Samstag

Feb
18/19

Freitags abends auf dem Sofa, hundemüde und irre froh, nehme ich mir regelmäßig vor, am nächsten Tag eine bessere, eine geduldigere, eine kreativere Mutter zu sein. Dieses Mal so richtig. In der Serie, die ich gerade schaue, kam nämlich ein krankes Kind vor, ein sehr krankes. Ich schaue sowas eigentlich nicht, halte es nicht aus, aber dieses Mal ist es einfach passiert. Ich war das Wochenende über mit den Kindern allein, legte die Hand auf meinen schokoschwangeren Bauch, dachte an meine Babys, die auf wundersame Weise darin gewesen waren, so klein und so süß, und war zuversichtlich für den nächsten Tag…

Am Samstag Morgen, viel zu früh, stehen zwei Kinder vor dem Bett und streiten. Ich möchte eigentlich noch ein wenig mit zweien kuscheln, aber die Bekuschelten hüpfen heute herum, reißen Flaschen um und schmeißen mit Kissen.

Ich gehe runter, unten herrscht das normale Wochenendchaos, welches ich normalerweise gern in Kauf nehme, dafür dass sich die Großen am Wochenende selbst ein erstes Frühstück machen, dabei Hörspiele hören, für sich spielen – trotzdem nervt es mich, dass sie nichts wegräumen.

Ich atme aus, bitte darum, wenigstens die Frühstückssachen wegzuräumen. Ich bitte noch einmal. Ich stelle das Hörspiel auf Pause und bitte wieder. Ich motze. Ich schlichte Streit, ich wische verkippte Milch auf, dann Joghurtreste, ich schneide Äpfel, schlichte Streit, wickele, schlichte Streit, drehe das Hörspiel leiser, höre Streit ums nächste. Ich möchte auf dem Sofa in Ruhe meinen Kaffee trinken, der Kaffee kippt um, weil zwei Kinder auf meinem Schoß herumkrabbeln. Jetzt mögen sie kuscheln. Ich wische auf, ich wickele nochmal, ich gieße auf dem Weg die Blumen, ich werfe schnell eine Wäsche ein, ich versuche Streit zu überhören, ich versuche es nochmal mit Sofa, lese drei Sätze in einem Magazin. Als ich die Streitenden endlich überredet habe, nach draußen zu gehen, fällt mir mein Plan vom Vorabend wieder ein.

Ich sehe meine Kinder draußen, sie laufen über den frostigen Rasen, sie schaukeln, sie lachen und die Sonne scheint. Das Kleinkind spielt für sich. Ich kann es nicht glauben – werde statt ruhig sofort hektisch.

Ich sehe das Chaos – und den Esstisch, auf dem zwei, eigentlich drei neue Herzensprojekte liegen. Ich würde so gern weitermachen. Ich denke nach: mache ich was für Projekt eins, zwei oder drei? Mache ich Wäsche? Oder mache ich mir erstmal noch einen Kaffee? Bestelle ich endlich neue Socken für die Kinder? Stopfe ich womöglich die alten?

Als ich die Datei von Projekt eins öffne, entdecke ich im Augenwinkel eingetrocknete Nudelsoßenreste am Kindertisch.

Ich habe eine Blitzidee für Projekt eins und gleichzeitig eine für Projekt zwei. Ich tippe kurz, ich denke an Kaffee, spare die Zeit. Ich gucke schnell etwas im Netz nach. Ich höre die Kinder im Flur. Sie streiten.

Ich hoffe, mir die guten Ideen zu merken. Mein Vorsatz vom Vortag fällt mir wieder ein, ich setze mich mit dem Kleinsten auf die Dielen, stapele ein paar Bausteine. Er stößt sie um, ich stelle sie wieder auf, er stößt sie um, ich stelle sie wieder auf. Er lächelt, ich lächele. Dann stehe ich auf. Meine Bausteinstapelgeduld war früher größer. Die großen Kinder maulen, fragen zum hundertsten Mal, wann ihre Sportveranstaltung am Nachmittag beginnt. Ich atme aus. Ich schlage vor, etwas zu backen. Backen ist eigentlich immer gut.

