Wir sind diese Ferien nicht weggefahren, um endlich mal in Ruhe auszumisten (und zu renovieren!). Ich hatte kaum mit dem ersten Fach im ersten Regal angefangen, da stöhnte ich staubumnebelt: “Unsere Reiseferien gefallen mir besser.” André runzelte die Stirn. “Na logo.” Anderseits war das echt eine ziemlich aufregende Reise…
Während ich Wichtig-Ordner nach Unwichtigem durchsortierte und wie Aschenbrödel PlusPlus-Steine aus einem Mix aus Kapla- und Legosteinen, sowie Geburtstags-Mitbringsel- und McDonalds-Schrott aussortierte, überlegte ich, warum ich eigentlich so ungern ausmiste. Erstens natürlich, weil ich in der Zeit lieber malen, schreiben, lesen oder noch 1001 andere Dinge machen würde. Außerdem, weil ich es immer so lange schleifen lasse, bis es sooooo viel ist.
Aber auch, weil ich mich von so vielen Phasen und Versionen von mir und uns verabschieden muss.
Die Kleinkindzeit ist vorbei, Punkt. Und so gut ich damit normalerweise klarkomme, in Momenten des Ausmistens kommen mir bei kleinen Puppenstubenmöbeln und Kasperle-Puppen immer wieder die Tränen. Weil meine Kinder nie wieder so klein sein werden (und ich nie wieder so jung). Weil ich mich frage, ob ich die Zeit genug genossen habe. Vielleicht auch, weil endgültig fest steht, dass ich nie die Kasperle-Theater-Mutter gewesen bin, die ich ab und zu gern gewesen wär.
Beim Aussortieren wird einem bewusst, wie kurz Kindheit ist. Zehn Jahre, ein Wimpernschlag. Wie kurz mit Herzenswünschen gespielt wird, wenn überhaupt. Wie unfassbar viel Geld dort auf dem Fußboden herumliegt. Natürlich fielen mir auch die leuchtenden Augen ein. Die schönen Momente, in denen die Kinder mit ein paar wenigen Dingen gern gespielt haben. Gibt es einen schöneren Anblick als spielende Kinder, die ganz in ihrer Welt sind?
So viele bittersüße Gefühle…
Was von einer Kindheit übrig bleibt: Einzelsteine, staubige Knetfiguren, Glitzerpartikel. Mit jedem Aussortieren drehe ich den Schalter in Richtung Ende einer Phase unwiderbringlich weiter und das fällt mir schwer. Auf der einen Seite möchte ich alles aufbewahren in dem Wunsch, die schönen Momente zu bewahren. Doch während der Salzteigengel in meiner Hand bröselt, wird mir klar, dass ich nichts festhalten kann. Vor Weihnachten habe ich parallel angefangen in meinem Elternhaus auszumisten und fühlte mich erschlagen von all den aufbewahrten Dingen. Ein staubiges Erbe von Elektrogeräten, Erinnerungen, krummen Kunstwerken und jeder Menge Spielzeug, unsortiert, von allem zu viel. Gefreut habe ich mich dagegen über ein paar kuratierte Dinge: ein Dutzend selbstgemalte Bilder, ein Fotoalbum, ein paar Briefe, ein selbstgebasteltes Buch.
Worüber werden sich meine Kinder später freuen? Ganz sicher nicht über siebzehn Kartons Kritzeleien. Ich nehme also jedes Bild noch einmal in die Hand und wiege ab. Puh, es ist so anstrengend und emotional. Wenn ich eins anders machen würde, wenn ich jetzt mit dem Kinderkriegen starten würde: Ich würde weniger Zeug anschaffen und sofort anfangen, weniger aufzuheben.
Was mir hilft: Fotos machen.
Von selbstgebastelten Gänsen aus Taschentüchern, Laternen, liebevoll verzierten Kronen aus der Kita. Daraus werde ich ein Buch machen, für mich zur Erinnerung, nicht für meine Kinder. Das macht es ein bisschen leichter. Auch in meinem Arbeitszimmer miste ich radikal aus, weil ich es für ein Kind freimache. Es ist okay, mein Job hat sich verändert, eigentlich brauche ich nur noch ein Laptop. Ich mag das.
Was ich nicht mag, ist das Wegschmeißen von so vielen Ideen von mir. Dinge für Hobbys, die ich eine Weile ausgeübt habe, aus denen ich aber irgendwie rausgewachsen bin. Für die ich mir keine Zeit mehr nehme. Noch schlimmer: Dinge für Hobbys, die ich anfangen wollte, aber dann doch nicht gemacht habe. Ich war eine Zeit lang sehr schnell im Ausstatten einer Version von mir, die es (noch) gar nicht gab. Wie viel Geld und Energie da drin steckt – ich denke lieber nicht drüber nach. Oder doch. Bevor ich meine EC-Karte zücke und irgendwas Neues kaufe.
Kommen wir zum Guten. Raum! Platz! Im Haus, im Kopf, überall. Ich fühle mich so befreit. Unser Haus fühlt sich beinahe wie ein Ferienhaus an. Es riecht sogar frischer. Mag ich total.
PS. Mistest du auch grad aus?








Ach, hört das Ausmisten doch irgendwann mal auf?! Mein Motto war schon für 2025 ausmisten, aufräumen…ich habe es nicht ganz geschafft…aber wenn doch etwas aufgeräumt wurde,war es ein wirklich gutes Gefühl!! Auf das freue ich mich auch noch 2026 u werde weiterhin Schrank für Schrank, Schublade für Schublade u Raum für Raum weiter ausmisten…und irgendwann kommt zumindest kurzfristig das Gefühl auf,viel geschafft zu haben…das wünsche ich auch Dir u Deiner Familie!!
