Dieser Artikel ist eine Lupe. Liest du weiter, nimmst du sie in die Hand, schaust hindurch und siehst sie plötzlich vor dir: Vier Künstlerinnen in diesem verrückten Jahr und dazu ihre ganz persönlichen Geschichten. Hier sind vier von von 1,3 Millionen Menschen aus der sogenannten Veranstaltungs- und Unterhaltungsbranche. Claudi wollte wissen, wie es uns gerade geht. Uns sichtbar machen. Und: Erfahren, wie ihr uns helfen könnt. Darf ich also vorstellen, hier kommen Anna, Sherin, Mari und ich, Julia…

Ich bin Anna Steinkogler und von Beruf freischaffende Harfenistin. Ich liebe die Konzerte, die Bühnenluft, den knisternden Energieaustausch mit Menschen. All das fehlt mir schmerzhaft. Für mich sind die erneuten Verschärfungen der geltenden Corona-Regeln allerdings nicht nur nervig, sondern existenzgefährdend. Fakt ist: Ich verdiene im Jahr 2020 65 Prozent weniger als in 2019.

Was mich noch sorgt (und wütend macht): Das perfekt aufeinander abgestimmte, sehr feinmaschige Netz von Menschen im und neben dem Rampenlicht, die Veranstaltungsorte, das ganze Drumherum, sind Teil einer professionellen Struktur die in normalen Jahren 130 Milliarden Euro Umsatz macht. All das wird gerade an die Wand gefahren. Jedem dürfte klar sein, dass sich die Branche davon so schnell nicht wieder erholen kann und wird.

Für mich konkret heißt das: Ich kann gerade einfach nicht viel ausgeben. Ich spare an allen Ecken, viele Dinge sind im Moment einfach nicht drin. Mir hilft dabei, dass ich über die letzten Jahre mein Konsumverhalten ohnehin bereits sehr entschlackt habe, seit 2013 in Bangladesh die Fabriksgebäude der Textilarbeiterinnen eingestürzt sind. Ich schlafe schlecht. Das liegt aber daran, dass mich viele neue Ideen und Gedanken aufwühlen und wach halten. Mein Kopf rattert.

Ich arbeite an einem Plan B…

Welche Dinge muss ich verändern, damit ich von und mit der Harfe leben kann, auch wenn sich unser kulturelles Leben über Jahre hinaus grundlegend verändert?

Dennoch gibt es da noch etwas. 2020 wird für mich das Jahr der Paradoxe bleiben. Denn: Es ist trotz aller Sorgen mein Jahr der DANKBARKEIT und der KLARHEIT. Dankbar bin ich für die schöne Beziehung zu meinem Lebenspartner, der mich ganz selbstverständlich durch die Höhen und Tiefen dieser Zeit trägt, auch finanziell. Und für meine Harfe-Schülerinnen, die mir in der Zeit des Online-Unterrichts die Treue halten.

Klarheit darüber, wie ich zu meinem Beruf stehe: Er ist meine Leidenschaft! Ich brauche die tägliche Beschäftigung mit der Musik, ich liebe das Üben. Ich atme den Klang meines wunderschönen Instruments, wenn ich es nah am Körper fühle. Ich bin immer noch fasziniert von der Vielfalt, den Facetten und den unerwarteten Wendungen, die ein Leben von und mit Musik bereit hält – und ich will diesen Zustand mit Menschen teilen. Diese schlagartige Erkenntnis hat eine unglaubliche Energie in mir freigesetzt!

Ich will nicht mehr anhängig sein!

Deshalb wache ich auch trotz allem auf und bin voller Tatendrang. Ich will unabhängig sein von äußeren Faktoren wie einer Pandemie oder dem Angebot eines Konzertveranstalters. Dafür muss ich zuerst meine Hausaufgaben machen, denn wie viele Musikerinnen habe auch ich vor allem gelernt, mein Instrument perfekt zu beherrschen, aber nicht, wie man „auf dem Markt“ besteht. Zum Beispiel habe ich mich erst diesen Sommer überwunden den Sprung in Social Media zu wagen! Für mich eine große Sache.

Ich baue einen Newsletter auf, um selber den Kontakt mit dem Publikum pflegen zu können, mit den Balkonkonzerten habe ich das kleinste Open Air-Festival der Welt im Bötzowkiez veranstaltet. Ich habe ein Konzept entwickelt, um den Online-Unterricht für meine Schülerinnen zu einem Mehrwert zu machen. Ich arbeite auf meine erste CD hin. Plötzlich öffnen sich überall Türen.

