Wow! Ein Snowboatfahrer fährt mitten auf der Straße in Hildesheim. So hatte es vor drei Wochen angefangen. Aber von Anfang: Es schneit in meiner Heimatstadt nicht oft und schon gar nicht so viel. Seit ich dort 1997 Abitur gemacht habe, kann ich mich nicht an besonders viel Schnee erinnern. Das Video sorgte also schon mal für Aufmerksamkeit in unserer Abi-Whatsapp-Gruppe. Ungefähr sechzig Ehemalige sind wir  darin – sonst wird dort nicht viel geteilt. Ab und zu mal ein halbwitziges Video. Meist versteckt sich der Chat in den Scroll-Tiefen meines Handys. Bis jetzt…

Kurz nach dem fremden Snowboatfahrer sprang dort im Video plötzlich ein ehemaliger Mitschüler von mir in kurzer Hose und barfuß durch den Schnee und warf ein paar Volleybälle. Dazu schrieb er: „Lasst uns eine Challange starten. Was ist dein Schnee-Sport?“ Und dann nominierte er jemand. Der Nominierte kraulte wenig später im Borat-Badeanzug durch den Tiefschnee im Garten und nominierte den Nächsten. So ging das immer weiter. Einer fuhr im Blumenbeet Ski. Eine hüpfte im Aerobic-Dress mit Dackel auf dem verschneiten Garten-Trampolin. Eine sauste im pinken Tütü auf Ski hinter ihrem Pony her. Eine boxte zur Rockymusik auf der Terrasse.

Ich musste mehrmals am Tag herzhaft lachen. Endlich mal wieder…

Und es war so schön, meine Mitabiturienten in diesen kurzen Minuten wieder zu sehen. Kleine Ecken ihrer Gärten, Häuser, Leben. Es war ein riesengroßer Spaß. Dann wurde ich nominiert.

Verrückterweise hatte ich richtig Lampenfieber. Ich konnte es selbst kaum glauben, aber da quatsche ich beinahe täglich in meine Instagram-Story vor knapp 60.000 Zuschauern – aber mich vor diesen Leuten, die mich mal so gut kannten, lustig zu präsentieren fiel mir so, so schwer. Ich war plötzlich wieder siebzehn – und die meisten Tage der Woche schüchtern. Ich habe es trotzdem getan. Kneifen ging ja nicht. Besonders lustig war ich nicht: Ich habe erst am Rodelberg gekniffen – und schließlich zu „Danz up de deel“ mit einem Schneemann getanzt.

Das Lied wurde früher immer bei einer Party sieben Dörfer weiter gespielt, wo sich der halbe Jahrgang donnerstags traf. Leider war bei meinem geposteten Video kein Ton zu hören. Was haben meine Söhne gelacht. Meine ehemaligen Mitschüler wohl nicht so. Höchstens über meine technische Trotteligkeit, an der sich mit den Jahren nichts geändert hat. Aber ich  hatte es hinter mir. Und mache übrigens drei Kreuze, dass ich hier keine Comedy mache…

Einen der größten Auftritte hatte ein Mitschüler, an dessen Namen ich mich nicht mehr erinnern konnte.

„Hallo!“, schrieb er irgendwann in die Gruppe. „Kreuze gerade unter der Küste Norwegens, habe seit zehn Tagen Seefahrt zum ersten Mal wieder richtig Handyempfang und 123 ungelesene Nachrichten in diesem Chat. Was muss ich machen? Gibt’s eine Kurzzusammenfassung?“

Es gab eine. Und danach gab es ein Video von ihm und danach – das schwöre ich – kennt jeder im Jahrgang seinen Namen. Er nahm uns alle via Video mit auf sein riesiges Schiff. Führte uns durch schmale Gänge durch sein Leben, trainierte mit uns zwischen engen Eisenwänden an der Rudermaschine und ließ sich schließlich von seiner Crew auf dem vereisten Deck nass spritzen – vor der Kulisse der verschneiten norwegischen Berge. Ganz großes Kino.

Die ganze Sache war eins meiner Lockdown-Highlights. Ein großartiges Unterhaltungsprogramm. Wie jeden Tag ein paar Minuten Klassentreffen. Inklusive kribbeliger Aufregung. Und dem Gefühl, das alles möglich ist.

Herzlichst,

Claudi