Eigentlich wollte ich in den letzten Wochen vor allem eins: Selbst ein Buch schreiben. Aber ich neige offenbar zum Prokrastinieren. Stattdessen habe ich viele fantastische Romane produktiverer Autoren gelesen – und mich dabei bestens (und nur mit ein klein wenig schlechtem Gewissen) amüsiert. Damit ich jetzt wenigstens etwas schreibe, kommen hier meine aktuellen Roman-Empfehlungen für euch…

Hand, die Bücher balanciert

Spiel, Satz – Niederlage: Liane Moriarty Tennis-Drama “Eine perfekte Familie”

Ich liebe Reese Witherspoon und Reese Witherspoon liebt Liane Moriarty, weswegen sie bereits zwei ihrer Bücher als Serien mit Sucht-Appeal verfilmt hat: “Big little lies” und “Nine perfect strangers”. Habe ich beide weggebingt, ohne jemals eine Zeile der Frau gelesen zu haben, die sich die tollen Plots dazu ursprünglich ausgedacht hat. Das habe ich nun schleunigst nachgeholt!

Auch “Eine perfekte Familie” hat alles, was eine gute Geschichte braucht, um uns nächtelang um unseren Schlaf zu bringen: Fesselnde Figuren, Dialoge mit Witz und Wendungen, die einen mitten im Schmökern aus der Kurve schleudern. Sie erzählt die Geschichte der Familie Delaney, einer australischen Tennis-Dynastie: Die Eltern Joy und Stan, deren Lebenswerk ihre legendäre Tennisschule und ihre vier Kinder sind und die nach Jahren voller Arbeit und Erfolge jetzt Richtung Ruhestand steuern.

Als die Pensionäre überraschend eine fremde junge Frau bei sich zu Hause aufnehmen, offenbaren sich in der scheinbar heilen Familie zunehmend Risse, die alle Familienmitglieder an der eigenen Geschichte zweifeln lassen. Als dann auch noch Joy spurlos verschwindet und Dan verdächtigt wird, etwas damit zu tun zu haben, kommen lange gehütete Geheimnisse ans Licht. Ein echter Pageturner, dessen knapp 600 Seiten in Nullkommanichts vorbei waren. Auch dieses Buch schreit förmlich nach einer Verfilmung!

Kurzweilig auf Koks: “Cleopatra und Frankenstein” von Coco Mellors

Ich fand gleich das erste Kapitel des gefeierten Debütromans grandios – und hatte dann erst mal den Koks-Blues: Für die zig Drogen-Eskapaden des titelgebenden Paares Cleo und Frank fühlte ich mich dann doch zu alt. Aber danach nimmt der New-York-Roman andere Wendungen: Es ist die Geschichte einer Liebe, die zwingend scheitern muss, obwohl sie oder vielleicht auch weil sie so hinreißend beginnt.

Aber die schöne, junge Cleo mit Kunst-Ambitionen und Frank, der Werber nahe der Midlife-Crisis, tun sich nicht gut, tun sich laufend weh, dabei wollen sie einander doch alles sein. Es ist die Geschichte einer Findung – eine am Anfang des Lebens und eine in dessen Mitte, eine Geschichte über das Straucheln und Hadern, über das Zweifel, über Fehler, die man machen muss, um irgendwann wieder zur Besinnung zu kommen. Das liest sich manchmal übermütig und mitreißend, manchmal schwer und wuchtig, weil man so dicht dran ist an den Gefühlen der Figuren, die es einem nicht immer ganz leicht machen, sie zu mögen und die man doch ins Herz schließt, wenn man dabeibleibt.

Fremd und ohne Halt: “Dschinns” von Fatma Aydemir

Wie lebt es sich in einem Land, das einem immer unmissverständlich klar macht, dass man nie wirklich dazugehört? Was macht es mit einer Familie, wenn Heimat nur eine ferne Erinnerung ist und das Zuhause wie ein Gefängnis, weil man sich immer nur fremd fühlt? “Dschinns” erzählt die Geschichte einer kurdischen Familie von dessen Ende her: Vater Hüseyin hat in Istanbul heimlich eine Wohnung gekauft, die seiner Frau und seinen vier Kindern ein Stück Heimat zurückgeben soll, die er als Gastarbeiter in Deutschland nie hatte.

