Manchmal esse ich heimlich. Kurz vorm Abendbrot. Schaue mich verstohlen um, ob keiner guckt. Und schiebe mir dann im Stehen schnell ein paar Happen in den Mund. Nicht, weil ich verschämt mit irgendwelchen Diätplänen brechen würde. Sondern, weil ich es oft nicht aushalten kann, gemeinsam mit meinen Kindern zu essen. Bekömmlich geht nämlich anders. Genuss sowieso. Schön finde ich das alles nicht. Denn mein liebstes Gedanken-Familienidyll ist immer noch das einer harmonischen Tischrunde.

Aber seit neun Jahren lässt unser Alltag dieses Bild täglich in 1000 Scherben splittern. Während ich noch Brote schmiere und Rohkost schnippel, stürmt der erste mit „Huuunger!“-Schlachtruf in die Küche und greift mit dreckstarrenden Fingern tief ins Gemüse. Mein „Hände waschen!“-Ruf verhallt im Off. Dafür sitzt bereits der nächste am halbgedeckten Tisch und kippt Joghurt aus – zur Hälfte in die Schüssel, die andere auf den Fußboden. Bis ich überhaupt mit am Esstisch bin, ist das erste Kind schon wieder aufgestanden. Weil:

Der Klogang ist obligatorisch, gern in Sichtweite bei offener Tür.

Bevor oben mehr reingeht, muss unten was raus, klar. Ehe ich überhaupt einen Bissen von meinem Brot nehmen kann, breitet sich eine klebrige Orangensaft-Lache über den Tisch aus. Danach bleibe ich meist schicksalsergeben am Küchentresen stehen, reiche Küchenkrepp, frische Teller, Aufschnitt-Nachschub raus. Ermahne die Kinder im Akkord, sich nicht mit Gurke zu bewerfen, aufzuspringen, lautstark zu rülpsen.

Manch einer schläft nach der wilden Essensschlacht völlig erschlagen am Tisch ein. Ich könnte mich glatt dazulegen. Stattdessen stopfe ich mir nebenbei irgendwas in den Mund, das ich später nicht benennen könnte. Das kann ich mir auch sparen.

Weil: Ich esse für mein Leben gern. Ich komm aus einer Foodie-Familie (hier verraten mein toller Papa und seine besten Rezepte). Ich liebe den Anblick, Geruch und Geschmack guter Produkte. Eine leckere Mahlzeit ist für mich wie Wellness auf der Zunge. Ich wende enorm viel meiner knapp bemessenen Zeit für den großen Koch-Kosmos auf – Ideenfindung, Einkauf, Meal Prep inklusive. Nur: Auch das liebevollst zubereitete Essen bleibt mir im Hals stecken, wenn die Kinder dabei derart steil gehen. Mit ihnen zu essen, ist meist purer Stress, kein Spaß. Da kippt meine Lust am Essen fix in Frust.

Ich habe schon alles versucht.

Habe mir die Essensregeln aus Claudis Kochbuch an den Kühlschrank gehängt. Tisch decken zum Event erklärt. Ein Belohnungssystem ausgerufen für Kinder, die warten können – auf einen gemeinsamen Anfang und ein gemeinsames Ende. Mir ein Glas Wein eingeschenkt, um mich dem Chaos einfach hinzugeben. Vergebens. Was mich umso trauriger stimmt, weil meine prägendsten Kindheitserinnerungen genau diese gemütlichen Tischrunden sind. Der Tisch war der Nabel unserer Familienwelt. Bei uns ist er eher das Epizentrum eines Bebens.

Mit Freunden von uns haben wir regelmäßig ein sonntägliches Lunchdate. Er ist Franzose, ein begnadeter Koch, ein begeisterter Genießer. Im Vorfeld planen wir immer gemeinsam unser Menü – eines für die Erwachsenen und eines für die Kinder. Denn das ist das Geheimnis unser zumeist erstaunlich entspannten Treffen – obwohl wir in Summe sechs Kinder im Alter von drei bis 13 haben:

Wir trennen unsere Mahlzeiten.

Erst werden die Kids abgefüttert und anschließend direkt in den Garten gescheucht. Dann machen wir tabula rasa – und es uns richtig schön. Mit nettem Geschirr, Blumendeko und dem Essen als Ehrengast – nicht wie sonst in der Statistenrolle. Egal, was auf den Tisch kommt, es hat für mich Drei-Sterne-Charakter: Weil keiner zwischendurch aufspringt oder den vollgestopften Mund zurück auf seinen Teller leert. Einfach sitzen, kauen, sich unterhalten und am gemeinsamen Essen freuen –  unter zivilisierten Menschen.

„Ich esse generell nicht mehr mit den Kindern“, erklärte unser Freund bereits vor ein paar Jahren kategorisch. „Ich koch doch nicht stundenlang, um mir dann am Tisch alles verderben zu lassen!“ Ich habe lange mit der Idee gehadert. Weil ich an diesem harmonischen Bild so sehr hänge. Aber mittlerweile bin ich mürbe. Und es ist eben genau das: ein Bild. Eine Erinnerung.

Meine eigene Familie is(s)t einfach anders.

Zumindest jetzt. Vielleicht sind die Kinder noch zu klein oder zu lebhaft oder ich zu angespannt. Fakt ist: Ich mag so nicht mehr essen. Und da ich gerade nicht mal die Chance habe, meine Genuss-Akkus im Restaurant aufzuladen, gönne ich mir eben zuhause eine Mahlauszeit.

Daher trennen wir jetzt im Alltag unser Abendbrot: Erst die Kinder, dann mein Mann und ich. Mit freigeräumten Tisch, hübsch gedeckt. Mit Zeit für ein Gespräch. Mit ein paar Minuten Ruhe für uns, für das Essen auf dem Teller. Das klappt ganz gut, solange die Hörspiel-halbe-Stunde läuft. An den Wochenenden sitzen wir dann wieder alle gemeinsam in der Runde. Gerade versuchen wir zumindest diese Regeln einzuhalten: Gemeinsamer Beginn, keine Körpergeräusche und Kinder warten auf Kinder.

Vielleicht braucht es Zeit, bis es so wird wie in meiner Erinnerung. Vielleicht noch mehr Übung und Geduld. Und vielleicht finden wir irgendwann auch unser ganz eigenes Beisammensein, an das die Kinder später gern zurückdenken. Und ich auch.

Ich bin gespannt: Sind eure Tischsitten auch so verlottert…?

Alles Liebe,

Katia