Ich bin mit ganzem Herzen (und dauerbunten Fingern) Kunstlehrerin. Ich bin stolz drauf, dass ich in Kindern Kreativität entfachen und ihre Augen für die Welt öffne. Dass ich ihnen diverse Ausdrucksmöglichkeiten mitgeben und sie zur Toleranz erziehen kann. Aber – und das gebe ich hier einfach mal offen zu – ich war bislang kein bisschen divers in der Auswahl der Künstler. Fakt ist: Ich habe Kinder mit verschiedensten Hautfarben vor mir sitzen und was zeige ich ihnen, um ihren Horizont zu erweitern….?

Reihenweise Künstler mit weißer Hautfarbe! Ich raufe mir die Haare, wenn ich darüber nachdenke. Werde rot. Voll reingetappt, in die Alltagsrassismus-Falle. Ich kann nicht fassen, dass mir das erst jetzt auffällt. Übrigens kann ich mich auch nicht erinnern, dass wir im gesamten Kunststudium auch nur einmal über einen Künstler mit einer anderen Hautfarbe als meiner gesprochen haben.

Ich erinnere mich mit Schrecken, dass mal etwas dran war wie „Malen wie die Menschen in Afrika„. Als Inspiration für unsere spätere Arbeit in den Grundschulen. Wir haben dabei aus Sand und roter Erde selbst Farben hergestellt und auf Packpapier damit gemalt. Ich kann kaum glauben, dass mir damals nicht aufgefallen ist, wie rassistisch das ist. Als gebe es in Afrika nur eine Art von Mensch und der malt mit roter Erde. Himmel!!! Fraglich, ob es überhaupt einen einzigen dort gibt der das tut…

Ich kann es rückblickend leider nicht ändern. Aber ich will draus lernen und es ab jetzt anders machen. Ich habe gleich in der vergangenen Woche losgelegt und damit begonnen, meinen Kunstschülern bewusst Künstler verschiedener Hautfarben vorstellen. Es gibt nämlich reichlich inspirierende – sie kommen in den Ideen-Büchern mit den üblichen Verdächtigen wie Monet, Picasso und Co nur nicht vor. Den Anfang machte bei mir: Alma Woodsey Thomas. Die Spezialistin für Muster, Rhythmus und Farbe.

Die allermeisten Kinder lieben es übrigens, wenn ich ihnen vom Leben berühmter Künstler erzähle und hören mucksmäuschenleise zu. Dieses Mal vielleicht ganz besonders: Alma Thomas lebte von 1891 bis 1978 und – sehr ungewöhnlich – wurde erst so richtig erfolgreich, als sie bereits über 70 Jahre alt war. Thomas kämpfte ihr ganzes Leben gegen die Trennung von Menschen aufgrund unterschiedlicher Hautfarben und setzte sich dafür ein, dass Kreativität unabhängig von Hautfarbe, Herkunft und Geschlecht beurteilt wird.

Alma Thomas wuchs als ältestes Kind von vier Geschwistern in Columbus, Georgia auf und bastelte sich bereits als Kind ihr Spielzeug selbst. Besonders gern formte sie Skulpturen aus dem Matsch vom Bach hinter ihrem Haus. 1907 floh damals 16-jährige Thomas mit ihrer Familie nach Washington DC, um vor der Unterdrückung der Schwarzen Menschen in Georgia zu fliehen und das öffentliche Schulsystem nutzen zu können. Sie interessierte sich für Architektur – hatte aber als Schwarze Frau keine Möglichkeit, sich darin fortzubilden. Sie wurde zunächst Lehrerin, bevor sie 1921 eine Studium in Haushaltslehre begann, dann aber doch zu Kunstgeschichte wechselte.

Zwei Professoren bestärkten sie, selbst künstlerisch aktiv zu werden und Thomas begann mit Farben zu experimentieren. Sie beendete ihr Studium in 1924 und war damit die erste Afro-Amerikanische Frau mit einem Uniabschluss in diesem Bereich. Danach unterrichtete sie viele Jahre an einer High School bis sie 1960 anfing, als Malerin zu arbeiten.

 

Sie arbeitete absolut unkonventionell, angeblich mit der Leinwand auf dem Schoß und gegen das Sofa gelehnt. Ein schickes Atelier oder so? Fehlanzeige. Mit 81 Jahren ergatterte sie als erste Afro-Amerikanische Frau eine Einzelausstellung im renommierten Whitney Museum of Art. Alma Thoams lehnte jegliche Schilder mit Namen, Herkunft oder Erklärung unter ihren Arbeiten ab, weil sie wollte, dass man ihr Werk unabhängig von allem betrachtete.

„Color is life!“ Alma Thomas

Alma Thomas experimentierte am Liebsten mit der Wirkung von Farbe. Farbe war ihr Fest. Angeblich war sie als Mensch genau so fröhlich und lebendig wie ihre bunten Werke. Obwohl sie ihr ganzes Leben aufgrund ihrer Hautfarbe Nachteile hatte.

Wer eine ihrer liebsten Techniken, ihre bunten Kreise aus Strichen ausprobiert, findet schnell selbst heraus, welche Farben sich gegenseitig leuchten lassen und welche nicht. Den Kindern fiel auf, dass Alma Thomas dunkle und helle Farben abwechselte und dass ihr Kreis dadurch „irgendwie lebendig“ wurde. „Wie Ringe im gefällten Baum“, meinte ein Kind. Und ein anderes: „Nein, wie Ringe im Wasser, wenn man einen Stein reinwirft.“



Wir haben ganz entspannt herumexperimentiert mit Farben und Strichbreiten. Das kreisförmige Striche malen schien beinahe eine meditative Wirkung zu haben. Uns fiel auf, wie eng Alma ihre Striche nebeneinander gesetzt hatte, im Gegensatz zu den meisten Bildern der Kinder. Ein paar stöhnten, wie anstrengend das alles sei. Meine Schüler waren sehr überrascht, dass Almas Bilder in Wirklichkeit so groß sind wie sie.

Ganz zum Schluss meinte eine Schülerin: „Vielleicht sind das ja auch alles verschiedene Menschen, die da im Kreis stehen und miteinander tanzen.“

Vielleicht hast du ja auch mal Lust, Almas Technik mit deinen Kindern zu Hause auszuprobieren und dabei ein wenig von Alma zu erzählen?

Fotos: 2: Foto von Alma Thomas bei der Whitney Museum of American Art exhibition opening (Detail), 1972 / Unidentified photographer.
3: Screenshot Culturetype.com
Rest: Wasfürmich

Eine schöne Woche und alles Liebe,

Claudi