Verrückt zu merken, wie gesellig ich bin

Mrz
26/20

Jeden Morgen, wenn ich die Augen aufmache und aus dem Fenster sehe – sanftblauer Himmel, knospige Bäume, grasgrüner Rasen – denke ich: „Das kenne ich doch.“ Es ist ein warmes „Täglich-grüßt-das-Murmeltier-Gefühl“. Ich bin heilfroh, dass es so monoton frühlingshaft draußen ist. Stellt euch vor es wäre: „Täglich-grüßt-der-Nieselregen“. Und doch ist da ein Druckgefühl im Bauch. Es gibt etwas, das mir viel mehr fehlt, als ich jemals gedacht hätte…

Jemanden in den Arm nehmen, jemanden drücken. Küsschen links und rechts. Beim Lachen an der Schulter berühren. Beim Trösten die Hand auf einen warmen Arm legen. Oder gelegt bekommen. Antippen für mehr Aufmerksamkeit. Vielleicht sogar ein steifer, fester Händedruck. Warmen Atem spüren beim nebeneinander sitzen und reden. Jemandem ein Blütenblatt aus dem Haar streichen.

Sogar der kurze Plausch mit der Kindergartenmutter beim Hausschuhe anziehen. Der kleine Stups mit Augenzwinkern der Erzieherin, wenn ich mein Kind mit Wutanfall abgebe. Der Einkaufswagen, den mir jemand auf dem Supermarktplatz lächelnd rüberschiebt, weil er ihn nicht mehr braucht. Die Finger der Verkäuferin beim Bäcker an meinen, wenn sie mir das Rückgeld reicht. Und noch viel mehr unsere Freunde rund um unserem Esstisch, die ich vorher fest in den Arm nehme und die mir auf den Rücken hauen, wenn ich mich vor Lachen verschlucke. Denen ich den warmen Kartoffelbrei auf den Teller schaufele, während sie gerade meinem Kind den Schnutt abwischen. Die mir über den grünen Salat etwas ins Ohr flüstern. Die mich drücken, wenn ich leise stöhne.

Das Verrückte ist: Ich habe das ja alles. Ich umarme und drücke und tröste. Ich werde so viel gedrückt grad, dass ich manchmal keine Luft mehr bekomme. Manchmal kriege ich vor lauter Drücken sogar einen Knall und schiebe den Drücker genervt weg. Wir leben zu sechst bei uns im Haus, für Einsamkeit ist da kein Platz. Und plötzlich merke ich, was für ein wahnsinnig geselliger Mensch ich bin. Nicht bloß ein Familienmensch, ein Freundemensch. Ein Küsschen-links-und-rechts-Mensch. Ein Menschenansammlungenmensch.

Dabei war ich sonst die, die auch mal vorgeschlagen hat, mal einen Tag am Wochenende auf der Couch zu bleiben. Jetzt krieg ich einen Knall. Und ausgerechnet mein Mann, der sonst am liebsten jeden Tag die Bude voll einlädt, kommt damit besser klar: „Ist halt so, machen wir das Beste draus!“ brummt er – und dann schleppt er Steine für ein Gartenhäuschen, dass wir seit eineinhalb Jahren aufbauen wollen und nie getan haben, weil wir stattdessen immer Freunde getroffen haben.

Meine Kinder drücken mich mehrmals am Tag, streichen mir übers Haar, geben Küsschen hier und Küsschen da. Und doch wünsche ich mir nichts mehr, als endlich mal wieder von jemanden gedrückt zu werden, der nicht meinen Familiennamen trägt. In Sachen Drücken bevorzuge ich Polygamie. Dass selbst Großfamilien noch ein Dorf brauchen, nicht bloß zum Babysitten, sondern zum Seelesitten, das war mir in dieser Intensität noch gar nicht klar.

Gestern habe ich mit zwei Freundinnen geskyped, was lustig war und wirklich schön – aber drei Mal war das Netz weg. Mitten im lachenden Mund einer meiner Mädels klaffte plötzlich ein schwarzer Kasten: Netzwerkfehler. Es war schön, sie zu hören und zu sehen. Aber es blieb vom Gefühl her eingeschweißt und klinisch. Wie drei in Folie gewickelte Gurken, die im Kühlraum nebeneinander liegen und sich unterhalten. „Wie geht’s dir?“ „Ja, alles grün!“

Unter die Folie kommt man so nicht. Man erkennt die kleinen Fältchen nicht, die sich beim Lächeln biegen, nicht die Wimper, die auf die Wange fällt. Man hört nicht die Sätze zwischen den Sätzen. Das Weinglas klingt nicht, wenn man anstößt. Ich wollte die ganze Zeit über durch den Bildschirm greifen und die beiden drücken. Es ist doch verrückt, wie warm körperliche Nähe unser Leben macht. Kein Wunder, dass Kuscheln inzwischen eine Dienstleistung ist.

