Vor einer Weile hat Katia hier wunderschön über das gute Verhältnis ihrer Kinder zu den Großeltern geschrieben. Wir haben begeisterte Kommentare dazu bekommen – und ich hatte beim Lesen Gänsehaut. Aber: Uns haben auch viele geschrieben, dass sie der Artikel traurig machen würde. Weil ihr Verhältnis, beziehungsweise das ihrer Kinder, zu den Großeltern nicht gut sei. Zwei von ihnen hatten Lust, ihre Geschichte zu erzählen: Lauras Schwiegereltern können einfach keine anderen Lebensmodelle akzeptieren. Und auch Steffis Kinder haben kein Verhältnis zu Oma und Opa – weil die nämlich tot sind…

Laura (alle Namen wurden von uns geändert) und ihr Mann haben drei Kinder und sind schon ewig zusammen. Sie waren beide auf derselben Schule, er eine Klasse über ihr. Als Laura ihre Schwiegereltern kennenlernt, ist sie noch ein Teenager. Hier erzählt sie uns ihre Geschichte…

„Als ich meine Schwiegereltern kennenlernte, waren sie sehr fröhlich und offen, gefühlt immer gut gelaunt. Und sehr gastfreundlich. Ich weiß noch, dass ich mich immer gefreut habe, weil sie sehr an mir interessiert schienen und wir viel miteinander lachten. Es gab immer gutes Essen – Berge von dampfender Pasta. Bis heute wird in der Familie sehr viel Wert auf Üppigkeit gelegt.

Das Verhältnis änderte sich massiv, als wir unser erstes Kind bekamen. Durch die Kinder wurde aus dem fröhlichen Miteinander eine Nicht-Beziehung. Ich erfuhr immer mehr, wie unbeholfen meine Schwiegermutter in menschlichen Beziehungen ist. Oft lacht sie übertrieben laut – aber in dieser Fröhlichkeit liegt sehr viel Unsicherheit. Alles im Gespräch bezieht sie auf ihren Erfahrungshorizont, für alles gibt es Beispiele aus ihrem Leben. Sie verharrt in alten Gedanken und Erfahrungen, Mustern – besonders was Rollen in Familien angeht. Dies stört mich insbesondere in Bezug auf meine Kinder.

Meine Jungs müssen nicht mit Opa den Rasen mähen und meine Tochter muss sich nicht fürs Kochen interessieren…

Von ihrem ersten Enkelkind haben sie damals bei einem gemeinsamen Urlaubswochenende erfahren. Bevor wir zum Abendessen gegangen sind, haben wir ihnen das Ultraschallbild gezeigt. Sie haben sich sehr sehr doll gefreut und sehr viel Anteil genommen. Den Kinderwagen haben sie uns geschenkt – er musste aber ihren Vorstellungen entsprechen. 

Als wir ihnen von ihrem zweiten Enkelkind erzählten – ich noch im Studium, mein Mann ohne feste Stelle -war die Reaktion: „Und wie wollt ihr euch das leisten?“ Ich habe direkt an dem Abend Blutungen bekommen und wir mussten bei ihnen ins Krankenhaus. Das war schrecklich für mich, ich wollte diese Unsicherheit nicht mit ihnen teilen. Zum Glück war alles gut. In dieser Schwangerschaft  haben mein Mann und ich uns sehr stark mit ihnen auseinandergesetzt, haben versucht viel gemeinsam aufzuarbeiten und zu reflektieren. Wir haben uns ein vertrauteres Miteinander gewünscht, wollten für unsere Kinder Großeltern, zu denen sie gern fahren. Leider waren all unsere Gesprächsversuche nicht von großem Erfolg gekrönt.

Unser drittes Wunschkind war dann eine süße Überraschung.

Mein Mann und ich hatten echt Respekt davor: leben und arbeiten mit drei kleinen Kindern! Es hat etwas gedauert, bis wir uns „einfach nur freuen“ konnten.  Meinen Schwiegereltern wollten wir davon bei einem Wiedersehen berichten. Der erste Satz meines Schwiegervaters war: „Da kommt jetzt ja viel auf euch zu, das werdet ihr nicht mehr allein schaffen. Ihr wisst, wir sind immer für euch da. Aber um auf unsere Unterstützung zu zählen, müssen sich erst noch ein paar Sachen ändern.“ Wir wollen uns aber nicht nach ihren Vorstellungen verändern, auch wenn wir natürlich gern immer wieder Unterstützung hätten. Aber keine, die etwas im Gegenzug verlangt.

