Auf der cognacfarbenen Rückbank eines alten Autos sitzt ein kleines Mädchen. Sie wirkt winzig – nur ihre Augen sind riesengroß und genauso dunkel, wie die einsame Moorlandschaft, durch die sie rumpelt. Plötzlich taucht ein graues Haus in der nieselverregneten Vorderscheibe auf. Natursteinig, kastig, unheimlich. Wir halten die Luft an und drücken beide Daumen, dass bitte irgendetwas kommt, was die Welt dieses kleinen Mädchens besser macht…

Zum Glück kommt das wirklich. Erst bellend, dann blühend, dann grinsend und zwinkernd. Nach und nach macht sich Mary Lennox ihre Welt schöner. Ganz so, als würde sie die grauen Leinwandbilder mit Tusche anmalen. Studiocanal präsentiert ab morgen, 15. Oktober 2020, die Neuverfilmung des Klassikers „Der Geheime Garten“ von Frances Hodgson Burnett und diesen Film schauen, hat tatsächlich etwas von einem Bilderbuch durchblättern. Unsere Augen wurden mindestens genauso groß, wie Marys zu Beginn des Films. Er ist eine große Hymne an die Kraft der Fantasie. Für uns definitiv das schönste Kinoerlebnis in diesem Herbst.

Tatsächlich brachte der Geheime Garten auch in unser Zuhause eine aufregendes Geheimnis. Ich bekam morgens den exklusiven Presse-Preview-Link per Mail. Abends, als alle Kinder bereits im Bett lagen, überraschte ich meine beiden Großen mit einem heimlichen Kinoabend. Sie konnten ihr Glück kaum fassen. Warfen sich grinsende Blicke zu, als sie Holzstufe für Holzstufe die Treppe hinunter schlichen, damit die Kleinen bloß nicht wach wurden. Aber wer bitte könnte einen Film für Kinder besser rezensieren als meine Kinder?

Wir kuschelten uns eng aneinander, als Mary in Indien überraschend ihre Eltern verliert. Drückten unter der warmen Decke sanft unsere Hände, als sie im dunklen Misselthwaite Manor ankommt, aus dem die Freude vor langer Zeit ausgezogen ist. Einige Szenen, gerade am Anfang, schauten meine Jungs mit ihren Händen vor den Augen und durch ihre gespreizten Finger. Einer ist zehn, einer acht – genau das richtige Alter, finde ich, obwohl der Film ab sechs freigegeben ist. Später schaute ich manchmal ihre Gesichter statt des Films. Ihre staunenden Münder, ihre großen Augen. „Der Geheime Garten“ ist ein Kinderfilm. Und ein Film übers Kindsein – auch für Erwachsene.

Als der Film endet, sind wir alle ganz leise. Ich lege mich noch einen Moment zu den Jungs ins Bett. Beide kuscheln sich an meine Seiten. Als ich aus ihrem Zimmer schleiche, höre ich einen zu dem anderen flüstern: „Ich hätte auch so gern so einen Garten.“ Und der andere flüstert: „Ich auch!“

Eine Stelle des Films bleibt mir besonders im Kopf. Irgendwann sagt Colin Craven, bleich und unsicher, zu Mary Lennox: „Niemand wird mich gern haben…!“ Und Mary antwortet, mit blitzenden Augen und schon viel selbstbewusster: „Hast du dich denn selbst gern?“ Was für eine wichtige Botschaft.

Der Klassiker „Der Geheime Garten“ wurde schon vielfach verfilmt, doch die letzte Version ist 27 Jahre her. Ein ganz neue Generation von Kindern ist herangewachsen. Eine, die immer weniger freie Spielzeit in der Natur verbringt. Der ihre Kraft und Magie aber ganz besonders gut tut. In diesem Film sind die Grenzen zwischen Marys wirklicher Welt und ihrer Fantasie verschwommen. Die ganze zauberhafte Kulisse ist eine Metapher und erzählt die Geschichte mit.

Je mehr Kraft Mary durch den Garten schöpft, je mehr sie sich selbst liebt, desto lebendiger wird auch ihr anfangs dunkles und unheimliches Zimmer. Auf Marys Mantel wächst Moos, auf ihrem Kleid blühen Blumen, irgendwann flattern sogar Schmetterlinge aus dem Stoff heraus. All diese Motive machen den umwerfenden Zauber des Films aus. Dazu der urenglische Charme; das Feuer im steinernen Kamin, die Teatime, die karierten Stoffe, die kühle britische Höflichkeit.

Neu und wirklich spannend ist die Idee, die tragische Geschichte zwischen Marys Onkel Archibald (brilliant gespielt übrigens von Colin Firth) und seinem Sohn Colin genauer herauszuarbeiten. Die Trauer wird ähnlich einer Geistergeschichte dargestellt und zieht sich durch den ganzen Film.

Meine großen Jungs und mich begleitet der Film seit wir ihn gesehen haben. Wir haben Bilder dazu gemalt, dunkle Bilder mit tiefgrünen Blättern und gelbem Goldregen. Wir haben über die Liebe zur Natur gesprochen, auch über Trauer und Tod – vor allem aber über Lebensfreude. Und eines Nachmittags habe ich sie mit einem englischen Picknick in unserem geheimen Teil vom Garten überrascht.

