Gerade habe ich den Sand vom Handtuch geschüttelt. Die bunten Seiten meiner Zeitschrift rascheln im Wind. Ich habe mich ewig drauf gefreut, sie in Ruhe durchzublättern. Genau wie auf die eiskalte Cola. Weil eiskalte Cola immer nach Urlaub schmeckt. Und Urlaub nach eiskalter Cola. Ich kann gar nicht glauben, dass wir wirklich angekommen sind, dass wirklich Ferien sind und Sommerurlaub und dass ich jetzt lesen kann, mit Blick aufs Meer…
Reisen mit Kindern
Ein Kind kommt, sandpaniert und will auf meinen Schoß. Ich stöhne leise und versuche heimlich, ihn mit dem ausgestreckten Arm davon abzuhalten, zeige ihm seine Gießkanne und meinen Flip Flop – als ob er plötzlich einen Flipflop toll finden würde. Natürlich setzt er sich. Er hockt zwischen meinen ebenfalls sandpanierten Beinen, er in der Mitte, wie die heiße Füllung in einem Cordon Bleu. Ich kann durch sein feines Haar die Zeitschrift nicht mehr sehen. Was steht da? Leben voller

Stoooop! Schreie ich, weil das große Kind nun doch ein bisschen zu weit rausschwimmt. Der Mittlere will eine Burg bauen, ganz unbedingt will er das, aufstampfunbedingt, rumschreiunbedingt, hinschmeißunbedingt. Ich mag jetzt keine Burg bauen. „Später“, sage ich, aber für ihn ist später so weit weg, wie für mich der Kondensstreifen am Himmel über mir. „Eine Burg!“, ruft er, „eine Burg“. „Ein Kapitel noch und ich baue eine mit dir“, sagt der Mann ohne von seinem Buch aufzuschauen. Aber auch ein Kapitel ist lang. Der Burgenfan stampft, schreit, schmeißt. Mir fällt ein, dass er vermutlich nicht mehr lange Burgen mit mir bauen will und ich schiebe meine Bikiniträger hoch, schüttele den Sand ab, wenigstens ein bisschen, und sage: „Komm, ich bau mit dir.“ Er kneift die Augenbrauen zusammen. „Ich will aber mit Papa bauen“, sagt er und ich bin ein bisschen beleidigt, obwohl ich keine Lust hatte, zu bauen und meine Zeitschrift aufweht und ich sehe, dass es vier Seiten Büchertipps gibt, was ich liebe.

„Stop!“, rufe ich laut, weil einer einen anderen mit Sand beschmeist und „Stooop!“, weil einer dem anderen die Schaufel einfach aus der Hand reist. „Stooooooop!!!“, weil zwei auf dem Boden liegen und sich an den Haaren ziehen. „STOP!“, rufe ich noch lauter und ziehe beide auseinander. Mein linker Fuß berührt dabei die Beinahe-Sandburg, nur ein bisschen. „Blöööööde, Mama!“, ruft der Burgherr. Ich atme ein. Schaue nach oben. Der Kondensstreifen am Himmel ist kein Streifen mehr. Sondern ein langer, breiter, unendlich scheinender Haufen einzelner Moleküle. Genauso zerfetzt, wie sich dieses Familiending manchmal anfühlt.

Ein Kind muss und ich gehe mit ihm in Richtung Kiefernwald. Ich frage mich, warum ich mein Kind fünf Minuten überredet habe, Sandalen anzuziehen, selbst aber barfuß bin. Der Sand ist kochend heiß unter meinen Füßen und wird immer heißer und ich möchte schreien vor Brandschmerz und schnappe das Kind und renne zum Handtuch. Ich merke, dass meine Augen hinter den Sonnenbrillengläsern feucht werden. Neben mir streiten schon wieder zwei. Ein Kleiner beschmeist erst mich mit Sand, dann sich in den Sand, weil ich ihn davon abgehalten habe, Salzwasser zu trinken. Ich hole ihm zwei Dutzend mal Wasser in seinem kleinen Eimer und freue mich, dass er so selig damit pütschert. Dann gießt er sein Wasser über meine Zeitschrift.

Auf dem durchgeweichten Cover kann ich gerade noch lesen: Leben voller Zuversicht steht da.
Familienurlaub anstrengend,
Nur ein paar Minuten später richtet sich mein Mann auf. Lächelt, streckt sich. Sagt: „Ich bin dran!“ Ich bin fertig mit Kinder bewachen. Jetzt darf ich meinen Kopf in den Nacken fallen lassen. Ich schließe die Augen und höre das Meer brüllen statt die Kinder. Wenn ich sie öffne und unter der flachen Hand zum Meer rüber schaue, sehe ich die beiden Großen Wellen reiten. Sie jauchzen und ihre muskulösen Rücken sausen über das Funkelwasser. Direkt vor mir spielen die Kleinen und obwohl ich nicht dran bin mit gucken, gucke ich und grinse, weil der größere Kleine dem ganz Kleinen Wasser holt, immer und immer wieder. Nach einer Weile schlägt der kleine Seegras mit dem Beachballschläger in die Luft und gluckst. Immer und immer wieder. Und ich bin froh, dass wir trotz fehlender Klos am wilden Strand sind und nicht an dem für einen Zehner pro Liege.

Nebenan wälzt sich ein schwarzer Hund im Sand, der Kleinste staunt. Ich staune, wie man staunen kann. Der Burgenbauer kommt und benutzt mich als Stuhl – Beine als Polster, Brust als Lehne – und ich bekomme Gänsehaut, weil sein Po so kühl ist. Meine Nase drückt sich in sein Haar, es duftet nach Sonne und schmeckt nach Salz. „Weißt, du wer in meiner Burg wohnen darf?“, fragt er. „Nur du und ich Mama.“ Ich hatte vergessen, wie gut es tut, wenn der Wind einem das Haar aus dem Gesicht pustet und manches darunter gleich mit.
Reisen mit Kindern, Strand mit Kindern
Später lese ich in meiner Zeitschrift, über Bücher und Zuversicht und all das Gute im Leben und ich merke erst, dass ich ziemlich entspannt bin, als ich kurz aufschrecke und hektisch den Kleinsten suche und erst dann bemerke, dass er an meiner Brust liegt und trinkt. Ich lege ihn zur Seite, baue einen Sonnenschutz für ihn und lege mich daneben. Der Wind weht über mein plattes Ganzes. Der Kondensstreifen ist weg. Da ist bloß Kornblumenblau über mir und Ruhe und ganz viel Platz. Und ich merke, dass im Kopf plötzlich auch Ruhe ist. Und Platz. Für Zuversicht.

Claudi