Liebe Grüße
Absolut. Wir haben schon letztes Jahr total ausgemistet, also zumindest dachte ich das letztes Jahr. Bis dieses Jahr kam und wir noch krasser gemistet haben.
Ich liebe es. Ich liebe den Raum, der damit entsteht – im Haus wie im Kopf. Hab ich gerade einen Artikel neu zu veröffentlicht. Liebe Grüße!
Liebe Claudi,
bei mir war es gerade andersherum: So viel Zeug habe ich aus meinem Elternhaus entsorgt und dann den dringenden Wunsch verspürt, es meinen Kindern leichter zu machen.
An meinen Sachen hänge ich allerdings auch nicht so wie an ihren.
Gerade gestern habe ich aus den aussortierten Stiften noch die gerettet, die eine Geschichte haben.
Und Fotos mache ich auch, mit chronisch gefluteten Augen.
Alles Liebe und Danke für Deinen Text!
Das klingt irgendwie sehr gesund und gut. Danke für’s Teilhaben lassen!
Liebe Grüße,
Claudi
Ich finde wegwerfen und ausmisten befreiend und mache es, auch mangels Platz, regelmäßig alle paar Monate. Ich habe auch gemerkt, dass die Kinder vieles von unserem Elternspielzeug zwar irgendwie kurz lustig finden aber es dann doch nicht zu ihren spielen oder ästhetischem empfinden passt, das gilt sogar für bücher. Fotos sind nett, aber werden wir uns die wirklich so oft anschauen wie wir denken? Grade Fotos von Dingen? Vertrauen wir unserer Erinnerung so wenig? Oder geht es darum, Oberhabd zu behalten über Erinnerung? Den Kindern zeigen zu können dass sie xy gemacht haben, auch wenn sie sich nicht erinnern? Ein paar Teile aufheben finde ich total ok. Erwachsenen Kindern Kistenweise kindheitskram hinzustellennweil man es selbst nicht übers Herz brachte finde ich weitergeben von Ballast. Erinnerungen sind gut und wichtig aber wenn uns das erhalten, verstauen und sortieren vom leben im hier und jetzt zu sehr abhält, finde ich es blöd. Und ja, man gibt versionen von sich weg. Aber dadurch wird auch klarer, wer man stattdessen ist. Nicht nur wer man gern gewesen wäre. Der blick geht zu dem was ist und nicht was hötte sein können.
Da hast du ein paar tolle, und sehr wahre Sätze aufgeschrieben. Fühle ich und hilft mir sehr.
Liebe Grüße
Liebe Claudi, vielen lieben Dank für Deinen Text. Mein drittes Kind kommt dieses Jahr in die Schule und mir fällt der Abschied von der Kleinkind-Zeit so so schwer… Unser Keller ertrinkt förmlich vor Zeug-mein Mann dreht durch – und ich kann mich einfach nicht trennen, könnte jedesmal heulen, wenn Kleider nicht mehr passen, etc. Auch dieses komische Gefühl, nicht alles genug genossen zu haben, wirklich im Moment gelebt zu haben, als die Kinder noch ganz klein waren, habe ich so oft… und dann verpasse ich gefühlt schon wieder den Augenblick vor lauter Melancholie… ein Teufelskreis-doch ich bin einfach so gerne Mama…
Liebe Grüße
Das kommt mir seeeehr bekannt vor. Anderseits schaffe ich es oft, mich über jede Zeit zu freuen, vor allem, wenn ich meine Kinder ansehe.
Ich finde sie genau jetzt so toll, dass ich die Zeit nicht zurückdrehen möchte, weil ich sie dann nicht mehr so hätte, wie sie jetzt sind.
Das hilft. Und das Gefühl, dass es später viel schöner ist, ein paar ausgewählte Dinge aufgehoben zu haben, als ihnen Massen zu übergeben.
Ist eh fraglich, ob sie sich darüber freuen, oder es als Belastung empfinden. Daher sammele ich sie hauptsächlich für mich.
Ein spannendes Thema!
Liebe Grüße,
Claudi
Ich miste auch gerade aus. Das erste Mal auch Bücher, bisher unmöglich. Berge von längst zu kleiner Kinderkleidung. Im Keller war ich wütend auf meinen Mann, der LEGO für hundert Jahre auf Vorrat gekauft hat – die Kinder werden noch ihre Enkel damit versorgen können. Dazu Kisten mit Resten aus dem geräumten Elternhaus. Schubladen voller Kleinkram, der keinen eigenen Platz hat, aber auch (noch!) nicht weg kann. Bastelmaterial, das einen Kindergarten laaange beschäftigen könnte. Volle Ordner aus der Unizeit (Abschluss vor 24 Jahren!)…ich wüte und heule und freue mich gleichzeitig über leere Regale. Schade, dass mein Urlaub jetzt vorbei ist, so etwas geht nur, wenn ich (Kinder)freie Vormittage habe.
Danke für diesen Einblick, ich fühle es und es ist doch Wahnsinn. Diese LEGO Vorratskäufe, wer hat es nicht gemacht? Und war es jemals bei irgendwem passend.
Ich wünsche dir viel Elan zum Weitermachen, es macht süchtig ; )