Ich war in meinem Leben oft die Langsamste. Selten die Beste, die Schönste, schon gar nicht die Schlauste. Bis heute erinnere mich an die Schwere im Bauch, wenn ich das Gefühl hatte, Teil eines Wettbewerbs zu sein, obwohl ich das gar nicht wollte. An das schale Gefühl, schon vorher zu wissen, dass ich keine Chance auf Gewinnen habe. Ständig um die Wette rechnen, rennen, raufen – es ist gar nicht so leicht, da nicht mitzumachen. Ich wünsche mir für meine Kinder weniger Wettbewerbe. Und für mich auch…

Vielleicht bin ich ein Spielverderber? Mag sein. Vielleicht war ich einfach selten in etwas die Beste. Habe zu selten Gewinnerkribbeln gespürt. Vielleicht ist genau das der Grund, warum ich mir für meine Kinder eine Extraportion Gelassenheit wünsche. Und hoffe, dass sie sich, wenn überhaupt, bloß mit sich selbst vergleichen.

Wettbewerbe sind überall. Wenn ich genau drüber nachdenke, beginnen sie bereits im Pekip-Kurs – und enden nie. Welches Kind ist dicker/dünner/flinker/geschickter/haariger/durchschlafender? Die Disziplinen im „Best Baby“-Wettbewerb sind unendlich. Selbst wenn man nicht mitmachen will, steckt man meist bereits mittendrin. In der Schule geht es dann so richtig los. Bei uns wird ständig etwas um die Wette gemacht.

Meine Kinder wittern überall Wettbewerbe.

Und machen sich selbst welche. Ich mag nicht glauben, dass das daran liegt, dass es alles Jungs sind. Vielleicht liegt es eher daran, dass sie Kinder mit mehreren Geschwistern sind. Vielleicht liegt einem das Wettbewerbsgen da im Blut. Ich kann das nicht beurteilen, ich bin nämlich ein Einzelkind. Vielleicht liegt es auch daran, dass mein Mann so gern gewinnt.

Hier gehts nicht selten bereits morgens los: „Wer zuerst unten ist…!“ höre ich oft aus dem Kinderschlafzimmer, noch bevor ich so richtig wach bin. Ein: „Wetten, ich bin schneller..?“ wird hier nicht nur gerufen, wenn es ums Umdiewettelaufen geht, sondern sogar in den Disziplinen Spaghettis verputzen, Müsli in Milch gießen oder Eis aufschlecken. Der Genuss verliert da regelmäßig. Und der Verlierer sowieso. Es gibt ständig Streit deswegen. Und es bringt unglaublich viel Hektik rein.

Einer meiner meist gesagten Mama-Sätze ist daher: „Das hier ist kein Wettbewerb.“ Ich sage es beim Zähneputzen, Löcher buddeln, Butterbrot verputzen. Und erkläre immer wieder, dass es überhaupt keine Rolle spielt, wer zuerst fertig ist. Manchmal führen sie den Wettbewerb heimlich weiter. Ich merke es am Brotreinstopfen und heimlichen Zuplinkern. An tiefen Fruststirnfalten. Und höre es nicht selten am Verschluckgeräusch. Oder am leise Schluchzen. Auch in der Schule höre ich regelmäßig, wie Kinder sich mit Leistungen in was auch immer überbieten wollen. Wirklich glücklich wirkt dabei meist keiner.

Wettbewerbe können Spaß machen. Aber meist nur denen, die sie gewinnen.

Beziehungsweise denen, die eine Chance haben, sie zu gewinnen. Ich wünsche mir für meine Kinder weniger Wettbewerb. Für mich übrigens auch. Was ich dafür tue? Ich verbiete mir immer öfter, meine Kinder mit anderen zu vergleichen. Ich verbiete mir zu fragen: „Und was hat die und der in der Klassenarbeit?“ Ich schaue mit ihnen lieber, was sie beim letzten Mal hatten. Ich mag auch nicht gern mit anderen Eltern in Sachen Noten oder Schwimmkursabzeichen battlen. Ich rede viel lieber darüber, wie andere ihre Kinder motivieren, ganz ohne Wettbewerb. Egal, was hinterher dabei herauskommt. Was ich noch mache? Ich initiiere von mir aus keine Wettbewerbe.

Ich frage den einen möglichst dann das Einmaleins ab, wenn der andere gerade nicht da ist. Ich verkneife mir ein „Wer zuerst beim Auto ist, hat gewonnen!“, auch wenn es damit manchmal schneller gehen würde. Aber Wettbewerbe machen vieles schnell und lieblos. Ich möchte das ganz oft nicht. Der einzige Wettbewerb, den ich manchmal nutze, ist der Wettbewerb sie alle gegen mich. Um ihr Gemeinschaftsgefühl zu stärken. Ob das sinnvoll ist? Keine Ahnung. Mir erscheint es so.

Auch in der Schule wird immer öfter mit der Idee des Wettbewerbs gearbeitet – und ich sehe auch das kritisch. Da gibt es zum Beispiel Ausmalblätter für Lesezeiten in den Ferien: Wer am meisten schafft, gewinnt den Lesepokal. Ja, es ist schön, wenn Kinder viel lesen. Aber ich würde mir wünschen, dass sie das in Ruhe tun dürfen und weil sie spannende Bücher gefunden haben oder merken, wie gemütlich das ist. Nicht, weil sie Lesekönig werden wollen. Und wie doof ist das für alle Kinder, die von Anfang an wissen, dass sie keine Chance auf den Thron haben.