Ich hebe den Vierjährigen auf die Holzarbeitsplatte, hole den Kleinsten vom Kühlschrank weg, rette Marmeladengläser, Butter, Glasflaschen vor ihm. Ich messe ab, der Vierjährige füllt ein. Ich entdecke Sonnenflecken auf der Holzarbeitsplatte und feine Teigspritzer in seinem Gesicht. Wie Sommersprossen. Ich lächele, er lacht. Ich lecke Teigreste von seinem kleinen Finger.

Der Große brüllt, dass der Kleinste Wasser verkippt, ich bitte ihn, aufzuwischen, da ist er schon wieder raus. Ich sichere den Mixer, ich wische, ich rette den Teig vor dem Kleinsten, der Kleinste motzt. Der Vierjährige motzt, ich motze, ich schiebe die Schale noch ein wenig weiter nach hinten, ich mache draußen schnell einen Fahrradhelm zu. Ich erinnere daran, wärmere Sachen anzuziehen.

Der Kleinste hat die Küchenrolle einmal durch die Küche gerollt, ich wickele sie wieder auf, der Kleinste motzt, der Vierjährige schreit. Das Handy klingelt. Ich will es ignorieren, gucke aber doch. Es ist eine Mama von der Sportveranstaltung am Nachmittag. Ich gehe dran. Der Vierjährige nascht Teig, der Kleinste kommt doch an die Schüssel und schmiert den Teig an die Küchenschränke. Die Mama fragt, ob ich ihr Kind mit zum Sport nehmen könne. Ich rette den Teig, sage ihr, dass die Kinder heute mit einem Freund mitfahren.

Der Kleinste schmeißt das Mehl runter, ich verspreche trotzdem, den Papa des anderen Kindes zu fragen, ob er noch jemanden mitnehmen könnte. Ich atme aus. Ich suche die Nummer raus, der Vierjährige mault, dass wir doch backen wollten. Der Kleinste klammert sich an mein Bein. Ich nicke, hole die Eier, der Kleinste klammert, so sehr, dass meine Schlabberhose herunterrutscht. Ich schaue zum traurigen Vierjährigen und werde auch traurig. Ich nehme den unzufriedenen Einjährigen auf den Arm. Ich finde die Nummer, frage den Papa, bitte ihn, sich bei der anderen Mama zu melden. Ich überlege, wie ich den Teig in die Form bekomme mit bloß einer Hand. Der Vierjährige will jetzt runter, mag nicht mehr backen. Ich atme aus.

Ich würde so gern in Ruhe mit ihm backen. Ich hätte so gern mehr Lust auf Bausteine bauen. Ich hätte große Lust, die Großen, nur die Großen spontan einzupacken und zu den Pferden zu fahren. Ich schiele zum Schreibtisch, ich hätte riesengroße Lust, meine Ideen umzusetzen.

Manchmal wünschte ich, mein Leben wäre ein Kochbuch, hübsch geordnet, ein Rezept auf der einen Seite, das nächste erst auf der nächsten, mit exakter Zutatenliste, genauer Anleitung und einem Ergebnis. Ziemlich oft wünschte ich, meine Alltagskabel verliefen parallel, nicht durcheinander und verknotet. Zu viele Optionen. Lebenskabelsalat! An manchen Tagen atme ich tiefer aus statt ein.

An diesem Samstag habe ich beinahe das schöne Frühlingswetter verflucht, weil es noch eine Option mehr gab, nämlich rausgehen und Sonne genießen.

Aber genau das habe ich schließlich gemacht.