Manchmal habe ich ein wenig Angst, dass wir nach diesem Ausnahmezustand anders sind. Dass wir weiter Abstand halten, keine Hand mehr geben, sogar bei Freunden nuscheln: „Ich umarme dich mal lieber nicht!“. Beim gemeinsamen Essen armbreit Abstand halten, aufstehen, wenn wir husten müssen, Einkaufswagengriffe mit Desinfektionsspray einnebeln. Ich habe im Urlaub immer fasziniert die Italiener und Franzosen beobachtet, wie sie sich in die Arme fallen, Küsschen links und rechts und nochmal links und sich überhaupt ständig berühren. Ist ihnen das zum Verhängnis geworden? Ich überlege manchmal, ob auch die intensive körperliche Herzlichkeit eine kleine Rolle spielt, für die Intensität, mit der Corona Italien trifft.

Und dann bin ich mir wieder sicher, dass wir nicht eingeschweißt bleiben. Ganz im Gegenteil. Dass wir noch viel körperlicher werden, als vor Corona. Noch mehr feiern, reden, miteinander Zeit verbringen. Ich glaube, man könnte als App-Entwickler gerade sehr reich werden. Wie wäre das: Eine App mit einem langen Tisch, vielleicht kann man die Tischdecken und Teller farblich selbst bestimmen. Um den Tisch Körper mit Foto-Kreisen obendrauf. Wenn man dann seine Freunde zusammentelefoniert, so wie bei Skype, dann tauchen ihre Köpfe per Kamera in den Kreisen auf, in jedem einer, große wie kleine, und wir können alle am Tisch miteinander quatschen und lachen. Das wär doch was, liebe Computerspezialisten. In Lachfältchenschärfe bitte.

Das mit dem Drücken müssen wir eben später nachholen, uneingeschweißt und fabelhaft. Wir treffen uns nach Corona einfach jeden Abend alle, mindestens einen ganzen Monat lang. Das ist dann wohl „Täglich essen die Murmeltiere.“

Was genau fehlt dir grad am meisten?

Fotos: Ilona Habben

Alles Liebe,

15 Kommentar zu “Verrückt zu merken, wie gesellig ich bin

  1. Nina on 26. März 2020 at 11:34 geschrieben

    Liebe Claudi,
    ich kann das gut nachfühlen. Sonst haben wir uns auf der Arbeit zur Begrüßung alle gedrückt, jetzt stehen wir alle verunsichert mit 1,5 m Abstand gegenüber und winken uns zu. Sonst fand ich die Umarmerei manchmal etwas übertrieben, jetzt merk ich wie toll das doch eigentlich war…
    Ansonsten fehlt mir meine eigene Unbeschwertheit und Vorfreude auf den Sommer, spontan Einkaufen und das kochen worauf man in dem Moment hunger hat(mein Mann arbeitet außer Haus und ich möchte nicht mit den kindern einkaufen gehen),Familie treffen, den Kindern ihre Ausflügswünsche ermöglichen…
    Hoffentlich überstehen wir das alle gut und gesund und wissen dann das „normale“ Leben noch viel mehr zu schätzen.
    Liebe Grüße

  2. Nadine on 26. März 2020 at 11:44 geschrieben

    Dieser Artikel hat mich wirklich berührt und du hast das so wunderschön beschrieben „man erkennt die kleinen Fältchen nicht, die sich beim Lächeln biegen“. Auch ich sitze in diesen Zeiten zu Hause, im 7.Monat schwanger, mit meinen 4 Kindern und meinem Mann, der, wie immer ein Anker ist, und wir machen das Beste daraus. Aber mir fehlen meine Eltern, beide gehören zur Risikogruppe, und das telefonieren und skypen kann es nicht ersetzen. Mir fehlt die Umarmung und die vielen Lebensfalten meines Vater, wenn er mal wieder besonders herzhaft lacht. Die Kinder vermissen auch, und mein 4- jähriger, obwohl es alle ganz toll machen, muss jeden Abend nach seiner gewünschten Oma und Opa Gute Nacht Geschichte, einmal kurz weinen, weil der blöde Virus ihn nicht zu Oma und Opa gehen lässt. Meine Freundin hat zu mir gesagt, wie gerne, würde ich über deinen Babybauch streicheln, denn ein Foto ist nicht dasselbe. Wie gerne, würde ich meine beste Freundin in den Arm nehmen, die Ärztin in der Notaufnahme ist und gerade jetzt soviel tröstende Nähe bräuchte. Auch ich, glaube daran, dass es nach dieser Zeit nur besser wird. Einen anderen Gedanken will ich gar nicht zulassen. Ich denke an viele unserer Verwandten und Freunde in Italien, die trotz allem, sich ihre Lebensfreude nicht haben nehmen lassen und jeden Abend auf ihren Balkonen tanzen. Das schenkt mir viel Hoffnung und sollte uns allen Hoffnung schenken!

