Stell dir vor, du bist neun Jahre alt und sitzt mit Mama oder Papa am Esstisch. Ihr macht Hausaufgaben. Am Anfang ist Mama oder Papa ganz geduldig und liebevoll und versucht, dir spielerisch zu erklären, was du noch nicht ganz verstehst. Doch irgendwie bleiben deine Schwierigkeiten und du kommst nicht auf die Lösung. Du merkst, wie Mama oder Papa immer ungehaltener werden…

Das schlechte Gefühl in deinem Bauch breitet sich mehr und mehr aus. Du bist wie blockiert und du merkst, dass du den Tränen nahe bist. Mama oder Papa runzeln die Stirn, werden ärgerlich, schaut dich eindringlich an und sagt:
»Konzentrier dich doch mal!«
»Du strengst dich ja gar nicht richtig an!«
»Es ist wichtig durchzuhalten!«
Irgendwann entlässt MaPa dich. Du merkst, MaPa will dich eigentlich in deinen Gefühlen begleiten, aber es gelingt ihm*ihr gerade nicht.
Du bist allein.

Vielleicht habt ihr im Zusammenhang mit der Schule oder Kita, in der engeren oder weiteren Familie auch Situationen, in denen diese oder ähnliche Sätze fallen. In denen Anspannung, Angst und Ärger herrschen. Situationen, in denen die Beziehungsebene leidet und ignoriert wird, weil andere Dinge im Vordergrund stehen: gute Leistungen, mithalten, nicht als »Faulpelz« auffallen.

Dabei wolltest du eigentlich keinen Druck machen, wenn mal etwas nicht funktioniert.

Denn du weißt, dass Druck zu Burn-out führen kann und dazu, dass wir unsere Bedürfnisse konsequent ignorieren und zu getriebenen, immer unzufriedenen Menschen werden. Auch du selbst spürst das vielleicht in deinem Alltag, in deinen Arbeitsgewohnheiten und der Schwierigkeit, Pause zu machen, dich zu entspannen und eine gute Balance zu finden.

Vielleicht hast du dir für dein Kind nach der Geburt gute Vorsätze vorgenommen wie den, dass dein Kind sich in seinem eigenen Tempo entwickelt darf und du dich nicht von Meilenstein-Entwicklungstabellen zum Sprechen und zur Motorik stressen lässt. Oder du wolltest die Schule nicht zwischen dich und dein Kind kommen lassen. Du wolltest eure Beziehung, eure Bindung priorisieren und dein Kind vor allem dabei unterstützen, dass es Freund*innen hat, sich selbst liebt und sich als Teil der Gemeinschaft, in Schule, Freundeskreis und Familie, akzeptiert fühlt. Auch wenn es mal rebelliert oder schlechte Noten nach Hause bringt.

Und dann ist es so weit. Dein Kind erreicht einen Meilenstein in der Entwicklung nicht so, wie es als »normal« gilt. Es lernt nicht so schnell sprechen, wie du dir das wünschst. Es fällt mit seinem Sozialverhalten auf. Es kommt in der Schule nicht so recht mit. Du machst dir unglaubliche Sorgen und denkst schon das ganze Leben deines Kindes voraus. Wie soll es später zurechtkommen, wenn es jetzt so schüchtern ist, dass es sich nicht traut, mit anderen außerhalb der Familie zu reden? Oder wenn es jetzt so aufbrausend ist, dass es kaum in einer Gruppe zu führen ist? Oder wenn es so rebellisch ist und das Essen verweigert?

Was immer es auch ist, womit das Kind vom verinnerlichten Sollzustand abweicht, es sorgt für Verunsicherung, wenn nicht gar Panik.

Denn es entspricht unserer menschlichen Natur und unseren tiefen Bedürfnissen, dazuzugehören. Wenn wir in der Evolution ein ganzes Stück zurückdenken, wird deutlich: Aus der Sippe oder Gemeinschaft, die füreinander sorgte und gemeinsam das Überleben sicherte, ausgeschlossen zu werden, bedeutete im Zweifelsfall das Todesurteil. Allein war es in weiten Zeiten der Menschheitsgeschichte unmöglich, zu überleben.

Dazuzugehören bedeutet also nicht nur Status, sondern hat eine existenzielle Bedeutung, die uns tief in den Knochen steckt. Betrachten wir heutige Standards und Anforderungen unserer modernen Gesellschaft, zählt ganz besonders die Leistung, um dazuzugehören. »High Performer« zu sein ist ein wünschenswertes Ziel, »Faulheit« hingegen wird scharf verurteilt. Natürlich wollen Eltern, dass ihre Kinder ebenfalls ihren Platz in der Welt finden, und wissen ganz genau, mit welchen Verhaltensweisen und Eigenschaften sie sich ins gesellschaftliche Aus katapultieren. Zugehörigkeit kann ein erlernter Wert sein, der im Zweifelsfall plötzlich höher priorisiert ist als die Herzenswerte der individuellen Begleitung oder des eigenen Tempos.

Ja, wir wollen liebevolle Eltern sein.

Wir wollen unsere Kinder unterstützen. Und auch wenn das grundsätzlich gegeben ist, können Bindung und Beziehung dabei wie blinde Flecken sein. Je nachdem, welche Prägungen in uns wirken, ist es sogar möglich, dass diese Ebene der Verbindung und bedingungslosen Annahme für uns gar nicht mehr sichtbar oder greifbar ist. Wie kann das sein…?

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch „Kindheit ohne Gepäck“ von Carina Thiemann. Carina ist systemische Familientherapeutin und beschäftigt sich darin mit Fragen wie diesen: Warum verhalten sich Eltern in Stressmomenten oft genau so, wie sie es selbst nie wollten? Wie gelingt es, transgenerationale Traumata und alte Muster zu erkennen und zu durchbrechen? Das Buch ist eine Einladung, sich gerade zu Beginn des Schul- und Kitajahres der eigenen Verhaltensmuster bewusst zu werden und sie zu durchbrechen. Du bekommst es zum Beispiel hier oder überall, wo es Bücher gibt.

Carina