Und wie viele noch? Schließlich hat die Pandemie unser aller Leben zwangsläufig verschlankt – auch was Freundschaften anbelangt. Claudi hat hier kürzlich schon sehr ehrlich darüber geschrieben. Werden wir wieder zueinander finden? Zu all den Menschen, die uns vorher am Herzen lagen, ganz gleich, ob fern oder nah, ob lose oder fest verbunden? Die Süddeutsche mutmaßte dazu jüngst: „Der Grad der Entfremdung, das gegenseitige Missverstehen, das verloren gegangene Gespür für das Sag- und Machbare ist auf vielen Ebenen gestiegen (…).“

Aber irgendwann müssen wir wieder miteinander umgehen lernen, im echten Leben, nicht am Bildschirm oder am Smartphone. Können wir das überhaupt noch – genauso mühelos und selbstverständlich? Und dabei womöglich noch eingestürzte Brücken zwischen uns und anderen überwinden?

Ich stelle mir gerade so viele Fragen, auf die ich noch keine Antwort habe.

Die mich verunsichern, obwohl ich mich doch so sehr auf das Danach freuen möchte. Wenn C wieder für Cocktail, für Café und Couchsurfing steht, wie sich die wunderbare Laura Sophie von Copenhagen Diaries gerade auf Instagram sehnte. Aber was, wenn C auch chronische Erschöpfung meint? So ausgelaugt und angestrengt wie jetzt war ich nicht mal im dritten Wochenbett. Und nur, weil der zigte Lockdown irgendwann langfristig aufgehoben wird, schießt mein Energielevel ja nicht wie auf Knopfdruck in die Höhe.

Ob ich also wieder ausgehen würde, wenn ich dürfte? In eine Bar oder zwei, berauscht davon, endlich wieder Herrin über mein eigenes Leben zu sein? Viel wahrscheinlicher ist, dass ich mich abermals matt aufs heimische Sofa plumpsen lassen würde. Leben, das mehr Facetten beinhaltet als Care-Arbeit und Herzensjob, erscheint mir gerade so verdammt anstrengend.

Früher habe ich lässig mit all meinen freundschaftlichen Beziehungen jongliert.

Mit den Bedürfnissen und Begebenheiten so vieler verschiedener Leben, die meines streifen. Allein der Gedanke daran überfordert mich gerade maximal. Ich bin froh, wenn ich nicht die Geburtstage meiner ältesten Freunde vergesse. Weil ich mittlerweile so sehr daran gewöhnt bin, in meiner eigenen kleinen (Familien-)Welt zu leben.

Selbst wenn ich das auch oft als anstrengend empfinde: Danach kommt gerade lange niemand. Manchmal habe ich Angst, dass ich im letzten Jahr verlernt habe, viele Menschen in meinem Leben zu haben. Und noch mehr, dass ich mein Bedürfnis danach gleich mit verloren habe.

Immerhin: Wir Erwachsenen sind im Zweifel bereits krisenerprobt.

Haben in unserem Leben größere und kleinere Katastrophen überwunden. Die Pandemie packen wir auch noch. Aber was ist mit unseren Kindern – insbesondere den schon schulpflichtigen? Wie geht es für sie danach weiter? Ich fürchte, das C steht hier nach wie vor für Chaos. Und für Chancenungleichheit.

Denn nur, weil plötzlich wieder verlässlich Präsenzunterricht ist, werden ja nicht alle Wissenslücken automatisch geschlossen. Geschweige denn, Lehrpläne daran angepasst, dass unsere Kinder seit mehr als einem Jahr keinen vernünftigen Unterricht erfahren haben. Die aktive Lernzeit der Schüler hat sich laut einer ifo-Studie im vergangenen Jahr mehr als halbiert.

Dass das dramatische Folgen für die Bildung hat, ist eine relativ simple Rechnung. Wie weit wird das reichen? Und wie sehr wird unsere Kinder diese Zeit generell prägen? Wird das die Generation C – mangelhaft gebildet, psychisch mitgenommen von einer Pandemie, die ihr Leben von Grund auf verkehrt hat?

Um mich damit nicht verrückt zu machen, halte ich es mit der Auffassung von Prof. Dr. Ulrike Ravens-Sieberer, Leiterin der COPSY-Studie zu Corona und Psyche unter Kindern und Jugendlichen. Sie sagt: „Wer vor der Pandemie gut dastand, Strukturen erlernt hat und sich in seiner Familie wohl und gut aufgehoben fühlt, wird auch gut durch die Pandemie kommen.“ Auch wenn ich bisweilen das Gefühl hatte, wie wären die schlimmste, streitbarste, unharmonischste Familie des Planeten: Vermutlich werden wir dennoch ganz gut dabei weggekommen – und die Kinder ebenfalls.

Vor Corona wollte ich mal eine Geschichte machen zu „The Joy of Missing out“.

Wichtige Erkenntnis: Einfach mal was verpassen. Man muss ja nicht alles mitmachen. Dann wurde unser aller Leben auf Null gefahren. Der Witz ist: Manche Abwesenheiten haben mir nicht so sehr gefehlt. Haben Freiraum statt Leerstellen geschaffen. Vor Corona waren Aufräum-Influencer DAS Ding. Aber seither hat sich unser Leben ganz von allein entrümpelt: Keine nervigen Hobbys, Verabredungen mit C-Priorität, sich überschneidende Bastel-Nachmittage in Kita und Vorschule. Geht auch. Will ich gar nicht zurück, wenn ich ehrlich bin.

Was ich um so mehr zurück will: Leichtigkeit. Mit dem Jetzt, mit dem Bald. Zuversicht. Dass Cocktails nicht mehr die gleichen sind wie damals – und trotzdem noch schmecken. Dass es in Cafés auch mit Abstand nett ist. Dass Chips auf den Sofas von Freunden immer noch am besten schmecken. Und dass es sich lohnt, dafür das Haus zu verlassen.

Es ist wohl ein Danach der kleinen Schritte, nicht der großen Sprünge. Und ich werde eine Andere sein. Eine, die erschöpfter ist – aber auch ein wenig resilienter. Eine, die sich zurückgezogen hat – und langsam wieder auf andere zugeht. Eine, die sich in einem weniger vollen Leben ganz passabel eingerichtet hat. Eine, die die Hoffnung nicht aufgibt, dass das neue Normal irgendwann richtig gut ist.

In welche C-Wörter setzt ihr eure Hoffnungen – oder eure Ängste?

PS: Mit dieser und-was-kommt-danach-Sorge scheine ich nicht allein. Hier ein paar hilfreiche Tipps für eine Rückkehr in die Post-Corona-Normalität.

Fotos: Shutterstock, privat

Alles Liebe – und Cheers,

Katia