Letztens hat eine Freundin meiner Schwiegermutter mir beim Fenster putzen geholfen. Während wir mit Zeitungspapier auf der Scheibe herumquietschten, ließ einer meiner Söhne eine Schale auf der Spülmaschine stehen. “He!”, beschwerte ich mich und pfiff ihn zurück. “Lass ihn, das sind eben Jungs”, raunte meine Mitputzerin. “Auf keinen Fall…”, widersprach ich…

Es war nie leicht, Mutter von vier Jungs zu sein.

Ich meine, es war leicht, es zu werden. Es ist leicht, ihre Mama zu sein, weil ich es einfach bin. Aber mein Umfeld gibt mir noch immer regelmäßig zu verstehen, dass ich zu bemitleiden bin. Gerade jetzt. Die Ulmen-Geschichte hat mich, wie wohl uns alle, geschockt. Sie hat mich dazu gebracht, im Alltag wieder ständig darüber nachzudenken, welches Geschlecht meine Kinder haben. Was ich sonst quasi nie mache.

Meine Kinder sollen offen, freundlich und tolerant sein.  Ich liebe sie, ich glaube an sie, ich denke, sie werden das großartig machen. Sie sind großartig.  Doch letztens, auf einem Geburtstag: Eine Gruppe Frauen, ich erzähle von meinen Söhnen, sie: “Vier Jungs, Hilfe. Einer reicht mir schon.” Ganz ehrlich, ich könnte kotzen.

Ich habe das schon so oft gehört, ich höre es immer wieder. Derzeit muss ich mich gefühlt besonders dafür schämen, Jungs geboren zu haben. Denn Jungs, beziehungsweise die Männer, die aus ihnen werden, stehen im Fokus. Sie tragen gefühlt die Schuld an allem: Sexismus, Gewalt, Populismus. Es beginnt schon in der Grundschule. Auf diversen Elternabenden muss ich mir anhören, dass “die Jungs” sich einfach nicht benehmen.

Letzte Woche hielt mir mein Sohn einen Artikel hin, ich hab ihn für diesen Artikel nicht mehr gefunden, aber die Titelzeile lautete sinngemäß “Männer können nicht mit Medien” und nein, es war nicht Bild. “Fühlt sich doof an”, meinte er und fragte, ob das nicht wäre, als würde man schreiben “Frauen können kein Autofahren.” Ich wusste nicht genau, was ich darauf sagen sollte.

Überhaupt sage ich gerade ständig viel und gefühlt doch zu wenig.

Ich liebe meine Söhne, ich bin eine Frau, ich liebe Frauen, ich will Mädchen beschützen, ich will nicht, dass meine Jungs toxisch werden. Ich will sie aber auch nicht vorverurteilen. Wie schlimm sind Männer ? Ich wollte Zahlen, Fakten? Ich fühle Löwenmuttergefühle, gleichzeitig kriege ich Angst. Ich hätte das nie gedacht, von Ulmen. Ich könnte kotzen, was Männer reihenweise für eine Grütze unter die Posts von Colleen Fernandes schreiben. Muss ich damit rechnen, dass statistisch mindestens einer meiner Söhne ein frauenhassenden Arschloch wird? Aber. Das. Will. Ich. Nicht. Nichtmal glauben.

Ich entdeckte einen Artikel in der Süddeutscher Zeitung, in “Die meisten Jungs sind ganz in Ordnung” geht es um Forschende, die die Persönlichkeitsprofile von Männern untersucht haben. Als toxisch einstufen konnten sie danach nur eine kleine Minderheit. Laut Süddeutsche hatten die höchste Wahrscheinlichkeit, ein frauenfeindlich-toxisches Profil aufzuweisen die Männer, die älter waren, ohne Arbeit und Partnerin lebten, religiös waren und einer ethnischen Minderheit angehörten. Letzter Satz des Artikels: “Die absolut überwiegende Mehrheit der untersuchten Männer scheint ganz in Ordnung zu sein.”

Das soll nichts beschwichtigen oder schönreden oder noch weniger, mich abhalten von meiner Erziehungspflicht. Ich möchte aber auch nicht, dass meine Kinder vorverurteilt werden. Dass sich meine Jungs schlecht fühlen müssen, aus dem simplen Grund, dass sie Jungs sind und Männer werden.

Ich rede oft mit meinen Großen über Mädchen, sie fragen mich, wie das bei mir war, das Küssen, das Daten, das alles.

Und ich erzähle ihnen gern. Ich erzähle ihnen, was für doofe Sprüche Männer gemacht haben und wie weh mir das getan hat. Ich zische ihnen vor jeder Party zu, dass sie sich benehmen sollen. Ich möchte, dass sie Mädchen gleich behandeln und dennoch Gentleman sind. 

Ich habe mich mal hingesetzt und überlegt, was ich noch tue und tun kann, damit meine Söhne keine Arschlöcher werden. Bitte ergänzt meine Liste zu gern…

  1. Junge sein ist keine Entschuldigung für Unordnung oder anderes.
  2. Ich erkläre ihnen immer wieder, dass es nicht okay ist, Fotos von Menschen zu machen und drüber zu lästern.
  3. Ich lehne Social Media nicht strikt ab, denn ich will mit ihnen drüber reden und mit ihnen ihre For You ansehen.  Es ist eine riesige Herausforderung, ihnen zu erklären, warum ich viele Räkel-Videos ihrer Klassenkameradinnen problematisch finde, ohne dass es wie lästern rüberkommt.
  4.  Ich spreche Lehrerinnen darauf an, dass ich Sätze, die mit “die Jungs…” oder “die Mädchen…” beginnen, problematisch finde.
  5. Ich reagiere immer, wenn sie einen doofen Spruch machen.
  6. Wir gucken zusammen Teenieserien, wir reden. Mir ist nichts peinlich.
  7.  Nein ist nein, das gilt bei Brüdern, Eltern und zukünftigen Partnerinnen.

Was denkst du? 

Foto: Canva

Claudi