Wir haben uns hier weniger zu sagen, seit wir uns ständig sehen. Vielleicht sind wir auch zu müde vom vielen sehen. Ich sehe meine Kinder beinahe den ganzen Tag, das ganze Wochenende, die ganzen Ferien. Und sie mich. Neues gibt es nichts. Ich weiß, was in Mathe gerade dran ist, denn ich sitze daneben. Ich weiß, welches Lied mein Sohn neu auf dem Klavier spielt, denn ich bin dank des Zoom-Unterrichts im Wohnzimmer live dabei. Und doch haben wir letztens beim Abendbrot ein völlig neues, wahnsinnig aufregendes Gespräch geführt…

Das krasseste Familiending in dieser Pandemie-Zeit: Das sie alle Mitglieder auszieht.

Jede schützende Schicht fliegt. Wer soviel Zeit miteinander verbringt, kann nicht anders als er selbst sein. Mit allen Facetten. Das bringt Chancen: Man lernt sich noch mal ganz neu und viel intensiver kennen. Es sorgt aber auch für manchen Knall. Denn wie Susanne Mierau auf Instagram schreibt: „Die Nähe bedeutet ALLES zu erleben und selbst auch alles irgendwann Preis zu geben. Alle Emotionen, alle Eigenschaften kommen auf den Tisch. Alles wird gemeinsam erlebt, es gibt kein Entrinnen.“

Es gibt keine regelmäßigen Treffen mit Freunden, in die man sich wie in einen warmen Pulli einkuscheln kann. Kein Fußballtraining, dass man wie einen Sweater überstülpt und sich lässig fühlt. Kein hübsches Kleid, das gute Laune spielt. Alles weg, wir sind nackt. Wir sind einfach nur wir. Ich empfinde das innerhalb der Familie als schmerzhaft und schön zugleich.  Ich habe das Gefühl, die Pandemie hat mich ans nackig machen gewöhnt. Ich erlaube mir mehr ich zu sein. Und ich mute den anderen zu, mich so zu nehmen, wie ich bin.

Ich akzeptiere die anderen viel mehr im Sie-sein.

Ich bin entspannter geworden mit meiner Vorstellung von Perfektion. Ich habe zwischendurch gedacht, wie wären die schlimmste Familie der Welt und es würde wirklich einfach gar nichts funktionieren. Und dann vergingen ein paar Tage und wir lebten immer noch. Und dann war da dieses tiefe Gefühl von Schicksalsgemeinschaft und Alltags-Rockability, weil wir das meiste eben doch hinkriegen – und es auf den Rest eh nicht ankommt. Und dann schaue ich mich um und sehe meine Familie, finde sie am allerbesten auf der ganzen Welt und bin mir absolut sicher in dem Gedanken, dass ich mit niemandem sonst lieber 14 Monate nackig im Chaos hätte verbringen wollen.

Manchmal ist es schön, sich wieder daran zu erinnern, was man aneinander mag. Weil das Mögen manchmal wie ein kleiner Stein in die hinterletzte Ecke der Hosentasche rutscht. Außerdem ist es  einfach schön, mal frischen Wind in die Gespräche beim Abendbrot zu bringen, wenn denn nun niemand wirklich was erlebt. Wir haben letztens spontan „Warme Dusche“ gespielt. Das ist ein uraltes Pädagogenspiel, was ich manchmal im Unterricht spiele. Man pickt dafür einen aus der Gruppe raus, der unter den Worten der anderen warm duschen darf. Alle anderen in der Gruppe, sagen ihr oder ihm, was sie an ihm mögen und zwar so konkret wie möglich. Meine Kinder wurden zuerst geduscht.

Es war so simpel. Und so bezaubernd.

Mir wurde ganz warm, als ihre Gesichter bei den Wortduschen rosa anliefen und sie verlegen auf den Boden lächelten. Sie wuchsen ein paar Zentimeter, ganz sicher. Dann war ich dran. Erst hatte ich ein bisschen Angst. Kurz liefen meine Wutausbrüche der letzten Wochen, meine Ungeduld, all die Szenen an rausgebrüllem Frust, meine verzweifelten Heulattacken, wie ein vorgespulter Film vor mir ab. Aber dann sah ich ihn ihre grinsenden Gesichter, sah ihre Augen funkeln und ließ mich duschen. Sehr warm.

Einer meiner schönsten Worttropfen: „Mit dir kann ich über alles reden, Mama!“

Ich wünsche euch ein wunderbares Wochenende,

alles Liebe,

Claudi