Erst wollte ich mich hier mit einer Liste meiner Lieblingsartikel in meine kleine Winterpause verabschieden. Damit ihr was zu lesen habt. Dann fiel mir ein, was euch vielleicht gerade noch mehr hilft: Lauter Geschichten übers Scheitern. Das gehört zum Glück nämlich mit dazu. Spricht bloß keiner gern drüber…

Denkt ihr auch oft, dass ihr euch bloß so richtig anstrengen müsst, um Erfolg zu haben? Nur dann natürlich?

Auf dem Weg zum Erfolg sollen wir zügig Accounts in den sozialen Medien anlegen, damit jeder von unserem wachsenden Erfolg mitbekommt, damit wir letztlich noch erfolgreicher werden. Pausen sind wichtig, keine Frage, aber in den Pausen gilt es, erfolgreich zu entspannen, damit wird danach noch konzentrierter an unserem Erfolg arbeiten können. Das Motto unserer Zeit: Gas geben, das Leben ist kurz und es gibt so viele Chancen. Und nie vergessen: Heute kann jeder was werden. Mit einem kleinen bisschen großer Anstrengung.

Klingt anstrengend? Ist es auch! Gerade jetzt!

Die Süddeutsche schreibt am Wochenende etwas Spannendes dazu: „Es ist der Anspruch unserer modernen Gesellschaft. Unsere Karrieren, unser Glück sind das Ergebnis eigener Anstrengung. Wir leben in einer Meritokratie, einer Herrschaft der Verdienten, in der nicht ererbte Privilegien unseren Platz im Leben bestimmen, sondern unsere Talente und unsere Taten. Denn dem Markt, so heißt es, ist es egal, woher du kommst; den Markt interessiert nur, ob du dich ins Zeug legst.“ Puh, ich muss mal kurz nach Luft schnappen.

Die Süddeutsche schreibt weiter: „Leistung muss sich lohnen, rufen die, die von sich behaupten, den Markt am besten begriffen zu haben. Sie rufen es so penetrant, dass sie längst zu ihrer eigenen Parodie werden. Was meint ihr denn mit Leistung? Wie bitte messen wir Erfolg, wenn es immer jemanden gibt, der noch erfolgreicher ist.“ Laut Süddeutscher Zeitung „interessieren den Markt in Wahrheit unsere Mühe und Aufopferungen nicht, ihn interessiert nur die Verkaufbarkeit des Ergebnisses. Für die Gastronomie, die 80 Stunden die Woche und viel Liebe investiert, um die Welt mit Wurstwasser-Soufflé zu beglücken, lohnt sich die Leistung nicht unbedingt. Und selbst die Traditionsküche garantiert kein Auskommen, wenn der Lonely Planet aus einer Laune heraus die Konkurrenz von gegenüber lobt.“

Erfolg haben oder nicht, scheitern oder nicht scheitern, hängt also auch von einem nicht kleinen Anteil am Zufall, das ist einerseits beunruhigend, anderseits beruhigend. Die Süddeutsche schreibt: „Von klein auf üben wir ein, dass wir von Leistungen auf Erfolge schließen können. (…) Der Superstar im Golf wird sich seinen Status verdient haben, weil er so besessen wie kein anderer die Schwungtechnik perfektioniert hat. Das Problem ist nur, dass dieser Umkehrschluss nicht so simpel funktioniert. Leistung ist immer begrenzt, der Tag hat für niemanden mehr 24 Stunden, jeder Körper macht irgendwann schlapp (…).

„Es kann immer noch mehr Ruhm, mehr Einfluss, mehr Geld geben.“

Vor etwa zehn Jahren startete in Amerika mit der FailCon die erste Konferenz, auf der Gründer von ihren Niederlagen berichteten – später gab es sie in 20 weiteren Ländern. Vor ein paar Jahren hat die Gründerin sie wieder abgesagt: Die Scheiternden hatten ihre Bühne zu sehr dafür genutzt, zu erzählen, wie erfolgreich sie ihr Scheitern gemacht hatte. Die wirklich Scheiternden dürften sich dadurch schon wieder schlecht fühlen. Das war nicht mehr das, was die Gründerin wollte.

Irgendwie ist es mal wieder die Corona-Krise, vielleicht auch mein Alter oder irgendein zufälliger Gedanke, der mir in letzter Zeit immer öfter freundlich an die Schulter fasst und sagt: „Bleib ruhig, mach, so gut du kannst, mach Pausen, um der Pausen willen. Du hast sowieso nicht alles in der Hand. Und wenn etwas mal nicht klappt, ist das auch kein Weltuntergang. Erfolg haben ist immer auch ein bisschen Zufall.“

Erfolg ist immer relativ.

