Jeden Morgen, wenn ich die Augen aufmache und aus dem Fenster sehe – sanftblauer Himmel, knospige Bäume, grasgrüner Rasen – denke ich: „Das kenne ich doch.“ Es ist ein warmes „Täglich-grüßt-das-Murmeltier-Gefühl“. Ich bin heilfroh, dass es so monoton frühlingshaft draußen ist. Stellt euch vor es wäre: „Täglich-grüßt-der-Nieselregen“. Und doch ist da ein Druckgefühl im Bauch. Es gibt etwas, das mir viel mehr fehlt, als ich jemals gedacht hätte…

Jemanden in den Arm nehmen, jemanden drücken. Küsschen links und rechts. Beim Lachen an der Schulter berühren. Beim Trösten die Hand auf einen warmen Arm legen. Oder gelegt bekommen. Antippen für mehr Aufmerksamkeit. Vielleicht sogar ein steifer, fester Händedruck. Warmen Atem spüren beim nebeneinander sitzen und reden. Jemandem ein Blütenblatt aus dem Haar streichen.

Sogar der kurze Plausch mit der Kindergartenmutter beim Hausschuhe anziehen. Der kleine Stups mit Augenzwinkern der Erzieherin, wenn ich mein Kind mit Wutanfall abgebe. Der Einkaufswagen, den mir jemand auf dem Supermarktplatz lächelnd rüberschiebt, weil er ihn nicht mehr braucht. Die Finger der Verkäuferin beim Bäcker an meinen, wenn sie mir das Rückgeld reicht. Und noch viel mehr unsere Freunde rund um unserem Esstisch, die ich vorher fest in den Arm nehme und die mir auf den Rücken hauen, wenn ich mich vor Lachen verschlucke. Denen ich den warmen Kartoffelbrei auf den Teller schaufele, während sie gerade meinem Kind den Schnutt abwischen. Die mir über den grünen Salat etwas ins Ohr flüstern. Die mich drücken, wenn ich leise stöhne.

Das Verrückte ist: Ich habe das ja alles. Ich umarme und drücke und tröste. Ich werde so viel gedrückt grad, dass ich manchmal keine Luft mehr bekomme. Manchmal kriege ich vor lauter Drücken sogar einen Knall und schiebe den Drücker genervt weg. Wir leben zu sechst bei uns im Haus, für Einsamkeit ist da kein Platz. Und plötzlich merke ich, was für ein wahnsinnig geselliger Mensch ich bin. Nicht bloß ein Familienmensch, ein Freundemensch. Ein Küsschen-links-und-rechts-Mensch. Ein Menschenansammlungenmensch.

Dabei war ich sonst die, die auch mal vorgeschlagen hat, mal einen Tag am Wochenende auf der Couch zu bleiben. Jetzt krieg ich einen Knall. Und ausgerechnet mein Mann, der sonst am liebsten jeden Tag die Bude voll einlädt, kommt damit besser klar: „Ist halt so, machen wir das Beste draus!“ brummt er – und dann schleppt er Steine für ein Gartenhäuschen, dass wir seit eineinhalb Jahren aufbauen wollen und nie getan haben, weil wir stattdessen immer Freunde getroffen haben.

Meine Kinder drücken mich mehrmals am Tag, streichen mir übers Haar, geben Küsschen hier und Küsschen da. Und doch wünsche ich mir nichts mehr, als endlich mal wieder von jemanden gedrückt zu werden, der nicht meinen Familiennamen trägt. In Sachen Drücken bevorzuge ich Polygamie. Dass selbst Großfamilien noch ein Dorf brauchen, nicht bloß zum Babysitten, sondern zum Seelesitten, das war mir in dieser Intensität noch gar nicht klar.

Gestern habe ich mit zwei Freundinnen geskyped, was lustig war und wirklich schön – aber drei Mal war das Netz weg. Mitten im lachenden Mund einer meiner Mädels klaffte plötzlich ein schwarzer Kasten: Netzwerkfehler. Es war schön, sie zu hören und zu sehen. Aber es blieb vom Gefühl her eingeschweißt und klinisch. Wie drei in Folie gewickelte Gurken, die im Kühlraum nebeneinander liegen und sich unterhalten. „Wie geht’s dir?“ „Ja, alles grün!“

Unter die Folie kommt man so nicht. Man erkennt die kleinen Fältchen nicht, die sich beim Lächeln biegen, nicht die Wimper, die auf die Wange fällt. Man hört nicht die Sätze zwischen den Sätzen. Das Weinglas klingt nicht, wenn man anstößt. Ich wollte die ganze Zeit über durch den Bildschirm greifen und die beiden drücken. Es ist doch verrückt, wie warm körperliche Nähe unser Leben macht. Kein Wunder, dass Kuscheln inzwischen eine Dienstleistung ist.

Manchmal habe ich ein wenig Angst, dass wir nach diesem Ausnahmezustand anders sind. Dass wir weiter Abstand halten, keine Hand mehr geben, sogar bei Freunden nuscheln: „Ich umarme dich mal lieber nicht!“. Beim gemeinsamen Essen armbreit Abstand halten, aufstehen, wenn wir husten müssen, Einkaufswagengriffe mit Desinfektionsspray einnebeln. Ich habe im Urlaub immer fasziniert die Italiener und Franzosen beobachtet, wie sie sich in die Arme fallen, Küsschen links und rechts und nochmal links und sich überhaupt ständig berühren. Ist ihnen das zum Verhängnis geworden? Ich überlege manchmal, ob auch die intensive körperliche Herzlichkeit eine kleine Rolle spielt, für die Intensität, mit der Corona Italien trifft.

Und dann bin ich mir wieder sicher, dass wir nicht eingeschweißt bleiben. Ganz im Gegenteil. Dass wir noch viel körperlicher werden, als vor Corona. Noch mehr feiern, reden, miteinander Zeit verbringen. Ich glaube, man könnte als App-Entwickler gerade sehr reich werden. Wie wäre das: Eine App mit einem langen Tisch, vielleicht kann man die Tischdecken und Teller farblich selbst bestimmen. Um den Tisch Körper mit Foto-Kreisen obendrauf. Wenn man dann seine Freunde zusammentelefoniert, so wie bei Skype, dann tauchen ihre Köpfe per Kamera in den Kreisen auf, in jedem einer, große wie kleine, und wir können alle am Tisch miteinander quatschen und lachen. Das wär doch was, liebe Computerspezialisten. In Lachfältchenschärfe bitte.

Das mit dem Drücken müssen wir eben später nachholen, uneingeschweißt und fabelhaft. Wir treffen uns nach Corona einfach jeden Abend alle, mindestens einen ganzen Monat lang. Das ist dann wohl „Täglich essen die Murmeltiere.“

Was genau fehlt dir grad am meisten?

Fotos: Ilona Habben

Alles Liebe,

Claudi