Meine biologische Uhr tickt. Sogar ziemlich laut, wie immer im März. Babys? Damit bin ich durch. Ich sehne mich mit jeder Faser meines wintermüden Körpers nach Blumen, einem Meer von Blüten, verschwenderischer grüner Pracht. Jede Knospe ist eine Verheißung, jeder frische Trieb ein Versprechen: Dass die Tristesse dieser besonders tristen Monate endet. Dass knallbunte Farbe das Einerlei aus Graubraunlangweilig ablöst. Dass endlich wieder mein großes Garten-Glück beginnt…

Wir alle haben vermutlich gerade Frühlingsgefühle. Blümchenlust. Grünleidenschaft. Sämlingliebelei. Und viele Ideen, wie unser Gärten/Balkone/Schreberstücke bald aussehen sollen. Claudi und ich sind beide bekennende Green Lovers, allerdings mit oft mehr Herz als Verstand. Daher heißt unsere brandneue Gartenkolumne auch „Trial & Error“ – wir sind mehr so die Versuch-macht-kluch-Fraktion. Und daran wollen wir euch ab sofort hier auf dem Blog teilhaben lassen: Bohnen-Tipi, Hochbeet, Kinderrabatte – in diesem Sommer wollen wir mit euch gärtnern gehen. Bevor es so richtig losgeht, will ich euch heute aber erstmal erzählen, wie ich zur Grünliebhaberin wurde. Denn: Manchmal sind die Wege ins Beet lang und verschlungen…

Der Garten meiner Kindheit war ein wunderschöner.

Im Frühjahr ein Rausch aus Rhododendren-Blüten, später zog betörender Flieder-Duft ums Haus. Im Sommer blühten Rosen, Phlox und Margeriten um die Wette, der Herbst wurde mit lila leuchtenden Astern begrüßt. Meine Mutter war eine leidenschaftliche Gärtnerin, die jede freie Minute im Beet verbrachte. Ich war ihr immer ähnlich – das gleiche Lächeln, die gleiche Statur. Der grünen Daumen fehlte im genetischen Programm irgendwie.

Nicht, dass ich kein Auge für die Schönheit hatte, die unter ihren Händen aufs Üppigste wuchs. Ein Ästheth war ich immer. Ich hatte bloß keinerlei Ambitionen, mir beim Rosenrückschnitt die Unterarme zu zerkratzen, mit erdverkrusteten Händen Regenwürmer ans Tageslicht zu befördern oder auf Knien durch feuchte Beete zu robben. Ich lag lieber lesend neben meiner Mutter auf der Gartenliege und brummte unbestimmt freundlich zu ihren Begeisterungsstürmen für jede neue Pflanze. Ignoranz der Jugend.

Ich  ja keine Ahnung, was für eine Wellness-Wohltat gärtnern wirklich ist.

Vielleicht braucht es mehr Stress als Teenager ihn zumeist haben, um säen, jäten, umgraben lieben zu lernen. Ich jedenfalls steckte kopfüber in einem 50-Stunden-Job, als ich mein erstes eigenes Beet anlegte. Und plötzlich merkte, wie die Anspannung von mir abfiel, wie das Gedankenkarussel zum Stehen kam, während ich etwas unbeholfen Löwenmäulchen und Schafgarbe in die frühlingsfrische Erde setzte. Am Ende des Nachmittags hatte ich tiefe Trauerränder unter den Nägeln und überbordende Freude im Herzen. So einfach. So schön.

Erst war ich eine Wochenendgärtnerin. Unsere kleine Stadtwohnung auf Hamburg St- Pauli hatte nicht mal einen Balkon. Unser Wochenendhäuschen im Wendland dafür einen verwilderten Bauerngarten. Ich lernte, dass man Rosen erst beschneidet, wenn die Forsythien blühen. Dass Hortensien saure Erde lieben. Mich in Geduld, in Vertrauen zu üben, lernte ich auch. Dass es Zeit braucht, bis alles so üppig blüht wie in meiner Fantasie. Dass Pflanzen zähe Zeitgenossen sind, selbst wenn man sie erst mit Unwissen begießt. Und auch, dass Gespräche mit Stauden kein Anzeichen von Irrsinn sind. Im Gegenteil.

Heute bin ich ein paar Gärten weiter, einige grüne Gedanken schlauer.

Ich habe Fehler gemacht, Nacktschneckenplagen ertragen, bin mit Lieblingspflanzen mehrfach umgezogen. Pflanzennamen fallen mir mitunter schneller ein als die meiner Kinder – und ich spreche sie genauso gern aus: Vergissmeinnicht, Jelängerjelieber, Malven, Lupinen.

Mein Garten ist mein Rückzugsraum. Meine Freude, mein Trost, mein Sehnsuchtsort. Hierhin zieht es mich, wenn die Lütten nerven, die Welt da draußen mies ist. Hierhin gehe ich, wenn ich das unbändige Leben spüren will, wenn ich Sonne im Gesicht und für die Seele brauche. Im Beet vergesse ich alles, die Zeit, das Abendbrot, mich. Meine grüne Meditation.

Und es gibt nach all den Jahren immer noch aufregende erste Male.

Seit einem Jahr habe ich einen Garten, der mir gehört. In dem ich bleiben darf, nicht nach ein paar Jahren weiterziehen muss – um wieder von vorn anzufangen. Dieser Garten ist groß. Groß an Fläche, in seinen Versprechen, seinen Herausforderungen. Denn noch im März vergangenen Jahres war hier nichts – außer einem Feld voller Lehmmatsch. Jetzt gibt es schon lange Staudenbeete, Zierbuschreihen aus Jasmin, Rabatte aus Hibiskus und Rosen, weite Rasenflächen. Und nach wie vor unglaublich viel Platz und Möglichkeiten, MEINEN Garten daraus zu machen.

Im ersten Überschwang meiner Frühlingsgefühle haben wir gerade zwei Apfelbäumchen gepflanzt. Habe ich einen Großpack „Pflückmischung Sommerzauber“ gesät, meine selbst geernteten Mohnsamen in die Erde gebracht. Und wir haben noch so viel mehr vor: Pflanzkästen für die Terrasse bauen und begrünen, ein Gewächshaus und ein Hochbeet auch, jede Menge Büsche und Blumen pflanzen.

Keine Frage, Gärtnern ist eben auch Arbeit, nicht zu knapp. Vor allem zu Beginn. Aber eine ungemein befriedigende. Eine mit Perspektive. Ein üppiger Garten ensteht nicht von selbst, während man lesend auf der Liege liegt. Soviel weiß ich mittlerweile. In Sachen grüner Daumen war ich offenbar einfach ein Spätzünder. Und jetzt gehe ich raus und buddel ein paar Regenwürmer aus. Ich will nämlich einen Korkenzieherhasel pflanzen. Weil er so hübsch klingt. Und extrem wüchsig ist. Bald mehr davon hier.

Seid ihr auch schon grüner Laune?

Hier und hier gibt es schon ein paar Inspirationen aus Claudis vergangenen Gartenjahren.

Katia