Ich dachte, ich erzähle euch von ein paar Momenten, in denen ich gescheitert bin. Von großem und kleinen Scheitern. Weh getan hat es immer. Aber ich bin noch da. Mir geht es gut. Ich bin nicht die erfolgreichste der Welt, in nichts. Aber ich bin auch nicht unerfolgreich. In bin zumindest erfolgreich darüber hinweg, über genau diese vermasselten Dinge traurig zu sein. Vielleicht hilft euch das, wenn ihr in dieser Woche an eurer Geduld, der Wäsche, an der Liebe, im Homeoffice, beim Homeschooling, bei der Entwicklung eures Herzensprojekts oder bei was auch immer scheitert.

Nach der Schule wollte ich Grafik-Design studieren. Ich hatte immer gern gemalt und gestaltet, es war mein Herzenswunsch, das beruflich zu machen. Ich arbeitete fleißig an meiner Mappe für die Bewerbung, ich besuchte die Mappensprechstunde, ich sagte Treffen mit Freundinnen ab, um zu zeichnen. Ich bestand die Mappenprüfung, wurde zur praktischen Prüfung in die Uni eingeladen – und bestand sie nicht. Ich weinte tagelang in meinem Zimmer. Heute weiß ich, dass ich damals viel zu angepasst gearbeitet habe, dass ich weniger üben, dafür aber viel mehr mein Ding hätte machen sollen. Heute bin ich aber auch wirklich happy, mit dem was ich mache.

Mitte 20 war ich mit einem Mann zusammen. Er war gutaussehend, breitschultrig, konnte mich mühelos im Arm über Schwellen tragen. Wir waren so ein schönes Paar, sagten alle. Unsere Kennerlern-Geschichte war maximal romantisch, nicht nur deshalb war ich sicher, dass es für immer halten müsse. Wir hatten die Zukunft perfekt geplant – aber irgendwie kam immer etwas dazwischen: ein Job für ihn in einer anderen Stadt, dann einer für mich in Hamburg – dazu ein vollkommen unterschiedliches Verständnis von Ordnung. Mein Bauch wusste lange vor meinem Kopf, dass er doch nicht der Richtige war. Heute bin ich froh, dass wir uns getrennt haben, obwohl ich mich damals schrecklich gescheitert gefühlt habe. Mein Mann und ich passen einfach so viel besser zueinander.

Ich hatte ja nicht ahnen können, dass alles noch romantischer werden würde. 

Während meines Lehramtstudiums war ich mir öfter mal nicht sicher, ob dieser Beruf das richtige für mich ist. Nur in einem Fach fühlte es sich immer gut an: in Kunst. An der Schule, an der ich mein Referendariat absolvierte, führte ich eine völlig neue Art von Unterricht ein. Bald fragten mich ältere Kollegen um Rat in Kunst. Ich war in den zwei Jahren dieser praktischen Ausbildung ständig überfordert, aber jede Kunststunde fühlte sich an wie nach Hause kommen. Für meine praktische Prüfung in Kunst bereitete ich eine ganz besondere Einheit vor: Liebermanns Bäume im Frühling zeichnen, ein Wahnsinns-Projekt. Ich bestellte mir sogar ein Kochbuch mit alten Berliner Rezepten und kochte mich nach dem Lernen in Liebermannlaune.

Ich malte bis in die Nacht Blätter, um sie an die Schüler während eines Stuhlkreises zu verteilen. Und dann: Ging ausgerechnet in dieser Prüfungsstunde alles schief. Ich war überhaupt nicht ich selbst. Meine ganzen zusätzlichen Materialien waren überflüssig, ich hatte überhaupt nicht den Kern erfasst. Es war die schlechteste Kunststunde, die ich je in meinem Leben gegeben habe. Ich habe mich monatelang über die schlechte Note geärgert. Heute denke ich, dass ich in dieser Stunde am meisten über das Unterrichten gelernt habe.