Wie ihr helfen könnt:

Mir fallen dazu zwei ganz konkrete Dinge ein: 1. Unterschreibt zahlreich die Ohne-uns-wird’s-still-Online-Petition! 2. Lasst uns in Kontakt treten, denn wir Musikerinnen brauchen euch. Folgt euren Lieblingskünstlern in den sozialen Netzwerken. Wenn ihr neugierig geworden seid und mehr über mich und meine Musik und Projekte erfahren wollt, meldet euch für den Newsletter an. Darüber würde ich mich riesig freuen! Das aktuelle Thema: die Arbeit an dem CD-Projekt mit dem virtuosen Akkordeonisten Valentin Butt. Wir trauen uns endlich zu, unsere eigene Klangsprache zu erkunden und uns Stücke auf den Leib zu schreiben. Folgt uns dabei.

Ich bin Sherin, 42 Jahre alt und Orchestermanagerin bei der Camerata Salzburg, einem der weltweit besten Kammerorchester. Seit über fünf Jahren lebe ich mit meinem Mann und unserer dreijährigen Tochter Irma in Österreich. Wir haben erst Anfang November erfahren, dass wir im November auch keine Konzerte mehr spielen dürfen – 18 waren ursprünglich geplant.

Nachts liege ich manchmal wach, weil mir viel durch den Kopf geht. Meine Familie und die meines Mannes wohnen nicht in Salzburg und es ist nicht immer leicht, alles unter einen Hut zu kriegen, vor allem weil mein Mann selbständig und als Regisseur einer Dokuserie viel unterwegs ist. Als Kreativer ist er auch oft gedanklich so in seinen Projekten unterwegs, eine Menge Mental Load liegt bei mir.

Dabei habe ich Glück, da ich bei der Camerata fest angestellt bin und lediglich in den drei Monaten Kurzarbeit ein paar finanzielle Einbußen hatte. Die Musikerinnen und Musiker der Camerata sind nicht angestellt, sondern freischaffend, sie werden also pro Konzert engagiert. Durch den Wegfall eines Großteils der Konzerte bekommen die MusikerInnen null Euro Gage und sind teilweise in extrem schwierigen Situationen, weil viele Familie haben und die Camerata ihre einzige Einnahmequelle ist.

Ein befriedigender Arbeitsalltag fehlt mir am meisten!

Momentan ist es so, dass ich ich Konzerte bis ins Detail plane und organisiere, dafür wirklich viel arbeite und als Manager eines Ensembles natürlich auch in eine sehr umfassende Vorleistung gehe. Und dann verpufft durch die oft kurzfristigen Absagen alles, was ich vorbereitet habe. Ich habe mit den Veranstaltern oft bis zu zwei Jahre im voraus über Termine, Programme und Honorare verhandelt, Solisten angefragt und mit ihnen Programme diskutiert, Honorare und Probentermine ausgehandelt. Ich habe  die Orchesterbesetzung zusammengestellt, Hotels und Flüge gebucht, das Konzert auf sämtlichen sozialen Kanälen beworben, Visa beantragt, Instrumentenversicherungen und Auslandskrankenversicherungen abgeschlossen, lang und ausführlich mit allen Beteiligten über Rahmendaten kommuniziert und mich nicht zuletzt auf die Konzerte gefreut.

Wir können nicht sagen, wir warten jetzt einfach mal mit der Planung, denn wenn das Konzert stattfindet, wären wir ja nicht vorbereitet. Eine Crux.

2020 wird das Jahr sein, in dem ich acht Kilo zugenommen habe, beschlossen habe, Familie noch wichtiger zu nehmen als vorher, wirklich viel gebastelt habe und viel mehr in die digitale Welt eingetaucht bin, als ich je gedacht hätte.

Wie ihr helfen könnt:

Wir haben zu Beginn des ersten Lockdowns im März eine Spendenaktion für die Camerata Salzburg ins Leben gerufen und sind froh und dankbar, dass sehr viele großzügige Menschen bereits für die Camerata gespendet haben. Das Spendenkonto ist weiterhin aktiv und wenn ihr die Musikerinnen und Musiker, die derzeit kein Einkommen haben, vor allem aber ihren Beruf nicht ausüben können, unterstützen möchtet, könnt ihr das gerne hier tun.

