Manchmal weiß man etwas erst richtig zu schätzen, wenn man es nicht hat: Mein Sommergefühl zum Beispiel. Die Leichtigkeit unserer Frankreich-Ferien. Das Wir-sind-Eine-Familie-Gefühl. Was hatten wir für ein Glück, dass wir das so viele Jahre erleben durften. Jetzt waren wir drei Tage am Meer – eine kleine Auszeit nach dem verpatzten Urlaub – und mir wurde ein Luxus bewusst, den ich jahrelang einfach hingenommen, beziehungsweise oft achtlos weggefegt hatte. Über den ich hinwegtrampelte. Wie wunderschön ist bitte Sand…

Wir hatten unser Haus für Dreharbeiten vermietet, das machen wir ab und zu. Dieses Mal passte es ganz besonders gut, dachten wir, weil wir zum Zeitpunkt der Dreharbeiten noch in Frankreich sein würden. Als wir wegen der Feuer eher abreisen mussten, stand fest: wir müssen weg. Denn zusehen, wir ein Filmteam das eigene Haus auseinander nimmt, das will man nicht, glaubt mir.

Ich bin den Filmleuten super dankbar, denn sonst hätten wir die drei Tage Büsum vermutlich nicht gebucht. Klassischer Fall von „muss nicht sein…“


Der Grund für Büsum war das Hotel. Wir hatten Lust auf den lässigen Charme der Bretterbude, und weil wir das in Heiligenhafen schon kennen, beschlossen wir, Büsum zu erkunden.

Zu dritt statt zu sechst, alles anders diesen Sommer.

Ich mag die Bretterbude. Sie liegt super, direkt hinterm Deich. Es gibt es einen Pool, nette andere Familien, eine Halfpipe mit Discokugel in der Hotelhalle. Unser Zimmer ist richtig schön, Holz und Beton, eine richtige kleine Höhle, zweistöckig, mit einer Holztreppe, Sitzsack, einer lustigen Unterhosenlampe und einem großen Bett unter der Schräge im zweiten Stock. Natürlich will ich sofort das Meer sehen…


Wir laufen die kleine Straße entlang, stapfen die Stufen den Deich hoch und staunen. Wir sehen Meer, weit und glitzernd, mehr Meer als genug, aber keinen Sand. Die Strandkörbe stehen hier auf Rasen – oder auf Asphalt. Wir sind überrascht. Icv hatte keine Ahnung, dass es Nordseeorte wie diesen gibt. Und ich hatte keine Ahnung, wie sehr ich Sand mag. Vermutlich bin ich ein Strandspießer.

In Büsum hat man an Menschen wie mich gedacht, und eine kleine, künstliche Insel vor den Deich gesetzt. Entstanden sind zwei Seen, in denen man baden und surfen kann, und an der Rückseite gibt es ein bisschen Sand, zum Buddeln, für die Kinder. Baggersee-Atmo. Wir laufen den Weg zwischen den Seen entlang, holen uns einen Kaffee, setzen uns damit auf eine Bank. Ins Wasser geht man über Steinstufen.

Rentner in beigen Hosen schauen aufs Meer, Damen in gerüschten Badeanzügen debattieren über Eispreise, kleine Füße hinterlassen Abdrücke auf dem Asphalt.

Es duftet nach Nivea Sonnencreme und Pommes, alles erinnert mich an die Ferien meiner Kindheit. Ich bewundere das Glitzern, ich trauere noch einmal um unsere Frankreichferien. Mir wird bewusst, wie sehr ich die breiten Strände dort mag. Das Französisch überall, das Internationale. Den Sand. Zurück spazieren wir ein Stück über den Deich und stellen fest, dass viele Urlauber den Sand nicht zu vermissen scheinen. Im Gegenteil, sie schieben so enthusiastisch ihre Karren und Fahrradanhänger über den Rasen, als seien sie froh, dass keiner da ist. Büsum hat mir beigebracht, wie unterschiedlich Urlaubsvorlieben sind, und wie schön es ist, dass wir alle so unterschiedlich ticken.

Wir haben dennoch eine wunderschöne Zeit in Büsum. Ich gehe morgens laufen am Deich, ab dem zweiten Tag nicht mehr in Richtung Ort, sondern in die entgegengesetzte Richtung. Nach der Schafspforte bin ich allein, bloß Deich, Gras, Himmel und ich. Wir genießen das Frühstück, vor allem die Pancakes mit Zimtzucker und Apfelmus. (Nur Nüsse würde ich nächstes Mal mitbringen, die haben mir gefehlt.) Ich finde meinen Lieblingsplatz am Pool, eine Hängematte mit Blick auf den Strandkiosk. Ich lausche dem Jauchzen der Kinder, dem Planschen, ich schaffe ein ganzes Buch, hole mir einen kleinen Sonnenbrand.

