Meine Freundin S. macht jetzt Digital Detox. Meine Freundin I. eine Saft-Kur, J. verzichtet auf Alkohol. „Und du?“, fragen sie mich. Und ich denke: Ernsthaft? Und dann: Och, nö. Noch mehr Verzicht? Nach einem Jahr des Verzichts auf fast alles, was überhaupt noch Spaß machen darf? Sorry, aber ohne mich! Was nicht heißt, dass ich gar kein Programm für die Fastenzeit habe. Meins heißt nur Erleben statt Entbehren. Denn Nein zu einer Sache meint meist Ja zu einer anderen…

Hier ist der Plan: Bis Ostern nehme ich mir jeden Tag eine Sache vor, die ich mir sonst verkneifen würde: Nutella-Frühstück im Bett, Netflix am Nachmittag, Cocktail-Party mit meinem Mann. Egal was: Hauptsache, es macht Spaß. Hauptsache, es jagt dieses dauerdoofe Gefühl von zu wenig aus dem Haus: zu wenig Ablenkung, zu wenig Freude und Freunde, zu wenig Energie für alles. Ich will mehr Leben statt noch mehr Leerstellen.

Die Kinder sind Feuer und Flamme

Pyjama-Tag! Montags-Kino! Mehr Zocker-Zeit! Allein das Aushecken all dieser schönen Dinge macht hier schon Laune. Denn was uns allen schleichend abhanden gekommen ist, ist das sprudelnde Gefühl der Vorfreude. Dieses noch-zweimal-schlafen-und-dann… Spontan ist auch schön, aber Vorfreude nimmt noch viel mehr Raum ein, gefüllt mit gutem Gefühl. Deswegen hängt neben Stunden- und Menüplan am Kühlschrank jetzt auch unser Spaßplan. „Mama, morgen ist doch die Pizza-Party – hast schon dafür eingekauft?!“ Selten haben meine Drei so vehehement auf die Einhaltung unserer Wochen-Vorhaben gepocht.

Nichts gegen Einsicht

Aber seit Beginn der Pandemie hatte ich wirklich ausreichend Zeit über mein, über unser Leben nachzudenken. Über das, was gut ist darin. Das, was fehlt. Über das, worauf ich verzichten kann. Freude, auch manchmal auch an der Unvernunft, gehört nicht dazu. Ich hänge gerade an jedem einzelnen Moment, der mir Vergnügen verschafft. Ich will eine Arschbombe ins Vergnügen. Und wenn es die 100-Gramm-Tafel weiße Lindt mit ganzen Mandeln ist. Dafür brauche ich gerade keine 40-tägige-Fastenzeit, um das zu verstehen. Oder es ändern zu wollen.

Was ich in all den Wochen auch erkannt habe: Unser Familienleben besteht aus so vielen Regeln, erfodert so viel Disziplin. Irgendwann ist auch mal gut. Es ist nicht nur den Kindern schwer zu vermitteln, dass immer noch mehr Restriktionen unser Leben bestimmen. Und der Spaß irgendwo auf der Strecke bleibt. Deswegen leben wir jetzt lieber nach dem Lustprinzip. Mindestens 40 Tage.

Und dann ist plötzlich Frühling

Kommt um die Ecke mit warmen Temperaturen, 1000 Gerüchen und Verheißungen. Mal ehrlich: Wer ist da nicht sofort versucht, alle öden Vorhaben und Regelwerke über Bord zu werfen? Sonne im Gesicht erzeugt Sonne im Herzen, Kribbeln im Bauch, Lächeln im Gesicht. So einfach. Frühlingsschrei statt Pflichtprogramm. Sundowner-Drink statt Detox-Smoothie. Es ist, als würde mit dem letzten Schnee auch dieser schwere Pandemie-Panzer schmelzen. Und das ist ein verdammt gutes Gefühl. Ich würde es fast Glück nennen. Das will ich feiern. Fragt mich 2022 noch mal nach Verzicht.

Macht ihr mit?

PS: Wenn ihr euch ein wenig in Anti-Stimmung versetzen wollt, empfehle ich übrigens dieses großartige Kinderbuch. Ich lach jedes Mal Tränen!

PS2: Weil Nein und Ja häufig dicht beieinander liegen, lest gern noch mal meinen Jahresauftakttext. Nicht wundern: Ich war ja mal Anna…

Katia