Manchmal frage ich mich, wann ich sie am meisten vermissen werde. In den lauten Momenten, wenn ich nach Hause komme und sie schon da sind, Bibi Blocksberg hören und Keyboard spielen und sich streiten und mir alle auf einmal von ihrem Vormittag erzählen wollen. Oder in den ganz leisen, wenn ich mich abends noch einmal an ihr Bett schleiche, auf Sockenzehenspitzen, sie zudecke und ihnen ein weichen Wangenkuss gebe…
Kinder vermissen, wenn die Kinder ausziehen
Nur dreimal plinkern und auf ihren Wangen wächst ein Dreitagebart. Auf jeden Fall werden sie irgendwann nicht mehr im Zimmer nebenan liegen, sondern im Zimmer sonstwo, und André und ich müssen nicht mehr schleichen und Bibi Blocksberg hören oder Keyboardgeklimper. Manchmal freue ich mich drauf. Weil wir beide dann endlich mal wieder in Ruhe herumliegen können, im Garten, im Bett – oder vielleicht sogar an wunderschönen Orten auf der ganzen Welt. Im nächsten Moment habe ich Angst. Weil ich nämlich gerade verdammt glücklich bin (und müde und manchmal wütend). Weil ich das Gewusel liebe. Weil ich irgendwie Angst vor der vielen Ruhe habe, obwohl ich mich doch oft danach sehne.

Auf Blogs, besonders auch auf Instagram werden die Kleinkindjahre glorifiziert. Hashtags wie #dontgrowupsofast und #unseralltagistihrekindheit (32,6 k Einträge) geben mir das Gefühl, ich hätte jetzt noch ein paar Jahre Spaß und das wars. Wie wird es sein, wenn die Kinder groß sind und ausgezogen? Alles nur noch halbschön? Werde ich herumlaufen mit Leere im Bauch, den Kopf dauerhaft voll von Vermissung? Runtergezogenen Mundwinkeln? So schön wie ich es derzeit finde, das finde ich traurig. Als ich vor einer Weile diesen Eintrag bei Instagram postete und mit Leserinnen in den Kommentaren überlegte, ob es sie wohl gebe, die goldenen Jahre, wusste ich, dass ich das gern herausfinden würde. Eine Zeitmaschine zum Vorwärtsbeamen habe ich nicht, zum Glück, daher habe ich einen Aufruf in den Instagram-Stories gestartet und Frauen mit älteren Kindern nach ihren Gefühlen gefragt. Das Feedback war unglaublich.

Erste Einsicht: Das Ausziehen kommt zum Glück nicht Holterdipolter, sondern nach und nach – selbst wenn Kinder von einem Tag auf den anderen ausziehen. Davor werden sie langsam eigensinniger, eigenständiger, eigenartiger. Aus Mutter und Vater und Kindern wird im besten Fall eine WG, Regeln gibt es – aber nicht immer haben beinahe erwachsene Kinder Lust, sich an sie zu halten. Wenn sie dann gehen, kann es für alle Beteiligten oft auch eine Erleichterung sein, haben mir gleich mehrere Mütter erzählt. Weil sie eben nicht zuckersüß, direkt aus dem Laufstall auf wackeligen Beinen loslaufen, sondern groß und verschwitzt und dreitagebärtig und vielleicht sogar motzig und mürrisch. Mit ganz vielen eigenen Lebensideen im Kopf. Was sagte mir eine Leserin: “Die WG aus jungen Erwachsenen und 50jährigen Eltern ist oft einfach zu interessenverschieden.” Weiter sagt sie: “Also haben wir sie früh gehen lassen. Ich könnte mir vorstellen, dass das uns gefühlsmäßig wieder näher gebracht hat…”

Zweite Einsicht: Es wird Wehmut geben. Aber er ist (hoffentlich) gepaart mit Freude. Mit schönen Erinnerungen sowieso. Hoffentlich auch mit einem guten Verhältnis mit den Ausgezogenen. Wie nennt man das dann? Vielleicht Freumut. Freude darüber, was aus den Kindern geworden ist. Freumut, die Mischung aus Wehmut und Freude, schließt auch ein, mal wieder an sich zu denken – und sich dabei sehr wohl zu fühlen. Nicht immer, aber öfter mal.

Übrigens haben viele Mamas erzählt, dass ihnen beim Abschied vor allem wichtig war, dass ihre Kinder in ein gemütliches Zuhause ausziehen. “Ich konnte meine Tochter nur gehen lassen, mit dem Wissen, dass sie sich in ihrem neuen Zuhause wohl fühlt und es schön hat”, erzählt mir Karin. “Dass sie sich eingerichtet und einen neuen Platz haben. Ich war dabei gar nicht so wichtig.”

