Manchmal schlägt mich mein Mann mit meinen eigenen Waffen: „Noch ein Baby?“, fragt er dann grinsend, während er hinter mir her über auf dem Boden verstreutes Schulranzenchaos, Legosteine und Dreckwäsche steigt, um nach zwei verzweifelt brüllenden Kindern zu schauen. Ich drehe mich um und ziehe eine müde Grimasse. Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal schreibe: Aber vier sind viel. Manchmal vielleicht zu viel…

Ich liebe meine Kinder. Manchmal, besonders in diesen Lichtminuten, wenn ein Abendsonnenstrahl unseren Esstisch trifft, helle Flecken über dem Butterbrot funkeln und wir uns alle lachend zurücklehnen wie Familie Wutz am Folgenende, kann ich mein Glück kaum fassen. Ich habe sie alle so, so lieb.

Trotzdem piekst mich öfter mal die Frage, ob wir uns nicht ein wenig übernommen haben.

Es ist noch gar nicht lange her, da hatte ich Angst, mein Kinderwunsch würde nie aufhören. Ich badete so gern in der Baby-Bubble. Ich konnte mir nicht vorstellen, damit aufzuhören, morgens gespannt auf einer Kloschüssel zu sitzen, mit gepresstem Daumen und auf diese zwei magischen Striche zu warten. Das Kribbeln danach, die Tritte im Bauch, der Glückstaumel nach einer Geburt. Krabbeldecken, Kinderduft, Karottenbrei. Es war so schön, so befriedigend – und irgendwie im Nachhinein gefühlt auch alles so einfach. Ich hatte tatsächlich Angst, ich würde für den Rest meines Lebens neidisch auf Babybäuche gucken.

Aber: Kinder werden größer und Mamas (und Papas) auch. Sie brabbeln längst nicht mehr „Mama“ und schauen mich selig dabei an, als wäre ich die kongeniale Mischung aus Kendall Jenner und Mutter Theresa. Ich möchte wieder mehr ich sein, aber es gibt viel zu viel zu tun. Wir sehen längst nicht mehr niedlich aus, wenn wir uns der Größe nach aufstellen. Sondern meist ungekämmt und öfter mal zerstritten.

Es ist laut, es wird diskutiert ohne Ende und. Es. Ist. Verdammt. Anstrengend.

Ganz ehrlich, was ist schon drei Mal nachts im Halbschlaf Stillen gegen die Anstrengung einer dreifachen Hausaufgabenbetreuung? Ich habe das Gefühl, Schulkioskdienst, Schwimmbegleitung, Ich-Buch-Bastelei, Brotdosenbe- und entfüllung, Turnbeutelfahnderei, Vokabelabfrage, Übungsdikatdiktiererei, Wochenplanunterschreibung und dauerhaftes Antreiben zum Dranbleiben sind allein ein Vollzeitjob. Ich habe aber gleichzeitig so viel Lust auf meine Arbeit.

Vom Aufwand einer Mittagessenbestellung für drei Kinder noch gar nicht angefangen. Ich denke immer: „Füllt ihnen doch bitte einfach etwas einigermaßen Gesundes auf den Teller und gut!“ Aber bitte, bitte lasst mich in Ruhe und nicht alle zwei Wochen hektisch nach den Passwörtern suchen, um dann zu merken, dass das Guthaben mal wieder leer ist, weil wir vergessen haben zu überweisen. Um zwei Tage nach Kontoeingang mit ihnen zwischen serbische Hackrollen an rotem Reis oder transilvanischen Reisrollen an Hacksoße abzuwägen.

Zu oft kommt ein Kind meinetwegen hungrig und traurig aus der Schule, weil ich es mal wieder vergessen habe.

Ich dachte übrigens lange, ich sei die einzige, die zu blöd wäre, das mit der Essensbestellung hinzubekommen. Bis ich vor einer Weile bei einem Mädelsabend in zweibiertischlanger Runde leise zwei Freundinnen davon erzählt habe und plötzlich alle am Tisch erleichtert loslachten. „Ja, ja, ich auch.“ Unter anderem aus diesem solidarischen Seufzen schreibe ich diesen Text.

