„Heute mache ich mal nichts“, denke ich manchmal zu Beginn eines freien Vormittags und freue mich auf ein paar Stunden nur für mich. Vor meinem inneren Auge probe ich entspannte Szenarien: Ich, joggend im Elbvorland. Mit Gesichtsmaske, Buch und Green Smoothie in der Badewanne. Oder ganz allein mal wieder in die Sauna…?

Während ich all das vor mich hin imaginiere, fische ich dreckige Wäsche aus Kinderzimmerecken und schmeiße sie in die Maschine, fege den gröbsten Dreck unterm Esstisch zusammen und räum die Spülmaschine aus. Dann mache ich mir fix ein paar Notizen in der Einkaufs-App, erledige Warteschleifen-schnell den Anruf für die nächste U-Untersuchung und weil ich gerade so in Schwung bin, bereite ich noch kurz den Lunch vor. Wenn ich gleich eine Auszeit mache, will ich ja nicht mittendrin noch Gemüse putzen, klar. Dann streift mein Blick die Uhr – und ich weiß: Mit mir und dem Nichtstun wird das heute nichts mehr, weil: Gleich muss schon der Dreijährige aus der Kita geholt werden…

Die Sache ist: Wenn ich mir keinen akribischen Nichtstun-Plan verordne, wird das meistens nichts mit dem Niksen*.

Und das ist ziemlich sicher nicht im Sinne des eigentlichen Müßiggangs: Planen, wann und was zu tun ist. Und wieso überhaupt tun? Eigentlich geht es doch ums Nichtstun, oder? Vielleicht muss ich ganz generell mal darüber nachdenken, was Nichtstun eigentlich für mich persönlich heißt.

Tatsächlich hat es meist nicht die Bedeutung im ursprünglichen Sinne: Nichts tun. Keiner bestimmten Tätigkeit nachgehen. Minutenlang aus dem Fenster schauen. Rumliegen und dösen. Draußen selbstvergessen das Gesicht in die Sonne halten. All das ohne konkretes Ziel, ohne einen wirklichen Zweck.

Wenn ich Nichtstun sage, meine ich eigentlich Me-Time, die einen bestimmten Sinn erfüllen soll. Joggen, um mein Sportpensum zu erfüllen. Yoga, um mich dabei zu entspannen. Lesen, um endlich mal wieder innerhalb eines Quartals ein Buch zu Ende zu bringen. Keine Frage: Alles Dinge, die mir guttun, die mich froh machen und die besser sind als Sisyphus-mäßig die Kinderzimmer aufzuräumen.

Und doch eben nicht der Zustand der Muße, der eng mit der Langeweile verbunden ist.

Der Zustand, den mein Großer gerade so häufig beklagt: „Mama, ich weiß nicht, was ich machen soll!“ Und ich ihm stets mantramäßig entgegne, dass man sich auch mal langweilen muss, damit neue Ideen enstehen. Nur: Diese Erkenntnis habe ich bislang selten auf meinen Alltag übertragen. Dass auch ich nicht immer mit irgendwas beschäftigt sein dürfte, um neue Impulse zu erhaschen. Oder mal einen Moment vom alltäglichen Stresslevel runterzukommen.

Denn wenn selbst in meinen so genannten Pausen das Handy in der Hand ist – wo soll da die Muße herkommen? Dabei sind genau diese Pausen so essenziell wichtig: Kurz zur Ruhe kommen, durchschnaufen, nichts müssen, nichts wollen, Auszeit. Um danach die Krone zu richten und weiterzumachen.

Natürlich ist unser Fünfer-Familienalltag mit zwei berufstätigen Eltern und drei umtriebigen Kindern recht komplex. Wenn wir alle Anforderungen stemmen wollen, heißt es oft, jede Lücke sinnhaft zu füllen. Das Kind muss zum Training gebracht und abgeholt werden? In der Dreiviertelstunde dazwischen kaufe ich noch schnell ein. Und auf dem Spielplatz führe ich fix noch ein paar liegen gebliebene Telefonate und plane die kommenden Tage.

Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass produktiv zu sein einen besseren Ruf hat als dessen Gegenteil.

Dinge zu machen ist immer irgendwie respektabler als die Hände in den Schoß zu legen, um auf etwas zu warten, von dem man nicht weiß, ob und wann es sich überhaupt einstellt. Und ob uns das irgendwie weiterbringt. Ich glaube, gerade Eltern tappen schnell in diese vermeintliche Unnütz-Falle: „Was ich noch alles erledigen könnte, während ich hier so rumhänge…“ Hände hoch, wer das noch nie gedacht hat – während er sich auf dem Turnhallen-Parklplatz in dieser Zwischenzeit des Alltags wiederfand. Die eigentlich absolut prädestiniert dafür wäre, nichts zu tun. Und die dann doch wieder mit Scrollen am Handy gefüllt wird.

Im Urlaub bin ich oft deutlich besser im Niksen: Am Meer, am Pool, auf der Sonnenliege oder der Couch – einfach mal Augen zu und die Gedanken sinnlos streifen lassen. Keine Termine, kein Alltagsdruck – das hilft meiner Muße oft enorm auf die Sprünge. Weil ich vielmehr als sonst das Gefühl habe, mir diesen Zustand gönnen zu dürfen. Der Ferien-Bonus. Aber es funktioniert tatsächlich auch an einem ganz normalen Mittwoch.

Kürzlich bin ich während des Tennistrainings statt zum Supermarkt an die Elbe gefahren.

Habe mich mit einem Kaffee und dem Blick aufs Wasser auf eine Bank gesetzt – und nichts getan. Habe die Möwen betrachtet, die über den Wellen segelten. Habe die Sonne gesehen, die unvermittelt zwischen den Wolken auftauchte und das Wasser zum Glitzern brachte. Meine Gedanken mäanderten mal hier- und mal dorthin, ohne Ziel und ohne Zweck. Und dabei stieg in mir plötzlich dieses Gefühl auf: Einfach nur zu sein ist ein wunderbar intensiver Zustand. Überraschend erholsam. Und inspirierend noch dazu: Seitdem trage ich diese Geschichte mit mir herum, die ich hier gerade aufgeschrieben habe.

Ich will jetzt mehr auf diese Zwischenzeiten achten. Wege im Auto oder in Bus und Bahn eignen sich dafür hervorragend. Den Blick vom Laptop heben und einfach eine Weile aus dem Fenster schauen. Morgens mit dem ersten Kaffee in die Dämmerung des Gartens blicken. Mich beim Kinderlüften im Betrachten der gemächlich drehenden Windräder verlieren. Und bei all dem bleibt das Handy in der Tasche. Oder am besten gleich zuhause, weil: Mobile und Muße – das passt einfach nicht zusammen…

Wie ist das bei euch: Seid ihr schon Nichtstun-Profis oder auch eher Duracell-Moms…?

PS: *Niksen ist das hübsche niederländische Wort für Nichtstun – und ein Zustand, der im berechtigten Verdacht steht, uns enorm gut zu tun. Hier und hier gibt es dazu vertiefende Lektüre – da stecken bestimmt noch viele gute Impulse drin.

Alles Liebe,

Katia