„Dom ist doof“ ist einer der Glaubenssätze, die ich seit meiner Kindheit mit mir rumtrage. Zu schrill, zu prollig, zu laut und zu teuer sowieso. Eine Plastikwelt mit Zuckerwattehaube. Ein Inferno aus Eurotrash-Beats, gepaart mit „GewinneGewinneGewinne“-Gegröle und brechreizerregenden Burgunder-Braten-Schwaden. Wer hat daran bitte Spaß…? Meine Kinder. Und ich auch, seitdem ich Kinder habe. Weil: Die Welt durch ihre Augen betrachtet ist oft eine 180-Grad-Kehrtwendung vieler Prinzipien, die ich vorher hatte…

Was habe ich früher verächtlich über die Teenie-Boys gelacht, die mit Sonnenbrille und dem eifrig gezüchteten Schnauzer-Flaum stundenlang im Autoscooter ihre Runde drehten. Die vermeintlichen Chefs des Rummels. So uncool, dass es fast schon wieder cool war. Was soll ich sagen: 30 Jahre später hat sich daran absolut nichts geändert. Nur, dass ich nicht mehr feixend am Rand stehe.

Sondern mit meinem johlenden Vierjährigen im Autoscooter wie eine Flipperkugel auf der Fahrfläche rumflitze – und die bartlosen Boys ramme.

Ich kann mich nicht daran erinnern kann, wann ich das letzte Mal so viel Spaß in so kurzer Zeit hatte. Allein, wie mein Jüngster lautstark protestierte, als ich ihn für sein erstes Mal Autoscooter auf den Beifahrersitz verbannen wollte. „Mama, IIIICH will fahren!!!“ Sein Gesicht, rot vor Freude und kindlichem Eifer, als er auf meinem Schoß zur nächsten Karambolage ansetzte – ich habe lange nicht so gelacht.

Es ist ja meist so: Alles, was wir Erwachsene trashig, überflüssig, ungesund finden, ist für Kinder das Paradies. Kälbchengroße und schrillpinke Kuschel-Einhörner made in China. Regenbogenfarbige Lollis, die so riesig sind, dass sie das komplette Gesicht verdecken. Im Kettenkarussell des Todes den Drehwurm kriegen.

Und doch: Mit einem Kind an seiner Seite verschiebt sich die Perspektive irgendwie. Da schmecken Vernunft und Maximen plötzlich schal – und eben nicht nach Zuckerwatte. Spaßbefreit. Freude ohne Reue, das können unsere Kinder einfach besser als wir. Mittendrin im Jetzt, mittendrin in diesem Leben, das sich selten so überwältigend bunt anfühlt wie auf dem Dom. Darauf eine große Tüte Schmalzgebäck im Riesenrad – und Runde zwei im Autoscooter!

Zoobesuche waren für mich auch immer so ein No-Go.

Ich meine: Die armen Tiere! Artgerecht geht anders. Irgendwie – trist. Bis ich das erste Mal mit meinem Sohn vor den Elefanten in Hagenbeck stand. Und mich von seiner absolut ungetrübten Begeisterung anstecken ließ. „Mama, der Baby-Elefant geht Rüssel an Schwanz!“ „Wow, der Tiger springt gleich zu uns rüber!!“ „Guck mal, die Affen lausen sich – und essen die dann auf!!!“

Meine Kinder zeigen mir immer wieder, dass alles zwei Seiten hat. Die öde Realität versus die übersprudelnden Emotionen, die diese Realität auch auslösen kann. Wir als Erwachsene haben uns häufig viel zu bequem in der kritischen, reflektierten Haltung zu fast allem eingerichtet. Mein Kind packt meine Hand – und mein Herz gleich mit, wenn es sich mitreißen lässt von all den Wundern, die dieses Leben aus Sicht eines Vierjährigen eben zu bieten hat. Und das ist ziemlich schön.

Auch meine Haltung zu Indoor-Kinderspielwelten, zu Feuerwehmann Sam und ganz generell zu Rosa, Glitzer und glupschäugigen Spielzeugviechern, die Pipi machen können, hat sich im vergangenen Jahrzehnt spürbar verändert. Und es ist nicht nur so, dass ich all das zähneknirschend toleriere – „solange sie glücklich sind, bin ich es auch…“ und es einfach aussitze.

Nö: Kürzlich in der Tobescheune packte es mich, während mein Jüngster zuckergeflasht den 10-Meter-Vulkan runterrutschte, immer und immer wieder. Ich habe mir den Tischtennisschläger geschnappt und mir mit dem Geburstagspapa ein Mega-Match geliefert. War herrlich! Indoor-Spielplätze sind doch gar nicht so beknackt, wie ich früher immer dachte …

Bei welchen Dingen habt Ihr Eure vorkindlichen Glaubenssätze über Bord geworfen?

Alles Liebe,

Katia