Am zweiten Tag fahren wir nach Sankt Peter Ording, etwa vierzig Autominuten von Büsum entfernt und ich bewundere den Sand. Mir fällt ein, wie gern ich den Ort habe und dass wir viel zu selten hinfahren, weil die Ostsee von uns einfach immer noch ein bisschen schneller zu erreichen ist.

In Sankt Peter gibt es einen trubeligen Ortskern, mit Eisläden, den üblichen bunten Shirts und Porzellanmöwen, aber auch einen Buchladen mit reichlich Sommerromanen, sowie einen Gosch direkt am Steg. Über Holzbalken muss man zum Meer ein Stück laufen, beziehungsweise darf, denn die Blicke über die Salzwiesen und ihre Priele sind traumhaft schön. Schließlich blendet die  Sonne, ich lege die Hand über die Augen, um schauen zu können. Der breite, blitzweiße Sand mit den imposanten Pfahlbauten ist gigantisch.

Am Strand sieht man nichts von den schnöden Sechziger-Jahre-Bauten, man sieht bloß Dünen. Weiße Strandkörbe stehen überall im Sand oder etwas erhöht auf Holzplateaus, aufgepinselte SPO, Jugendliche spielen Beachball, nur ein paar Laufschritte weiter ist der Strand leer. Es gibt Sand ohne Ende. All das erinnert mich tatsächlich ein bisschen an die Strände an der französischen Atlantikküste.

Abends gehen wir essen: einmal beim Italiener La Tigre, in der Hotelanlage nebenan, die zur Bretterbude gehört. Die Vorspeise ist gigantisch, die Nudeln treffen nicht ganz meinen Geschmack, obwohl die Carbonara keine Sahne enthält, was ich erstmal großartig finde. Am zweiten Abend essen wir köstlich im Salt and Silver.

Das Konzept kenne ich bereits aus Hamburg: kleine Karte, netter Service, frische Zutaten, coole Kombinationen.

Vier Freunde stecken dahinter, zwei kommen aus Sankt Peter, daher war es nicht verwunderlich, dass sie den Zuschlag für die Gastro in dem begehrten Pfahlbau direkt am Strand bekamen. Der Blick ist wunderschön: Meer, Himmel, reitende Pferde, die sich wie Scherenschnitte vor dem Rosablaugrau abheben. Und Sand, immer wieder Sand.

Der simple Beilagensalat kommt mit Deichkäse und einem Kräuterdressing daher, bei dem ich leider auch mit Gabelablecken und Augen schließen nicht die Zutaten herausschmecken kann. Der Loup der Mer mit Röstkartoffeln und der Farm to table mit Himbeer-Tobi, Selleriepüree, Rote-Bete-Hummus und Blumenkohl-Crunch – beide ein Mmmh-murmelndes-Träumchen.

Am letzten Abend probieren wir noch einen Geheimtipp in Büsum aus: in Ralfs Restaurant gibt’s leckeren Fisch, aber auch Steaks, gern mit einer Riesengarnele drauf. Alles ist bodenständig, aber man schmeckt die Liebe raus, mit der alles zubereitet wurde.

Noch ein Highlight: Abends kann man sich bei uns im Hotel einen Film ausleihen und ihn im Kellerkino gucken. In Liegesesseln, mit Drink von der Bar und Popcorn aus dem Automaten. Richtig gemütlich.

Ich hab noch etwas gelernt in diesem Kurzurlaub. Nämlich, dass ich loslassen muss, damit ich mich entspannen kann. Nicht bloß die Arbeit, sondern auch all die guten Regeln, die ich mir auferlegt haben, damit ich mich besser fühle: Kaum Alkohol, gesundes Essen, viel Schlaf, gute Bücher, jeden Tag Sport, all das ist super, hat bei mir aber vermutlich auch dazu beigetragen, dass ich mich in unserem Urlaub so schlecht entspannen konnte. Mir war gar nicht bewusst, wie sehr auch das anstrengt, und das, obwohl es mir so gut tut, verzwickte Kiste.

Was ich also mitnehme aus diesen Tagen: 1. Ich liebe Sand, kann aber auch ohne eine gute Zeit haben. 2. Wenn die Sonne scheint, glitzert das Meer überall. 3. Wenn ich mich entspannen will, muss ich mich entspannen. Ich muss nicht nur meine Arbeit für eine paar Tage liegenlassen, sondern ab und an auch die guten Rituale. Die positive Wirkung eines ausgiebigen Essens mit einem Aperol nach einen faulen Tag am Pool sollten wir vermutlich nicht unterschätzen. Mir fällt das leichter, wenn der Trip nur ein paar Tage geht. Daher bin und bleibe ich Fan von langen Reisen, aber nach diesen Tagen bin ich außerdem verliebt in kleine Auszeiten. Herrlich war das.

Büsum oder Sankt Peter Ording – was ist dein Favorit?

Claudi