Was viele Mamas wirklich schlimm fanden? Gar nicht das leere Zimmer – eher die Kleinigkeiten, die die Kinder zurückließen, obwohl die Mamas sie wichtig fanden: der selbstgenähte Quilt, die erste Stereoanlage, vielleicht das allererste Kuscheltier. Ich hatte sofort ein komisches Ziehen im Bauch, so sehr konnte ich diese Empfindung nachfühlen. Aber wenn ich darüber nachdenke, ist es doch verständlich, dass eine Babydecke in den wilden Jahren wie ein Fessel wirken kann. Dass manche Dinge Zeit brauchen, damit man sie schätzen kann. Ich könnte mir vorstellen, sie dürften es schneller schätzen, wenn Mama ihnen im Auszugschaos nicht mit feuchten Augen die Decke hinterher trägt. Sondern sie einfach in einer großen Kiste auf dem Schrank verstaut. Für sich. Und wer weiß, für wann für wen.

Trotz allem mag ich Abschiede nicht. Schon gar nicht Zeiten-Abschiede. Schon gar nicht welche für immer. Ich finde es schade, dass ich nie wieder fühlen werde, wie ein Kind in meinem Bauch strampelt, nie wieder dieses bittersüße Glücksgefühl an einem ersten Geburtstag. Andererseits: Ich durfte es fühlen. Was für einen riesiges Glück! Und: Ich habe ähnlichen Wehmut gefühlt, als ich mein Abi hatte und meinen Freundinnen und ich in alle möglichen Richtungen gezogen sind. Dann wieder als mein Aupair Jahr zu Ende war. Und die Uni-Zeit. Meine wilden Jahre mit meinen Mädels auf dem Kiez. Mit ein paar Jahren Abstand drängeln die Erinnerungen aber zum Glück den Wehmut weg. Es war schön – aber hinterher war es glücklicherweise auch wieder schön.

“Meine Kind fehlt mir manchmal, aber die Freude, über die besonders schöne Zeit, die wir haben, wenn es mal da ist, überwiegt. Und ich freue mich so, dass es immer noch von Zuhause spricht, wenn es über uns spricht”, erzählt mir eine Mama. Eine andere: “Es macht so einen Spaß, ihnen zuzusehen, wie sie ihren Weg gehen.”

Noch eine andere: “Die Freiheiten, die man wieder hat, wenn die Kinder ausgezogen sind, die machen echt Spaß. In Ruhe Bücher lesen. Stundenlang im Garten arbeiten ohne auf die Abendbrotszeit zu achten. Im alten Kinderzimmer endlich ein Nähzimmer einrichten. Ausgehen. Mit Freunden schön essen gehen. Reisen. Ja, auch die finanziellen Freiheiten sind super.”

Eine Mama von dreien erzählte mir: “Dieses Gefühl von Erleichterung und Traurigkeit, wenn ich ihnen nachwinke, wenn sie nach einem Besuch von uns wegfahren, ist verrückt. Beides auf einmal, immer wieder!”

Vielleicht muss man für diese Zeit noch ein Wort mehr erfinden, Erleichterkeit vielleicht.

Zum Schluss wollte ich noch wissen, wie man ein gutes Verhältnis mit seinen großen Kindern behält: “Päckchen schicken, Kuchen backen, Adventskalender basteln”, meint Karin. “Sich nicht einmischen, aber da sein, wenn sie Hilfe brauchen. Geborgenheit schenken, aber spüren, wenn sie stattdessen Luft und Weite brauchen. Über früher reden – und Kritik an der eigenen Erziehung zulassen. Sie einfach fragen, was sie brauchen, was sie gern hätten.”

Ich glaube, ich mag öfter mal ein neues Hashtag verwenden, eins das mich beruhigt und auf leise Weise sehr glücklich macht (das bisher aber erst 15(!) Einträge hat): #jedesalteristschön. Ist die Vorstellung nicht wunderbar? Und auch für unsere Kinder irgendwie erleichternd?

PS. Das Foto zeigt die vier Spieluhren meiner Jungs, genäht als sie noch im Bauch waren. Bis jetzt habe ich mir immer vorgestellt, dass jeder seine mitnimmt, wenn er mal geht. Ich glaube, ich plane eher, sie zu behalten. Vielleicht im tiefen Bilderrahmen an der Schlafzimmerwand.

Alles Liebe,

Claudi