Natürlich ist nicht nur Bargeld wichtig, am allerwichtigsten ist unser Publikum! Daher an alle, die in Salzburg oder der näheren österreichischen und deutschen Umgebung wohnen: Wir haben in der Stiftung Mozarteum in Salzburg eine eigene Abonnement-Konzertreihe, die wir selbst kuratieren und zu der wir die für uns spannendsten Künstlerinnen und Künstler einladen. Ihr könnt uns auch mit dem Kauf von Karten oder einem Abonnement unterstützen, was man auch toll verschenken kann! Infos dazu bekommt ihr hier. Und geht überall in lokale Konzerte, sobald es wieder möglich ist!

Wir sind Familie Schoppe und wir betreiben einen Kultur- und Eventhof im Wendland. Neben unseren drei Ferienhäusern und unserer Freiluftpizzeria von April bis Oktober veranstalten wir zwei große Märkte im Jahr. Beide sind ein Fest für die Sinne und den Geist. Unser Konzept basiert darauf, Menschen glücklich zu machen, sie die Natur neu erleben zu lassen und ihrem Bedürfnis nach Freiheit Flügel zu verleihen. Während sich die letzten Jahre für uns wie „das Leben im geweihten Land“ anfühlten, herrscht jetzt „die Einöde des Schattenlandes“, um es mit den Worten unseres fünfjährigen Simba-Fans zu sagen.

Unser Kultur- und Kunsthandwerker Markt Mützingenta, der jährlich von Himmelfahrt bis Pfingsten stattfindet, fiel der ersten Corona-Welle zum Opfer. Damit brachen uns Einnahmen weg, die wir fest eingeplant hatten. Die Schließung unserer drei Ferienhäuser brachte die blanke Angst vor dem Bankrott. Und mich zum Heulen. Ich sage mir täglich wie ein Mantra: „Sei stark, die Kinder dürfen von unseren Sorgen nichts merken.“ Aber abends geht es nicht mehr, da platzt alles raus. Eine Freundin – ohne Kinder und in Festanstellung – meinte mehrmals: „Du weinst, als wäre ein Mensch gestorben.“

Nein, es stirbt zum Glück niemand bei uns.

Aber das Leben von vier Menschen steht auf der Kippe. Zum Glück wünschen sich unsere Kinder bloß ein Schleichtier und eine Laterne zu Weihnachten. Zu der Sorge, unseren Lebensunterhalt auf ein Minimum herunterfahren zu müssen und jedes Privatvergnügen einzusparen, kommt die Schwierigkeit, sich als Selbstständiger im Corona-Regel-Dschungel zurecht zu finden.

Was darf ich als Gastronom und was nicht? Was wird empfohlen und was ist Pflicht? Für die Eröffnung unserer Pizzeria Mama Rose hatten wir sie alle an der Strippe: Dehoga, Bürgertelefon, Ordnungsamt und Gesundheitsamt. Und dann? Wusste keiner so richtig weiter. Die meisten haben ihre Antworten mit uns zusammen am Telefon gegoogelt.  Wir haben schließlich alles so umgeplant, dass wir öffnen durften. Sogar ohne Masken, weil unsere Pizzeria open air ist. Und dann? Kam prompt die Ermahnung vom Gesundheitsamt. Ich war so wütend. Ich fühlte mich, als hätten wir absichtlich Menschen aufgefordert ohne Masken zu kommen und sich gegenseitig zu infizieren.  Wir hatten uns doch nur an die Anweisungen gehalten.

Für Dezember hatten wir einen stimmungsvollen Weihnachtsmarkt geplant – mit umfangreichem Hygienekonzept.  Auch daraus wurde eine KEINACHTSMARKT. Das so dringend benötigte Geld wird nicht kommen. Wieder sagte eine Freundin, eine im Homeoffice: „Naja, ihr bekommt doch diese ganzen Hilfen vom Bund.“ Nein, bekommen wir leider nicht. Wir haben zwar die winzige Bundeshilfe im Frühjahr bekommen, können uns aber nun für keinerlei weitere Hilfe qualifizieren. Egal ob es Kultur- oder Förderprogramme, staatliche Hilfen oder Fonds – eine der vier bis fünf Bedingungen trifft bei uns immer nicht zu.

Ich fühle mich so allein gelassen.