Doch Hüseyin stirbt überraschend – und seine Familie reist an, um ihn zu begraben. Die Geschichte dieser haltlosen Familie hat mich sehr berührt. Vor allem, weil sie jede Figur ihre ganz eigene Version des Geschehens erzählen lässt, aus der sich Stück für Stück das ganze Drama zusammensetzt, das so harmlos Migration heißt. Allerdings hat das Ende eine Wucht, die ich nicht habe kommen sehen – das wirkt nach! Absolut kein Feelgood-Roman, aber dafür einer, den man nicht so schnell vergisst.

Freibad und Liebe, die zur Unzeit kommt: “22 Bahnen” von Caroline Wahl.

Es gibt so Bücher, die sind wie so der Schwarm von früher: Man himmelt ihn aus der Ferne an, will ihm unbedingt näherkommen – aber irgendwie funzt es nie. “22 Bahnen” habe ich bestimmt ein Jahr lang angeschmachtet, aber wir kamen nicht zueinander: Erst scheiterte es daran, dass ich mir keine Hardcovers mehr kaufe, dann war es in der Bücherhalle immerzu ausgeliehen und niemand meiner Bücher-Freunde hatte es zum Ausborgen.

Als ich es kürzlich endlich das erste Mal in den Händen hielt, war ich richtig aufgeregt: Hat sich die Liebe aus der Ferne überhaupt gelohnt? Sie hat – und wie! Ich habe den Roman über Tilda, die in ihrer Kleinstadt und ihrer dysfunktionalen Familie festhängt, innerhalb von 24 Stunden verschlungen. Da wäre natürlich dies fesselnden Geschichte: Die Anfangzwanzigerin Tilda, deren Mutter Alkoholikerin ist und die Tilda trotzdem nicht ihrem Schicksal überlassen kann, weil ihre jüngere Schwester noch zu klein ist, um allein mit der kranken Mutter zu leben.

Tilda, die den Tod eines guten Freundes verkraften muss, die Tristesse, zurückzubleiben, während alle anderen sich in die Welt aufmachen. Dabei hätte sie Chance auf ein Promotionsstudium in Berlin! Deren einzige Freude die 22 Bahnen sind, die sie allabendlich im Freibad schwimmt – und wo sie auf Viktor trifft, der ihr Angst und sie gleichzeitig ganz kirre macht – und sie weiß nicht, ob das gut oder schlecht ist. Auf Insta schrieb mir kürzlich jemand dazu: “War danach verliebt – einfach so”. Caroline Wahl trifft genau den richtigen Ton zwischen Aufbruch und Resignation, zwischen Angst und Neugier, die diese Zeit am Anfang des Erwachsenenlebens zu besonders macht. Und das Schöne: Im Mai erscheint der zweite Roman, der die Geschichte von Ida weitererzählt.

Drei Frauen, drei Zeiten, drei Mal Sehnsucht nach Glück: “Die Halbwertszeit von Glück” von Louise Pelt

Als Jugendliche war ich häufig Testleserin unserer örtlichen Buchhandlung, sprich: Ich bekam Romane schon vor Veröffentlichung zum Lesen und Bewerten. So wie jetzt “Die Halbwertszeit von Glück”, das ich ganz unvoreingenommen lesen durfte – und hingerissen war! Ein echten Pageturner, der die Geschichten von drei ganz unterschiedlichen Frauen verknüpft:

Da wäre die Französin Mylène, die 2019 kurz vor ihrer Hochzeit steht – und durch ein unerwartetes Erbe ihr ganzes Leben in Frage gestellt sieht. Johanna findet 1987 im Grenzgebiet der DDR ein verwundetes Mädchen, das ihren Schutzpanzer einreißt – und sie vor weitreichende Entscheidungen stellt. Holly zerbricht 2003 fast am Tod einer Kollegin, an dem sie sich schuldig fühlt – und als Wiedergutmachung in deren Familie einschleicht. Bis kurz vor Ende des fesselnden Romans habe ich nicht kommen sehen, wie diese drei Geschichten zusammenhängen – und war umso begeisterter, wie sie verknüpft sind. Louise Pelt kennen einige von euch vielleicht unter ihrem echten Namen Lucy Astner – die übrigens auch ganz bezaubernde Kinderbücher wie “Polly Schlottermotz” schreibt.

Was lest ihr gerade?

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Alles Liebe, schmökert schön,

Katia