Ich bin mir übrigens sicher, dass gerade meine Schwiegermutter in der Tiefe ihres Herzen unglücklich über unsere Situation miteinander ist. Unglücklich, dass sie so wenig Zeit mit ihren Enkelkindern hat. Unglücklich, dass sie nicht die perfekte Oma ist (oder sein kann) – so wie die perfekte Oma in ihren Augen eben ist. Ich glaube, sie würde uns wirklich gern unterstützen. Aber sie kann erstens mit Kindern vor dem Schulalter einfach nichts anfangen und ist absolut unbeholfen. Sie weiß nicht, was sie interessiert, stellt absurde Fragen und kann Risiken nicht richtig einschätzen. Es gab da sogar schon einige Gefahrensituationen. Und zweitens vertrauen mein Mann und ich seinen Eltern derzeit gar nicht.

Ich überlasse Menschen, denen ich nicht vertraue, nicht meine Kinder.

Wenn ich mich an meine Oma erinnere, dann erinnere ich mich an viel Liebe. Die Lieblingsschokolade wurde eingekauft, der Lieblingsnachtisch wurde gekocht und wir backten gemeinsam einen Kuchen. All das gibt es für meine Kinder mit meinen Schwiegereltern nicht. Das tut mir sehr leid – für beide Seiten!

Großteil des Problems: Für meine Schwiegereltern gibt es nur Schwarz und Weiß. Im Nachhinein erinnere ich mich an Situationen, in denen dieses Denken schon früher deutlich wurde. Ich hatte zum Beispiel bei einem meiner ersten Besuche mal angeboten die Wäsche aufzuhängen. Meine Schwiegermutter freute sich sichtlich, nahm die Hilfe gern an. Hinterher bekam ich allerdings erklärt, wie ich die Wäsche beim nächsten Mal richtig aufzuhängen habe. Eigentlich kein großes Problem, jede*r hat schließlich seine/ihre Vorlieben. Aber für meine Schwiegereltern gibt es nur ein Richtig – nämlich ihrs.

Alles, was mein Mann und ich anders machen als sie selbst, ist für meine Schwiegereltern falsch.

Sie empfinden es als Kritik an sich und wehren es ab. Meinen Schwiegervater empfinde ich mittlerweile als sehr unangenehm. Früher habe ich ihn für sein Interesse geschätzt. Eigentlich habe ich mich immer ganz gut und auch gern mit ihm unterhalten. Man konnte mit ihm gut herumfrotzeln und Witzchen machen. Aber irgendwann wurde es einfach zu viel. Er hat wirklich ALLES schon erlebt. Er stellt mir zum Beispiel eine Frage und noch bevor ich antworten kann, grätscht er rein und beantwortet sich die Frage selbst. Das macht er auch mit meinem Mann. Unseren Kindern stellt er ständig Wissensfragen und testet sie. Immer muss es einen Lernerfolg geben.

Man kann nicht einfach mal spielen und herumtoben. Anstrengend ist das. Ich habe das Gefühl, weil meine Schwiegereltern denken, sie waren die tollsten Eltern, haben sie auch an unsere Kinder den Anspruch, die tollsten und perfektesten Enkelkinder zu sein. Mein Mann hat sich früher sehr von seinen Großeltern verwöhnen lassen – die Beziehung (in ganz klassischen Rollenmustern) zu seinen Großeltern war sehr gut.  Unsere Kinder sind nicht alle drei so zugänglich und strahlend. Aber sie bekommen keine Chance auf eine echte Beziehung zu ihren Großeltern, weil sie immer mit dem perfekten Bild abgeglichen werden.