Ich habe letztens gedacht, dass es eigentlich ziemlich schön ist, wenn man selbst – und sein Kind – bloß „durchschnittlich“ ist. Einzigartig sind wir ja trotzdem alle. Aber es macht das Leben so schön entspannt. Jedes Kind hat schließlich seine Stärken und Schwächen und lernt in seiner eigenen Geschwindigkeit. Wir helfen nicht nur ihnen, wenn wir mit dem Vergleichen aufhören, sondern auch uns selbst. Je gelassener wir die Entwicklung unserer Kinder beobachten, desto mehr können wir unsere gemeinsame Zeit genießen. Und unsere Kinder so kennenlernen, wie sie sind…

Das große, gute Genaurichtigso!

Ich habe das Gefühl, dass ein Kind, das sich ständig in Wettbewerben misst und mit anderen verglichen wird, nie wirklich lernt, dass auch zweite, dritte oder letzte Plätze in Ordnung sind. Die Gefahr ist groß, dass es an sich den Anspruch hat, immer zu gewinnen, immer perfekt zu sein. Das klingt anstrengend – und das ist es oft auch. Meredith Haaf schreibt in einem Artikel für die Süddeutsche: „Das größte Geschenk, das man einem Menschen machen kann, ist nicht die tollste Förderung und das aufmerksamste Fordern. Das eigentliche Geschenk ist, dass man ihm lässt, was am Anfang da war: das große, gute Genaurichtigso.“

Und Autor Eckhard Schiffer, langjähriger Chefarzt einer Psychosomatischen Abteilung mit Familientherapeutischem Zentrum schreibt in der Zeit zum Thema Schülerwettbewerbe: „Manche Eltern instrumentalisieren ihre Kinder, wollen sich mit ihrer pädagogischen Leistung herausheben. Aber ein familiärer Hintergrund, der lediglich eine Sekundärmotivation erzeugt, kann sich überaus schädlich auswirken. Bei „Jugend musiziert“ kann man immer wieder beobachten, wie Kinder mit ihren Eltern in den Fluren sitzen, bangen und dem Ergebnis entgegen fiebern. Nicht selten sieht man dann, dass Kinder ihre Eltern trösten, wenn sie nicht gewinnen konnten.“

Schiffer findet, dass Kinder im für die meisten Wettbewerbe viel zu jung seien. „Unter neuropsychologischen Gesichtspunkten betrachtet, sind sie erst im Alter von etwa 18 bis 19 Jahren wettbewerbsfähig. Denn erst dann sind die Stirnhirnfunktionen als Grundlage der Fähigkeit zu Kritik und Selbstkritik einsatzbereit. Erwachsene können sich innerlich leichter von Misserfolgen in Wettbewerben distanzieren. Doch Kinder und selbst noch Pubertierende sind in der Identifizierung mit ihrem schöpferischen Produkt dazu nicht fähig.“

Der ehemalige Chefarzt sieht die Tendenz zum Wettbewerb kritisch.

Eckhard Schiffer schreibt: „Es wird immer wieder vorgebracht, Kinder müssten lernen, zu verlieren. Doch das wäre so, als würde man Kinder, die noch nicht sicher laufen können, umstoßen und auffordern, wieder aufzustehen. Laufen lernen sie nicht, indem sie auf die Nase fallen, sondern indem man sie ermutigt und ihnen Vertrauen schenkt, bis sie laufen können. Erleiden einzelne Kinder eine Niederlage, ist das besonders kritisch zu sehen: Trost und Begleitung bewahren sie kaum vor der Demotivierung. Mehrere Niederlagen in Schülerwettbewerben können mit einer chronischen Abwertung des Faches einhergehen. Die Mehrzahl der Teilnehmer an Schülerwettbewerben sind Verlierer. Die Summe der Demotivierten rechtfertigt keinesfalls die Förderung der Motivation weniger Gewinner.“

Ich schlage hier meine Kleinen deshalb ganz bewusst öfter mal Spiele vor, bei denen gemeinsam gespielt wird. Beim Klassiker Obstgarten kämpfen wir zum Beispiel gemeinsam gegen den Raben. Wir üben uns in Kooperation und Zusammenhalt – und haben hinterher gemeinsam Bauchkribbeln. Und auch bei Kindergeburtstagen gibts hier bei Spielen für alle Kinder einen Preis, fürs Mitspielen.

Einfach Kind sein dürfen. Und Frau.

Ich habe das Gefühl, dass Kinder, die sich nicht mit dem Gedanken belasten müssen, dass sie etwas nicht schaffen könnten oder jemand anders „besser“ sein könnte, sich besser ausprobieren und entwickeln können. Trotzdem verbiete ich hier nicht jeden Wettbewerb und lasse sie die mitmachen, den sie mitmachen wollen. Ich finde es aber wichtig, sie zuhause nicht zusätzlich zum battlen anzuregen. Und sie natürlich zu trösten, wenn sie in irgendwas nicht der Beste, Schönste, Klügste waren. Ihnen zu vermitteln, dass meine Liebe nicht von ihren Erfolgen abhängt, das ist mir das Allerwichtigste.

PS. Meine mir selbst gegenüber übrigens auch nicht.

Foto: Louisa Schlepper

Alles Liebe,

Claudi