Aus dem Stehgreif fallen mir locker fünf bis zehn Dinge ein, die ich an mir nicht wirklich gern mag: Meine schmalen Augen. Meine großen Hände. Mein weicher werdender Bauch. Meine große Ungeduld, meine lückenhafte Allgemeinbildung, meine…  Stop! Warum fällt es mir bloß so viel leichter, meine vermeintlichen Fehler und Defizite ans Tageslicht zu zerren – statt mich auf die Eigenschaften und Vorzüge zu konzentrieren, die positiver, WESENTLICHER sind?

Ich meine: Welche Freundin würde über mich sagen: „Ach, ja, Katia, deren Taille auch schon mal schlanker war und über die politische Weltlage weiß sie leider auch nicht wirklich viel, aber ja, sie ist ganz nett…“?! Wie wär’s, zur Abwechslung mal freundlich auf mich selbst zu schauen, nicht alles zu sezieren, zu bewerten, abzuwerten, in Frage zu stellen? Sondern eben wie eine gute Freundin zu urteilen – wohlwollend, nachsichtig, zugewandt. Puh! Ist gar nicht so leicht. Und ist das nicht bescheuert? Erst die Arbeit an mir (Hallo, Perfektionismus, du blödes Biest!), dann das Vergnügen – wenn ich überhaupt ein Vergnügen bin (Hallo, Tiefstapelei, du Spaßbremse!).

Vielleicht ist dieses gnadenlos-mit-sich-selbst-sein ganz generell ein Frauen-Ding.

Ehrlich: Ich kenn keinen Mann, der dauernd mit sich, seinem Äußeren, seinen Fähigkeiten hadert. Im Gegenteil: Ich bin oft erstaunt, wie sehr Typen mit gefährlichem Halbwissen, mit schwindender Attraktivität und zweifelhaften Charaktereigenschaften glänzen. Während wir Frauen einen Röntgenblick auf jede unserer vermeintlichen Schwächen richten, bedienen sich die meisten Männer offenbar gern eines sehr schmeichelnden Filters, was ihre eigenen Mängel anbelangt. Schmerbauch, schütteres Haar und Herrenumkleide-Humor – ist doch sexy…!

So seltsam das manchmal anmutet, vielleicht könnten wir uns von diesem Selbstbewusstsein, das über viele Zweifel erhaben ist, öfters mal etwas abgucken. Viele Männer gehen meist erstmal vom Guten aus: Dass sie selbst gut so sind, wie sie eben sind. Dass ihre Stärken die Schwächen überwiegen. Und dass ihr Gegenüber das bestimmt auch findet. Eigentlich eine ziemlich erstrebenswerte Sicht auf sich und die Welt, oder?

Natürlich weiß ich auch um meine Vorzüge. Aber die stehen meist erst in zweiter und dritter Reihe. Zeit, sie jetzt auch mal ins Spotlight zu rücken!

Trotz kleiner Augen und großer Hände: Was ich in Gänze im Spiegel sehe, mag ich. Immer noch, obwohl vieles davon im Wandel ist. Ich mag meine Haare, die an good-hair-days meinen Kopf wie eine goldene Löwenmähne einrahmen. Ich mag meinen Mund, der zwar schmal ist, aber gern und viel lächelt. Ich mag meine winzigen Ohren und wie hübsch seit kurzem Ohrringe daran aussehen.

Ich mag meinen Po, der in Jeans immer noch eine feste Rundung zaubert. Ich mag sogar so seltsame Stellen wie mein Schlüsselbein, weil es als einziges so filigran wirkt an meinem Körper, der sonst eher sportlich ist. Ich mag meine Stimme, wenn ich den Kindern abends „Min Jehann“ vorsinge. Ich mag die Summe meiner Teile und weiß doch, dass all das vergänglich ist.

Und deswegen möchte ich noch viel öfters mögen, wer ich bin.

Dass ich immer wieder aufstehe, wenn ich im Leben strauchele. Dass ich gut darin bin, dem Alltag immer wieder besondere Momente abzuringen. Ich mag, dass ich so lebenshungrig bin. Dass ich allem und allen eine zweite Chance einräume. Dass ich so gesellig bin. Dass ich gut allein sein kann. Ich mag mein Lachen, meine Hoffnungen, meine Träume.

Ich will mir viel häufiger selbst ein High Five dafür geben, dass ich Dinge durchziehe, wenn ich mir etwas vorgenommen habe. Dass ich auch Fünfe gerade sein lassen kann. Dass ich eine Mutter bin, die alles gibt, ohne sich selbst aufzugeben. Dass ich eine Freundin bin, auf die man zählen kann. Dass ich einen unbändigen Willen habe. Dass ich mich sehr begeistern kann – für Dinge, Menschen, Momente. Dass ich auf das Gute setze. Dass ich gut so bin, wie ich eben bin.

Und ganz ehrlich: Mit diesem Gefühl gehe ich anders durch die Welt. Gerader. Selbstbewusster. Besser. Viel besser, als wenn ich dauernd an mir rumkrittel‘. „Das steht dir nicht“, sagt mein Mann dann immer. Recht hat er!

Was mögt Ihr an Euch – und sagt Ihr Euch das oft genug? Lasst uns hier all die fantastischen Vorzüge sammeln, die uns so einzigartig und liebenswert machen. Macht ihr mit?

Alles Liebe,

Katia