  3. Claudia on 26. März 2020 at 14:35 geschrieben

    😍 …. unfassbar dankbar für deine auf den Punkt gebrachten Blog Beiträge, dieser mal wieder ganz besonders 💕💕. Genau diese Gedanken habe ich zur Zeit. Habe vorgestern mit 8 Freundinnen den Geburtstag von einer von uns “gefeiert“… via Zoom, jede ein Glas Sekt, gemeinsam ein Lied für das Geburtstagskind gesungen, jede in ihrem Wohnzimmer oder Esszimmer, jede allein mit ihrem Bildschirm…schön war’s und doch ganz schrecklich doof, herzzerreißend schade..wenigstens so ging’s, aber die Vorfreude auf die Zeit “danach“ wächst von Tag zu Tag. Drücke auch dich von Herzen virtuell 💕💕💕

    • Claudia on 27. März 2020 at 08:00 geschrieben

      Danke für dieses Feedback und ja, ich freue mich auch schon so aufs hinterher!!
      Versuchen wir positiv zu bleiben (und machen schon mal Partypläne…)
      Alles Liebe,
      Claudi

  4. Lea on 26. März 2020 at 15:53 geschrieben

    Genauso geht’s mir auch. Ich lese den Text und weine. Weil‘s so lustig ist. Aber eben auch traurig. Heute hat mich der Lagerkoller ganz schlimm erwischt.

    • Claudia on 27. März 2020 at 07:59 geschrieben

      Das kenne ich! Ich schicke liebe Lagerkollergrüße. Und hinterher laden wir die ganze Bude voll Freunde ein!
      Alles Liebe,
      Claudi

  5. Judith on 26. März 2020 at 19:54 geschrieben

    Liebe Claudia,

    Kannst du mir sagen ob ggf ein Schreibfehler in deinem schönen Kochbuch ist? Und zwar habe ich heute dein Brot mit der Buttermilch ausprobiert. Im Rezept werden 2 gehäufte Esslöffel Salz angegeben. Der Teig erscheint mir sehr salzig… stimmt das so?
    Vielen Dank, liebe Grüße
    Judith

    • Claudia on 27. März 2020 at 07:58 geschrieben

      Liebe Judith, jaaaa, Verzeihung, das ist in der ersten Auflage leider der eine dicke Patzer.
      Dass muss 2 TL heißen. Wir haben es inzwischen geändert. Ich hatte es mehrfach auf Instagram geteilt.
      Ganz dickes Sorry dafür!
      Alles Liebe,
      Claudi

  6. synke on 27. März 2020 at 07:48 geschrieben

    Es ist die Natur die sich gerade erholt und ich habe Sorge das die Menschen nach corona genauso weiter machen wie vorher…
    Liebe Grüße synke

    • Claudia on 27. März 2020 at 07:57 geschrieben

      Liebe Synke, danke für diesen Gedanken und ich glaube tatsächlich, dass sich einiges ändern wird. Viele Firmen werden zum Beispiel erkannt haben, dass man Konferenzen auch prima per Computer abhalten kann, statt ständig in der Welt herumzufliegen. Das glaube ich wirklich. Und ich hoffe ja auch, dass diese Zeit die Leute aufrüttelt, im Netz genauer hinzusehen. Um zu überlegen, was ich wirklich brauche. (Hoffentlich Geschichten statt Zeugs!) Ich drücke dich,
      Claudi

  7. Lydia on 27. März 2020 at 14:34 geschrieben

    Fühl‘ dich virtuell ganz lieb umarmt. Sooooo schön geschrieben. Mir fehlen die Kinder meiner Waldkitagruppe sehr. Wie schön wäre es mit ihnen durch den Frühlingswald zu sausen.
    Gar nicht fehlen mir übrigens die Kondensstreifen der Flugzeuge am Himmel. Wie schön und klar der Himmel ist. Möge bitte, bitte ein Umdenken der Menschen nach Corona kömmen.
    Habt ein schönes Wochenende
    Lydia

    • Claudia on 30. März 2020 at 08:35 geschrieben

      Die fehlenden Kondensstreifen fallen mir auch so richtig auf.
      Ja, es wäre schön, wenn wir einige Entdeckungen dieser Krise einfach beibehalten würden.
      Alles Liebe,
      Claudi

  8. Christin on 27. März 2020 at 15:07 geschrieben

    Das ist wie immer so ein schöner Artikel. Mir fehlt es tatsächlich an nichts. Wir sind Anfang März, gerade rechtzeitig, zurück nach Deutschland gezogen und nach 5 Jahren im Ausland war ich es leider schon gewohnt liebe Freunde nur selten zu sehen. Jetzt ist es nicht anders, da wir immer noch über 600km getrennt sind. Ich hatte mich auf das Einkaufen in Deutschland gefreut, da es in den letzten Jahren so viel gab, was bei uns nicht verfügbar war, auf frisches Obst vom Markt. Also absolute Luxusprobleme. Ich hoffe einfach, dass die Menschen wieder achtsamer werden, mit der Natur, ihren Mitmenschen… Es ist auch an uns aus der Pandemie zu lernen.
    Schöne Grüße nach HH.
    Christin

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