Heute Morgen hatte ich eine neue Sprachnachricht. Nicht lang, vielleicht drei Sätze. „Ich denke an dich!“, erzählte mir mein Handy mit der Stimme einer Freundin. „Ich hoffe, bei dir ist alles nicht zu stressig.“ Zwischen ihren Worten hörte ich Autogeräusche und das TickTack eines Blinkers. Sie war auf dem Sprung, das konnte ich hören. Dabei machte mein Herz einen Sprung. Ich trug ihre Sätze den Tag über bei mir, wie eine kleine Perle an einer Kette um meinen Hals…

Vor Corona trugen wir ein dickes, fettes Collier aus Freunden. Wir funkelten wie verrückt. Legten jeden Tag ein anderes an, gern mehrere auf einmal. Wir flatterten von Freunden zu Freunden, von Verabredung zu Verabredung, wie Schmetterlinge. Ich habe es geliebt. So viele spannende Gespräche, unterschiedliche Ansichten. So viel zu erzählen. Jetzt frage ich mich, ob ich für immer flattermüde bin. Ob ich so viel Schmuck überhaupt je wieder schleppen kann. Ob mancher Stein für mich vielleicht gar nicht so wertvoll ist, wie ich dachte.

Man entdeckt ganz neue Seiten an Freunden.

Unsere Nachbarn zum Beispiel sind echte Pandemie-Perlen. Ohne Lockdown hätten wir uns vielleicht nie richtig kennengelernt. Aber so war da erst ein Plausch durchs Laub. Dann ein Salattausch. Jetzt kann ich ab durch die Hecke, wenn zuhause mal gar nichts mehr geht. Sie leihen uns ein Ei oder einen Schnelltest – je nachdem, was uns gerade fehlt. Sie plötzlich so oft zu sehen, macht mir bewusst, wie selten wir viele andere sehen.

Einige Freunde von uns machen es sich zuhause richtig gemütlich. Erzählen am Telefon, wie kuschelig sie diese Zeit fänden, wie toll alles klappe, wie heimelig sie es hätten. Ich freue mich für sie. Und fühle mich immer unfähiger. Undankbarer. Mag manchmal einfach nicht mehr zugeben, dass bei uns alles ziemlich chaotisch ist. Rufe nicht mehr an.

Mit wieder anderen Freunden diskutieren wir stundenlang, ob wir uns tatsächlich zu 100 Prozent an die Regeln halten müssen, oder ob 99 Prozent auch ausreichen. Da fliegen Sachen wie „Du alter Leugner!“ durch die Luft oder: „Ihr Spießer!“ Und ich habe manchmal ein bisschen Angst, weil mir die Schlucht zwischen Witz und Beleidigung so schmal erscheint. Und weil man schnell mal etwas Doofes sagt, wenn man so müde und so wütend ist. Mütend eben.

Meine schlimmste Erfahrung: Als eine Freundin aussprach, was sie scheinbar schon lange dachte. Über meinen Job, meine Art der Erziehung. Es platzte alles raus. Ich war fix und fertig. Corona scheint nicht nur ein Vergrößerungsglas zu sein und riesengroß die Probleme aufzuzeigen, die vorher klein waren. Es wirkt auch wie ein Verstärker. Dreht leises Gemurmel richtig laut. Manchmal bin ich fast froh, dass noch Lockdown ist. Weil ich gar nicht weiß, was ich zu ihr sagen soll, wenn wir uns das nächste Mal sehen. Wie tückisch dieses Virus Keile in Freundschaften treiben kann. Uns mit Argwohn und Besserwisserei infiziert.

Ich verstehe nicht, dass sich mein Körper so sehr nach Ruhe sehnen kann, mein Herz dagegen so sehr nach Gesellschaft. Verrückterweise fühle ich mich leergequasselt, obwohl ich mit so wenig Menschen rede wie nie. Vielleicht, weil ich so viel mit mir selbst berede. Mich noch mehr kritisiere als sonst. Vielleicht auch, weil ich zuhause so oft dieselben Sätze wiederhole. Ob ich je wieder unterhaltsame Gespräche führen kann?