In unserem Kalender stehen beinahe bloß Dinge wie: Süßes Frühstück!, Schwimmsachen!, drei leere Klorollen!, Kindergeburtstag Samuel!,  Sechsereierkarton!, Unterschrift Wochenplan! und immer wieder: Essen ordern! Alle mit Ausrufezeichen. Da steckt ein Tempo und ein Druck dahinter, dass ich oft das Gefühl habe, ich hätte einen Posten im Vorstand eines Daxunternehmens in Aussicht. Aber da kommt nichts. Schlimmstenfalls ein: „Nerv nicht, Mama!“ Meinen Elternvertreterposten habe ich seit einer Weile mit schlechtem Gewissen abgelegt. Es wurde einfach zu viel.

Nichts gegen die Lehrer übrigens, ich weiß, dass die meisten wie die Wahnsinnigen arbeiten. Aber halleluja, ist das wild. Dazu die Nachmittage, in denen ich fast nie ich bin, sondern Hausaufgaben-Bootcampbeauftragte, Putzfrau, Streitschlichterin, Mama-Taxifahrerin und Obsttellerschnipslerin. Nebenbei versuche ich zu arbeiten. Ganz ehrlich, die Wucht des Aufwands, große Kinder zu managen, habe ich so nicht geahnt, als ich vollgepumpt mit Stillhormonen um meinen Mann herumschlawenzelte und nach einem vierten Kind bettelte.

Er meinte gleich: „Ich weiß nicht, ob wir das schaffen.“

Er hatte recht. Wir geben unser Bestes. Und ich möchte um nichts in der Welt tauschen. Aber wir schaffen es oft nicht. Ich bin dauergestresst, weil ich außer meinen Kindern auch noch richtig Gas in meinem Job geben möchte. Und habe ein Dauerschlechtesgewissen, weil ich ständig denke, ihnen deswegen nicht die beste Förderung mitgeben zu können.  Unser Haus sieht von innen den Messihausreportagen auf RTL2 oft erschreckend ähnlich. So viele Klamotten, Bastelzeug, Schulsachen, Spielzeug, Müll liegen da herum, dass ich es oft müde seufzend einfach liegen lasse. Unser Familienleben hat oft wirklich wenig zu tun mit all den Happy-Großfamilienfotos in Beigetönen auf Instagram.

Den Kampf gegen die Wäsche habe ich längst aufgegeben. Die liegt übereinander und kloppt sich auf dem Boden des Hauswirtschaftsraums – wer eine saubere Hose sucht, muss meist dort suchen. Wäsche verräumen ist ein Tageswerk – oft entscheide ich mich stattdessen für Schreiben. Nicht selten läuft ein Kind mit Fleck in die Schule – und passende Socken trägt hier schon lange niemand mehr.

Was mir aber am allermeisten Sorgen macht, ist die leise Angst, dass ich es bei vier Kindern einfach nicht schaffen kann, für jedes Kind wirklich die Zuhörerin, Trösterin und Ansprechpartnerin zu sein, die ich gern wäre. In Ruhe etwas mit nur einem Kind zu besprechen ist eine absolute Ausnahme. Leise meine Fühler nach seinen ausstrecken, wirklich mal in Ruhe tief in seine Persönlichkeit abzutauchen, einen mal länger als eine Minute drücken – all das wird hier meist lautstark weggeschwemmt von der wahnsinnigen Wucht einer zerstörerischen Großfamilienwelle.

Falls du also manchmal darüber nachdenkst, ob es nicht furchtbar traurig ist, nur ein oder zwei Kinder zu haben, möchte ich dir sagen: Es hat ganz sicher auch viele Vorteile. So wie du manchmal vielleicht neidisch auf die giggelnden Großfamilien guckst, wünsche ich mir oft die stillen Stunden mit nur einem Kind, um ihm wirklich, wirklich nah zu kommen. Und ganz ehrlich auch mehr Zeit für mich.

Alles Liebe,

Claudi