PS. Auf dem Foto? Keine Weltkarte. Milchflecken im Vorfrühlingslicht. Irgendwie schön, oder? Also, irgendwie…

Eine gute Woche für euch,

26 Kommentar zu “Samstag

  1. Anika Grawe on 18. Februar 2019 at 10:57 geschrieben

    Liebe Claudia,

    ach Mensch, dicke gedankliche Umarmung! Genauso ist es hier mit unseren vier Kindern auch immer wieder mal. Am meisten rauben mir die Momente Kraft, in denen mein Mann wochenlang geschäftlich im Ausland ist. So landet jeder Streit, Problem, Drama, Anforderung,… bei mir. oft macht man als Mama Dinge, die man in dem Moment lieber nicht machen möchte. Es ist doch viel Fremdbestimmung im Familienleben. Und immer wenn ICH denke ich Dreh gleich durch, kommt ein winziger kleiner Augenblick, in Form eines unserer Kinder, oder eines anderen lieben Menschen, der es schafft meine Seele zu berühren und alles Drama vergessen zu lassen. Das Karussell dreht sich manchmal viel zu schnell und wir haben sicher alle Mühe, egal wieviel Kinder wir haben, uns gut darauf festzuhalten. Aber ich bin immer wieder, jeden einzelnenen Morgen, bereit mich darauf einzulassen und das schöne an allem zu sehen. Es ist gut so wie es ist und einige meiner Herzensprojekte dümpeln auch auf der Anrichte und im Arbeitszimmer. Manchmal gehen halt nur winzige Schritte und dann geht es mal wieder irgendwann im Riesen Sprung, dann ist man überrascht und echt dankbar. Das wichtigste ist einfach einander lieb zu haben, der Rest kommt dann schon. Einen guten Wochenstart mit viel Sonne und fröhlichen Momenten, anika

  2. Katrin on 18. Februar 2019 at 11:19 geschrieben

    Danke für diesen Text! Mir geht es selbst oft genauso und es tut gut, einfach mal zu lesen, dass es anderswo manchmal genauso läuft…
    herzliche Grüße

  3. Rabea on 18. Februar 2019 at 11:35 geschrieben

    Woahhh, das kenne ich auch. Zwei reichen dazu auch. Und wenn der große Stiefsohn noch da ist, ist es manchmal sogar entspannter, weil er mal mit anpackt, wenn es nötig ist.
    Und am Ende fühle ich mich manchmal wie nach einem Marathon.
    Alles Liebe
    Rabea

  4. Sarah K_84 on 18. Februar 2019 at 11:54 geschrieben

    Ich musste gerade herzlich lachen! Ich habe zwar nur 2 Zwerge, aber mit 1,5 und knapp 3 geht es hier zur Zeit auch richtig hoch her, und so eine Art Küchendilemma erleben wir hier quasi täglich. Beim Nächsten fast- Nervenzusammenbruch versuche ich statt an die rettende Weinflasche am Abend zuerst an diesen Artikel zu denken – und dann an den Wein;-)

  5. Gis on 18. Februar 2019 at 15:21 geschrieben

    Klingt wie bei uns, nur dass es hier 3 Jungs sind 🙂 Ich hätte oft gern mehr Zeit für jeden Einzelnen, die Momente sind oft rar,dafür aber um so wertvoller. Ich trinke jetzt meinen Kaffee hoffentlich in Ruhe in der Sonne aus und schaue den soeben friedlich spielenden Kindern zu…

  6. Rita on 18. Februar 2019 at 22:05 geschrieben

    Ach Claudi, du schreibst so <3333!

  7. Stefanie on 18. Februar 2019 at 22:54 geschrieben

    Schöner Beitrag! Es ist so schwer immer alles gut und richtig zu machen. Ich habe mal gelesen „zu Hause solle man Mama sein, als hätte man keinen Beruf und im Beruf solle man arbeiten, als hätte man keine Kinder..“ Ich arbeite viel von zu Hause und dies klappt, wenn man ehrlich ist, nur wenn die Kinder „verräumt“ sind. Insgesamt, glaube ich, scheitern wir v.a. an unserem eigen Anspruch – immer alles perfekt machen zu müssen.

  8. Marleen on 19. Februar 2019 at 00:43 geschrieben

    Liebe Claudi,
    das ist ja mal wieder ein toller ehrlicher Seelentröstertext. . .
    Danke!