Nichts los, außer die volle Geschirrspülmaschine.

Ausflüge und Abwechslung fehlen. Das kann doch spannend sein. Wenn wir nämlich mal Freunde treffen, dann reden wir plötzlich über Vergangenes. Über gemeinsame Bekannte von früher, Studienerlebnisse, die Kindheit. Oder über geheime Wünsche und Träume. Verrückt, was man so erfährt, wenn es in Sachen Alltag nichts zu erzählen gibt. Auch spannend, wie anders, wie viel tiefer Gespräche gehen, wenn man mit wenigen Menschen am Tisch sitzt, statt in großen Gruppen wie früher.

An manchen Tagen fehlen mir plötzlich diese Dörfer aus Freunden so sehr. Ich sehne mich sogar nach Lautstärke. Nach einem vollen Geschirrspüler nach nur einem Essen. Als der erste Lockdown vorbei war, sind wir mit zwei befreundeten Familien an die Elbe gegangen. Es war so vertraut, sie wieder zu sehen und doch so neu. Hat gekribbelt wie bei einem Date. Ich war regelrecht freundschaftsbeschwipst. Verrückt, wie viel Energie das in mir freigesetzt hat! Vielleicht könnten sie den Hallo-wach-Knopf an mir drücken.

Was am meisten fehlt ist Leichtigkeit. Das: „Ja, ich komm kurz rum!“ Oder: „Habt ihr Samstag Zeit?“ Einfach so. Ohne Regeln zu checken und sich gegenseitig abzuchecken. Ohne Test zu ordern und sich vor dem Treffen mit Wattestäben in den Nasen zu popeln. Ohne die Option, es wieder mal verschieben zu müssen.

Leider habe ich das Gefühl, dass immer mehr gestrichen, statt verschoben wird.

Nicht nur ich scheine zoom-müde zu sein. Während wir am Anfang in unserer Mädelstruppe noch große Ambitionen hatten, uns einmal die Woche mit einem Glas Wein vor dem Bildschirm zu treffen, fragt jetzt keiner mehr. Zum Glück, ich bin abends viel zu müde. Ich frage mich, werde ich je wieder wach genug sein? Werde ich einfach so in eine Bar marschieren, oder plötzlich Angst haben? Weil volle Bar gerade verrückter klingt als Bungee-Jump?

Eins steht fest: Ich will echte Haut und zarte Fältchen sehen und keinen staubigen Bildschirm. Durch ein Wlan-Kabel gepresst bleibt sowieso jedes Gespräch oberflächlich. Wer erzählt schon wirklich Wichtiges, wenn der andere ständig fragt: „Hörst du mich noch?“

Inzwischen denke ich: Wenn schon nicht in echt, dann sehe ich sie lieber gar nicht.

Dabei vermisse ich sie so. Verrückterweise fühlen sich plötzlich die Freundinnen, die weit weg wohnen, besonders nah an. Vielleicht, weil wir bereits perfekt eingewhatsappt sind. Vielleicht, weil wir uns ewig kennen: Da schickt eine Freundin einen fünf Sekunden Link eines Liedes und alles ist wieder da: Mein alter Ford Fiesta, Sommerwind durch Fensterspalt und unser hysterisches Kichern. Heute teilen wir in weißen und grünen Rechtecken Serientipps und Sorgen. Drei Sätze – und mir gehts besser. Wir planen einen Trip im Herbst – ich freue mich täglich drauf. Ein neuer glitzernder Anhänger für meine Kette.

Und bei euch?

PS. Ihr glaubt gar nicht, wie ich mich freue, dass wir uns hier haben.

Foto: Ilona Habben

Alles Liebe!

Claudi