Was noch passieren wird, wissen wir nicht. Wir beginnen jetzt mit der Planung für die Mützingenta 2021. Sie wird kleiner – aber die Planung wird hygienekonzeptiger und viel, viel umfangreicher. Dabei kann uns keiner sagen, ob ein „Festival“ in dieser Größenordnung zu Himmelfahrt 2021 stattfinden darf. Mitte November steht in der Regel das gesamte Rahmenprogramm, mit allen Liveacts, Schaustellern und Ausstellern. Aber bisher trauen wir uns noch nicht in die Vollen zu gehen. Eins tröstet mich, wenn die Mützingenta stattfinden wird, werden die Gäste von all dem Stress, der Angst, der Unsicherheit und dem Unmut nichts mitbekommen – hoffentlich.

Ich versuche die Nerven nicht zu verlieren. Wir gestalten für unsere Kinder jeden Tag so, als gäbe es Corona nicht. Wir bauen Hochbeete, gucken, ob die Hühner Eier gelegt haben, haken Laub, bis die Finger wund sind und springen abends in den heißen Badezuber – liegt ja grad kein Gast drin. Wie können wir unsere Kinder glücklich machen, wenn wir als Eltern nicht den Mut haben glücklich zu sein?

Wie ihr helfen könnt?

Kommt auf unsere Internetseite. Plant einen Urlaub bei uns. Und schreibt euch die Mützigenta 2021 in den Kalender. (Claudi wird ebenfalls wieder dabei sein und hat hier und hier schon mal drüber geschrieben.)

Und dann bin da noch ich, Julia, Mama von zwei Kindern und selbständige Kulturmanagerin in Berlin mit meiner Agentur Premiertone. Seit über 17 Jahren bin ich beruflich in der Klassikbranche verankert und mit einem Cellisten verheiratet. Durch meinen Job und auch privat kenne ich unzählige Musiker. Darunter sind Orchestermusiker, Professoren, Lehrbeauftragte, Musiklehrer an Musikschulen und viele komplett freischaffende Künstler. Unsere Welt funktioniert langsamer und behäbiger als viele andere Berufsbereiche, Konzertprogramme und Tourneen sind meist zwei bis drei Jahre im voraus gebucht.

Mein Mann spielt in einem Streichquartett, sie haben über zwei Jahre auf ein großes Beethoven-Projekt hingearbeitet, konzipiert, geprobt – und dann kam der Lockdown im März und es konnte nichts von dem Geplanten stattfinden. Die viele Energie, geistige und seelische, die man in solche Projekte steckt, verpufft. Und natürlich fallen ohne Ende Einnahmen weg.

Mein Mann ist – gottseidank – in Festanstellung. Mit einer halben Stelle. Dennoch fragen wir uns, wer es um uns herum überleben wird? Veranstalter, Künstlerfreunde, Agenturen? All das beschäftigt mich nachts – und auch morgens gleich wieder. Ich wusste sehr schnell, dass der Lockdown für uns „Veranstaltungsbranche“ als erstes kommt und als letztens wieder aufgehoben wird. Auch der „Lockdown light“ ist kein bisschen light in unseren Berufen. Keine Konzerte, keine Oper, kein Theater – für maximal 50 Zuschauer lohnt es sich einfach nicht.

Mir fehlt die Unbeschwertheit so sehr.

Auch liebe Menschen. Die Großeltern in Armenien haben wir bereits ein Jahr nicht gesehen. Und keiner weiß, wann wieder. Ich werde vorsichtiger, misstrauischer. Ich traue mich nicht mehr, mich auf irgendetwas zu freuen.

Für mich wird 2020 das Jahr sein, in dem ich soviel Zeit wie noch nie mit meinem Mann verbracht habe. Normalerweise waren wir in über zehn Jahren Beziehung nie drei Wochen am Stück an einem Fleck. Das Jahr, in dem ich soviel wie noch nie über die Welt und unsere Gesellschaft nachgedacht habe. Das Jahr, in dem ich so stark wie noch nie das Bedürfnis nach positiver Veränderung gespürt habe und soviel Angst wie noch nie hatte, wie die Welt mal für unsere Kinder aussehen wird.

Wie ihr helfen könnt?

Geht in Konzerte, in Theater! Da sind tolle Menschen, viele brennen für das was sie dort tun. Kunst wird in euch Gefühle auszulösen und Gedanken anstoßen. Das tut so gut. Kultur braucht offene Ohren. Hoffentlich können wir durch diese Krise noch mehr wertschätzen, was für eine großartige kulturelle Vielfalt wir in unserem Land hatten und hoffentlich bald wieder haben.

Alles Liebe,

Julia