Unser erstes Kind möchte am liebsten gar nichts mit ihnen zu tun haben. Die Besuche hält es aus – versucht verzweifelt zu gefallen, aber es gelingt ihm nicht so gut. Das macht mein Kind wütend und verzweifelt. Unser zweites Kind ist ein Sonnenscheinkind: Es bindet seine Großeltern immer mit ein und freut sich, wenn sie da sind. Aber auch, wenn sie wieder weg sind. Das Jüngste ist noch zu klein, es kennt seine Großeltern aufgrund von Corona nur auf dem Bildschirm.

Meine Schwiegereltern gieren nach Videos und Fotos ihrer Enkelkinder.

Die übrigens, wenn überhaupt, ich schicke. Mein Mann sieht das alles wie ich. Dennoch streiten wir uns nach Telefonaten mit seinen Eltern immer mal. Es geht dann nicht um wirklich was, es entlädt sich bloß die Anspannung. Und auch die immer wiederkehrende Enttäuschung und Traurigkeit über die Situation. Ich glaube, hätten wir keine Kinder, würde ich heute noch anders über meine Schwiegereltern denken. Ihr Sein hätte weniger direkt etwas mit mir zu tun. Bis heute atme immer auf, wenn die Kinder im Bett sind und wir mit meinen Schwiegereltern in ihrem Garten sitzen, der wirklich schön ist. Dann kann ich sogar mal abschalten, ein gutes Glas Wein trinken und das Gespräch an mir vorbeiziehen lassen…

Mein Mann und ich sagen inzwischen vor Besuchen ganz direkt, was wir möchten und was nicht. Das verletzt sie sicherlich sehr. Über Gefühle und Ansichten reden wir eigentlich nicht mehr mit ihnen. Beim letzten Treffen haben wir uns irgendwann alle vier unwohl gefühlt. Da habe ich im Nachhinein wieder zu meinem Mann gesagt: Wir hätten doch drüber reden können, was uns stört und was wir uns voneinander wünschen… Aber es bleibt, wie es ist: Alles muss immer nach ihren Vorstellungen laufen. Ansonsten sind sie enttäuscht. Das ist so anstrengend. Manchmal fragen mein Mann und ich uns: Oder sollen wir es einfach machen, wie sie es machen würden? Um des lieben Friedens willen. Und dann schütteln wir beide den Kopf und sagen: „Nö, wollen wir aber nicht.“ Es ist ja unsere Beziehung zu unseren Kindern. Unser Leben als Familie.“ Aber es ist traurig, dass seine Eltern so wenig ein Teil davon sind.


Die Eltern von Steffi sind beide tot – und damit auch die Großeltern ihrer Kinder. Ihr Vater starb kurz nach dem Abitur, ihre Mutter im Sommer 2015, knapp ein Jahr nach der Geburt ihres zweiten Kindes. Hier erzählt uns Steffi ihre Geschichte…

„Die Beerdigung meiner Mutter war einen Tag nach dem ersten Geburtstag. Mir wurde da schlagartig bewusst, wie nach beieinander Freude und Trauer liegen. Ich sehe meine Eltern immer noch vor mir: Mein Vater war ein ruhiger, nachdenklicher Mann mit einer depressiven Neigung. Er hörte mir stundenlang zu, übte mit mir für die Schule und konnte mir keinen Wunsch abschlagen. Meine Mutter war fröhlich, hektisch, liebevoll. Konnte jeder Situation gute Seiten abgewinnen. Stand mir immer mit Rat und Tat zur Seite. Der Tod meines Vaters war ein Suizid, der trotz der schweren Depressionen, die er hatte, überraschend für mich kam.

Ich wollte nach dem Abi ins Ausland gehen – mit dem Tod meines Vaters hatte sich das erledigt.

Ich wollte meine Mutter in dieser Situation nicht alleine lassen. Seit diesem Zeitpunkt hatte ich eigentlich immer Angst vor dem Tod meiner Mutter. Als sie erkrankte, hatte ich gerade mein zweites Kind bekommen. Er war ein sehr anstrengendes und forderndes Baby, so dass ich lange Zeit nicht mitbekam, wie sehr sich meine Mutter veränderte. Sie zog sich zurück, nahm stark an Gewicht ab, klagt immer wieder über Schmerzen. Nach ihrer Krebsdiagnose lebte sie nur noch zwei Monate. Die wohl schlimmste Zeit meines bisherigen Lebens.

