Alles hat einen Anfang und ein Ende. Die Jahreszeiten. Das Leben. Es ist der Lauf der Dinge, wir alle wissen das. Aber wollen wir das wirklich wissen? Die Antwort lautet zumeist nein. Niemand denkt gern darüber nach, dass er nicht unsterblich ist. Doch manche Zeiten zwingen einen dazu, und eine weltweite Pandemie ist wohl so ein Zeitpunkt. Gerade rückt der Tod ein Stück näher als zuvor. Und er scheint nicht nur ein neuer Gedankengefährte der Erwachsenen zu sein: Auch meine Kinder beschäftigt das Thema gerade mehr als sonst. Und so habe ich beschlossen, ein wenig genauer hinzuschauen. Für mich. Für sie. Mit ihnen. Und festgestellt: Das kann sogar ganz schön sein…

In unserer Familie haben wir das Glück, dass der Tod gerade nur ein Gedankenspiel ist: Unsere Großeltern sind gesund und munter, unsere Freunde und wir ebenfalls. Aber Covid ist einfach nicht mehr wegzudenken, auch für die Kinder nicht. „Oma und Opa sind ja schon ganz schön alt – müssen sie jetzt bald an Corona sterben?“, fragte meine Tochter kürzlich.

Ich habe ihr erklärt, dass Alter nicht zwingend heißt, dass man an dem Virus stirbt. Dass die beiden und der andere Opa gut auf sich aufpassen. Aber dass sie irgendwann sterben werden, wenn ihr Leben zu Ende ist. So wie wir auch. Und dass niemand weiß, wann das sein wird. „Aber das will ich nicht!“, sagte sie trotzig und ein bisschen erschrocken. „Ich auch nicht“, hätte ich am liebsten gesagt.

Kinder haben einen anderen Begriff vom Tod als wir Erwachsenen.

Je jünger sie sind, desto weniger können sie wirklich verstehen, was es bedeutet. Was sie aber gut begreifen, sind unsere eigenen Berührungsängste mit dem Thema. Kinder haben feine Antennen, gerade für all das Ungesagte. Für das, was wir nicht an uns heranlassen möchten. Und Kinder bohren für ihr Leben gern in unseren schwarzen Löchern.

Wie aber kann das Ende seinen Schrecken verlieren? Für mich? Und damit auch für meine Kinder? Vielleicht nur, indem es einen Platz in unserem Leben bekommt. Als Erinnerungsanker, dass wir nicht ewig Zeit haben. Zu leben, zu lieben, zu lachen. Dass „irgendwann“ vielleicht ein schlechter Zeitpunkt mag. Dass „jetzt“ genau gut ist. Sich nicht vor den Gedanken unserer Endlichkeit zu ducken. Sondern eine Haltung zu entwickeln, die das Leben schätzt. Und zwar nicht nur in seinen Höhepunkten, sondern auch im ganz banalen Alltag. Gerade da. Nur so, denke ich, können wir am Ende auf ein erfülltes Leben zurückblicken.

Vor einigen Wochen las ich im Süddeutsche Zeitung Magazin ein Interview mit einem Trauerredner, der mehr als 2500 Beerdigungen begleitet hat. Was ein reiches Leben seiner Erfahrung nach ausmacht, wurde er gefragt. Die Antwort war schlicht: Liebe. Nicht Geld, nicht Erfolg. Nur, dass der Mensch Liebe gegeben und bekommen hat. Auf dem Sterbebett ist eben kein Platz für Eitelkeiten.

Ich erzähle den Kindern gern von Oma.

Allein mein Großer hat meine Mutter noch erlebt, die anderen beiden kennen sie nur aus Erzählungen. Sie war eine tolle Frau, liebevoll, stark, mutig – auch am Ende. Sie hätte gute Gründe gehabt, mit ihrem Leben zu hadern. Stattdessen hat sie es genossen, jeden Moment, so gut sie eben konnte. Weil sie früh begreifen musste, dass es irgendwann vorbei sein würde. Dass sie ein gutes Leben hatte, davon war sie überzeugt. Der Tod hat sie nicht geschreckt, obwohl sie gern noch länger gelebt hätte. Sie ist mein großes Vorbild.

Weil: Ich wäre noch nicht bereit, jetzt mit gutem Gefühl gehen zu können, für immer. Aus der Perspektive der Endlichkeit merke ich gerade wieder, wie häufig ich mich mit Nichtigkeiten befasse. Mich an Dingen abarbeite, die mehr als zweitrangig sind. „Sie hat immer dafür gesorgt, dass die Kinderzimmer aufgeräumt waren“, ist sicher nicht der Satz, der auf meiner Trauerfeier fallen sollte. Der Gedanke an den Tod kann also ganz inspirierend sein: Als Chance auf das Leben, das man wirklich führen möchte.

Mir hilft es gerade, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Dankbarkeit für das vermeintlich Selbstverständliche zu empfinden: Familie, Liebe, Gesundheit. Und den Kindern hilft, dass wir uns gemeinsam an die erinnern, die vor uns gegangen sind: An Oma. Unsere Katzen. Ich spreche mit ihnen darüber, dass man einen Platz im Leben behält, auch wenn man nicht mehr da ist. Denn wie oft fällt unvermittelt der Satz: „Sitzt Oma jetzt auf einer Wolke und guckt mir zu?“ In der Gedankenwelt meiner Kinder ist sie ein fester Bestanteil unserer Familie.

Als ich vor ein paar Tagen mit einer Freundin über das Thema sprach, gab sie mir ein Buch mit: Ente, Tod und Tulpe. Es ist ein Bilderbuch für Kinder – und vielleicht noch ein klein wenig mehr für uns Eltern. Es geht um das Leben. Um den Tod, der ein Freund wird. Und der am Ende tut, was der Tod eben tun muss. Die Kinder mögen es. Und ich auch. Es ist auf gute Art ergreifend. Und tröstlich, weil es das Unvermeidliche beschreibt, ohne dass man sich davor fürchten müsste.

Aber selbst wenn der Tod hier gerade häufiger Thema ist: Morbide Stimmung kommt selten auf. Weil Kinder die personifizierte Lebendigkeit sind. Und dabei hundert Mal unbefangener als wir: „Papa und du, ihr sollt nie sterben“, meinte meine Tochter ein anderes Mal. „Aber dann gehört uns doch das Haus ganz allein“, wandte ihr großer Bruder ein. Ziemlich begeistert. Das Unvermeidbare hat eben auch seine guten Seiten.

Hand aufs Herz: Traut ihr euch an das Thema heran? Wie auch immer – lasst uns das Leben feiern!

Alles Liebe,

Katia