Nachdem ich nach meinem Volontariat zwei Jahre bei einem bekannten Frauenmagazin über Kosmetik geschrieben hatte, wollte ich mehr. Ich hatte ein Verlagsvolontariat hinter mir, gerade den Reportagepreis der Akademie für Publizistik gewonnen und dachte, mir stehe die journalistische Welt offen. Ich bewarb mich bei der großen Hamburger Tageszeitung für das Ressort Reportage, wurde zum Gespräch eingeladen. Und nicht genommen. Ich konnte es ihnen nicht verübeln. Ich denke, ich war mir viel zu sicher gewesen, dass ich super schreiben konnte und brilliante Ideen hatte und ehrgeizig war. In diesem Gespräch aber hatte ich mich einfach nicht gut verkauft. Ich kam nicht in Gang. Zufall wahrscheinlich. Es hat mir lange Zeit im Magen gelegen. Heute bin froh, über genau das, was ich tue.

Ich habe bis jetzt zwei Bastelbücher mit einem Verlag, sowie zwei Kochbücher und vier Bilderbücher in Eigenregie geschrieben. Sie laufen super. Klar ginge immer noch mehr, aber wir sind sehr zufrieden. Ich habe aber noch nie darüber gesprochen, dass ich bereits zwei Kinderromane bei mindestens zwei Dutzend Verlagen eingereicht habe. Mal habe ich eine Standartabsage bekommen, mal ein bisschen mehr. Da stand dann etwas wie: „Ihre Schreibe gefällt uns sehr, aber wir haben leider gerade ein ähnliches Thema in der Pipeline.“

Oder aber: „Ihr roter Faden lässt zu wünschen übrig.“ Jede Absage macht mich unglaublich traurig. So ein richtiger Roman, das wär wirklich noch mein Traum. Mein Mann meint, wir sollten meine Romane einfach auch selbst herausbringen, aber ich will das nicht. Ich finde, so ein Roman – egal ob für Kinder oder für Erwachsenen – ist nochmal eine ganz andere Nummer. Im Kochbuch- und Kreativbereich und bei kürzeren Texten fühle ich mich dank meiner Zeit als Redakteurin total sicher. An einem Roman würde ich von Herzen gern mit einer Lektorin arbeiten und ganz viel lernen. Fakt ist wohl: Um im Verlagswesen einen Treffer zu landen, nützen einem weder eine gute Schreibe, nächtlicher Fleiß, noch ein ziemlich erfolgreicher Blog oder 50.000 Follower bei Instagram. Man braucht einfach Glück.

Und das hier gebe ich jetzt auch einfach mal zu: Ich bin studierte Lehrerin – aber mein Mann macht bei uns das Homeschooling. Ich konnte mich nämlich einfach nicht von meinen Ansprüchen verabschieden. Mein Mann ist da viel klarer, denkt viel realistischer, beziehungsweise weniger – und kann viel besser entscheiden, was wichtig und was unwichtig ist. Ob ich also in Sachen Homeschooling gescheitert bin? Ja, irgendwie schon. Anderseits haben wir bloß eine Lösung gefunden, die gut funktioniert.

Und dann ist da noch mein Gemüsegarten. Ich hatte mir das total schön ausgemalt, Pläne gezeichnet, gebuddelt und gepflanzt. Es war eine Schweinearbeit, vor allem, die Beete nach dem Anlegen regelmäßig von Unkraut zu befreien. Es war so viel härter, als ich es mir vorgestellt hatte. Auf den ganzen Gartenblogs sah immer alles so einfach aus – ich sah bloß Unkraut.

Nach unserem langen Sommerurlaub hatten das – und die Schnecken – dann endgültig gewonnen. Jedes Mal, wenn ich an dem völlig verwilderten kleinen Acker vorbei gehe, neben dem sogar unsere wilde Wiese gepflegt aussieht, fühle ich einen kleinen Stich im Magen. Aber dann versuche ich es mit Humor zu nehmen: Die Natur war bei mir im Garten eben einfach erfolgreicher.

Es geht nicht alles. Nie.

Also, falls wir in den nächsten Stunden, Tagen, Wochen scheitern, in was auch immer. Falls wir heute, morgen oder übermorgen oder nie in irgendetwas die Erfolgreichste werden: Es ist kein Weltuntergang. Wir können dennoch zufrieden und glücklich sein und ein gutes Leben haben. Letztlich ist vieles auch einfach Zufall. Ist das beruhigend? Ich finde schon.

Seien wir erfolgreich milde mit uns!

WASFÜRMICH macht ab sofort bis Mitte Februar Winterpause und kommt dann mit tollen neuen Geschichten und neuen Ideen zurück. Wir hoffen, dass ihr uns trotz Pause treu bleibt und uns weiterhin auf Instagram und im Shop besucht. Die beiden bleiben nämlich auch während der Pause geöffnet…!

Alles Liebe, macht es euch so schön wie möglich!

Claudi