Zum Glück hatte ich meinen Mann und meine Kinder – auch wenn es mit kleinen Kindern gleichzeitig schwer war, Zeit für Tränen und die ganze Wucht der Trauer zu finden. Meine Eltern fehlen mir tatsächlich täglich. Bei allen Freuden und Sorgen des Alltags. Meine Mutter fehlt, weil keine Oma meinen Kindern stundenlang Geschichten erzählen kann und schon wieder viel zu viel Fernsehen und Schokolade erlaubt. Mein Vater fehlt,  weil kein Opa mit ihnen Wanderstöcke schnitzt und endlose Fragen über Vulkane, Gewitter und Feuerwanzen beantwortet.

Ich weiß, dass einige lebende Großeltern all dies auch nicht machen wollen und/oder können, sei es aufgrund von Entfernung, Krankheit oder anderer Lebensplanungen. Ich bin mir aber sicher, dass meine
Eltern wirklich tolle Großeltern gewesen wären. Meine Mutter war es ja noch – ein Dreivierteljahr. Ich versuche, ihre Geduld, Zeit und Aufmerksamkeit in meiner Person zu vereinen, scheitere aber
regelmäßig daran im Alltag mit drei Kindern und Beruf.

Sie fehlen mir auch für mich, weil ich sie in schwierigen Phasen nicht um Rat fragen kann.

Niemand interessiert sich so wirklich für die Zeugnisse, die erste Zähne, den Schulwechsel, die ganzen kleinen Meilensteine meiner Kinder – außer mein Mann und ich. Besonders schwer war meine dritte Schwangerschaft ohne meine Mutter. Niemand hat einen liebevollen Blick auf uns als kleine Familie und rückte die scheinbar großen Probleme durch Erfahrung wieder ins rechte Licht. Ich hätte so gern Anekdoten gehört, wie ich als Kind so war, und Parallelen aufgezeigt bekommen zwischen mir und meinen Kindern.

Und ich hätte sie schlichtweg gern als Unterstützung und Entlastung. Einerseits ganz praktisch durch Oma- und Opatage und Wochenenden und zweitens psychisch durch Zuspruch und Mut machen. Einfach jemand, der intensiv mitfühlt, mitdenkt, mitliebt. Wir haben Fotos von meinen Eltern im Wohnzimmer stehen, so dass selbst mein Kleinster sie erkennt und benennt, obwohl er sie nie kennengelernt hat.
Ich erzähle auch viele Alltagsdinge, an die ich mich aus meiner Kindheit erinnere. Und wärme immer wieder kleine Geschichten auf, die mein ältester Sohn mit seiner Oma erlebt hat.

Leider, leider spielen sie aber in unserem Alltag keine große Rolle. Meine Kinder wissen, dass ich oft traurig bin, weil ich meine Eltern vermisse. Und so langsam bekommen meine beiden Großen mit, welche Rolle Großeltern im Leben ihrer Freunde spielen und äußern immer mal wieder Bedauern, dass ihre Großeltern nicht mehr leben.

Ich habe einen riesengroßen Wunsch: So eine Oma sein, wie meine Mutter es wäre.

Fröhlich, liebevoll, herzlich, immer zu Schabernack bereit. Bastelnd, singend, lachend. Ich hoffe, dass ich im zukünftigen Leben meiner Söhne und Schwiegertöchter einen solchen Platz als Oma
bekomme. Und ich möchte in die Welt rufen: Genießt eure Eltern und Schwiegereltern als Omas und Opas! Macht viele Fotos als Erinnerung! Fragt sie Dinge! Hört euch Geschichten über eure Kindheit und über das Leben von euren Eltern an. Später möchte man so vieles wissen –  und hat niemals wieder eine Gelegenheit zu fragen. Und noch was: Seht über nervige Ratschläge und ungefragte Geschenke hinweg. Ich ärgere mich im Nachhinein über jeden kleinen Streit wegen der Fernsehzeiten oder wegen des zweiten Kekses. Das Leben ist so kurz und der Tod ist ewig.

PS. Ich danke den beiden ganz herzlich für ihre Offenheit.

Fotos: Shutterstock

Alles Liebe,

Claudi