  9. Annie on 19. Februar 2019 at 07:18 geschrieben

    Ach Mensch, du weißt ja selbst, dass es wieder besser wird, und wieviel die eigene Einstellung dazu ausmacht, aber an manchen Tagen, wenn man keine Minute der nötigen Ruhe findet, oder sie nicht nimmt, wenn sie möglich wäre… Und ich ärgere mich dann abends erst recht, weiß aber, dass das nun wirklich keinem hilft.

    Ich nehme mir dann gerne vor, eine nach dem andern anzugehen, nicht alles auf einmal zu wollen.

    Viele Grüße

    • Claudia on 20. Februar 2019 at 15:30 geschrieben

      Das stimmt, so ist es wohl. Das blöde ist, dass man an diesen Tagen denkt, weder sich selbst, noch den Dingen, noch seinen Kindern etwas besonders Gutes getan zu haben. Aber hey, zum Glück kommen immer auch wieder gute Tage!
      Alles Liebe,
      Claudi

  10. Johanna on 19. Februar 2019 at 11:31 geschrieben

    Oh wie sehr ich das verstehe! …
    Danke für deine Ehrlichkeit. So gut.

  11. Dagmar Märker on 19. Februar 2019 at 11:44 geschrieben

    es ist unglaublich wie Mütter immer wieder über sich herauswachsen. Meine Kinder sind erwachsen und ich habe fast alle Mühen vergessen und nur das Gute in Erinnerung. Wenn ich also deinen Blog lese, komme alle Erinnerungen wieder hoch. Manchmal kommen mir sogar Tränen weil ich es so schade finde, dass es vorbei ist.Wünsche dir noch viel Kraft, nehme dir Pausen ohne schlechtes Gewissen. Ganz liebe Grüße

    • Claudia on 20. Februar 2019 at 15:25 geschrieben

      Ach ja, deshalb finde ich es unter anderem schön, auch mal diese Seiten des Mamaseins aufzuschreiben.
      Gehören ja auch mit in den Erinnerungsschatz…
      Alles Liebe,
      Claudi

  12. Kristina R. on 19. Februar 2019 at 15:17 geschrieben

    Lebenkabelsalat (hi hi hi)!

    Ja, dass hast du schön gesagt! Und alles Andere auch…..so..und jetzt versuche ich auch mein Kaffee zu trinken…

    Liebe Grüße
    Kristina

  13. Katharina on 19. Februar 2019 at 22:06 geschrieben

    So wunderbar ehrlich und aufbauend. Ich finde mich in jedem Satz wieder. Herzlichen Dank für diesen Text!

  14. Lysann Paul (instagram: lusikamoly on 20. Februar 2019 at 12:08 geschrieben

    Ach, wie ich DAS kenne … Danke für die ehrlichen Worte!!! Viele liebe Grüße

  15. Liebe Claudia,
    ich danke Dir für den „Lebenskabelsalat“. In dieses Wort von Dir habe ich mich sofort verliebt, denn es beschreibt so richtig wie sich so ein Tag als Mutter manchmal anfühlt. Ich wünschte mir auch ganz oft, es würde bei uns ruhiger zugehen, oder wenigstens strukturierter (nicht vor meinem ersten Kaffee streiten, zwischendurch eine Stunde alle alleine spielen, auf keinen Fall spontane Verabredungen, für die ich dann Bring- und Abholservice sein muss…), dann würde ich meine Energie besser einteilen können, dann würde ich meine kleinen Projekte in Ruhe planen und ausführen können, dann wäre da ein roter Faden in meinem Alltag, der sich nicht andauernd verheddert oder über den ich dann auch stolpere.

    Lebenskabelsalat….Genau so ist es. Manchmal entwirre ich ihn erst wieder am nächsten Tag oder am übernächsten, wenn ich ein, zwei Stunden mehr Schlaf hatte. 🙂

    Liebe Grüße, Manuela

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