Gestern Morgen am Schreibtisch, lese ich auf einem guten Blog einen Artikel über das Schimpfen. Beziehungsweise über drei Bücher, die das Schimpfen schimpfen. Die Schimpfwort-Diät, heißt eins. Klar, Schimpfen ist nicht schön, keiner schimpft gern. Ich habe oft ein schlechtes Gewissen hinterher. Schimpfen beißt sich mit bedürfnisorientierter Erziehung – oder? Dann denke ich manchmal: Ich wünsche mir, dass einige mal wieder mehr schimpfen. Und ich? Ich gestehe es jetzt: Ich schimpfe öfter mal…

Meine Freundin Anna auch. Sie unterrichtet zur Zeit hauptsächlich Kunst an einer Grundschule – genau wie ich. Oft sitzen wir zusammen und reden, vor einer Weile saß sie auch wieder da – mit einem Kaffee und roten Augen und hat erzählt. Was los war? Nichts wildes. Und doch wild. Anna war am Morgen zum Unterrichten in der Schule gewesen. Die Schule liegt übrigens nicht in einem sogenannten Problembezirk, sondern im Norden Hamburgs, mitten im grünen Speckgürtel. Anna liebt ihren Job, eigentlich. Sie arbeitet gern mit Kindern kreativ. Sie liebt ihre Fächer Kunst, Mathe, Sachunterricht. Vor allem Kunst. Sie denkt sich gern Aufgaben aus, um die Kreativität aus ihren Schülern herauszukitzeln. Sie arbeitet, malt, bastelt, diskutiert, redet, fantasiert gern mit Kindern.

Manchmal sitzen Anna und ich da und zweifeln an uns. Am System, an unserer Zeit, an allem. Anna an diesem Morgen besonders. Was eigentlich los war? Das erzählt sie euch kurz…

„Ich fahre immer sehr früh in die Schule, um den Kunstraum vorzubereiten. Wir haben nicht viel Zeit, ich möchte jede Minute für unsere kreativen Projekte nutzen. Ich nehme die Stühle herunter, decke die Tische ein, verteile Papier, Pinsel, Farben und Wasserbecher. Ich habe mit den Kindern hoch und runter besprochen, wie man sich im Fachraum verhält: Nichts anfassen zum Beispiel, schon gar keine der Maschinen und Werkzeuge, die überall herumstehen. Ich bitte die Kinder noch vor der Tür erneut, nichts anzufassen, sondern sich sofort im Gesprächskreis zu versammeln. Es dauert keine Minute, da sind zwei Wasserbecher umgekippt. Zwei Kinder haben die Tisch bemalt. Einfach so, mit Acrylfarbe. „Weil es lustig ist…“, finden sie. Zwei spielen mit den Sägen an der Wand.

Als ich die Kinder mit dem verkippten Wasser und der Farbe bitte, alles kurz aufzuwischen meinen sie: „Das kann ich nicht.“ Als sie schließlich wischen, machen sie es mit spitzen Fingern und so, als hätten sie noch nie in ihrem Leben etwas aufgewischt.

Unser Unterrichtsgespräch zu führen ist schwierig. Ich habe den Schülern ein Poster von einem Maler mitgebracht, von dem einige Kinder in den Ferien Bilder gesehen hatten. Sie hatten sich gewünscht, dass wir als nächstes diesen Maler durchnehmen. Die erzählenden Kinder und ich kommen kaum zu Wort, immer wieder müssen wir warten, weil die Hälfte der Klasse reinruft, mit Stiften, Hosen, Tascheninhalten spielt, mit dem Nachbarn quatscht, das Kind neben sich zwickt und wieder reinruft. Es dauert, bis ich die Aufgabe ansagen kann. Eine sehr individuelle Aufgabe übrigens. Mindestens drei motzen: „Boah, keinen Bock.“

Ich erinnere die Kinder daran, Malerkittel anziehen. Sie dürfen mit echten Künstlerfarben malen, aber ich erkläre noch einmal, wie zu Beginn jeder Stunde, dass die Farbe sich schlecht auswaschen lasse. Auf dem letzten Elternabend haben sich bereits ein paar Eltern über Flecken beschwert. Die meisten Kinder sagen: „Nö, keine Lust.“ Ein Kind hat später besonders große blaue Flecken auf einem vorher blitzblanken Shirt. Das Shirt hatte ausgesehen wie neu. „Oh nein!“, sage ich, ehrlich erschrocken. „Mir doch egal“, sagt das Kind. „Kauft Mama mir eben ein Neues.“

Zurück am Platz wollen drei Kinder den Platz tauschen, obwohl wir seit Schulhalbjahresanfang feste Plätze haben. Und diese ja auch nur für eine Stunde in der Woche. Zwei streiten, finden einfach kein Ende. Als ich sie bitte, sich auseinanderzusetzen, damit beide – und alle anderen – in Ruhe arbeiten können, sagt einer: „Nö.“ Ich bleibe dran, ich bitte noch einmal, erkläre noch mal. Das Kind brüllt: „Du hast mir gar nichts zu sagen.“ Dann springt es auf, so schnell, dass ein Stuhl umkippt und rennt raus.

Wenig später – mitten in der Stunde – geht ein Kind so aggressiv auf ein anderes los, schlägt, tritt, dass ich Angst um das Kind habe, um die anderen Kinder und um mich. Das angreifende Kind rennt schließlich raus. Ich will im Gespräch klären, was eigentlich los war – leider ist nur ein Kind da, das seine Version erzählen kann.

Als ich später die Mutter des aggressiven Kindes anrufe, sagt die, das andere Kind habe ihrem Kind Farbe auf das Papier gekleckst. Und sowieso wäre alles ganz anders gewesen. Sage ihr Kind.“

Anna meint, das sei kein Einzelfall, keine Ausnahme. Sie kenne zig Kollegen, die täglich Ähnliches erleben. Ich übrigens auch. Anna erzählt, dass ein paar Kinder an ihrer Schule täglich mit Bauchschmerzen in die Schule gingen. Diverse Kollegen auch.

Anna fragt sich nach solchen Vormittagen, ob wir als Eltern manchmal vielleicht zu viel Verständnis haben? Sie fragt sich (und mich), ob wir bei all unserem Beschützerinstinkt vergessen, unsere Kinder Verantwortung für ihr Handeln übernehmen zu lassen? Ob wir vielleicht selbst zu wenig Respekt vor anderen Menschen haben und unsere Kinder sich das abgucken? Ob wir selbst so sehr auf Spaß- und Glück-Suche sind, dass auch unsere Kinder denken, alles im Leben müsse immerzu Spaß machen? Auch ich frage mich manchmal, ob wir vielleicht zu viele Ausflüge unternehmen und dabei zu wenig Zeit bleibt, unseren Kindern Dinge wie Aufwischen beizubringen? Anna und ich fragen uns, ob wir vielleicht manchmal zu sehr Kumpel und doch zu wenig Eltern sind? Und wir fragen uns: Ob wir nicht doch mal wieder schimpfen sollten?

Vielleicht brauchen wir einfach ein neues Wort für Schimpfen? Leiten vielleicht? Grenzen aufzeigen? Was meint ihr? Oder schimpft ihr jetzt mit Anna und mir?

Claudi