Beim Picknick waren auch die kleinen Geschwister dabei – die Geschichte dahinter aber bleibt vorerst unser Geheimnis. Für unsere kleine Picknick-Party hängten wir über der wilden Wiese unter dem Apfelbaum eine Girlande aus Omas altmodischen Taschentüchern auf. Breiteten darunter ein altes Tischtuch aus. Wir dekorierten alles mit frischen und selbstgemachten Blumen aus Papier. Und wir bastelten zwischendurch krumme Schlüssel, die exakt so aussahen, als könnten sie uralte Pforten zu zauberhaften Gärten öffnen.

Als wir bei Tee, Sandwiches und Scones zusammensaßen, kam uns die Idee, dass genau so ein Picknick auch ein tolles Thema für einen Kindergeburtstag wäre. Man könnte einen Schlüssel als Einladung basteln und auf der Party Blüten – oder umgekehrt. Man könnte gemeinsam essen – und hinterher vielleicht ins Kino fahren und gemeinsam „Der Geheime Garten“ anschauen. Ein sehr besonderer und stimmungsvoller Geburtstag.

Je mehr wir drüber nachgedacht haben, umso mehr Ideen kamen uns. Die Geburtstagsgesellschaft könnte auch je nach Jahreszeit zusammen Blumen einpflanzen oder kleine Sträuße binden. Es könnten alte Kinderspiele gespielt werden. Vielleicht möchten sich die Gäste sogar wie früher verkleiden. Mama oder Papa des Geburtstagskindes könnten heimlich einen gebastelten Schlüssel abzeichnen und die Kinder hinterher auffordern zu schauen, welcher ihrer Schlüssel die Pforte öffnet. Der Gewinner bekommt einen kleinen Preis…

Der Film „Der Geheime Garten“ hallt nach, regt Kinder und Erwachsene zum Nachdenken an und beflügelt die Fantasie. Was für ein Geschenk in dieser Zeit.

Die Rezepte für unser englisches Picknick

Marys Lieblings-Scones (für zehn Stück)

Du brauchst: 250 Gramm Mehl (405), 2 Teelöffel Backpulver, 2 Teelöffel Zucker, zwei Prisen Salz, 2 Esslöffel Butter, 150 Milliliter Vollmilch, 1 Ei

Und so wirds gemacht: Den Backofen auf 180 Grad Ober- und Unterhitze vorheizen. Mehl mit Backpulver, Zucker und Salz mischen. Die Butter dazu geben und kurz mit den Fingern unterkneten. (Wenn die Butter zu kalt ist, mit einer Reibe zum Mehl reiben). Die Milch dazugießen und nur kurz mit einem Löffel zu einem Teig verrühren. Dadurch erhalten die Scones ihre typische Konsistenz.

Etwas Mehl auf die Arbeitsfläche streuen, den Teig darauf geben und ebenfalls mit etwas Mehl bestreuen. Den Teig etwa drei Zentimeter dick ausrollen und mit einem Glas ausstechen. Die Scones auf ein mit Backpapier ausgelegtes Backblech legen. Das Ei verquirlen und auf die Scones streichen. Im heißen Backofen 15 bis 20 Minuten backen. Lauwarm schmecken sie besonders gut.

Colins kleine Sandwiches (für vier Kinder)

Du brauchst: 12 Scheiben Vollkorntoast, Butter oder Frischkäse, 1 halbe Gurke, 4 Scheiben Fleischwurst, Zahnstocher

Und so wirds gemacht: Vier Toastscheiben mit Butter oder Frischkäse bestreichen und mit je einer Scheibe Wurst belegen. Je eine weitere Toastscheibe darauf legen und festdrücken. Auch diese Toastscheibe mit Butter oder Frischkäse bestreichen. Die Gurke waschen und in dünne Scheiben schneiden. Gurkenscheiben auf den Toast legen und mit einer letzten Toastscheibe abdecken. Gut zusammendrücken und zweimal schräg durchschneiden. Jedes kleine Sandwichdreieck von oben mit einem Zahnstocher fixieren.


Verzauberte Schlüssel basteln

Du brauchst: Bleistift, Schere, Pappreste, Acryl- oder Plakafarbe in Gold oder Bronze, Pinsel, Kleber, kleine Ziersteine, alte Knöpfe und Glitzer

Und so wirds gemacht: Mit Bleistift eine einfache, altmodische Schlüsselform auf die Pappe schneiden und ausschneiden. Den Schlüssel mit ausgeschnittenen Pappresten zum Beispiel in Streifen oder Blüten bekleben. Kurz trocknen lassen und alles mit Farbe anmalen. Gut trocknen lassen. Die Schlüssel mit Glitzersteinen, alten Knöpfen und Glitzer verzieren.

Wie wir die Blüten gebastelt haben, zeige ich dir in meiner Story drüben bei Instagram.

Verzauberte Grüße,

Claudi