Eigentlich hätte ich selbst drauf kommen können. Da kocht hier letzte Woche alles über, Laune, Wut, Frust, Langeweile – bloß ausgerechnet auf unserem Herd kocht nix. Dabei habe ich mit meinem Kochbuch ein 216 Seiten langes Plädoyer über die Magie des Miteinanderessens geschrieben. Und ausgerechnet in dieser ersten Heimknastwoche hab ich das alles total vergessen…

Ich hatte so sehr das Gefühl, dass es hier an allen Ecken und Enden brutzelt, dass ich dachte, es bliebe absolut keine Zeit mehr, um uns etwas zu brutzeln. Als ich abends total kaputt (und hungrig) durch Instagram scollte, blieb ich bei Valeskas Stories hängen. Es fühlte sich an, wie nach durchpaukten Nächten nach Hause zu kommen – und Mama hat etwas gekocht. Oder nach einer Jobabsage. Oder einer Trennung. Mir wurde auf der Stelle warm.

Ich holte mein eigenes Kochbuch „Barfuß in der Küche“ aus dem Regal, und dazu noch ein paar andere, und blätterte los. Ganz ehrlich, es ging mir sofort besser. Zu all dem Homework- und Homeschooling-Stress der letzten Woche, zu all den Sorgen und dem Frust, hatte ich mir auch noch vorgenommen, besonders gesund zu essen, viel Salat, wenig Kohlehydrate. Ich mache das jedes Jahr im Frühling, quasi als kleine Detox-Kur.

Jetzt wurde mir plötzlich bewusst, dass das Blödsinn war. Salat, ja bitte. Aber dazu bitte all das gute, nährende Essen, das uns gerade gut tut. Ich rief meine Jungs zusammen und schrieb sofort unseren Essensplan um. Es kamen lauter Lieblingsgerichte drauf, auch zwei Mal ein Nachtisch und mindestens einmal Kuchen. Ich kochte fast über vor lauter Lust und erzählte meinen Jungs von meinem Plan, in der nächsten Zeit ein Familien-Kochstudio zu eröffnen und (fast) immer gemeinsam zu kochen. Zu meiner Verwunderung maulte niemand.

Als ich Valeska frage, wie sie es bloß schafft, ausgerechnet jetzt so aufwendig zu kochen, meint sie: „Ganz einfach: Ich habe es vorher auch schon gemacht. Nun binde ich die Kinder mehr ein. Sie können das! Traut euch. Lasst sie machen. Aufgaben werden verteilt, so kommt keine Langeweile auf.“ Für Valeska und ihre sechs Kinder (!) ist diese Ausnahmesituation übrigens gar nicht so außergewöhnlich: „Mich trifft es nicht hart“, erzählt sie mir, „ich falle weich, mir sind lediglich drei Stunden ohne Kinder geraubt worden. Ich kenne VIEL Alltag mit den Kids.“

Als ich noch wissen möchte, wie sie verdammt noch mal immer so entspannt sein kann, meint sie: „Ich bin entspannt. Ich bin dankbar fürs bereits gelebte Leben in Freiheit, weiß, dass es sich JETZT im Moment nicht ändern lässt und hoffe darauf, dass dieser Alptraum endlich ist und wir danach einfach unser normales Leben zurückbekommen.“ Und dann fügt sie noch hinzu: „Was wir wirklich brauchen, um glücklich zu sein, merken wir dann, wenn es aufs Wesentliche reduziert ist: Gesundheit, Liebe, Familie, Essen und scheinbar viel Toilettenpapier.“

Ich habe mich sofort besser gefühlt. Tief durchgeatmet – und die Töpfe rausgeholt. Wir haben seit Freitag sehr, sehr viel Zeit gemeinsam in der Küche verbracht- Und es hat so, so viel Spaß gemacht. Ich merke plötzlich, wie entspannt ich sein kann, wenn ich all meinen Perfektionismus mal wieder bewusst über Bord werfe und realisiere, dass die auf dem Boden verteilte Kartoffelschale nicht schlimm ist. Wir haben genug Zeit, sie aufzuheben. Genau wie der Mehlstaub überall. Kann man sogar Herzen reinmalen.

Wir haben so viel gelacht, geschnippelt, gebrutzelt und geredet wie schon lange nicht mehr. Und wir haben richtig lecker miteinander gegessen. Ich habe das Gefühl, meine Kinder haben nach drei Tagen irre viel gelernt (Zwiebeln schneiden, Salatsoße machen, Mehlschwitze, Wäsche zusammen legen). Und ich erst von ihnen. Ich habe mich ihnen schon lange nicht mehr so nah gefühlt. Besuch kommt ja sowieso nicht, da ist es auch echt piepegal, wie es drumherum aussieht. Und ganz ehrlich, wahrscheinlich werden wir den Sommer ohnehin im Garten verbringen, statt an irgendeinem schicken Strand – da sind ein paar Pfannkuchenpfunde mehr nun aber wirklich sowas von egal. Meinen Jungs machen die sowieso überhaupt nichts aus.

Ich musste ein paar Mal an meine Oma denken. Nicht nur an sie, sondern an viele Menschen der Generation, die Kriege und echte Krisen erlebt haben. Mir fiel ein, dass sie mich manchmal wahnsinnig gemacht hat, wenn sie nach dem Frühstück direkt das Mittagessen plante. Und Kaffee und Kuchen und Abendbrot gleich mit. Jetzt kann ich sie immer besser verstehen. Auch meine Oma hatte die magische Wirkung von gemeinsamen Mahlzeiten entdeckt. Wie sie Familien wie Klebstoff zusammenheften, egal was drumherum passiert. (Und sie kennt im Gegensatz zu uns heute echte Nahrungsmittelknappheit!!). Ich habe mich am Wochenende auch meiner Oma ganz nah gekocht.

Vielleicht inspiriert euch das? Vielleicht schmeißt ihr auch ein paar ausgedruckte Mathe-Arbeitsblätter weg und setzt stattdessen auf jede Menge gemeinsamer Koch- und Back- und Haushaltstunden. Und noch was: Lasst euch dabei nicht verrückt machen von all den perfekten Fotos auf Instagram. Echtes Glück braucht keinen Weißabgleich oder Sepiafilter. Echtes Glück ist nun mal oft mehlnebliges, brotkrümeliges, fettspritziges Jogginghosenglück. Siehe Foto oben. Ich traue mich jetzt nämlich mal: Drei von fünf von uns kamen da oben gerade vom gemeinsamen Joggen (hilft übrigens hier auch gegen die Krise), einer hat noch seinen Schlafanzug an – und ungekämmt sind wir alle. Die Küche sowieso.

Das Zukunftsbüro Horx, deren Artikel ich gerade absolut tröstend finde, schreibt unter anderem, dass es längt überfällig war, mit den Selbstinszenierungen vom vermeintlich perfekten Leben in den sozialen Medien zu brechen. Tristan Horx und sein Vater Matthias nennen „Die Corona-Krise den Beschleuniger der Entschleunigung“. Oder auch: Die Corona-Krise als Lupe für uns, um endlich wieder das zu sehen, was wirklich wichtig ist. Essen ist es definitiv!!!!

Halleluja – und hoch die Töpfe,
alles Liebe,

Claudi